2.2 Zur Darstellung von Emotionen in (literarischen) Texten

2.2.2 Emotionen als Kodes

Wie im vorhergehenden Kapitel dargestellt wurde, werden emotionale, subjektiv erfahrene, innere Zustände vor allem mithilfe von Sprache kommunizierbar.245 Um die intersubjektive Verständlichkeit innerhalb der Kommunikation zu gewährleisten, muss dabei auf überindividuell verständliche Konzepte von Emotionalität zurückgegriffen werden. Diese spiegeln sich in den in einer Kultur zum Ausdruck von Emotionen zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln wider. Im Rückgriff auf solche konventionalisierten Formen und Ausdrucksweisen können in der emotionalen Kommunikation Verständnis, Mitgefühl oder die Übernahme von Emotionen durch das Gegenüber erreicht werden.246

Für diese im letzten Kapitel bereits genannten Gefühlswortschätze und weitere sprachliche Muster, die zum Ausdruck von Emotionen kulturell tradiert zur Verfügung stehen, lässt sich der Begriff des ‚emotionalen Kodes‘ verwenden.247 Die Konzeptualisierung von Emotionen als Kodes greift vor allem zurück auf die soziologische Emotionsforschung Heinz-Günter Vesters, für den „Emotionen[…] Natur und Kultur zugleich [sind]“:

[G]erade darin ist ein Ansatzpunkt für die soziologische Untersuchung der Emotionen zu sehen […]. […] Emotionen beinhalten und transportieren Sinn, und zwar auf fundamentalere und meist

244 Fries und Schwarz-Friesel greifen in ihren Ausführungen auch auf literarische Beispiele zurück.

245 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 1.

246 Vgl. ebd., S. 213f. und auch Winko: „Text-Gefühle“.

247 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 14 u. a. m.

effektivere Weise der Informationsverarbeitung, als dies elaborierte, auf Reflexivität und Intentionalität beruhende ‚Sinnträger‘ vermögen. Einmal geschaffene und kulturell tradierte Sinnsysteme fungieren auch als Modelle für emotionale Erfahrungen. Die emotionalen Erlebnisse und Erfahrungen von Menschen sind an diesen Modellen orientiert. […] Eine umfassende Theorie der Emotionen ist auf das Verständnis der gegenseitigen Durchdringung von Kultur und Emotion angewiesen.248

Das Resultat dieses Zusammenspiels von Natur und Kultur sei, dass „das Verstehen von Emotionen auf das Sichtbarmachen des Kollektiven im Emotionalen angewiesen“ ist und

„individuelles Auftreten [von Emotionen, A. F.] sowie die Art und Weise ihres Ausdrucks […]

abhängig [sind] von kollektiven Situationen und Ereignissen sowie von kollektiven Zeichensystemen“.249 Genauer erläutert Vester die Kodierung von Emotionen wie folgt:

 Emotionskodes „repräsentieren das kollektive Wissen über Emotionen“: Der Repräsentationsbegriff macht deutlich, dass es hier nicht um eine genaue Abbildung individueller Emotionserfahrungen geht, sondern dass, wie schon im letzten Kapitel deutlich geworden ist, den verschiedenen Mitteln des Ausdrucks von Emotionen immer Konzeptualisierungen zugrunde liegen, die nicht mit dem tatsächlichen Erleben von Emotionen zu verwechseln sind. Zudem weist Vester in diesem Zusammenhang darauf hin, dass „es [nicht] unbedingt nötig [sei], daß das betreffende Ereignis tatsächlich vom Individuum erfahren worden ist, um ein Bestandteil seines Wissenssystems zu sein“.250

 „Codes formen die Emotionen“, sie können also durch die Betonung bestimmter Prototypen emotionalen Erlebens und durch darin enthaltene Regeln das individuelle Emotionserleben und noch stärker den Ausdruck von Emotionen beeinflussen.251

 „Codes aktualisieren die Emotionen“, sie „ordnen bestimmte […] kulturelle und soziale Bedingungen für das Auftreten von Emotionen […] den Emotionen zu“.252

