Textebenen und sprachliche Mittel der Emotionsgestaltung

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 87-100)

2.3 Analyseinstrumentarium und methodisches Vorgehen

2.3.2 Textebenen und sprachliche Mittel der Emotionsgestaltung

Bei der Analyse der Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten ist also nach den Ebenen zu fragen, auf denen Emotionen in literarischen Texten gestaltet werden und nach den sprachlichen

346 Ebd., S. 379.

347 Vgl. ebd.

348 Winko spricht auch von einer „Vermittlung“ von Emotionen. Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 114.

349 Dennoch ist es wichtig, zwischen Thematisierung und Präsentation von Emotionen zu unterscheiden. So kann es beispielsweise Gedichte geben, in denen eine bestimmte Emotion mehrfach thematisiert, aber durch keinerlei weitere sprachliche Mittel präsentiert wird. Durch implizite Gestaltungsweisen können in solchen Fällen zuweilen auch ganz andere Emotionen als die explizit thematisierte vermittelt werden.

Mitteln, mit denen die Gestaltung von Emotionen konkret erfolgt.350 Unterschieden wird hier nach der Ebene der Oberflächenpräsenz (sprachliche Mikrostrukturen wie Lexik, Syntax etc.) von Emotionen, nach der Ebene der Diegese und nach der Ebene des Textganzen. Dabei nimmt die Komplexität, wie schnell deutlich wird, von Ebene zu Ebene zu. Außerdem kann eine bestimmte Form der Emotionsgestaltung auf verschiedenen Ebenen realisiert werden, die Zuordnung ist also nicht immer trennscharf möglich. Anders gesagt: Die Gestaltung von Emotionen auf der diegetischen Ebene findet selbstverständlich im Einzelnen durch die Gestaltung von Emotionen auf der Oberfläche des Textes statt. Sie erschöpft sich aber auch nicht darin, so dass die beiden Ebenen zu unterscheiden sind. Ebenso verhält es sich mit der Ebene des Textganzen. Auf diese drei Ebenen und die jeweils zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel der Emotionsgestaltung werde ich nun im Einzelnen eingehen.351 Sie bilden das Analyseraster, mit dessen Hilfe die Gedichte von Eich, Kaschnitz und Sachs untersucht werden.

2.3.2.1 Ebene der Oberflächenpräsenz von Emotionen

Unter dem Begriff der Oberflächenpräsenz von Emotionen wird die Gestaltung von Emotionen auf verschiedenen Mikroebenen der Textstruktur wie Lexik und Syntax zusammengefasst.

Hierbei handelt es sich um einfachere sprachliche Strukturen, die als Mittel der Emotionalisierung dienen können.352 Die Oberflächenpräsenz von Emotionen ist also deutlicher erkennbar und bedarf weniger Interpretationsleistung als die Gestaltung von Emotionen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Textstrukturen. Auch zur Identifizierung dieser Oberflächenphänomene sind jedoch mehr oder weniger umfassende Rekonstruktions- und Interpretationsleistungen nötig.

An der Oberfläche eines Textes können Emotionen durch verschiedene sprachliche Mittel und Verfahren dargestellt werden, die im Einzelnen kurz erläutert werden sollen. Sie lassen sich nach dem Grad ihrer Explizitheit und nach den verschiedenen involvierten linguistischen Kategorien unterscheiden. Eine trennscharfe Kategorisierung ist dabei nicht immer möglich, so dass unter Umständen kontextualisierende Argumentationen nötig sind, um ein bestimmtes sprachliches Phänomen beispielsweise als explizite oder als implizite lexikalische Gestaltung von Emotionen zu identifizieren. Die im Folgenden dargestellten Kategorien stellen jedoch ein geeignetes Analyseinstrumentarium zur Identifizierung von unspezifischem Emotionalisierungspotenzial und spezifischen Emotionen im (literarischen) Text dar.

350 Außerdem ist immer nach den Traditionen zu fragen, in denen sie stehen, und danach, wie sie von diesen eventuell abweichen. Vgl. Winko: „Text-Gefühle“.

