3.3 Zur Gestaltung von Trauer: Analyseergebnisse

3.3.3 Ebene der Diegese

Wie in Kapitel 2.3 bereits erläutert, kann die Ebene der Diegese oder der dargestellten Welt nicht unabhängig von einzelnen, einfacheren Mitteln der Emotionsgestaltung auf der Oberfläche des Textes untersucht werden. Vielmehr sind die Oberflächenphänomene auch Mittel der Gestaltung von Emotionen auf der diegetischen Ebene. In den vorangegangenen Kapiteln hat sich das in den immer wieder notwendig werdenden Verweisen auf die Diegese ausgedrückt. Um Wiederholungen zu vermeiden, muss daher im Folgenden an einzelnen Stellen hierauf zurückverwiesen werden. Zunächst soll aber auf die narrative Präsentation eingegangen werden, also auf Fragen nach Erzählinstanz und Perspektive in den untersuchten Gedichten. Die in Kapitel 2.3.2.3 neben der narrativen Präsentation von Emotionen angeführten Verfahren – emotional geprägte Darstellung, Darstellung emotionaler Zustände und Beschreibung prototypischer emotionaler Situationen – werden in den sich daran anschließenden Ausführungen nicht getrennt voneinander behandelt, da sie zu weiten Teilen eng miteinander verknüpft sind. Der Schwerpunkt liegt insgesamt auf der Frage, welche emotionalen Zustände der Sprechinstanz und gegebenenfalls weiteren Figuren (oder Gegenständen) zugeschrieben werden können und warum. Dafür werden einige für das vorliegende Korpus wesentliche Grundkonstellationen oder Themenkomplexe – Tod und Vergänglichkeit, Glaube und Zweifel, existenzielle Einsamkeit, Trennung und Verlust von nahestehenden Personen und Verlust von Schönheit, Besitz oder Trost – jeweils kurz für das gesamte Korpus und anschließend teilweise ausführlicher in Beispielanalysen dargestellt. Diese Beispielanalysen bilden bereits den Übergang zur Ebene des Textganzen, auf die im Anschluss eingegangen wird.

3.3.3.1 Narrative Gestaltung

Die Analyse der narrativen Gestaltung von Emotionen im Gedicht dient, wie in Kapitel 2.3 dargestellt, der Feststellung, welche Emotionen aufgrund welcher Gestaltungsmittel einer Sprechinstanz oder Figur eines Gedichts zugeschrieben werden können. Sie sollte deshalb an den Anfang der Ausführungen zur Gestaltung von Trauer auf diegetischer Ebene gestellt werden.

In nur sehr wenigen Texten des Untersuchungskorpus ist die Identifizierung einer subjektiv beteiligten Sprechinstanz nicht möglich. Die Sprechinstanz ist in solchen Fällen heterodiegetisch und es wird extern fokalisiert, wie zum Beispiel in dem Gedicht „Winterliche Miniatur“ (EW I, 27), in dem keinerlei Pronomen auf eine individualisierte Sprechinstanz oder eine einzelne Figur hinweisen. Das heißt jedoch nicht, dass hier nicht emotionalisiert wird. In diesem Fall wird die Unsicherheit, die in dem Gedicht ausgedrückt wird – die Unverständlichkeit der Zeichen der Natur, „die keiner kennt“ (Vers 4) – durch die nicht an eine konkrete Person gebundene narrative Präsentation sogar noch unterstrichen. Das abschließend benannte „Alphabete der Bitternis“

(Vers 12) betrifft somit nicht nur individualisierte Personen, sondern die ganze Menschheit oder die ganze Natur. Auch in „Erwachendes Lager“ (EW I, 29f.) wird durch die unpersönliche Erzählweise die Allgemeingültigkeit des Beschriebenen und gleichzeitig die unmenschliche Lage im Gefangenenlager ausgedrückt.

