2.2 Zur Darstellung von Emotionen in (literarischen) Texten

2.2.1 Emotionen und Sprache

Emotionen werden durch Sprache intersubjektiv kommunizierbar.221 Entsprechend sind sie auch Forschungsgegenstand linguistischer Arbeiten. Für die vorliegende Untersuchung sind dabei vor allem solche Ansätze relevant, die sich dezidiert mit Ausdrucksmöglichkeiten von Emotionen mithilfe konkreter sprachlicher Mittel auseinandersetzen.222

Reinhard Fiehler versteht Emotionen nicht nur als „Elemente individuellen Innenlebens“, sondern ebenso als „öffentliche Phänomene in sozialen Situationen interpersoneller Interaktion“.223 In seinen Untersuchungen geht es darum, „Funktion und Stellenwert von Emotionen und ihrer Kommunikation in der Interaktion“ sowie die „soziale Geformtheit von Emotionen“ zu untersuchen.224 Auch wenn Fiehler sich dabei vor allem auf mündliche Formen der Kommunikation von Emotionen bezieht, können seine Beobachtungen ganz allgemein für den Zusammenhang von Emotionen und Sprache und auch für den Sonderfall der schriftlichen

literaturkritik.de 12 (2006). Abrufbar unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10268 [letzter Zugriff: 06.03.2015].

221 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 11.

222 Bei den untersuchten Texten handelt es sich nur um deutschsprachige Texte, so dass der kulturübergreifende Vergleich von Emotionskonzepten und ihrem Ausdruck sowie generelle Fragen nach der Universalität von Emotionen und der damit zusammenhängenden Unterscheidung von universalen und kulturspezifischen Emotionsausdrücken wie oben bereits angemerkt vernachlässigt werden können. Vgl. für diese Unterscheidung die zentralen Forschungsarbeiten von Anna Wierzbicka, z. B. Anna Wierzbicka: Emotions across Languages and Cultures.

Diversity and Universals. Cambridge u. a. 1999. Ebenso unbeachtet bleiben müssen entwicklungspsychologische Untersuchungen.

223 Reinhard Fiehler: Kommunikation und Emotion. Theoretische und empirische Untersuchungen zur Rolle von Emotionen in der verbalen Interaktion. Berlin, New York 1990, S. 1 (Hervorh. getilgt).

224 Ebd., S. 2. Zu einer neueren kommunikationswissenschaftlich orientierten Studie vgl. Bartsch und Hübner:

Emotionale Kommunikation.

Kommunikation fruchtbar gemacht werden. Die Betonung der Interaktion und das Verständnis von Emotionen als „soziale Phänomene“225 ist für die dieser Untersuchung zugrunde liegende Konzeptualisierung von Emotionen als kulturelle Kodes anschlussfähig. Fiehler spricht selbst auch von „Kodierungsregeln“:

Bei den Kodierungsregeln handelt es sich um diejenigen Konventionen, die beschreiben und festlegen, welche Verhaltensweisen als Manifestation einer Emotion gelten. Sie betreffen also einerseits die Verhaltensweisen, mit denen ein Gefühl manifestiert werden kann, und andererseits die Indikatoren im Verhalten, an denen ein Gefühl beim Interaktionspartner erkannt wird.226

Fiehler zufolge muss der emotionalen Kommunikation ein intersubjektives Verständnis von Emotionen, emotionsauslösenden Situationen und den zitierten Kodierungsregeln zugrunde liegen.227 Dieses Wissen ist es, das in einer Kultur mit der Wahl bestimmter emotionsbezeichnender Lexeme und anderer Emotionen ausdrückender Strukturen transportiert wird. Und dieses Wissen ist es gerade auch, das die Identifizierung und das Verständnis von Emotionen in literarischen Texten ermöglicht, auch wenn dort keine Interaktion zwischen zwei Kommunikationspartnern im Sinne Fiehlers vorliegt.228 Anne Bartsch und Susanne Hübner legen stärker noch als Fiehler mit seinem Interaktionsbegriff einen Schwerpunkt auf die gegenseitige Beeinflussung von Emotionen in der Kommunikation.229 Da es im vorliegenden Projekt nicht um die Analyse der tatsächlichen Emotionen des empirischen Rezipienten eines literarischen Textes geht, können diese Überlegungen von Bartsch und Hübner zu weiten Teilen vernachlässigt werden. Entscheidend ist die Überzeugung, dass die mündliche wie schriftliche Kommunikation über Emotionen auf geteiltes Wissen zurückgreift.