351 Die Kategorien sind an die Systematik Winkos angelehnt. Diese wurde insbesondere auf Grundlage der Untersuchungen von Schwarz-Friesel und Köppe ergänzt beziehungsweise modifiziert.

352 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 132. Vgl. auch den Begriff der „surface structure“ in. Kneepkens und Zwaan:

„Emotions and Literary Text Comprehension“, S. 127, obgleich die Behauptung „Emotions aroused by the surface structure of a text are A[rtefact]-emotions“, ebd., S. 130, die Möglichkeiten der Emotionalisierung stark einschränkt.

Explizite Gestaltung von Emotionen

Werden Emotionen explizit benannt, so handelt es sich hierbei in Winkos Begriffsverständnis immer um einen Fall der Thematisierung von Emotionen. Dafür spricht, dass die explizite Nennung eines Emotionslexems allein noch nicht eine emotionale Involviertheit der äußernden Instanz ausdrückt.353 Der Grad der Explizitheit ist dabei jedoch, wie oben bereits angemerkt, ebenso zu ermitteln wie die Relevanz der Thematisierung im Gedichtganzen.354 So ist zu unterscheiden, ob eine Emotion nur einmal, zum Beispiel auch nur am Rande, explizit benannt wird oder ob sich das ganze Gedicht um diese eine Emotion und beispielsweise Konventionen ihres Ausdrucks dreht, ob die Emotion also Haupt- oder Nebenthema ist.355 Mittel der expliziten Bezugnahme auf Emotionen können neben Emotionslexemen außerdem solche „Floskeln [sein], die in bestimmten emotional gekennzeichneten Situationen als angebracht gelten“.356 „Mein Beileid!“ thematisiert also zum Beispiel explizit die Emotion Trauer, ohne dass das tatsächliche Empfinden von Trauer vermittelt werden muss.357 Vielmehr können derartige Formeln auch mit einer gewissen Distanz zum Erleben geäußert werden.

Schwarz-Friesel weist darauf hin, dass Emotionslexeme aus semantischer Sicht

„kategoriale“ und „relationale“ Merkmale aufweisen, die sie in ihrer Bedeutung jeweils von anderen Emotionslexemen unterscheiden. Zudem weise jedes Emotionslexem bestimmte Werte bezüglich der Parameter positiv/negativ, intensiv/nicht intensiv und permanent/nicht permanent auf.358 So entsteht ein „globales Netz“ von Gefühlswörtern, das sich aus Oberkategorien und Subfeldern zusammensetzt.359 Die Emotion Trauer wird entsprechend nicht nur durch die Lexeme ‚Trauer‘, ‚traurig‘ und ‚trauern‘ bezeichnet, sondern eben auch durch Wörter wie

‚Traurigkeit‘, ‚niedergeschlagen‘, ‚bedrückt‘ oder ‚Schwermut‘, was wieder auf die Schwierigkeit der begrifflichen Trennung von ‚Trauer‘ und ‚Traurigkeit‘ verweist, die in Kapitel 2.1 bereits Thema war.

353 Um also den emotionalen Zustand einer Figur oder einer Sprechinstanz zu präsentieren, bedarf es weiterer sprachlicher Mittel.

354 Fiehler unterscheidet die Formen „Erlebensbeschreibung“, „Benennung/Beschreibung erlebensrelevanter Sachverhalte“ und „Beschreibung/Erzählung der Umstände eines Erlebens“. Je nachdem, wie explizit der Bezug zu emotionalem Erleben gemacht wird und wie distanziert die Beschreibung erfolgt, kann in diesen Fällen von einer Thematisierung oder von der Präsentation von Emotionen gesprochen werden. Vgl. Fiehler: „Wie kann man über Gefühle sprechen?“, S. 21 und die unten unter „Ebene der Diegese“ (Kapitel 2.3.2.2) aufgeführten Mittel der Emotionsgestaltung.

