1.3 Zur Auswahl der untersuchten Autoren

1.3.3 Nelly Sachs (1891–1970)

Nelly Sachs schließlich gilt gemeinhin als die „Dichterin des jüdischen Schicksals“.155 Die Verfolgung des jüdischen Volkes ist das zentrale, wenn auch nicht das einzige Thema ihres Werkes.156 Die Dichterin selbst floh 1940 ins schwedische Exil und kehrte auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nach Deutschland zurück, schrieb aber in deutscher Sprache weiter.

152 An dieser Stelle können die nachfolgenden Äußerungen als beispielhaft angeführt werden: „Die lange Lesung, jahrzehntelang […]. Was ich lese, Verse oder Prosa, ist mein Leben oder das Leben anderer, wie es sich mir darstellt.“ (KW III, 425). Und: „Während der vorangegangenen ostpreußischen Jahre, gerade in dem kargen Land, war ich von der Natur bis zur Besessenheit angerührt worden, diese Besessenheit […] war vorüber, auch die Zeit der Naturgedichte […]. Die Politik als Schicksal, der Mensch im Räderwerk historischer Ereignisse, der Mensch überhaupt – die Courbet-Biographie bildet einen Wendepunkt in meiner künstlerischen und menschlichen Entwicklung […].“ (KW III, 245). Zu weiteren poetologischen Äußerungen siehe auch Kapitel 4.1.

153 Vgl. Pulver: Marie Luise Kaschnitz, S. 81; vor allem zu den späteren Gedichtbänden ab Ein Wort weiter Friedrich Strack: „‚Unerbittlichkeit‘ als poetisches Postulat. Zum lyrischen Werk von Marie Luise Kaschnitz“. In: Adrian Hummel und Sigrid Nieberle (Hrsg.): weiter schreiben – wieder schreiben. Deutschsprachige Literatur der fünfziger Jahre.

München 2004, S. 278-287; hier S. 282 und schließlich Corkhill: „Kaschnitz’s perspective on language“, S. 109.

154 Neben den bereits genannten Arbeiten vgl. z. B. auch Schnell: „Das verlorene Ich“, S. 178f.; Pulver: Marie Luise Kaschnitz, S. 78f. und Roßbach: „Ich-Formen“, S. 59.

155 Vgl. z. B. Walter A. Berendsohn: „Nelly Sachs. Der künstlerische Aufstieg der Dichterin jüdischen Schicksals“. In:

Nelly Sachs zu Ehren, hrsg. vom Suhrkamp Verlag. Frankfurt a. M. 1961, S. 92-103.

156 Hans Magnus Enzensberger führte 1959 in seinem Essay „Die Steine der Freiheit“ Sachs’ Lyrik als Gegenbeispiel zu Adornos Verdikt über Lyrik nach Auschwitz an. Vgl. Hans Magnus Enzensberger: „Die Steine der Freiheit“. In:

Merkur 13.8 (1959), S. 770-775 und auch Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 61. Die Frage, ob und wie der Holocaust in literarischen Texten behandelt werden kann, kann hier jedoch nicht erörtert werden. Einen Überblick über die Diskussion bietet z. B.: Rudolf Freyburg und Gerd Bayer: „Einleitung: Literatur und Holocaust“. In: Dies. (Hrsg.):

Literatur und Holocaust. Würzburg 2009, S. 1-38; hier S. 1-21. In dieser Arbeit steht in diesem Zusammenhang die Rolle der Darstellung des Holocaust für die Gestaltung von Trauer im Werk der untersuchten Autoren im Fokus.

Sie steht somit auch exemplarisch für Erfahrungen von Verfolgung, Exil und Verlust der Heimat.157 Das Leiden und die Verfolgung des jüdischen Volkes als thematische Schwerpunkte ihres Werkes dominieren die Wahrnehmung von Sachs’ Dichtung in der Literaturgeschichte.158 Unter diesem Aspekt wird immer wieder eine nicht zuletzt biografisch begründete Parallele zu Paul Celan gezogen.159 Beider Dichtung sei Knörrich zufolge „Trauerarbeit mittels Sprache“, beide arbeiteten sich sprachlich am erfahrenen Leid ab und kämen dabei dem Verstummen nahe.160 Wie in der Celan-Forschung wird der Unterschied zwischen Autor und Subjekt der Dichtung auch im Fall von Sachs nicht immer klar reflektiert. Das tatsächliche Erleben der Verfolgung und deren Darstellung im Gedicht werden zuweilen in untrennbarer Verbindung gesehen.161 Für von Bormann gilt Sachs entsprechend als „vornehmste Zeugin“ „[f]ür die

