1.3 Zur Auswahl der untersuchten Autoren

1.3.2 Marie Luise Kaschnitz (1901–1974)

Auch Marie Luise Kaschnitz kann in vielerlei Hinsicht als eine für die deutsche Nachkriegslyrik repräsentative Lyrikerin gelten. Sie verbindet in ihrem Werk Klassisches und Innovation, konventionelle Formensprache und die Thematisierung aktueller gesellschaftlicher Themen.139 Mit ihrer frühen Nachkriegslyrik kann sie wie Eich durchaus als Beispiel gegen den Mythos der ‚Stunde Null‘ angeführt werden.140 Die Kontinuitäten beziehen sich zum einen auf formale Gestaltungsweisen, zum anderen auf ein klassisch-romantisches Themen- und Bildinventar von Heimat über Natur bis hin zu griechischer und römischer Mythologie.141 Dass das im Falle von Kaschnitz jedoch keine Abkehr vom Zeitgeschehen und von der Verantwortung des einzelnen Menschen in seiner Zeit bedeutet, wird beim Blick in ihre Nachkriegstexte schnell deutlich.142 In den ersten ‚Trümmergedichten‘ der unmittelbaren Nachkriegszeit wie „Rückkehr nach Frankfurt“

kommt zum Ausdruck, dass sich Kaschnitz von einer von klassisch-romantischen Traditionen

137 Einige Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung von Trauer in einzelnen Texten Eichs finden sich in Buchheit:

Formen und Funktionen, wobei die in den Texten gestaltete Kommunikationssituation im Vordergrund steht. Zum Gedichtband Zu den Akten (1964) und späteren Texten vgl. z. B. ebd., S. 93-108.

138 Wie schon die vorangegangenen Überblicksdarstellungen zeigen, kann Eich als einer der repräsentativsten Dichter der Nachkriegszeit bezeichnet werden. Sein Rang für die Nachkriegslyrik wurde auch schon von Zeitgenossen wahrgenommen. Mit 17 Gedichten ist Eich mit Abstand am häufigsten – und in fast allen Sektionen des Buches – in Walter Höllerer (Hrsg.): Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Frankfurt a. M. 1956 vertreten. Von Celan (7 Gedichte), Benn (4 Gedichte), Brecht (4 Gedichte) und Krolow (11 Gedichte) beispielsweise wurden weitaus weniger Texte ausgewählt.

139 Schon zu Lebzeiten wurde Kaschnitz’ Dichtung explizit zwischen Tradition und Moderne eingeordnet. Vgl.

Reiner Reiners: „Tradition und Moderne in der Lyrik von Marie Luise Kaschnitz“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 14 (1965), S. 40-57.

140 Vgl. hierzu ausführlich Theodor Eduard Dohle: Marie Luise Kaschnitz im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit. Ein Beitrag zu den Publikations- und Wertungsbedingungen der nicht-nationalsozialistischen Autorin. Diss. phil. München 1989, S. 163, 166 u. a. m.

141 Vgl. hierzu auch Zürcher: „Die Nachkriegsgedichte“, S. 196f.

142 Zu Kaschnitz’ „Wirklichkeitszukehr“ oder „Zeitgenossenschaft“ vgl. Schnell: „Traditionalistische Konzepte“, S. 222 und Karl Krolow: „Die Lyrik in der Bundesrepublik seit 1945“. In: Dieter Lattmann (Hrsg.): Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart in Einzelbänden. Autoren, Werke, Themen, Tendenzen seit 1945. Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland. München 1973, S. 347-532; hier S. 365f.

geprägten Dichtung zunächst vor allem thematisch löst.143 In den fast 30 Jahren zwischen Kriegsende und ihrem Tod 1974 entwickelt sich ihre Lyrik jedoch sowohl formal als auch inhaltlich stetig weiter. Die Dichterin setzt sich durchaus sprachskeptisch mit den Möglichkeiten lyrischen Schreibens in ihrer Zeit auseinander und findet zunehmend zu einer innovativen Formensprache.144 Inhaltlich gehen insbesondere in den 1950er Jahren auch stärker gesellschaftspolitische Themen in ihre Dichtung ein.145 Stilistisch drückt sich in den Gedichten der frühen 1960er Jahre nicht nur eine zunehmende Verknappung aus, sondern Kaschnitz nimmt auch bereits eine Sprechweise vorweg, die im Laufe der 1960er und als sogenannte Neue Subjektivität bis in die 1970er Jahre hinein – beispielsweise im Rahmen der Diskussion um das ‚lange Gedicht‘ (Höllerer) und der Hinwendung zur Darstellung des Alltags – weiterreichende Wirkung entfalten sollte.146 Hermann Korte geht daher sogar so weit, zu behaupten, dass „in der Werkchronologie der Kaschnitz die Evolution der Lyrik [nach 1945, A. F.] in nuce zu studieren“ sei.147