 „Codes kontrollieren die Emotionen“, indem sie normative gesellschaftliche Regeln des Erlebens und Ausdrucks von Emotionen reflektieren.253

 „Das Verhältnis zwischen dem System der Codes und dem der Emotionen ist durch eine unauflösliche Inkommensurabilität gekennzeichnet; d. h., der Code geht niemals vollständig auf […]. Zwangsläufig treten Über- und Untercodierungen auf […].“254

Auch wenn die Trennung der unterschiedlichen von Vester genannten Funktionen und Eigenschaften emotionaler Kodes nicht immer ganz eindeutig ist, verdeutlichen diese fünf Aspekte,

248 Vester: Emotion, Gesellschaft und Kultur, S. 18. Neu ist der Begriff des Kodierens für den Bereich des Emotionalen bei Vester allerdings nicht. Vgl. z. B. auch Gerhards: Soziologie der Emotionen, S. 227-275.

249 Vester: Emotion, Gesellschaft und Kultur, S. 15.

250 Vgl. ebd., S. 94 (Hervorh. i. O.).

251 Vgl. ebd., S. 95 (Hervorh. i. O.).

252 Ebd. (Hervorh. i. O.).

253 Vgl. ebd., S. 95f. (Hervorh. i. O.).

254 Ebd., S. 96 (Hervorh. i. O.).

was sich hinter dem Kode-Begriff genauer verbirgt und wie umfassend er das Verhältnis von Emotionen, Gesellschaft und Emotionsausdruck greifen kann.255

Mit Vesters Kode-Modell sind in Teilen andere Ansätze in der Emotionsforschung vergleichbar wie zum Beispiel die Rede von emotionalen Skripts, die auch Bartsch und Hübner in ihrer Untersuchung zu emotionaler Kommunikation aufnehmen:

Nach Shaver et al. […] wird der Kernbereich des Emotionswissens durch emotionale Skripts gebildet. Dabei handelt es sich um assoziative Wissensstrukturen, die verallgemeinerte Erfahrungen über den Ablauf emotionaler Erlebnisse beinhalten. Sie werden als emotionale Skripts bezeichnet, weil man sich darunter so etwas ähnliches wie „Drehbücher“ für Emotionen vorstellen kann. Der Skript-Begriff, den Shaver et al. (1987) von Abelson (1976) übernommen haben, veranschaulicht, dass diese emotionalen Wissensstrukturen gleichzeitig zwei verschiedene Funktionen erfüllen. Auf der einen Seite haben sie die Funktion von Wahrnehmungsschemata, die dazu dienen, Erfahrungen einzuordnen und das Verhalten anderer zu verstehen. Auf der anderen Seite dienen sie aber auch als Handlungsschemata, d. h. als „Regieanweisungen“ für eigenes Verhalten.256

Derartige Ansätze, die der emotionalen Kommunikation kulturell tradiertes Wissen und soziale Regeln zugrunde legen, sind für die Konzeptualisierung von Emotionen als Kodes anschlussfähig. Ähnlich ist es auch mit den von Fiehler beschriebenen Kodierungsregeln, wo es schon rein terminologisch deutlich wird, sowie mit dem Konzept der „display rules“, das vor allem von Paul Ekman verwendet wird.257

In der vorliegenden Arbeit wird jedoch der Kode-Begriff verwendet, da er mehr als die Begriffe ‚display rules‘ und ‚emotionale Skripts‘ einschließt. Umfassen diese vor allem die in einer Gesellschaft als angemessen erachteten Ausdrucksweisen von Emotionen beziehungsweise das dem Emotionsausdruck zugrunde liegende Wissen über emotionales Erleben, beinhaltet der Kode-Begriff mehr noch den tatsächlichen Sprachgebrauch in der Kommunikation emotionaler Phänomene.258 Er ist somit für eine Arbeit, die als erstes die Sprache und ihre Verwendung im literarischen Text im Blick hat, der brauchbarste Begriff. Der kodebasierte Ansatz umfasst dabei zwei Richtungen der Informationsvermittlung: Emotionen können semiotisch zum einen als

255 So ist zum Beispiel die Unterscheidung zwischen „Aktualisierung“, „Formung“ und „Kontrolle“ da nicht immer eindeutig, wo sich alle drei Funktionen auf das Vorhandensein sozialer Normen beziehen, die das individuelle Erleben prägen.

