2.3 Analyseinstrumentarium und methodisches Vorgehen

2.3.1 Typen der sprachlichen Gestaltung von Emotionen

Als grundlegende Typen der sprachlichen Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten lassen sich die ‚Thematisierung‘ und die ‚Präsentation‘ von Emotionen unterscheiden. Diese können unabhängig voneinander genutzt werden, sich gegenseitig betonen oder sich auch widersprechen.326 Bei der Thematisierung von Emotionen in (literarischen) Texten geht es um Propositionen, um die Nennung oder Umschreibung von Emotionen und damit vor allem um die Analyse dessen, was über Emotionen im jeweiligen Text gesagt wird. Das kann Aussagen über Definitionen oder die angemessene Ausdrucksweise einzelner Emotionen oder über emotionstypische Situationen beinhalten. Es ist aber auch zu untersuchen, wie Emotionen thematisiert werden, also mit welchen Begriffen oder auch Bildern auf Emotionen Bezug genommen wird.327 Neben der expliziten Benennung einer Emotion können also noch einige weitere sprachliche Mittel der Thematisierung von Emotionen dienen (s. hierzu Kapitel 2.3.2).

Die Analyse der Thematisierung von Emotionen kann zweierlei aufzeigen: zum einen ihre Funktionalisierung im Einzeltext und zum anderen – im diskursgeschichtlichen Vergleich – die Konzeptualisierung und die Rolle von Emotionen in einer bestimmten Epoche oder gesellschaftlichen Gruppe.328

Die Präsentation von Emotionen in literarischen Texten unterscheidet sich von der Thematisierung insofern, als es hier nicht um auf Emotionen bezogene Propositionen geht, sondern um die direkte ‚Vermittlung‘ von Emotionen.329 Emotionen werden also nicht benannt, sondern vielmehr dargestellt, indem zum Beispiel emotionale Sprechweisen (Satzabbrüche, Stammeln, Ausrufe) verwendet, emotional motiviertes Handeln oder eine für bestimmte

324 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 14 und Kapitel 2.2.2 der vorliegenden Untersuchung.

325 Ergänzend vgl. auch Fries: „Kodierung von Emotionen. Teil 1“ und „Kodierung von Emotionen. Teil 2“.

326 Vgl. Winko: Kodierte Gefühle, S. 111-119.

327 Vgl. ebd., S. 111-114.

328 Zu diskursgeschichtlichen Untersuchungen von Emotionen im Allgemeinen vgl. ebd., S. 113f. und Kapitel 2.2.3 dieser Arbeit. Winko weist jedoch auch auf ein Problem diskursgeschichtlicher Untersuchungen thematischer Emotionsdarstellung in literarischen Artefakten hin: Diese konkurrierten mit nichtliterarischen Texten insofern, als die Untersuchung der Thematisierung von Emotionen in Letzteren unter Umständen ein sehr viel verlässlicheres Bild der Konzeption von Emotionen zu einer bestimmten Zeit liefern könne. Literarische Texte sollten somit nicht ohne weitere Kontextualisierung als Beweis für ein gültiges Emotionskonzept ihrer Entstehungszeit missverstanden werden. Denn das hieße eben auch, ihre Spezifika als literarische und damit fiktionale Texte zu missachten. Vgl.

Winko: Kodierte Gefühle, S. 12.

329 Vgl. ebd., S. 114-119.

Emotionen typische Körperhaltung beschrieben werden. Statt von ‚Präsentation‘ könnte man also auch von ‚Vermittlung‘ oder ‚Ausdruck‘ sprechen.330 Sprachliche Mittel werden dabei als unmittelbare Verweise auf Emotionen eingesetzt. Hier spielen vor allem implizite sprachliche Mittel und Strukturen eine Rolle. Die Präsentation von Emotionen kann somit auf sehr vielfältige Weise erfolgen. Syntaktische Strukturen können dabei ebenso zum Tragen kommen wie die konnotative Bedeutung der verwendeten Lexeme und die Stellung bestimmter Aussagen innerhalb des Textes.331 Die Wahl der zur Verfügung stehenden Mittel ist dabei in der Regel kulturell kodiert. Bei der Analyse der Präsentation wie der Thematisierung von Emotionen in literarischen Texten ist also nach den sprachlichen Mitteln zu fragen, mit denen Emotionen gestaltet werden, nach den Traditionen, in denen sie stehen, und wie sie von diesen eventuell abweichen.