In einigen Texten geht die Sprechinstanz auch in einem kollektiven Wir auf, besonders auffallend in einzelnen Camp-Gedichten, wo sie sich einerseits als einer Gemeinschaft der Gefangenen zugehörig präsentiert, andererseits aber auch immer wieder das Gefühl der Einsamkeit eben in dieser Gemeinschaft betont wird, wie in dem bereits mehrfach zitierten Gedicht „An die Lerche“ (EW I, 38):

5 […] Ach, da fliehen uns

die bunten Vögel. Keine Kehle sänge

den Mai uns vor, den schallenden von Liedern, bliebst Du nicht Lerche, Vogel der Gefangnen.

In „Mohn“ (EW I, 34) wird aus der Sicht eines kollektiven Wir geschildert, gleichzeitig werden aber subjektive Gefühle präsentiert. Zunächst wird hier zwar scheinbar unpersönlich von

„[e]inem zerrißnen Gemüt“ (Vers 4) gesprochen, die im Anschluss formulierten sehr persönlichen Gedanken emotionalisieren hier jedoch trotz der scheinbaren narrativen Distanz.

Vorherrschend ist in den untersuchten Gedichten allerdings eine individualisierte, subjektive Perspektive. Meistens wird intern fokalisiert, eine autodiegetische Sprechinstanz spricht über eigene Beobachtungen und Wahrnehmungen in der Umgebung und an sich selbst.

Sie spricht von eigenem Erleben oder beobachtet Wetter und Landschaft. Dabei nimmt sie in der Regel selbst eine Position innerhalb dieser Landschaft ein, ist dem Wetter selbst ausgesetzt oder

schildert durch das Beobachtete geweckte Assoziationen und Erinnerungen.523 Das Personalpronomen ‚ich‘ wird häufig verwendet, ebenso entsprechende Possessivpronomina.

Eigene Emotionen werden so unmittelbar aus Perspektive der Sprechinstanz wiedergegeben.

Dass die Darstellung von Emotionen, wie die bisherigen Analysen gezeigt haben, weniger explizit als mithilfe verschiedenster Mittel der impliziten Emotionsgestaltung erfolgt, erscheint dabei folgerichtig. Die Sprechinstanz kann den eigenen Zustand selbst nicht immer klar benennen, sondern beschreibt häufig zunächst die eigene Wahrnehmung und drückt ihre Empfindungen durch zumeist konventionalisierte implizite Trauerkodes aus. Als Beispiel kann das Gedicht

„Schuttablage“ (EW I, 79 und 101) dienen. Hier wird zwar eingangs explizit von der „Trauer der Welt“ gesprochen (Vers 3), doch ist die Sprechinstanz hier noch nicht persönlich in Erscheinung getreten. Erst in der zweiten Versgruppe heißt es dann:

5 Wo sich verwischt die goldene Tassenschrift, im Schnörkel von Blume und Trauben, wird mir lesbar, – oh wie es mich trifft:

Liebe, Hoffnung und Glauben.

Die Sprechinstanz sagt explizit, dass sie emotional betroffen ist, die Interjektion unterstreicht die plötzliche Empfindung, und es wird nahegelegt („wird mir lesbar“), dass es sich hier um eine sehr subjektive Wahrnehmungssituation handelt. Im Fortlauf des Gedichts wird die durch das Auftauchen der drei Worte „Liebe, Hoffnung und Glauben“ ausgelöste schmerzhafte Betroffenheit der Sprechinstanz noch expliziert („Durch die Emaille wie durch ein Herz/

wachsen die Brennesselflammen“, Vers 11f.). Auch die Gedichte „Die Lärche“ (EW I, 46),

„Gladenbach“ (EW I, 23), „Frühling in der Goldenen Meil“ (EW I, 30f.), „Truppenübungsplatz“

(EW I, 22), „Weg zum Bahnhof“ (EW I, 69 und 91f.) oder „Ende August“ (EW I, 78 und 106f.) sind gute Beispiele für diese Art der narrativen Gestaltung, in der Emotionen durch die Schilderung der subjektiven Wahrnehmung von Natur und Umgebung und die Beschreibung damit verbundener Gedanken sowie körperlicher oder seelischer Zustände präsentiert werden.