157 Zu Sachs’ Biografie vgl. Ruth Dinesen: Nelly Sachs. Eine Biographie. Frankfurt a. M. 21992 und Aris Fioretos: Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm. Eine Bildbiografie. Aus dem Schwedischen von Paul Berf.

Berlin 2010.

158 Exemplarisch sei hier Judith Ryan genannt, die meint, dass Sachs’ „Dichtung fast ausschließlich als Elegie auf die von den Nazis Ermordeten und Verfolgten verstanden sein will“. Judith Ryan: „Nelly Sachs“. In: Klaus Weissenberger (Hrsg.): Die deutsche Lyrik 1945–1975. Zwischen Botschaft und Spiel. Düsseldorf 1981, S. 110-118; hier S. 110. Zu der Kritik an Sachs’ Lyrik in diesem Aufsatz vgl. Ruth Dinesen: „Verehrung und Verwerfung. Nelly Sachs – Kontroverse um eine Dichterin“. In: Karl Pestalozzi, Alexander von Bormann und Thomas Koebner (Hrsg.): Vier deutsche Literaturen? Literatur seit 1945 – nur die alten Modelle? Medium Film – Das Ende der Literatur?. Tübingen 1986, S. 130-137; hier S. 136. Zur Dominanz des Holocaust-Motivs in der Rezeption von Nelly Sachs’ Werk vgl. außerdem Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 50; Ehrhard Bahr: Nelly Sachs. München 1980, S. 18-22 und 68; Michael Braun:

„Phasen, Probleme und Perspektiven der Nelly-Sachs-Rezeption. Forschungsbericht und Bibliographie“. In: Michael Kessler und Jürgen Wertheimer (Hrsg.): Nelly Sachs. Neue Interpretationen. Mit Briefen und Erläuterungen der Autorin zu ihren Gedichten im Anhang. Tübingen 1994, S. 375-393; hier S. 375; Ursula Töller: „Nelly Sachs: Eine literarhistorische Verortung“. In: LiLi: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 112 (1998), S. 134-140; hier S. 139f. sowie Ruth Kranz-Löber: „In der Tiefe des Hohlwegs“. Die Shoah in der Lyrik von Nelly Sachs. Würzburg 2001, S. 14. Auch in der Begründung der Schwedischen Akademie für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1966 an Nelly Sachs (zusammen mit Josef Agnon) heißt es, sie erhalte den Preis „für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren“. Zitiert nach: Nelly Sachs: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden, hrsg. von Aris Fioretos. Band I: Gedichte 1940–1950, hrsg. von Matthias Weichelt. Berlin 2010, S. 335. Die Werkausgabe wird im Folgenden mit der Sigle ‚SW‘, der Bandzahl in römischen und Seitenzahlen in arabischen Ziffern zitiert.

159 Über die enge Verbundenheit von Sachs und Celan gibt der Briefwechsel Auskunft. Paul Celan/Nelly Sachs:

Briefwechsel, hrsg. Von Barbara Wiedemann. Frankfurt a. M. 1996. Ergänzend vgl. auch die Beiträge von Ehrhard Bahr und Ruth Dinesen in: Chaim Shoham und Bernd Witte (Hrsg.): Datum und Zitat bei Paul Celan. Akten des Internationalen Paul Celan-Colloquiums Haifa 1986. Bern u. a. 1987, S. 183-194 und 195-210 sowie Barbara Wiedemann:

„‚Schweig,/ hol Atem dir, laß mir/ die Toten‘. Neues zum Verhältnis zwischen Paul Celan und Nelly Sachs“. In:

Ariane Huml (Hrsg.): Lichtersprache aus den Rissen. Nelly Sachs – Werk und Wirkung. Göttingen 2008, S. 155-176. Beider Dichtung vergleicht Gisela Bezzel-Dischner: Poetik des modernen Gedichts. Zur Lyrik von Nelly Sachs. Bad Homburg v. d. H u. a. 1970, S. 103-128. Beide Dichter nutzen häufig zyklische Ordnungen und ein wiederkehrendes Motivinventar. Zu Celan vgl. hierzu z. B. Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 56.