Der Typ der Thematisierung nach Winko erscheint da sehr weit gefasst, wo nur benannt, über die Emotion aber sonst nichts ausgesagt wird. Eine solche explizite Benennung muss aus meiner Sicht nicht automatisch eine Thematisierung i. e. S. (also als Proposition, als Aussage über etwas) darstellen. Schwarz-Friesel spricht, wie oben bereits angemerkt, daher teilweise von

„Bezeichnung“, Fiehler unterscheidet „Benennung“ und „Beschreibung“.332 Tilmann Köppe verwendet den Begriff ‚Thematisierung‘ in einem engeren Sinne nur, wenn im Text „von der Handlungsebene abstrahierbare emotionsbezogene Aussagen“ gemacht werden.333 Eventuell wäre der Begriff ‚Thematisierung‘ also für diesen enger gefassten Typ der

„Emotionsrepräsentation[…]“334 vorzubehalten und neben diesem und der ‚Präsentation‘ von Emotionen zusätzlich die einfache ‚Benennung‘ einzuführen. Bevor in dieser Frage eine Entscheidung getroffen wird, sei jedoch etwas genauer auf Köppes Differenzierungsvorschlag eingegangen, da er von Winkos Kategorien im Einzelnen abweicht und so auf mögliche Ergänzungen verweist.

Köppe unterscheidet drei Formen der Relation zwischen Text und Emotion beziehungsweise drei Repräsentationsformen von Emotionen in literarischen Texten: die diegetische Darstellung von Emotionen, die Thematisierung und den Ausdruck von Emotionen.335 Werden Emotionen der Sprechinstanz oder einer Figur auf der Ebene der fiktiven Welt gestaltet, handelt es sich um diegetische Emotionen. Die Untersuchung von diegetischen

330 Zur Begründung, warum der Begriff ‚Präsentation‘ gewählt wurde, vgl. noch einmal Kapitel 2.2.1.

331 Neben den Ausführungen weiter unten in diesem Kapitel vgl. dazu auch Kapitel 2.2.1 dieser Arbeit und umfassend Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 134-209.

332 Vgl. ebd., S. 144 und Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 115-120. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sowohl Schwarz-Friesel als auch Fiehler diese Unterscheidung machen, um linguistisch genau zu differenzieren. Winkos Unterscheidung liegt dagegen der Versuch zugrunde, zwei Typen der sprachlichen Gestaltung zu differenzieren, die jeweils auf mehrere verschiedene linguistische Kategorien bezogen werden können.

333 Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 379.

334 Ebd., S. 374.

335 Vgl. ebd., S. 377-380.

Emotionen berücksichtigt, dass Emotionen sowohl ein Trägersubjekt als auch ein Objekt aufweisen und – im Anschluss an Ergebnisse der Emotionsforschung – dass es unterschiedliche Aspekte von Emotionen gibt, die im literarischen Text dargestellt werden können.336 Einzelne auf der Handlungsebene dargestellte Aspekte von Emotionen können Köppe zufolge als Hinweise auf Emotionen dienen. Wichtig ist auch seine Anmerkung, dass das Trägersubjekt von Emotionen im literarischen Text, speziell im Gedicht, genau untersucht werden müsse, da die Unterscheidung zwischen Emotionen der Sprechinstanz und Emotionen weiterer Figuren Einfluss auf das emotionale Wirkungspotenzial haben könne.337 Köppe differenziert daher zwischen der „unmittelbare[n] (expressive[n]) Manifestation einer Emotion“ durch die Sprechinstanz und den „emotionale[n] Zustände[n]“ anderer Figuren, die explizit oder implizit über die Figurenrepräsentation vermittelt werden und damit nicht unmittelbarer Ausdruck von Emotionen sind.338 Für beide Formen der Emotionsrepräsentation auf der diegetischen Ebene des Textes steht eine Vielzahl sprachlicher Manifestationsformen von Emotionen zur Verfügung (Lexik, syntaktische Strukturen, narrative Gestaltung, Interjektionen, Ausrufe u. a. m.).339