Was dialogische Sprechsituationen angeht, ist auffällig, dass selten ein direktes Gegenüber auftritt beziehungsweise vor allem ein menschliches Gegenüber nur sehr selten eine Rolle spielt und auch dann nicht direkt benannt, nicht individualisiert wird. Tauchen andere Figuren neben der Sprechinstanz in den Texten auf, handelt es sich oft um Erinnerungen, um ein „Du“ oder eine „Frau“, zu der die Sprechinstanz in der Vergangenheit eine Beziehung hatte, die aber nicht mehr anwesend ist, so zum Beispiel in den Gedichten „Dezembermorgen“ (EW I, 49f.) und

523 Attias Beobachtung, dass das Gedicht „Camp 16“ allein durch die Änderung des Titels – von „Ein Gefangener spricht“ in einer früheren Fassung zu „Camp 16“ in der in Abgelegene Gehöfte veröffentlichten Fassung – von der subjektiven Klage eines Gefangenen zu einer einfachen Bestandsaufnahme werde, kann nicht geteilt werden. Anhand weiterer Unterschiede zwischen den Fassungen zeigt sie jedoch nachvollziehbar auf, inwiefern die Sprechinstanz zwischen Ursprungsfassung und veröffentlichtem Gedicht vom Gefangenen zum Dichter wird („passant ainsi du statut de prisonnier à celui de poète qui met en scène un prisonnier“). Vgl. Attia: „Le prisonnier et le poète“, S. 401f.

„Augenblick im Juni“ (EW I, 102f.).524 In „Westwind“ (EW I, 87f.) ist die Beziehung zwischen Sprecher-Ich und „Du“ noch nicht Vergangenheit („Ich sage dir nicht oft genug,/ daß ich dich liebe“, Vers 28f.). In dem Gedicht „Gegenwart“ (EW I, 82f.) dagegen scheint das Gegenüber für die Sprechinstanz nicht anwesend, obwohl es neben ihr geht.525 Die Schatten und scheinbaren Berührungen der Sprechinstanz, die in verschiedenen Texten wie „Februar“ (EW I, 69f.)526 und

„Abendliches Fuhrwerk“ (EW I, 19) auf die Anwesenheit eines anderen verweisen, sind hier ebenfalls zu nennen. Denn auch hier ist sich die Sprechinstanz immer der eigenen Wahrnehmung unsicher, fragt nach und versucht sich bewusst zu machen, ob wirklich jemand anwesend ist oder ob sie sich nur getäuscht hat.

Liebesbeziehungen sind also vor allem als Erinnerungen von Bedeutung. In der Gegenwart der Sprechinstanz werden, wenn überhaupt, eher erotische Beziehungen oder Gefühle der Zuneigung zu anderen, tendenziell irrealen Instanzen thematisiert. So verhält es sich zum Beispiel mit der allegorisierten „Kalten Sophie“ (EW I, 31):

5 Sie ist ganz die meine.

Mit eisiger Koketterie

schmiegt sie sich an mich, die Kleine, so lüstern kannt ich sie nie.

Ähnlich ist es auch mit dem kostbarsten Besitz der Sprechinstanz im Gedicht „Inventur“ (EW I, 35f.), dem Bleistift. In beiden Beispielen drückt sich in der Beziehung der Sprechinstanz zum jeweiligen Gegenüber gerade das Fehlen von menschlichen Beziehungen und damit ihre Einsamkeit aus.527 Häufiger als Menschen stellt die Natur ein Gegenüber der Sprechinstanz dar, zum Beispiel im diese Beziehung romantisierenden Gedicht „An die Lerche“ (EW I, 38). Die Isolation der Sprechinstanz, die Entfremdung von der Gesellschaft und das Ausgeliefertsein an die teils bedrohliche Natur oder auch deren Gegenteil, der Trost der Natur, werden in diesen Gedichten als emotionaler Hintergrund aufgerufen.528

524 Von den bereits in den 1930er Jahren veröffentlichten Gedichten in Abgelegene Gehöfte ist „Photographie“ (EW I, 53f.) ein gutes Beispiel für ein solches an ein Du gerichtetes Gedicht.