Die Kommunikation über Emotionen kann konkret ganz unterschiedliche Formen annehmen.230 In Gesprächen unter Vertrauten wird über Gefühle gegenüber anderen Personen gesprochen und in Konfliktgesprächen wird thematisiert, welche Gefühle der oder die andere mit seinen oder ihren Handlungen ausgelöst hat. Für diese Form der Kommunikation über Emotionen steht in einer Kultur ein Gefühlswortschatz zur Verfügung, der einzelne Emotionen bezeichnet, zum Beispiel mit den Substantiven ‚Wut‘ und ‚Angst‘. Norbert Fries hat dargestellt, dass zum Ausdruck einzelner, also diskreter Emotionen nur lexikalische Mittel zur Verfügung stehen, weitere sprachliche Strukturen dagegen nur die Darstellung einzelner „emotionale[r]

Parameter der Äußerungsbedeutung determinieren können“231, wie zum Beispiel die Intensität

225 Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 27.

226 Ebd., S. 80.

227 Vgl. auch ebd., S. 84f.

228 Vgl. Kapitel 2.2.2. Da, wo sich die Überlegungen Fiehlers dezidiert auf die aktuelle Interaktion zwischen zwei Kommunikationspartnern beziehen, sind sie entsprechend für die vorliegende Untersuchung nicht mehr gewinnbringend einzubringen.

229 Vgl. Bartsch und Hübner: Emotionale Kommunikation.

230 Zu den im Folgenden aufgeführten sprachlichen Mitteln der Emotionsgestaltung vgl. auch noch einmal Kapitel 2.3.

231 Fries: „Grammatik und Emotionen“, S. 10 (Hervorh. getilgt).

einer Emotion oder die affektive Bewertung einer Situation, eines Gegenstands oder einer Person.232

Es gibt aber auch unspezifischere Lexeme, die keine diskreten Emotionen bezeichnen, sondern dem Gegenüber erst einmal nur die eigene emotionale Betroffenheit in einer bestimmten Situation signalisieren. Dazu dienen Verben wie ‚fühlen‘ und ‚empfinden‘.233 Bei der Analyse der Darstellung von Emotionen in literarischen Texten ist also grundlegend festzuhalten, dass zwischen unspezifischen Emotionalisierungsstrategien und spezifischen, identifizierbaren Emotionen im Text zu unterscheiden ist. Denn Emotionen können explizit als Gegenstand von Kommunikation thematisiert werden, auf sie kann im Gespräch aber auch implizit Bezug genommen werden und sie können das Gespräch begleiten.234 Schwarz-Friesel unterscheidet in diesem Zusammenhang auch zwischen ‚expliziter‘ und ‚impliziter‘ Kodierung von Emotionen:

[Emotionen können] sprachlich explizit oder implizit kodiert werden. Im ersten Fall werden Emotionen mittels emotionsbezeichnender Lexeme benannt, d. h. Emotionen werden direkt thematisiert, so dass keine inferenzielle[n] Leistungen erbracht werden müssen. […] Im zweiten Fall werden Emotionen indirekt entweder mittels emotionsausdrückender Lexeme dargestellt oder werden über die Zustands-, Verhaltens-, Handlungsbeschreibungen der Figuren sowie über Situationsdarstellungen (insbesondere Landschaftsschilderungen) vermittelt. […] Bei der Erschließung des jeweiligen emotionalen Zustandes muss der Leser Inferenzen ziehen. Diese basieren auf dem im LZG [Langzeitgedächtnis, A. F.] gespeicherten enzyklopädischen Wissen über den Zusammenhang bestimmter Handlungen, Körpersymptome etc. mit bestimmten Emotionen.235

Lexemen wie den oben beispielhaft angeführten, sowohl den unspezifischen als auch den spezifisch emotionsbezeichnenden, liegen jeweils bestimmte Konzeptualisierungen der mit ihnen bezeichneten Phänomene zugrunde.236 Diese Konzeptualisierungen („concepts“) weichen sowohl von den eigentlich empfundenen emotionalen Zuständen („emotion“) als auch, wie Oatley und Johnson-Laird deutlich machen, von der schlussendlichen Thematisierung („description“) der Emotionen ab:

232 Vgl. ebd., S. 21f. Zu den lexikalischen Mitteln vgl. auch die Ausführungen zu Metaphern weiter unten in diesem Kapitel und Kapitel 2.3.