160 Vgl. Knörrich: „Bundesrepublik Deutschland“, S. 561. Ähnlich äußert sich Brettschneider: Zorn und Trauer, S. 29.

Vgl. zudem Korte: „Der Holocaust in der Lyrik“, S. 26. An anderer Stelle weist Korte darauf hin, dass „[z]umindest die frühen Gedichte von Nelly Sachs […] ihren Sinnzusammenhang noch im Bewusstsein eines Sprechen-Könnens [exemplifizieren], das emphatisch an die Macht des zuletzt doch unversehrten Dichterwortes glaubte.“ Und weiter:

„Das Pathos einer solchen Poetik ließ das Formrepertoire der ersten Nachkriegsbände in die Nähe des lyrischen Traditionalismus rücken, der in der Sprache Hölderlins, Rilkes und Trakls noch eine verbindliche poetische Norm sah.“ Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 53 (Hervorh. getilgt). Vgl. auch Jordan: „Lyrik“, S. 558f. Zum Verstummen bei Celan vgl. Waldschmidt: „Dunkles zu sagen“, S. 148.

161 Von einer „Insistenz auf Privatem“ spricht Annette Bühler-Dietrich auch in Bezug auf die zeitgenössische Rezeption von Nelly Sachs. Vgl. Annette Bühler-Dietrich: „Nelly Sachs – Dichterin von Dichterinnen? Zur Sachs-Lektüre von Aichinger, Bachmann und Domin“. In: Christiane Caemmerer u. a. (Hrsg.): Erfahrung nach dem Krieg.

Autorinnen im Literaturbetrieb 1945–1950. BRD, DDR, Österreich, Schweiz. Frankfurt a. M. u. a. 2002, S. 95-115; hier S. 97.

Aktualisierung des Erlebnisgedichts“. Ihr Werk sei durch die (Überlebens-)Aufgabe des

„Zeugnisgebens“ geprägt.162

Bereits seit den 1970er Jahren bemüht sich die Sachs-Forschung, der skizzierten, zwar mindestens thematisch im Werk begründeten, insgesamt aber doch verkürzenden Rezeption ihrer Dichtung entgegenzuwirken.163 So wird die Dichterin beispielsweise auch als „eine der bedeutendsten Stimmen der Moderne in Lyrik und Drama“164 bezeichnet oder mit Novalis und Hölderlin verglichen.165 Auch unabhängig von der Holocaust-Thematik wird ihrer Dichtung in der Forschung darüber hinaus schon früh eine starke Prägung durch die jüdische Mystik zugeschrieben.166 Reflexionen über die Kraft der Sprache durchziehen ebenso ihr Werk wie die Darstellung des universalen Zusammenhangs allen Lebens mit dem Tod. Nicht zuletzt aufgrund dieser mystischen Bezüge gelten ihre Gedichte als hermetisch und rätselhaft.167 Sie sind zweifelsohne anspielungs- und metaphernreich, symbolisch häufig stark aufgeladen und von immer wiederkehrenden Motiven geprägt, die in ihrem Werk zumeist eine eigene Bedeutung entfalten. Diese Aspekte ihres Schreibens sind in der Forschung bereits früh umfassend

162 Von Bormann: „Frühe Nachkriegslyrik“, S. 86. Die Betonung sollte hier auf „Aktualisierung“ liegen. Einer Einordnung der Dichterin in eine „traditionelle Erlebnislyrik“ widerspricht Russell A. Berman: „‚Der begrabenen Blitze Wohnstatt‘: Trennung, Heimkehr und Sehnsucht in der Lyrik von Nelly Sachs“. In: Gunter E. Grimm und Hans-Peter Bayerdörfer (Hrsg.): Im Zeichen Hiobs. Jüdische Schriftsteller und deutsche Literatur im 20. Jahrhundert.

Königstein i. T. 1985, S. 280-292; hier S. 280.