355 Thematisierungen von Emotionen erfolgen also häufig durch explizite Benennungen, Emotionen können aber auch durch Umschreibungen thematisiert werden. Außerdem gibt es „Ausdrücke, die stereotyp emotionale Bilder kodieren“. Vgl. Hillebrandt: Wirkungspotenzial, S. 78.

356 Winko: Kodierte Gefühle, S. 132.

357 Hillebrandt spricht von „Routineformeln“. Vgl. Hillebrandt: Wirkungspotenzial, S. 78.

358 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 136f.

359 Vgl. ebd., S. 137. Hierbei wird noch einmal der Sinn prototypischer Ansätze in der Emotionsforschung deutlich, denn auch im Bereich der Emotionslexeme gibt es prototypische und weniger typische Begriffe für eine Kategorie.

Vgl. auch ebd., S. 150.

Die verschiedenen Lexeme, die für die Bezeichnung eines kategorialen Phänomens wie

‚Trauer‘ verwendet werden können, unterscheiden sich allerdings in der Regel, wenn auch nur in Nuancen, in ihrer (Zusatz-)bedeutung. Auch bei der lexikalischen Benennung von Emotionen gibt es somit Spielräume. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob das Verb ‚weinen‘

oder die Verben ‚heulen‘ beziehungsweise ‚flennen‘ verwendet werden. Ist die erste Möglichkeit als eher neutral einzuschätzen, sind die anderen beiden Lexeme als pejorativ konnotiert anzusehen.360 Bei der Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten stehen einem Autor also verschiedene explizit Emotionen benennende Lexeme zur Verfügung.361 Die Wahl eines bestimmten Lexems aus einer Menge zur Verfügung stehender Synonyme kann entsprechend – vor allem wenn gerade nicht der neutrale Begriff gewählt wird – auch als Ausdruck von Emotionen oder einer wertenden Haltung der Sprechinstanz zum dargestellten Sachverhalt interpretiert werden.362 Wie bereits in Kapitel 2.2.1 erläutert, lässt die sprachliche Repräsentation einer Emotion Rückschlüsse auf die der Emotion zugrunde liegende Konzeptualisierung zu.363

Formen der expliziten Bezugnahme auf Emotionen können durch sprachliche Mittel begleitet werden, die Emotionen präsentieren. Ob die Thematisierung einer Emotion als ‚neutral‘

(was ebenfalls eine emotionale Einstellung vermitteln kann) oder als emotional sehr bewegt zu interpretieren ist, hängt außerdem von der Sprechsituation und weiteren einzubeziehenden Kontextfaktoren ab.

Implizite Gestaltung von Emotionen

Die implizite Gestaltung von Emotionen unterscheidet sich von der expliziten Benennung von Emotionen dadurch, dass hier größere Inferenzleistungen nötig sind, um Emotionen zu identifizieren. Es ist also eine zumindest geringe, in vielen Fällen auch sehr große Rekonstruktionsleistung erforderlich, um von implizit gestalteten Emotionen auf eine konkrete Emotion zu schließen. Nicht selten wird es gar nicht möglich sein, eine diskrete Emotion zu identifizieren. Dieser Hinweis macht deutlich, dass die Mittel der impliziten Bezugnahme auf Emotionen in aller Regel dem Typ der Präsentation von Emotionen zuzuordnen sind.364

360 Vor allem ‚flennen‘ hat eine stark abwertende Nebenbedeutung. Vgl. ebd., S. 152.

361 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 116.

362 Hier wird noch einmal deutlich, dass Thematisierung und Präsentation als unterschiedliche Typen der Bezugnahme auf Emotionen von den sprachlichen Gestaltungsmitteln, mit denen diese Bezugnahme umgesetzt wird, zu unterscheiden sind.

363 Vgl. auch die Erläuterungen zum Begriff der Konnotation bei Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 162-171.

Derartige Phänomene fallen, was ihre emotionale Nebenbedeutung oder mit ihnen implizit transportierte Bewertungen angeht, bereits in den Bereich der impliziten Gestaltung, dem der große Teil der sprachlichen Gestaltungsmittel von Emotionen zuzuordnen ist.