233 Fiehler spricht von „allgemeinen“ und „differenziellen“ Emotionsbegriffen. Vgl. Reinhard Fiehler: „Wie kann man über Gefühle sprechen? Sprachliche Mittel zur Thematisierung von Erleben und Emotionen“. In: Lisanne Ebert u. a. (Hrsg.): Emotionale Grenzgänge. Konzeptualisierungen von Liebe, Trauer und Angst in Sprache und Literatur.

Würzburg 2011, S. 17-33; hier S. 22. Aussagen wie „ich fühle mich …“ bezeichnet Fiehler als „erlebensdeklarative Formeln“. Vgl. Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 120-122.

234 Winko unterscheidet zwischen der ‚Thematisierung‘ und der ‚Präsentation‘ von Emotionen in literarischen Texten. Fiehler und auch Schwarz-Friesel sprechen von ‚Thematisierung‘ oder ‚Bezeichnung‘ und ‚Ausdruck‘. Fries spricht im Fall der Thematisierung von ‚Beschreibung‘ und grenzt diese vom unspezifischen ‚Ausdruck‘ ab. Vgl.

Winko: Kodierte Gefühle, S. 111-119; Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 3; Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 12, 151, 219 u. a. m. und Norbert Fries: „Die Kodierung von Emotionen in Texten. Teil 2: Die Spezifizierung emotionaler Bedeutung in Texten“. In: Journal of Literary Theory 3.1 (2009), S. 19-72; hier S. 30f. In der vorliegenden Untersuchung wird der Begriff ‚Präsentation‘ an Stelle von ‚Ausdruck‘ verwendet, um das Missverständnis zu vermeiden, es handele sich dabei immer um den emotionalen Selbstausdruck eines Sprechers. Vgl. dazu auch Winko:

Kodierte Gefühle, S. 114-116 und Hillebrandt: Wirkungspotenzial, S. 76f., Anm. 169. Auf die Unterscheidung zwischen Thematisierung und Präsentation von Emotionen wird in Kapitel 2.3.1 genauer eingegangen.

235 Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 219f.

236 Außerdem können durch die Wahl der sprachlichen Mittel auch „emotionale Bewertungen und kognitive Fokussierungen“ vermittelt werden. Vgl. ebd., S. 32f.

You can be in the grip of a particular emotion, but it may be hard for you to conceptualise your experience and thus to describe it in words. This situation enables us to distinguish three important entities: an emotion, a concept of an emotion, and a description of an emotion. An emotion such as embarrassment is what you feel; a concept is a mental construct that enables you to categorise your experience as one of embarrassment; and a description is a way of putting your experience, presumably by way of its categorisation, into words. The meanings of words are concepts – those concepts that have been dignified by a word for the purposes of communication. Hence, when words refer to things in the world, such as clouds or cuckoos, they do so by way of their meanings – the concepts that people entertain about those things. But, because emotions are experienced directly, the linkages between experience, concept, and word, are different […].237

Was uns also sowohl bei der Kommunikation von Emotionen im Alltag als auch bei der Analyse von Emotionen in literarischen Texten zur Verfügung steht, ist in erster Linie der sprachliche Ausdruck („description“) von Emotionen. Dieser lässt jedoch Rückschlüsse auf die dahinterliegenden Konzeptualisierungen („concepts“) zu. An die diesen Konzeptualisierungen zugrunde liegende tatsächliche Emotion („emotion“), beziehungsweise das subjektive Empfinden, das tatsächliche Gefühl kommt man als Außenstehender jedoch weder in der Alltagskommunikation noch bei der Analyse literarischer Emotionsdarstellung ganz heran.238

Der Hinweis auf die Emotionslexemen zugrunde liegenden Konzeptualisierungen schließt auch mit ein, dass die Verwendung emotionsbezeichnender Lexeme in der Kommunikation Rückschlüsse darüber nahelegen kann, was in einer Kultur zu einem Zeitpunkt unter einer bestimmten Emotion verstanden wird, welches Wissen beziehungsweise welche Annahmen über das subjektive Empfinden, das mit einer Emotion einhergeht, in einer Kultur vorliegt, in welchen Situationen mit entsprechenden Emotionen zu rechnen ist und auch, welche sozialen Faktoren den Ausdruck einer Emotion bestimmen.