163 Vgl. aber zum Beispiel noch 2007 stark verkürzend Anders Olsson: „Exile and Literary Modernism“. In: Astradur Eysteinsson und Vivian Liska (Hrsg.): Modernism. Amsterdam 2007, S. 735-754; hier S. 745: „One could say that the Holocaust is the only theme in Sachs’s poetry“.

164 Bahr: Nelly Sachs, S. 28. Vgl. auch Olof Lagercrantz: Versuch über die Lyrik der Nelly Sachs. Frankfurt a. M. 1967, S. 49; Kranz-Löber: „In der Tiefe des Hohlwegs“, S. 18 und ausführlicher Bezzel-Dischner: Poetik des modernen Gedichts.

165 Vgl. z. B. Bahr: Nelly Sachs, S. 10; Bezzel-Dischner: Poetik des modernen Gedichts, S. 77-82 und 92-103; Klaus Jeziorkowski: „Das geschriebene Schweigen der Opfer. Zum Werk der Nelly Sachs“. In: Neue deutsche Literatur 42.1 (1994), S. 140-155; hier S. 141 und Gisela Dischner: „Nacht und Umnachtung bei Novalis, Hölderlin und Nelly Sachs“. In: Ariane Huml (Hrsg.): Lichtersprache aus den Rissen. Nelly Sachs – Werk und Wirkung. Göttingen 2008, S. 63-76. Zum Einfluss der schwedischen Moderne auf Sachs vgl. Peter Sager: Nelly Sachs. Untersuchungen zu Stil und Motivik ihrer Lyrik. Diss. phil. Bonn 1970, S. 28-37 sowie die Beiträge von Aris Fioretos und Anders Olsson in: Ariane Huml (Hrsg.): Lichtersprache aus den Rissen. Nelly Sachs – Werk und Wirkung. Göttingen 2008, S. 243-262 und 263-279.

166 Siehe hierzu zum Beispiel die frühen Arbeiten von Klaus Weissenberger: Zwischen Stein und Stern. Mystische Formgebung in der Dichtung von Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Paul Celan. Bern, München 1976; Gisela Dischner:

„Die Lyrik von Nelly Sachs und ihr Bezug zur Bibel, zur Kabbala und zum Chassidismus“. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Nelly Sachs. München 1979 (=Text + Kritik 23), S. 25-40 und Peter Michel: Mystische und Literarische Quellen in der Dichtung von Nelly Sachs. Diss. phil. Freiburg 1981. Kritisch betrachtet Kranz-Löber einen großen Teil der Bezugnahmen auf die jüdische Mystik in der Forschungsliteratur. Vgl. hierzu die kurzen, aber differenzierten Ausführungen in Kranz-Löber: „In der Tiefe des Hohlwegs“, S. 81-84.

167 Vgl. hierzu auch Birgit Lermen und Michael Braun: Nelly Sachs – „an letzter Atemspitze des Lebens“. Bonn 1998, S. 44f.

Auch Waldschmidt führt Gedichte von Sachs als Beispiele hermetischer Lyrik an. Vgl. Waldschmidt: „Dunkles zu sagen“, insbesondere S. 153-160 (in Bezug auf den dichterischen Umgang mit dem Holocaust) und 316-326 (hinsichtlich des mystischen Sprechens in Sachs’ Lyrik). Die Zuordnung von Sachs’ Gedichten zur hermetischen Lyrik stellt sie dabei als nicht immer eindeutig heraus. So charakterisiert sie Sachs’ Lyrik als ein „Zugleich von einer Klarheit dessen, worum es Sachs’ Gedichten zu tun ist, und der Problematik, dies aus den Bildern im Einzelnen herauszulesen“. Vgl. ebd., S. 317f.

und auch ebd., S. 441. Korte schränkt die Hermetik von Sachs’ Lyrik am Beispiel des Gedichtes „Golem Tod“, auf das auch Waldschmidt (ebd., S. 153-157) eingeht, aus einer anderen Perspektive ein: „Derart ins Positive gewendet, verliert die hermetische Kraft allmählich ihre Wirkung. Je stärker das, woran das Gedicht erinnert, zu einem ‚Urzeitspiel von Henker und Opfer,/ Verfolger und Verfolgten‘, zur enthistorisierten Beschwörung des ‚blutschwitzenden Mars‘ wird, desto mehr verflüchtigt sich die zeitgeschichtliche Signatur. Der Rekurs auf die Sprache der Bibel, der Kabbala, der jüdischen Mystik allein, – so zeigt sich im Werke von Sachs – bringt noch nicht jenen hermetischen Widerstand hervor, der Ideologien durchkreuzt.“ Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 53.