364 Wenn die Zuordnung zu einer bestimmten Emotion ohne Rekonstruktions- und Interpretationsleistung möglich ist, ist zu bedenken, ob es sich nicht um eine konventionalisierte Ausdrucksweise und damit eher um eine explizite Bezugnahme auf eine konkrete Emotion handelt.

Daher ist es, wie in den vorherigen Kapiteln betont, im Bereich der impliziten Emotionen auch notwendig, ein allgemeines Emotionalisierungspotenzial von einem konkreteren, gegebenenfalls durch Rekonstruktionsleistungen einschränkbaren Emotionspotenzial und schließlich einem eindeutig auf eine konkrete Emotion verweisenden Emotionspotenzial zu unterscheiden. Alle diese drei Formen der Emotionalisierung können mit impliziten Mitteln erreicht werden. Verschiedene linguistische Kategorien eignen sich jedoch unterschiedlich gut für konkrete Emotionalisierungsstrategien. Einige Erläuterungen und Beispiele zu den möglichen sprachlichen Kategorien können helfen, dies zu veranschaulichen.

Phonetische und rhythmisch-metrische Gestaltung:

Verschiedene lautliche und rhythmisch-metrische Mittel können dazu genutzt werden, Emotionalität auszudrücken. Phonetische Mittel können vor allem als „unterstützende Stilmittel“365 aufgefasst werden, die für sich genommen noch keine diskreten Emotionen präsentieren können. Metrum und Rhythmus können als Signale für eine emotionale Bewegtheit oder Beteiligung beispielsweise der Sprechinstanz gedeutet werden. Hierzu zählt vor allem die rhythmische Gestaltung durch Sprechpausen (zum Beispiel auch verstärkt durch Gedankenstriche) und besondere Akzente, aber auch das Metrum eines Gedichts.366 Für die Formen moderner Lyrik, für die ein festes Metrum eine untergeordnete Rolle spielt, können wiederum andere Regelmäßigkeiten oder auch Brüche in einer zunächst regelmäßigen Gestaltung relevant sein. Der Rhythmus eines Gedichts kann so beispielsweise ein ‚Gehetztsein‘ oder die Vergeblichkeit des Handelns von Figuren unterstreichen.

Grammatisch-syntaktische Gestaltung:

Neben Ausrufen und Fragen gelten hier insbesondere Abweichungen von der ‚normalen‘ Syntax als Mittel der Emotionsgestaltung – zum Beispiel „Sätze, die in normaler Sprachverwendung eingebettet vorkommen“ und „ohne diese Einbettung gebraucht“ werden367 („Wie schön!“ oder

„Ob es ihm gut geht?“) – und emotional gefärbte Einbettungen. Auf Letztere geht Schwarz-Friesel ein, wenn sie von Doppelpropositionen spricht, bei denen eine Sachverhaltsproposition durch eine Einstellungsproposition ergänzt wird. Als Beispiele nennt sie Konstruktionen wie „Ich befürchte, dass …“, „Es ist wunderbar, dass …“ und dergleichen mehr.368 Optativ- („Hätte ich das doch nicht getan!“) und Exklamativsätze („Das ist aber traurig/wunderbar/ärgerlich!“) sind

365 Winko: Kodierte Gefühle, S. 133.

366 Vgl. ebd., S. 133f.

367 Ebd., S. 134.

368 Das erste Beispiel enthält zusätzlich eine explizite Benennung der Emotion Furcht/Angst. Die Emotion wird also auf der Inhaltsebene thematisiert und durch die Einbettung der Sachverhaltsproposition in die Einstellungsproposition gleichzeitig präsentiert. Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 174. Ebenso funktioniert die Einbettung in kognitive Prozesse, vgl. ebd., S. 180.

weitere Möglichkeiten, durch syntaktische Mittel Emotionalität zu präsentieren.369 Wie hieran deutlich werden sollte, kann allein aus der syntaktischen Struktur der Aussage jedoch nicht auf eine konkrete Emotion geschlossen werden, auch wenn Optativsätze in der Regel Ausdruck des Bedauerns sind.370 Für eine eindeutige Identifizierung diskreter Emotionen sind immer weitere ko- und kontextuelle Hinweise notwendig.