Bei der Analyse von Lexemen ist außerdem danach zu fragen, ob – wie im Fall von Emotionswörtern – ein Wort denotativ eine emotionale Bedeutung hat, ob ein Wort spezifische emotionale Konnotationen aufweist oder ob durch ein Lexem emotional gefärbte Assoziationen aufgerufen werden. Schwarz-Friesel unterscheidet die drei Bedeutungsdimensionen wie folgt:

In der Sprachverwendung aktiviert man mit einem bestimmten Wort nicht nur seine denotative, deskriptive Bedeutung als konzeptuelle Repräsentation, die das Referenzpotential festlegt, sondern auch stets eine Reihe von mentalen Informationen, die zum einen enzyklopädisch und zum anderen

237 P. N. Johnson-Laird und Keith Oatley: „The language of emotions: An analysis of a semantic field“. In: Cognition

& Emotion 3.2 (1989), S. 81-123; hier S. 89. Ohne die zwischengeschaltete Konzeptualisierungsebene explizit zu machen, unterscheidet auch Schwarz-Friesel klar zwischen internem, subjektivem Gefühl und der nach außen getragenen Manifestation dieses Gefühls. Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 79f. und 150. Aus kulturhistorischer Sicht vgl. auch Ute Frevert: „Vertrauen. Historische Annäherungen an eine Gefühlshaltung“. In:

Claudia Benthien, Anne Fleig und Ingrid Kasten (Hrsg.): Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle. Köln, Weimar, Wien 2000, S. 178-197.

238 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 44: „Problematisch bei der Erforschung und Erklärung von Emotionen ist generell, dass es sich um interne und damit absolut subjektive Eigenschaften des Menschen handelt, die (wie mentale Eigenschaften der Kognition auch) nicht direkt, sondern nur über ihre Ausdrucksmanifestation beobachtbar sind […].“ Aus diesem Grund ist es beispielsweise auch nicht zielführend, nach tatsächlichen Emotionen eines Autors bei der Produktion eines literarischen Textes zu fragen. Es kann nur danach gefragt werden, was anhand des Textes rekonstruierbar ist und auf welche Aspekte des dahinterliegenden Emotionskonzepts so verwiesen wird. Die tatsächlichen Gefühle eines Textproduzenten sind auf der Grundlage sprachlicher Ausdrucksweisen nicht zugänglich. Vgl. auch Winko: Kodierte Gefühle, S. 32.

emotional bewertend geprägt sind. Sind diese bewertenden Informationen kulturell geprägt, d. h.

gesellschaftlich auf breiter Basis verankert, sind sie Bestandteil der lexikalischen Bedeutung, also Konnotationen. Sind sie persönlich, nur das Individuum und sein enzyklopädisches Wissen betreffend, handelt es sich um konzeptuelle Assoziationen.239

Außer mit den oben genannten emotionsbezeichnenden Wörtern, die der direkten Thematisierung einzelner Emotionen dienen, kann auf Emotionen, sowohl thematisierend als auch präsentierend, außerdem metaphorisch Bezug genommen werden. Laut Schwarz-Friesel werden Metaphern häufig dazu verwendet, dem schwer in Worte zu fassenden Bereich der Gefühle Ausdruck zu verleihen.240 Dem Bereich des metaphorischen Sprechens und dahinterliegender Konzeptualisierungen von Emotionen hat sich grundlegend Zoltàn Kövecses gewidmet.241 Der Blick auf die Metaphorik, mit der Emotionen dargestellt werden, erweist sich bei der Untersuchung der alltagssprachlichen Konzeptualisierungen, die Emotionen zu Grunde liegen, als besonders aufschlussreich.242

Die weiteren sprachlichen Mittel, die der Präsentation von Emotionen dienen, sind vielfältig und reichen von Interjektionen über Mittel der Intonation und Prosodie bis hin zu Wortbildungsstrukturen und syntaktischen Auffälligkeiten wie Satzabbrüchen. In linguistischen Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang von Emotionen und Sprache befassen, sind diese verschiedenen Mittel ausführlich behandelt worden. In Kapitel 2.3 und in der Analyse wird hierauf im konkreten Fall genauer einzugehen sein. Umfassende Vorschläge zur Analyse von Emotionen in Texten bietet vor allem Schwarz-Friesels Einführung Sprache und Emotion, an der sich die vorliegende Studie in Bezug auf Analysekategorien etc. in weiten Teilen orientiert.243