525 Zu dem Gedicht „Gegenwart“ vgl. auch Buchheit: Formen und Funktionen, S. 49-53. Buchheit geht dabei auch kurz darauf ein, mit welchen verschiedenen sprachlichen Mitteln im Gedicht Trostlosigkeit gestaltet wird (vgl. ebd., S. 51).

Auf die – mehr oder weniger offene – Kritik an der „totale[n] Verwaltung“ des Lebens in diesem und einigen anderen Gedichten wie „Westwind“ und „D-Zug München – Frankfurt“ weist neben Buchheit (vgl. ebd., S. 49-56) auch schon Müller-Hanpft hin: Vgl. Müller-Hanpft: Lyrik und Rezeption, S. 103-110.

526 Vgl. auch die variierte Fassung des Gedichts in Botschaften des Regens (EW I, 92f.).

527 Ähnlich sieht dies auch Foot: Phenomenon of Speechlessness, S. 88f. Reb weist darauf hin, dass in den Camp-Gedichten (z. B. in „Inventur“ und „Pfannkuchenrezept“) explizit thematisierte oder implizit angedeutete Beziehungen zu anderen Menschen vor allem von Neid geprägt sind. Vgl. Reb: „De l’acceptation“, Abs. 6.

528 Zum Gegenüber in den Gedichten Günter Eichs siehe ergänzend Buchheit: Formen und Funktionen, S. 47f.: „In Eichs 1955 veröffentlichten Gedichtband Botschaften des Regens findet sich eine große Zahl von Texten, in denen ein lyrisches Ich zu einem Du in Beziehung tritt oder über die Beziehung zu einem Gegenüber, das auch die Natur sein kann, reflektiert wird. […] Zum einen übernehmen die Gespräche die Aufgabe, Gegenwelt zur verwalteten Welt zu sein und Kritik zu üben am Bestehenden. In dieser Funktion stehen sie immer wieder in einem Zusammenhang zur Thematik der Liebe. […] Zum anderen impliziert die Darstellung von Kommunikation in den Gedichten immer auch die Reflexion und Problematisierung der sprachlichen und insbesondere der poetischen Möglichkeiten. Diese Funktion tritt vor allem in den Gedichten in Erscheinung, die das Verhältnis des Menschen zur Natur zum Gegenstand haben.“

Oft handelt es sich bei jenen Gedichten, in denen Trauer eine Rolle spielt, also um die Darstellung einer autodiegetischen Wahrnehmung äußerer und innerer Zustände, wobei äußere Zustände die inneren teilweise widerspiegeln529 (Regen, düstere Landschaft, das gebeugte Haupt der Lärche etc.), häufiger aber noch als Auslöser der inneren Zustände der Sprechinstanz dienen, wie einige ausgewählte Verse aus dem oben in diesem Kontext bereits erwähnten Gedicht

„Truppenübungsplatz“ (EW I, 22) noch einmal veranschaulichen können:

Fremdartiger Herbst auf moorigem Hochplateau […] Unbegreifliche Luft, 10 windlos und vogelleer,

hockt in das Dornengerank und aufs Knieholz sich schwer.

[…] Wurzel und Untergrund

schwanken im Fallen mir dumpf.

Was die zeitliche Struktur der Gedichte angeht, sind diese meistens im Präsens gehalten, Erinnerungen an die Vergangenheit werden davon abgehoben. In die Zukunft geht der Blick in den Gedichten nur selten, wird aber formal nicht entsprechend durch die Wahl des Futurs ausgedrückt, auch da nicht, wo in „An die Lerche“ (EW I, 38) eine hoffnungsvolle Zukunft antizipiert wird.