Anaphorische Beziehungen, die der Herstellung von Kohärenz in einem Text dienen, können ebenfalls zur Emotionsdarstellung beitragen.371 Wie Schwarz-Friesel deutlich macht, kann hier durch die Wahl der Anapher emotionalisiert werden („Gestern hat mich meine Schwester besucht. Die Arme war ganz durcheinander.“). Dieser Bereich der syntaktisch-grammatischen Mittel der Gestaltung von Emotionen hängt, da es sich hierbei in erster Linie um die Auswahl von Lexemen handelt, eng mit der Kategorie der lexikalischen Gestaltung zusammen. Er geht jedoch dort darüber hinaus, wo die anaphorische Wiederaufnahme von bestimmten Texteinheiten der Betonung dieser Texteinheiten dient oder der Herstellung von Beziehungen zwischen scheinbar nicht zusammengehörigen Informationen etc.

Implizite lexikalische Gestaltung:

Hierzu zählen zum einen solche Wörter, die „sich erst durch Kontextinformationen als

‚emotional konnotiert‘ identifizieren lassen“372, also Lexeme, die erst im konkreten Zusammenhang eines Textes emotional aufgeladen werden, wie beispielsweise das Wort

„Bäckerein“ [sic] in Günter Eichs Gedicht „Weg zum Bahnhof“ (EW I, 69 und 91f.), auf das später noch einmal eingegangen wird. Zum anderen zählen hierzu Mittel der Wortbildung wie Affigierungen, die eine innere Beteiligung der Sprechinstanz signalisieren ohne dabei selbst auf eine bestimmte Emotion zu referieren, schließlich die oben bereits angesprochene Konnotation, also die kulturell tradierte „emotive Neben- oder Zusatzbedeutung“373 von Lexemen. Die Ko- und Kontextabhängigkeit einzelner Äußerungen ist hier von großer Relevanz. Die lexikalische Bedeutung einer Äußerung wird also durch kontextuelle Faktoren ergänzt.374 Schwarz-Friesel nennt außerdem Interjektionen, Modalpartikeln und Diminutiva375 neben expressiven Adjektiven/Adverbien wie ‚wunderbar‘, ‚toll‘ und ‚herrlich‘376 und expressiven Verben wie

‚wünschen‘ und ‚erflehen‘377. Für sie transportieren „emotionsausdrückende Wörter […] über ihre

369 Vgl. ebd., S. 184f.

370 Vgl. ebd., S. 185.

371 Vgl. ebd., S. 214.

372 Winko: Kodierte Gefühle, S. 135.

373 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 162.

374 Vgl. ebd., S. 174f. Nur so könne Schwarz-Friesel zufolge auf den „kommunikativen Sinn“ (beziehungsweise die illokutionäre Bedeutung) einer Äußerung geschlossen werden. Vgl. ebd., S. 175f.

375 Vgl. ebd., S. 151f.

376 Vgl. ebd., S. 183.

377 Vgl. ebd., S. 179.

semantische Information primär emotionale Eindrücke und Einstellungen“ und „fungieren […]