Abschließend ist noch einmal festzuhalten, dass, auch wenn sich der Großteil der erwähnten Arbeiten aus der linguistischen Emotionsforschung vor allem mit der Alltagskommunikation befasst, in der Darstellung von Emotionen in literarischen Texten selbstverständlich auf diese

239 Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 166. Auf S. 169f. geht Schwarz-Friesel auf einige Probleme in Verbindung mit dem Begriff der Konnotation ein und weist insbesondere auf die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung von

‚Konnotation‘ und ‚Assoziation‘ hin. In diesem Zusammenhang betont sie auch die Kontextabhängigkeit beider Begriffe.

240 Vgl. ebd., S. 199.

241 Zoltàn Kövecses: Metaphor and Emotion. Language, Culture, and Body in Human Feeling. Cambridge u. a. 2000. Der Untersuchung liegt ein Verständnis von metaphorischem Sprechen als Ausdruck konzeptueller Metaphern im Anschluss an die Arbeiten von George Lakoff und Mark Johnson zugrunde. Vgl. z. B. George Lakoff und Mark Johnson: Metaphors we live by. Chicago 1980. Zu prototypischen Bereichen bildlicher Erlebensbeschreibungen vgl.

auch Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 123.

242 Vgl. Kövecses: Metaphor and Emotion, S. 22, 114 und 139.

243 Fries’ Analyse von Emotionsausdrücken ist ebenfalls besonders dort für die vorliegende Untersuchung anschlussfähig, wo sprachliche Mittel der Emotionsgestaltung auf verschiedenen linguistischen Ebenen identifiziert werden. Seine Begriffsbestimmung von ‚Emotion‘ und ‚Gefühl‘, die von der in Kapitel 2.1 dargestellten konsensfähigen Unterscheidung abweicht, ist der linguistischen Perspektive auf das Phänomen ‚Emotion‘ geschuldet sowie der Notwendigkeit der Unterscheidung eines theoretisch beschreibbaren Bereichs von einem subjektiven Bereich, der mehr umfasst als konzeptuelle linguistisch ausdrückbare Bedeutungen. Vgl. Fries: „Grammatik und Emotionen“, S. 5. Die vorliegende Untersuchung schließt sich dieser Differenzierung nicht an. Grundlegend erscheinen hingegen Fries’

Überlegungen zu sogenannten „emotionalen Einstellungen“, die den Bewertungsaspekt von Emotionen betonen. Vgl.

Norbert Fries: „Die Kodierung von Emotionen in Texten. Teil 1: Grundlagen“. In: Journal of Literary Theory 1.2 (2007), S. 293-337; hier S. 308f.

alltagssprachlichen Konzepte von Emotionen und das mit ihnen verbundene Wissen zurückgegriffen wird.244 Die Kommunikation von Emotionen in und durch literarische Texte unterliegt bis zu einem gewissen Punkt denselben Regeln wie die Kommunikation von und über Emotionen in der Alltagskommunikation. Es werden dieselben Begrifflichkeiten verwendet, diesen liegen – unabhängig von Modifikationen im Einzelfall – dieselben kulturell geprägten Konzeptualisierungen von Emotionen zu Grunde; die Regeln, die in einer Gesellschaft zur Angemessenheit des Empfindens und des Ausdrückens von Emotionen bestehen, prägen auch die Darstellung von Emotionen im literarischen Text und schließlich kann auch von zumindest ähnlichen kommunikativen Absichten wie in der Alltagskommunikation ausgegangen werden.

Unterschiede bestehen dagegen selbstverständlich in der Kommunikationssituation und der fehlenden direkten Interaktion zwischen zwei Personen sowie in den kreativen und ästhetisierenden Prozessen, die die literarische Kommunikation mehr als die Alltagskommunikation beeinflussen.

Möchte man also die Darstellung von Emotionen in der Literatur einer bestimmten Epoche untersuchen, muss man sich auch über die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten von Emotionen zu dieser Zeit und über die mit ihnen verbundenen Konzeptualisierungen von (einzelnen) Emotionen bewusst sein.

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 63-68)