Es lässt sich festhalten, dass das Emotionalisierungspotenzial der Gedichte eng an die Sprechinstanz gebunden ist. Da wo diese, wie in den hier exemplarisch angeführten Fällen, subjektive Wahrnehmungen, Beobachtungen und Empfindungen ausdrückt, wird diegetisch emotionalisiert, da durch die Innensicht der Figur Empfindungen direkt und subjektiv – größtenteils gerade nicht durch explizite Benennung von Emotionen, sondern durch Präsentation des Zustands der Sprechinstanz – dargestellt werden. Ein zusätzliches Emotionalisierungspotenzial liegt darin, dass die Sprechinstanz in der Regel als allein und häufig auch in Gegnerschaft zur eigenen Situation dargestellt wird. So werden Vereinzelung und Isolation der Sprechinstanz präsentiert, die als typische emotionalisierende Situationen bezeichnet werden könnten. Durch die Erzählsituation und die Perspektivierung wird in den untersuchten Gedichten somit starkes Emotionalisierungspotenzial entfaltet. Ob es sich bei den dargestellten Emotionen konkreter um Trauer, Angst oder Wut handelt, kann nur durch die Untersuchung weiterer inhaltlicher Aspekte und entsprechende Kontextualisierungen rekonstruiert werden.

3.3.3.2 Emotionale Zustände und Situationen und ihre Darstellung

In einzelnen Texten des Korpus werden körperliche Merkmale des Ausdrucks von Trauer gestaltet, beispielsweise das gebeugte Haupt der Lärche (EW I, 46) oder das Verbergen des

529 Zur Konventionalität derartiger Darstellungsweisen vgl. Foot: Phenomenon of Speechlessness, S. 85.

Gesichts mit den Händen im Gedicht „Herrenchiemsee“ (EW I, 85). Diese körperlichen Ausdrucksweisen von Emotionen hängen jedoch eng mit der Gestaltung komplexerer – emotionaler – Situationen zusammen und können deshalb nicht getrennt von diesen dargestellt werden. Ebenso kann die emotionale Situation, in der sich eine Sprechinstanz befindet, deren Wahrnehmung und damit auch Inhalt und Ausdrucksweise eines Gedichts prägen. Wie in den bisherigen Ausführungen immer wieder deutlich wurde, tritt diese Form des durch die Wahrnehmung des Sprechers und seine emotionale Einstellung gefärbten Blicks auf die Natur bei Eich in einer Reihe von Gedichten auf. Exemplarisch sei noch einmal auf die Wahrnehmung der Konturen als „traurig und verrückt“ (Vers 4) in „Gefangener bei Nacht“ (EW I, 37f.) und die Beschreibung der kargen und wüsten Landschaft in „An die Lerche“ (EW I, 38) verwiesen.

Die Darstellung typischer emotionaler Situationen kann als wichtigstes Mittel der Emotionalisierung insbesondere in Bezug auf die Gestaltung von Trauer bezeichnet werden. Als immer wiederkehrendes Muster lässt sich festhalten, dass die Sprechinstanz in einer kargen, einsamen oder verzweifelten Situation dargestellt wird, aus der ein Ausweg meist nicht (mehr) möglich scheint. Das Emotionspotenzial entfaltet sich hier vor allem durch die Möglichkeit von Assoziationen, die durch das Dargestellte – im Zusammenspiel mit der in den letzten Kapiteln beschriebenen Form der Darstellung – hervorgerufen werden. Eich entwirft Situationen, die bestimmte Emotionen kodieren, beziehungsweise genauer typisch für Gefühle der Trauer und Verzweiflung sind: das Erleben von Vergänglichkeit, Glaube und Zweifel, Einsamkeit, Trennung und Verlust sowie das Fehlen von Schönheit und Freude. Hierauf soll nun im Einzelnen eingegangen werden.