eher als Symptome denn als Symbole“.378

Interjektionen dienen traditionell dem unmittelbaren Ausdruck von Emotionalität. Die Bandbreite der mit ihnen ausgedrückten möglichen Emotionen ist dabei sehr weit.379 Sie gelten als Entlehnungen aus dem mündlichen Sprachgebrauch als „spontane[r] Ausdruck starker, subjektiver Emotionalität“380 und können somit in schriftlichen Texten immer als Hinweis auf emotionale Phänomene angesehen werden. Dabei kann Norbert Fries zufolge zwischen emotiven, expressiven und appellativen Interjektionen unterschieden werden.381 Dass einzelne Interjektionen je nach Kontext sowohl als das eine als auch als das andere fungieren können, verweist auf die Wichtigkeit von Ko- und Kontextualisierungen auch bei der Analyse von Interjektionen als Mittel der Darstellung von Emotionen in literarischen Texten.382 Weiter können von diesen primären Interjektionen ohne denotative Funktion (‚oh‘, ‚ah‘, ‚mmh‘, ‚na‘) die sekundären Interjektionen unterschieden werden, die häufig „denotative Bedeutungskomponenten“ aufweisen (‚Donnerwetter‘, ‚Herrgott‘).383 Auch die Stellung einer Interjektion kann unterschiedliche Funktionen haben.384

Diminutiva und Evaluativa, die in den Bereich der Wortbildungsaffixe fallen, dienen in erster Linie dem Ausdruck einer emotionalen Einstellung des Sprachproduzenten.385 Auch Modalpartikeln wie ‚endlich‘ und ‚leider‘ können als Ausdruck der emotionalen Einstellung zu einem Sachverhalt interpretiert werden. Sie beziehen sich in der Regel auf einen ganzen Satz und hängen demnach eng mit den Mitteln der Emotionspräsentation durch syntaktische Mittel zusammen.386 Schließlich gibt es verschiedene lexikalische Mittel des Intensitätsausdrucks.

Schwarz-Friesel nennt beispielsweise Dimensionsadjektive und Partikeln, außerdem verschiedene Morpheme, die in der Regel der Intensitätssteigerung des Ausdrucks dienen wie beispielsweise

‚super-‘ oder ‚Top-‘.387

378 Ebd., S. 151. Der Begriff ‚Symptom‘ sollte hier jedoch nicht mit der Verwendung des Begriffs bei Eder (vgl. oben, Kapitel 2.2.3) verwechselt werden, der ganze Artefakte als mögliches Symptom für eine emotionale Einstellung eines Sprechers oder auch für eine gesellschaftliche Haltung ansieht. Bei Schwarz-Friesel ist der Begriff ‚Symptom‘ als Hinweis auf die emotionale Einstellung einer Sprechinstanz zu verstehen. Das schließt selbstverständlich nicht aus, dass diese einen umfassenderen symptomatischen Charakter im Sinne Eders entwickelt, es kann sich jedoch bei Schwarz-Friesel auch um ein sehr viel weniger komplexes ‚Symptom‘ handeln.

379 Vgl. die nicht vollständige Liste bei Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 155f.

380 Ebd., S. 155.

381 Vgl. Norbert Fries: „Die Wortart ‚Interjektionen‘“. In: D. Alan Cruse u. a. (Hrsg.): Lexikologie. Ein internationales Handbuch zur Natur und Struktur von Wörtern und Wortschätzen. Halbband 1. Berlin, New York 2002 (=Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 21.1), S. 654-657; hier S. 656.

382 So kann ‚na‘ beispielsweise Überraschung ausdrücken, in einem anderen Kontext jedoch auch Missfallen.

383 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 156.

384 Vgl. ebd., S. 157.

385 Vgl. auch ebd., S. 152.

386 Vgl. ebd., S. 181f.

387 Vgl. ebd., S. 187f.

Bildliche Gestaltung:

Gerade im oft schwer in Worte zu fassenden Bereich der Emotionen ist mit einer Fülle an bildlichen Sprechweisen zu rechnen.388 Je nach Konventionalisierungsgrad können Mittel des bildlichen Sprechens nicht nur der Präsentation, sondern auch der Thematisierung von Emotionen dienen. Beziehen sie sich auf eine spezifische Emotion, kann diese so thematisiert werden, ohne dass sie explizit benannt werden müsste. Diese Form der Bezugnahme auf Emotionen fällt in den von Fiehler angeführten Bereich der „festen metaphorischen Wendungen“.389 Explizite und implizite Formen der Bezugnahme auf Emotionen sind also nicht immer klar zu unterscheiden. Dafür ist nach dem Grad der Konventionalisierung zu fragen. Für die Entscheidung für den einen oder den anderen Typen der Gestaltung von Emotionen muss gegebenenfalls kontextualisierend argumentiert werden.