256 Bartsch und Hübner: Emotionale Kommunikation, S. 62. Auf diese zwei Funktionen verweisen auch Johnson-Laird und Oatley in ihrer kommunikativen Emotionstheorie. Vgl. z. B. Johnson-Laird und Oatley: „The language of emotions“, S. 84.

257 Fiehler versteht unter Kodierungsregeln „Konventionen, die beschreiben und festlegen, welche Verhaltensweisen in einer Kultur als Manifestation einer Emotion gelten“ und unterscheidet diese von Emotionsregeln, Manifestationsregeln und Korrespondenzregeln. Fiehler: „Wie kann man über Gefühle sprechen?“, S. 19. Vgl. auch Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 80. Zu den „display rules“, die Ekman v. a. für den mimischen Ausdruck von Emotionen verwendet, vgl. z. B. Paul Ekman, Wallace V. Friesen und Phoebe Ellsworth: Emotion in the Human Face:

Guide-Lines for Research and an Integration of Findings. Oxford 1972, S. 23 u. a. m. Gerhards: Soziologie der Emotionen, S. 171f. unterscheidet bei den „Emotionsregeln“ zwischen „Feeling-Norms“ und „Expression-Norms“. Auch hier wird der enge Zusammenhang von „Emotionsregeln“ mit dem in dieser Arbeit angewandten Kode-Modell deutlich.

258 Vgl. auch den ‚Kultur‘-Begriff in: Stets und Turner: „Sociology of Emotion“, S. 32f.: „‚Culture‘ is defined as systems of symbols that humans create and use to regulate the behaviors and interactions, with the key elements of culture including emotion ideologies (appropriate feelings and emotional responses in different situations), emotion stocks of knowledge (emotional experiences that build up over time and become available for use in interaction), emotion vocabularies, and feeling and display rules […]“.

Kodes konzipiert werden, sie gelten dann als „Muster, mit denen der einzelne Informationen aufnimmt und verarbeitet“.259 Zum anderen können Emotionen jedoch auch als kulturell kodiert verstanden werden. Das heißt, „daß die Emotionen [selbst] eingebettet sind in komplexe Informationssysteme [wie kulturelles, konventionalisiertes Wissen, A. F.], so daß sie aus diesem Einbettungsverhältnis ‚Sinn‘ erhalten“.260

Hier und im Rückgriff auf die zu Beginn dieses Kapitels genannten Vorannahmen Vesters wird deutlich, worin die Anschlussfähigkeit eines Kode-Ansatzes für die Analyse von Emotionen in literarischen Texten liegt261: Dem Ausdruck von Emotionen liegt kollektives, also intersubjektiv verständliches Wissen über Auslöser und Situationen, in denen mit Emotionen zu rechnen ist, über phänomenale und über (verbale und nonverbale) expressive Aspekte von Emotionen zugrunde.

Dieses Wissen teilen Angehörige einer Gesellschaft oder Kultur, so dass wechselseitiges Verstehen des Ausdrucks von Emotionen mithilfe von Kodes in den zwei skizzierten Formen der Informationsvermittlung erreicht werden kann. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass – wie der Kode-Begriff und mehr noch das Sprechen vom ‚Dekodieren‘ irreführender Weise nahelegen könnten – schematisch von einer Form des kodierten Emotionsausdrucks direkt in eine konkrete Emotion oder auch nur einen ihrer Teilaspekte übersetzt werden kann.262 Aber es bedeutet, dass auf dieser Grundlage Annahmen über die in einem literarischen Text ausgedrückten Emotionen und über die potenzielle Wirkung dieses Emotionsausdrucks auf den Leser gemacht werden können.263 Denn Literatur partizipiert an diesen emotionalen Kodes. Zum einen nutzt sie sie, zum anderen trägt sie jedoch auch zur Bildung neuer Muster und Ausdrucksformen – also zu Formen der Kodierung von Emotionen – bei.264 Letzteres verdeutlicht, dass es gerade in literarischen Texten trotz des kollektiv geteilten Wissens über Emotionen, das in entsprechenden Kodes repräsentiert wird, auch Formen der Emotionsdarstellung geben kann, die nicht eindeutig auf derartigen Kodes beruhen. Gesine Schiewer fasst dieses Spezifikum literarischer Texte wie folgt:

Literarische Formen der Sprachverwendung und der innovative Umgang mit der Sprache selbst sind in diesem Feld sprachlich-emotionaler Codierung von besonderer Bedeutung, da hier den Phänomenen des Neuen und Überraschenden eine entscheidende Rolle zukommt. Auf sie wird in der Emotionsforschung unter dem Stichwort der ‚emotionalen Kreativität‘ rekurriert […]. Vielfach sind sie es auch, die eine Verfeinerung der verfügbaren Formen des Emotionsausdrucks in einer Sprache überhaupt erst ermöglichen.265

259 Winko: Kodierte Gefühle, S. 84.

260 Vester: Emotion, Gesellschaft und Kultur, S. 76.

261 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 109.

262 Zu diesem Einwand vgl. z. B. Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 379, Anm. 22.

263 Als potenzielle Wirkung der Emotionsdarstellung in einem literarischen Text kann schon das basale Verständnis bezeichnet werden, dass überhaupt Emotionen – gegebenenfalls einer bestimmten Qualität – dargestellt werden.

Weitere mögliche Wirkungen wären der Nachvollzug und die Übernahme von Emotionen durch den Leser. Vgl.

hierzu Winko: Kodierte Gefühle, S. 141-143.

264 Vgl. ebd., S. 14.

265 Gesine Lenore Schiewer: „Sprache und Emotion in der literarischen Kommunikation. Ein integratives Forschungsfeld der Textanalyse“. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 54.3 (2007), S. 346-361; hier S. 357.

Trotzdem dienen emotionale Kodes doch in der Regel als ‚Folie‘, vor deren Hintergrund Emotionen gestaltet werden.266 Zum Gebrauch von Kodes zur Darstellung von Emotionen, zur Identifizierung und vor allem zum Verständnis dieser kulturellen Muster sind also kontextualisierende Analyseverfahren geboten.267 Es ist vor allem zu rekonstruieren, inwieweit bestimmte emotionale Muster konventionalisiert und damit allgemein verständlich sind und auf welche kulturellen Hintergründe mit ihnen zurückgegriffen wird. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass zumindest zeitgenössische Leser und Autoren einer Kultur bestimmtes Wissen über emotionale Muster teilen, das sie durch „lebensweltlich und/oder literarisch angeeignete[…]

Erfahrungen“268 erlangt haben. Eine Schwierigkeit bei der Identifizierung von Kodes und vor allem bei ihrer Dekodierung stellt allerdings – wie beispielsweise auch bei Untersuchungen, die sich mit Werten oder Normen in der Vergangenheit befassen – das je nach zeitlichem Abstand zum Gegenstand oft auch fehlende Wissen über zeitgenössische Konzeptualisierungen von bestimmten Emotionen und deren Ausdrucksmöglichkeiten dar, insbesondere dort, wo eine Kulturgeschichte der Gefühle noch nicht systematisch erarbeitet und damit wissenschaftlich zugänglich gemacht wurde.269 Die Identifizierung und vor allem die Interpretation emotionaler Kodes setzt somit je nach zeitlichem und/oder kulturellem Abstand zum Untersuchungstext und je nach ‚emotionaler Kreativität‘ eine mehr oder weniger große Rekonstruktionsleistung voraus.270

Im Folgenden werden die in diesem und im letzten Kapitel dargestellten Überlegungen aus der linguistischen und der soziologischen Emotionsforschung durch einige Ausführungen zur Darstellung von Emotionen in literarischen Texten und zu Annahmen über die potenzielle emotionale Wirkung von literarischen Texten im Rezeptionsprozess ergänzt.

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 68-72)