Tod und Vergänglichkeit

Der Tod nahestehender Personen kann als einer der elementarsten Anlässe für Trauer gelten, Gedanken an den eigenen Tod können gleichermaßen Gefühle wie Angst und Trauer hervorrufen. In den untersuchten Texten von Günter Eich wird sowohl der Tod anderer als auch, meistens indirekter, der eigene Tod und schließlich eine allgemeine Vergänglichkeit des Lebens und der Natur behandelt. Insgesamt sind der Tod anderer und der eigene Tod in den analysierten Gedichten seltener Thema. Vergänglichkeit als allgemeineres Phänomen, das nicht nur spezifische Personen, sondern die ganze Natur, alle Menschen und auch menschliche Beziehungen betrifft, wird dagegen häufiger thematisiert. In dem Gedicht „Gegenwart“ (EW I, 82f.) wird in dem Satz „Wo bist du, wenn du neben mir gehst?“ (Vers 6), unterstrichen durch Worte wie „herbstlich“ (Vers 3) und „bittere“ (Vers 11) sowie „de[n] Beweis, daß wir zufällig

sind“ (Vers 30), die Vergänglichkeit einer Liebesbeziehung dargestellt.530 Dieses Ende der gemeinsamen Verbundenheit und der engen Vertrautheit entwickelt auf diegetischer Ebene Emotionspotenzial. Der einzelne, durch seine Isolierung zusätzlich betonte Fragesatz drückt in dem Paradoxon von Entfernung bei gleichzeitiger körperlicher Nähe Vereinsamung und Entfremdung aus. Das Trauerpotenzial liegt hier darin, dass die Liebe in ihrer Abwesenheit hervorgehoben wird. Die titelgebende Gegenwart steht im Kontrast zur Vergangenheit, was die Vergangenheit und damit das Vergehen der Liebe zusätzlich betont. Teilweise wird die Vergänglichkeit des eigenen Lebens in die Vergänglichkeit der Natur eingebunden. In dem Gedicht „Ende eines Sommers“ (EW I, 81) beispielsweise wird das „[T]eilhaben“ der Bäume am Sterben von der Sprechinstanz als tröstend empfunden (Vers 1f.). Sie scheint den eigenen Tod herbeizusehnen, da sie Trost im Vergehen allen Lebens gefunden hat. Der Herbst wird auch hier, angekündigt durch den Titel des Gedichts, besonders betont.

Emotionaler wird der Tod anderer dargestellt. In dem Gedicht „Puy de Dôme“ (EW I, 23) beispielsweise sorgt sich die Sprechinstanz um die Seelen der Verstorbenen, genauer der Gefallenen:

Aus meines Herzens Hut 10 weis’ ich die Toten ihm zu,

über dem Schneegefild

schweift ohne Zeichen ihr Flug.

Die emotionale Beteiligung der Sprechinstanz drückt sich vor allem in der ersten zitierten Zeile aus, da das Herz hier konventionell als Sitz der Gefühle und der Erinnerung an nahestehende Menschen verwendet wird. Der Abschied von den Verstorbenen wird als Kode aufgerufen, mit dessen Hilfe der emotionale Zustand der Sprechinstanz präsentiert wird. Ähnlich wird auch in dem Gedicht „Abends am Zaun“ (EW I, 40) vom Tod nahestehender Personen gesprochen. Der Stille wird das Lied und die frühere Freude der Verstorbenen daran entgegengestellt. Auch hier drückt sich in der im Gedicht gestalteten Akzeptanz des Todes, durch die Wortwahl und Satzgliedstellung, die wie oben bereits erläutert einen Seufzer nachvollzieht, eine emotionale, potenziell als Trauer zu identifizierende Beteiligung der Sprechinstanz aus (Vers 5f.): „Wie viele doch sind nun für immer stille,/ die gerne sich erfreut an Stern und Lied!“