behandelt worden.168 Auch die sprachliche Entwicklung ihres Werkes ist Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung gewesen: Sind die ersten Gedichtsammlungen nach 1945 im Ton noch oft pathetisch und klagend, verrätselt und verdichtet sich ihr dichterischer Ausdruck im Laufe der Jahre zunehmend.169

Insgesamt kann es vor allem unter thematischer Perspektive, aber auch in Bezug auf die formale Gestaltung ihrer Texte als unbestritten gelten, dass Trauer und Klage zentrale Aspekte von Sachs’ Lyrik sind. Schlagworte wie „Dichterin der großen Trauer“, „Tränenpoetik“ oder

„Schwermut“ als Charakteristikum ihrer Lyrik sind vor allem im Zusammenhang mit der Holocaust-Thematik zu sehen.170 Im Vergleich der drei hier untersuchten Dichter ist die Emotion Trauer in ihrem Werk am besten erforscht, da sie in Studien zu den Charakteristika von und Einflüssen auf ihr Schreiben immer wieder eine mehr oder weniger prominente Rolle spielt.171 Wie bereits bei Eich und Kaschnitz muss in Bezug auf die entsprechende Forschungsliteratur jedoch festgestellt werden, dass Zuweisungen wie die oben zitierten, so richtig sie im Einzelfall sein mögen, mehr auf werkbiografischen Bezügen und Motivuntersuchungen als auf einer systematischen Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Trauer auf allen Ebenen der Textstruktur beruhen.172 Hier besteht auch für die Sachs-Forschung noch Nachholbedarf.

168 Vgl. insbesondere Paul Kersten: Die Metaphorik in der Lyrik von Nelly Sachs. Mit einer Wort-Konkordanz und einer Nelly Sachs-Bibliographie. Diss. phil. Hamburg 1970 und zusammenfassend Eleonore K. Cervantes: Struktur-Bezüge in der Lyrik von Nelly Sachs. Bern 1982, S. 75f.

169 Vgl. hierzu im Detail Bezzel-Dischner: Poetik des modernen Gedichts, S. 55f. und ergänzend Olof Lagercrantz: „Die fortdauernde Schöpfung. Über Nelly Sachs“. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Nelly Sachs. München 1979 (=Text + Kritik 23), S. 1-4; hier S. 3 sowie Anton Thuswaldner: „Nelly Sachs“. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Abrufbar unter: „Sachs, Nelly“ in nachschlage.NET/KLG – Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, URL: http://www.nachschlage.NET/document/16000000478 [letzter Zugriff: 06.03.2015].

170 Vgl. Walter A. Berendsohn: Einführung in das Werk der Dichterin jüdischen Schicksals. Darmstadt 1974, S. 69; Lili Simon: „Nelly Sachs. Dichterin der großen Trauer“. In: Neue deutsche Hefte. Beiträge zur europäischen Gegenwart 35 (1988), S. 678-704; Laurent Cassagnau: „Die Tränenpoetik von Nelly Sachs“. In: Ariane Huml (Hrsg.): „Lichtersprache aus den Rissen“. Nelly Sachs – Werk und Wirkung. Göttingen 2008, S. 43-61. Vgl. außerdem Johanna Bossinade: „Fürstinnen der Trauer. Die Gedichte von Nelly Sachs“. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 16.1 (1984), S. 133-157; hier S. 134; Thomas Grundmann: „Geleitwort des Verlegers“. In: Birgit Lermen und Michael Braun: Nelly Sachs – „an letzter Atemspitze des Lebens“. Bonn 1998, S. 7f.; hier S. 8; Susanne Utsch: „‚An Stelle von Heimat/ halte ich die Verwandlungen der Welt‘: Die Transformation von real-räumlicher zu weltanschaulicher Verortungssuche in der Lyrik von Nelly Sachs“. In: Reinhard Andress, Evelyn Meyer und Greg Divers (Hrsg.): Weltanschauliche Orientierungsversuche im Exil/New Orientations of World View in Exile. Amsterdam, New York 2010, S. 167-192; hier S. 169 und Waldschmidt: „Dunkles zu sagen“, S. 153.