Auf die Fülle von charakteristischen Formen des metaphorischen Sprechens über Emotionen wurde bereits in Kapitel 2.2.1 hingewiesen. Die von Kövecses und anderen durch die Analyse von emotionalen Metaphern herausgearbeiteten typischen Konzeptualisierungen von Emotionen weisen auf einen eher konventionalisierten Sprachgebrauch hin. So kann beispielsweise die Metapher ‚innerlich kochen‘ als konventionalisierte Metapher für Wut verstanden und entsprechend als Thematisierung dieser Emotion bezeichnet werden. Gerade in literarischen Texten ist aber natürlich mit einem hohen Innovationspotenzial im Bereich des bildlichen Sprechens über Emotionen zu rechnen, so dass die Möglichkeit vielfältiger metaphorischer Präsentationen von Emotionen bedacht werden sollte. Das gilt auch für andere Formen bildlicher Ausdrucksweisen wie Metonymien und Vergleiche, wo konventionellere Korrelationen neben innovativen Ausdrucksweisen stehen.390

Es lassen sich in jedem Fall Bereiche identifizieren, die im bildlichen Sprachgebrauch eher mit positiven Emotionen verbunden werden, und andere, die der Präsentation negativer Emotionen dienen. Schwarz-Friesel weist zum Beispiel auf die Gegensatzpaare Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Höhe und Tiefe hin, was auch durch Kövecses’ Untersuchungen gestützt wird.391 Diese verschiedenen konventionellen Kodierungsformen von Emotionen hängen eng mit Konzeptualisierungen emotionaler Zustände zusammen, lassen also Rückschlüsse auf das in einer Kultur vorherrschende Verständnis vor allem von physischem Gefühlserleben zu.

388 Vgl. ebd., S. 199 und 201.

389 Vgl. Fiehler: „Wie kann man über Gefühle sprechen?“, S. 23.

390 Zu konventionellen Vergleichskorrelationen vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 191-195.

391 Vgl. ebd., S. 193f. und Kövecses: Metaphor and Emotion.

Rhetorische Gestaltung:

Als rhetorische Mittel der Gestaltung von Emotionen dienen „Positionsfiguren […], Wiederholungsfiguren, Amplificatio, Appellfiguren […] und andere rhetorische Stilmittel“392, also zum Beispiel rhetorische Fragen, Klimax, Reduplikationen, Parallelismen etc. Diese Mittel können der Steigerung der Intensität des Ausdrucks dienen, bestimmte Aussagen betonen, Sinnbereiche zueinander in Beziehung setzen etc.393 Sie lassen sich auch eher als Ausdruck einer emotionalen Beteiligung der Sprechinstanz denn als Bezug auf eine diskrete Emotion interpretieren.394 Hier wäre an den Begriff des Foregrounding zu erinnern, wie ihn van Holt und Groeben verwenden. Teilt man ihre Annahme, dass ein höherer Grad an Foregrounding eher Artefakt-Emotionen als beispielsweise Empathie mit fiktiven Figuren hervorruft, wird noch einmal deutlich, dass literarische Artefakte eine Vielzahl unterschiedlicher Emotionen auf verschiedenen Ebenen der Rezeption beziehungsweise Wahrnehmung hervorrufen können.395

2.3.2.2 Ebene der Diegese396

Hier geht es um das, was Köppe als „diegetische Emotionen“ bezeichnet: um die Frage, wie

„Emotionen auf der Ebene der fiktiven Welt vermittelt“ werden, auf welche Weise also Emotionen von Figuren gestaltet werden.397 Ein Beispiel kann helfen, den Unterschied zur Ebene der

„Emotionen auf der Ebene der fiktiven Welt vermittelt“ werden, auf welche Weise also Emotionen von Figuren gestaltet werden.397 Ein Beispiel kann helfen, den Unterschied zur Ebene der

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 87-100)