Schließlich wird in einigen Gedichten auch auf den eigenen Tod eingegangen. Bezogen auf die verwendeten Lexeme und die allgemeine Ausdrucksweise lässt sich dabei jedoch weniger eindeutig von Trauer sprechen. In dem Gedicht „Abendliches Fuhrwerk“ (EW I, 19) beispielsweise befindet sich die Sprechinstanz auf einem Bretterwagen, der Assoziationen an einen Leichenwagen wecken kann. Sie ist einsam auf einem mühsamen Weg unterwegs, die Pferde sind gehetzt und angespannt, „[e]twas streift [ihr] die Schläfe“ (Vers 9), und schließlich

530 Für Foot stellt sich in diesem Gedicht und insbesondere in der Isolation zwischen Ich und Du der Einfluss der Gesellschaft auf das Leben und die Gefühle des Individuums dar. Vgl. Foot: Phenomenon of Speechlessness, S. 88.

fragt sie sich (Vers 13f.): „Flog mir ein Grau in die Haare?/ Werden die Ohren mir taub?“

Dadurch werden Assoziationen an das Altern geweckt, das unweigerlich auf den Tod hinauslaufen wird (Vers 15f.): „Hinter dem schallenden Wagen/ wirbelt die Straße im Staub“.

Kulturelle Muster für das Altern und die Vergänglichkeit können hier als Hinweis auf die Thematisierung des eigenen Todes interpretiert werden. Doch ist es nicht Trauer, die als emotionaler Zustand der Sprechinstanz präsentiert wird, sondern in ihren Fragen drücken sich eher Unsicherheit und Angst aus.531

Die Erinnerung an Verstorbene entwickelt in den untersuchten Texten also in der Regel ein höheres Trauerpotenzial als der eigene Tod, der eher Unsicherheit, Angst (EW I, 19) oder sogar Trost (EW I, 36f.) hervorrufen kann. Am häufigsten findet sich in diesem Zusammenhang die Darstellung einer allgemeineren Vergänglichkeit des Lebens, der Natur oder persönlicher Beziehungen. Eine emotionale Beteiligung der Sprechinstanz an den dargestellten Situationen und Erlebnissen wird in der Regel durch sprachliche Mitteln wie Fragen und Interjektionen oder die Stellung der Lexeme im Satz präsentiert, was das Emotionalisierungspotenzial der entsprechenden Texte und Textstellen über das ‚Was‘ des Dargestellten hinaus noch erhöht.

Glaube und Zweifel

Mit dem Thema Sterben und Tod eng verknüpft sein können Motive aus dem Bereich Religion und Glaube, die allerdings in den untersuchten Gedichtbänden nicht zu den vorrangigen Themen zählen.532 Religion und Glaube können jedoch generell als Teil einer Kultur verstanden werden, der relativ stark emotionalisieren kann. Sie können Trost spenden, Hoffnung geben, Ablehnung und Zweifel, Freude und Trauer hervorrufen. Die Nutzung von Glaubensmotiven kann daher zum Emotionalisierungspotenzial literarischer Texte beitragen.

In den untersuchten Gedichten dienen Glaube und christliche Religion, die sich zum Beispiel in der Nennung von Gott oder dem Zitieren christlicher Gebete artikulieren, allein nicht der konkreten Darstellung von Trauer. Wohl aber können sie zum Beispiel Trost ausdrücken und stehen damit indirekt im Zusammenhang mit entsprechenden Trauer präsentierenden

In den untersuchten Gedichten dienen Glaube und christliche Religion, die sich zum Beispiel in der Nennung von Gott oder dem Zitieren christlicher Gebete artikulieren, allein nicht der konkreten Darstellung von Trauer. Wohl aber können sie zum Beispiel Trost ausdrücken und stehen damit indirekt im Zusammenhang mit entsprechenden Trauer präsentierenden

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 146-166)