Bei der Thematisierung von Emotionen handelt es sich Köppe zufolge dagegen um einen

„von der Handlungsebene abstrahierte[n], meist generelle[n] Zusammenhang“, also um „von der Handlungsebene abstrahierbare emotionsbezogene Aussagen“, die dem Text interpretativ zugeschrieben werden.340 Sie ließen sich nach dem „Grad der Eindeutigkeit/Explizitheit“, der Gewichtung, Zuspitzung und „illokutionäre[n] Kraft“ unterscheiden und könnten die diegetische Darstellung von Emotionen verstärkend oder widersprechend begleiten, jedoch auch unabhängig von einer diegetischen Darstellung von Emotionen auftreten. Wie bei den diegetischen Emotionen können Köppe zufolge unterschiedliche (typische) Aspekte ebenso wie Ursachen, Wertungen etc. von Emotionen thematisiert werden.341

Köppes Kategorie des ‚Ausdrucks‘ von Emotionen ist, anders als beispielsweise die Verwendung des Begriffs in linguistischen Arbeiten zum Thema, nicht mit Winkos Kategorie der

‚Präsentation‘ gleichzusetzen.342 Bei ihm bezieht sich der Ausdruck von Emotionen auf das Gedicht selbst, nicht auf den unmittelbaren Ausdruck (im oben beschriebenen Sinne der Präsentation) von Emotionen beispielsweise einer Sprechinstanz, deren Emotionen bei Köppe unter die diegetischen Emotionen fallen.343 Er bewegt sich mit diesem Begriff also ebenso wie bei

336 Vgl. ebd., S. 377f.

337 Zu diesem Anspruch vgl. auch: Anz: „Kulturtechniken“, S. 213.

338 Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 378.

339 Vgl. hierzu ebd., S. 377-380; Winko: Kodierte Gefühle, S. 131-141 und die sich in weiten Teilen daran orientierenden Analysekategorien weiter unten in diesem Kapitel.

340 Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 379.

341 Vgl. ebd.

342 Vgl. Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion, S. 12, 134, 267 u. a. m. sowie Fiehler: Kommunikation und Emotion, S. 96f.

343 Vgl. Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 379f.

der Kategorie der Thematisierung nicht mehr auf der Handlungsebene des Gedichts, sondern auf einer davon zu unterscheidenden Ebene der emotionalen „Ausdrucksqualitäten (expressive properties) [,die] dem Gedicht [oder dessen einzelnen Komponenten, A. F.] selber zugesprochen [werden]“344.

Zusammengefasst unterscheidet Köppe also zwischen Emotionen auf der Handlungsebene, der davon abstrahierenden thematischen Ebene und der Ausdrucksebene des Gedichts.345 Er benennt somit verschiedene Formen, die die Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten annehmen kann, differenziert dabei aber anders als Winko nicht systematisch die sprachlichen Mittel dieser Gestaltung. Die Unterscheidung der drei Formen lässt sich also weniger durch die Untersuchung sprachlicher und struktureller Mittel als erst durch eine darüber hinausgehende Metaperspektive auf den zu untersuchenden Text und die in ihm identifizierten Mittel der sprachlichen Gestaltung von Emotionen erreichen. Köppes Kategorien erlauben damit zunächst keine genaue Unterscheidung zwischen Sätzen wie „Er war traurig.“ und „Er brach schluchzend zusammen.“. Beide Sätze können der Repräsentation von Emotionen auf der Handlungsebene dienen, unterscheiden sich aber im Grad der Explizitheit und im Grad der Unmittelbarkeit. Sinnvoll erscheint daher entweder eine weitere Binnendifferenzierung mindestens der diegetischen Ebene nach unterschiedlichen Mitteln der sprachlichen Gestaltung oder eine Orientierung an Winkos Begriffspaar, in das die Überlegungen von Köppe integriert werden. Um eine immer kleinteiliger werdende Terminologie zu vermeiden und da Winko die umfassendere Systematik anbietet, auf die Köppe sich auch beruft, erscheint die zweite Lösung sinnvoller. Im Folgenden wird also zwischen der Thematisierung und der Präsentation als Typen der Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten unterschieden.