171 Neben den eben genannten Beiträgen vgl. zum Beispiel Ruth Dinesen: „Vom Klagelied zum modernen Gedicht. Ein Blick in das Werk der Nelly Sachs“. In: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart 6.3 (2005). Abrufbar im Internet-Archive unter: http://web.archive.org/web/20110122004427/http://www.

philosophia-online.de/mafo/heft2005-3/Dinesen_Sachs.htm [letzter Zugriff: 06.03.2015] und Anita Riede: Das

„Leid-Steine-Trauerspiel“. Zum Wortfeld „Stein“ im lyrischen Kontext von Nelly Sachs’ „Fahrt ins Staublose“ mit einem Exkurs zu Paul Celans „Engführung“. Berlin 2001.

172 Eine Ausnahme bilden in Ansätzen die folgenden Arbeiten: Ruth Kranz-Löber geht in ihrer Untersuchung zur Shoah in Sachs’ Lyrik teilweise auch auf den Ausdruck von Klage ein. Vgl. zum Beispiel die Ausführungen zur narrativen Gestaltung der „Gebete für den toten Bräutigam“ und der „Grabschriften in die Luft geschrieben“ in Kranz-Löber: „In der Tiefe des Hohlwegs“, S. 69-71. Johanna Kurić beschäftigt sich mit Sachs’ Lyrik im Hinblick auf die darin zum Ausdruck kommende Hinwendung zum ‚Anderen‘, wobei sie sich stark an Alteritätskonzeptionen Emmanuel Levinas orientiert. In vielen Punkten macht sie jedoch wichtige Beobachtungen zur Gestaltung von Schmerz und Leiden. Vgl. Johanna Kurić: Was ist das Andere auf das ihr Steine werft? Das Denken der Alterität in der Lyrik

Die zwischen 1945 und ungefähr 1960 entstandene Lyrik der drei ausgewählten Autoren wird in dieser Arbeit also auf ihre jeweilige Darstellung von Trauer hin untersucht. Dabei werden Eich, Kaschnitz und Sachs zunächst jeweils für sich betrachtet. Den bereits bestehenden Forschungsarbeiten wird so eine differenzierte und umfassende Perspektive auf formale und inhaltliche Aspekte des jeweiligen Werkes hinzugefügt. Darüber hinaus sollen aber nicht nur Aussagen zur Bedeutung von Trauer im Werk der drei hier gewählten Autoren, sondern auch über die Nachkriegslyrik insgesamt gemacht werden: Welche Rolle spielt Trauer in der Nachkriegslyrik zwischen konventionellen Gestaltungsweisen und zeitgenössischer Wirklichkeit?

Wird die Emotion positiv oder negativ bewertet? Welche Funktion erfüllen Subjektivität, Erlebnis und Innerlichkeit? Und wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen traditioneller Wahrnehmung der Lyrik als subjektivste der Gattungen auf der einen und Bestrebungen, dieses Gattungsverständnis zu überwinden, auf der anderen Seite?

Diesen Fragen möchte ich mich in der Fokussierung auf eine bestimmte Emotion im Werk dreier Autoren nähern. Die Konzentration auf die Emotion Trauer impliziert jedoch nicht, dass es keine anderen, gleichermaßen relevanten und untersuchenswerten Emotionen im Werk von Eich, Kaschnitz und Sachs gäbe. Doch dürfte erstens unbestreitbar sein, dass Trauer eine besonders prominente Rolle in ihrem Werk einnimmt – und die vorliegende Studie stellt nicht zuletzt den Versuch dar, dieses intuitiv naheliegende Urteil durch genaue Textanalysen begründet zu stützen. Zweitens ist das methodische Vorgehen dieser Arbeit insofern exemplarisch, als es hier zwar auf die Analyse von Trauerdarstellungen beschränkt wird, sich aber prinzipiell auch für die Untersuchung der Gestaltung anderer Emotionen anbietet. Und drittens ermöglicht es die Konzentration auf lediglich eine Emotion, die Texte selbst genauer in den Blick zu nehmen und so systematisch erarbeitete Ergebnisse zur Gestaltung von Emotionen auf verschiedenen Mikro- und Makroebenen der Gedichte zu liefern. Denn wie schon das hier nur skizzierte Nebeneinander von poetologischen Überlegungen und Ansprüchen an die Lyrik auf der einen und Schreibweisen und Gestaltung von Wirklichkeit auf der anderen Seite zeigt, ist ein differenzierter Blick nötig, um über bloß intuitive Urteile, Schlagworte oder theoretische Forderungen hinaus zu einem textnah begründeten Urteil über die tatsächliche Lyrikpraxis und die Rolle, die Emotionen in dieser Praxis spielen, zu kommen. Gleichzeitig verspricht die umfassende Perspektive auf das Werk einzelner Autoren die Identifizierung auch solcher Mittel der Emotionsgestaltung, die eine weniger detaillierte, in die Breite gehende Analyse nicht hinreichend erfassen kann. Am Schluss wird jedoch noch einmal der Blick auf die deutsche

von Nelly Sachs. St. Ottilien 1999. Ähnliches gilt für die Arbeit von Cervantes, die nicht nur lexikalische Gestaltungsweisen, sondern auch grammatische und lautliche Strukturen in den Blick nimmt, um das Motiv des Suchens im späten Zyklus „Die Suchende“ und darüber hinaus zu analysieren. Vgl. Cervantes: Struktur-Bezüge. Die Ergebnisse dieser Studien werden wie auch die anderen zuletzt genannten Arbeiten, sofern sie Fragen der Gestaltung von Trauer berühren, in Kapitel 5 Berücksichtigung finden.

Nachkriegslyrik insgesamt gerichtet und danach gefragt, inwiefern aus der Untersuchung des lyrischen Werkes der drei hier untersuchten Dichter weiterreichende Annahmen im Hinblick auf die Gestaltung von Trauer in der Nachkriegslyrik als Ganzes abgeleitet werden können.

2 GESTALTUNG VON EMOTIONEN IN LITERARISCHEN TEXTEN: THEORETISCHE

GRUNDLAGEN UND METHODISCHES VORGEHEN

In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Textanalyse erläutert und das Instrumentarium vorgestellt, mit dem das Untersuchungskorpus auf die Gestaltung von Trauer hin analysiert wird. Zunächst wird dargestellt, was in der vorliegenden Arbeit unter ‚Emotion‘

und ‚Trauer‘ und verwandten Phänomenen verstanden wird. Diese Begriffsbestimmung ist interdisziplinär angelegt. Es werden Untersuchungen und Forschungsergebnisse insbesondere aus der Philosophie, der Psychologie und der Soziologie berücksichtigt (Kapitel 2.1).173 Anschließend werden zusammenfassend linguistische Arbeiten zu Emotionen und Sprache vorgestellt sowie ein soziologischer Ansatz, der Emotionen als ‚Kodes‘ begreift, bevor schließlich literaturwissenschaftliche Arbeiten zur Gestaltung von Emotionen in Texten einbezogen werden (Kapitel 2.2). Ziel dieser Kapitel ist es, darzulegen, unter welchen theoretischen Prämissen es möglich ist, Emotionen in literarischen Texten zu untersuchen. In Kapitel 2.3 wird schließlich das

und ‚Trauer‘ und verwandten Phänomenen verstanden wird. Diese Begriffsbestimmung ist interdisziplinär angelegt. Es werden Untersuchungen und Forschungsergebnisse insbesondere aus der Philosophie, der Psychologie und der Soziologie berücksichtigt (Kapitel 2.1).173 Anschließend werden zusammenfassend linguistische Arbeiten zu Emotionen und Sprache vorgestellt sowie ein soziologischer Ansatz, der Emotionen als ‚Kodes‘ begreift, bevor schließlich literaturwissenschaftliche Arbeiten zur Gestaltung von Emotionen in Texten einbezogen werden (Kapitel 2.2). Ziel dieser Kapitel ist es, darzulegen, unter welchen theoretischen Prämissen es möglich ist, Emotionen in literarischen Texten zu untersuchen. In Kapitel 2.3 wird schließlich das

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 42-49)