Die Thematisierung von Emotionen: Hier geht es um Aussagen über Emotionen. Es ist zum einen zu untersuchen, wie, also mit welchen Gestaltungsmitteln, Emotionen dargestellt werden, zum anderen ist danach zu differenzieren, auf welcher Beschreibungsebene Emotionen thematisiert werden, ob also Figuren oder die Sprechinstanz auf der diegetischen Ebene über Emotionen sprechen oder ob Emotionen unabhängig von der Handlungsebene (also in Köppes Verständnis des Begriffs) als abstrakteres Thema des Gedichts verhandelt werden. Dabei ist danach zu fragen, wie zentral die Thematisierung von Emotionen für das Gedicht ist. So können literarische Texte beispielsweise aus philosophischer oder weltanschaulicher Perspektive bestimmte Emotionen, deren Auslöser oder Ausdruckskonventionen als Hauptthema des Textes

344 Ebd., S. 380.

345 Köppe führt zudem verschiedene Formen der möglichen emotionalen Reaktionen durch den Leser an. Er unterscheidet diese in Anlehnung an Eder nach dem Objekt der Emotion: Handlungsebene/Diegese, Artefakt, Kommunikat, Interpretament und sonstige Gegenstände. Die Kategorien werden hier nicht weiter berücksichtigt, da sie erstens mit den in Kapitel 2.2.3 angeführten Überlegungen weitgehend übereinstimmen und zweitens auch von Köppe selbst in seiner Beispielanalyse ausgeklammert werden. Vgl. Köppe: „Lyrik und Emotionen“, S. 381-384 und 387.

verhandeln oder eine Emotion wird nur am Rande benannt, ist aber nicht zentrales Thema des Gedichts. Oben wurde bereits darauf hingewiesen, dass diese Arten der expliziten Bezugnahme auf Emotionen gegebenenfalls noch einmal zu unterscheiden wären, um so reine Benennungen von ausführlicheren Thematisierungen zu trennen. Um auch an dieser Stelle eine zu kleinteilige, weil eventuell jeweils nur Einzelfälle berührende Terminologie zu verhindern, werden alle diese Fälle als ‚Thematisierung‘ von Emotionen bezeichnet. Zu differenzieren ist allerdings der „Grad der Eindeutigkeit/Explizitheit“.346 Schließlich muss auch herausgearbeitet werden, was über Emotionen ausgesagt wird, was also gegebenenfalls die von der Handlungsebene abstrahierbaren Aussagen im Sinne Köppes sind.347

Die Präsentation von Emotionen: Damit sind alle nicht expliziten Darstellungsweisen von Emotionen gemeint, die, wie Köppe richtig anmerkt, auf die verschiedensten Aspekte von Emotionen Bezug nehmen können. Hier geht es also nicht um Aussagen über, sondern um Hinweise auf Emotionen, beispielsweise durch die Wortwahl, das Handeln einer Figur, Satzabbrüche oder die Beschreibung der Körperhaltung einer Figur.348 Auch hier ist zum einen deutlich herauszuarbeiten, mit welchen sprachlichen Mitteln Emotionen präsentiert werden, zum anderen, ob es sich um Emotionen einer Figur oder der Sprechinstanz handelt oder ob das Gedicht auf eine andere Art und Weise Emotionen ausdrückt.

Für die genaue Analyse der Gestaltung von Emotionen in literarischen Texten bieten die zwei dargestellten Typen der Emotionsgestaltung jedoch noch keine brauchbaren Kategorien, da sich für beide verschiedenste sprachliche Mittel anbieten und auch die potenzielle Wirkung eines Textes von mehr als nur von der Unterscheidung zwischen diesen beiden Typen abhängig ist.349 Aufgabe einer textorientierten literarischen Emotionsanalyse, wie sie in der vorliegenden Studie verfolgt wird, ist es vielmehr, die Verwendungsweisen von sprachlichen Mitteln zur Gestaltung von Emotionen auf unterschiedlichen Ebenen des literarischen Textes herauszuarbeiten. Diese Ebenen und verschiedene sprachliche Mittel und Verfahren der Gestaltung von Emotionen werden im Folgenden genauer erläutert.

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 83-87)