Neben dieser Repräsentativität für die deutsche Nachkriegslyrik ist für die vorliegende Untersuchung von besonderem Interesse, dass überindividuelle und persönliche Erfahrungen und Emotionen in Kaschnitz’ Werk eng beieinander zu stehen scheinen. Zum einen lenkt die Dichterin den Blick auf das zerstörte Deutschland und gesellschaftliche Entwicklungen, auf die Schuld der Gesellschaft und des Einzelnen. Zum anderen gestaltet sie in ihren Gedichten aber auch private Themen. Ihrem Werk wird in der Forschung insgesamt eine sehr persönliche Dimension zugeschrieben. Immer wieder ist von autobiografischen Bezügen ihrer Texte die Rede, die explizit als solche bezeichnete autobiografische Prosa umfasst zwei Bände der Werkausgabe.148 Diese Einschätzung findet sich vor allem, aber nicht nur, im Zusammenhang

143 Vgl. Klaus Weissenberger: „Die Voraussetzungen der Gegenwartslyrik“. In: Ders. (Hrsg.): Die deutsche Lyrik 1945–

1975. Zwischen Botschaft und Spiel. Düsseldorf 1981, S. 9-22; hier S. 16 und Knörrich: Die deutsche Lyrik, S. 48. Zum Begriff der Trümmergedichte in Bezug auf Kaschnitz vgl. z. B. Johannes Østbø: Wirklichkeit als Herausforderung des Wortes. Engagement, poetologische Reflexion und dichterische Kommunikation bei Marie Luise Kaschnitz. Frankfurt a. M. u. a.

1996, S. 11. Textgrundlage für Kaschnitz’ Texte ist in dieser Untersuchung: Marie Luise Kaschnitz: Gesammelte Werke in sieben Bänden, hrsg. von Christian Büttrich und Norbert Miller. Frankfurt a. M. 1981–1989. Textbelege werden im Folgenden mit der Sigle ‚KW‘, der Bandzahl in römischen und der Seitenzahl in arabischen Ziffern angegeben.

144 Zu Kaschnitz’ Sprachskepsis vgl. Corkhill: „Kaschnitz’s perspective on language“.

145 Siehe z. B. die Gedichte „Hiroshima“ und „Zoon Politikon“. Vgl. hierzu auch Dirk Göttsche: „Vorwort“. In:

Ders. (Hrsg.): „Für eine aufmerksamere und nachdenklichere Welt“. Beiträge zu Marie Luise Kaschnitz. Stuttgart 2001, S. 1-4;

hier S. 2; Ralf Schnell: „Das verlorene Ich. Zur impliziten Poetik der Marie Luise Kaschnitz“. In: Uwe Schweikert (Hrsg.): Marie Luise Kaschnitz. Frankfurt a. M. 1984, S. 173-192; hier S. 174 und Adelheid Strack-Richter: Öffentliches und privates Engagement: Die Lyrik von Marie Luise Kaschnitz. Frankfurt a. M. u. a. 1979, S. 215. Zum Thema der Wiederaufrüstung vgl. Barner: „Disziplinierung, Restauration, neue Freiheiten“, S. 26f. Unter dem Aspekt der Kommentierung gesellschaftlicher Themen im Gedicht ist Kaschnitz z. B. mit Bachmann vergleichbar.

146 Vgl. hierzu Knörrich: „Bundesrepublik Deutschland“, S. 568f. und zum ‚langen Gedicht‘ im Sinne Höllerers Alexander von Bormann: „Über die Lyrik zu den Zwecktexten“. In: Wilfried Barner (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. 2., aktual. und erw. Aufl. München 2006, S. 435-451; hier S. 436f.

147 Korte: Deutschsprachige Lyrik, S. 110; ähnlich auch Foot: Phenomenon of Speechlessness, S. 20. Zu den verschiedenen Phasen in Kaschnitz’ Lyrik vgl. auch Lothar Jordan: „Lyrik“. In: Horst A. Glaser (Hrsg.): Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1995. Bern, Stuttgart, Wien 1997, S. 557-587; hier S. 562.

148 Die Dichterin verwertete Notizen, Tagebücher und andere Aufzeichnungen regelmäßig für verschiedene, nicht nur autobiografisch geprägte, literarische Projekte. Vgl. dazu z. B. Kaschnitz im „Werkstattgespräch mit Horst Bienek“ (KW VII, 741-755; hier 745f.) und auch Strack-Richter: Öffentliches und privates Engagement, S. 150. Zur

mit den in den Jahren nach dem Tod ihres Mannes 1958 entstandenen und stark biografisch geprägten Texten, der Gedichtsammlung Dein Schweigen – meine Stimme und den tagebuchartigen Aufzeichnungen Wohin denn ich.149 So gilt Kaschnitz in der Literaturgeschichte daher nicht nur als ‚Trümmerdichterin‘, als ‚innere Emigrantin‘, als ‚Grande Dame‘ der deutschen Nachkriegsliteratur, als die ‚Menschliche‘ oder als ‚Überwinderin der (eigenen) Tradition‘, sondern auch als Dichterin von Trauer.150 Ausschlaggebend für diese Zuschreibungen scheinen – abgesehen vom Attribut der ‚Überwinderin der eigenen Tradition‘ – vor allem die Themen ihrer Texte zu sein: das Elend der Nachkriegszeit, der Verlust des Ehemannes, das Leid des Mitmenschen und die Betonung des ‚Humanen‘ in der Gegenwart.151 Diese Konzentration der Forschung auf die Rolle des Menschen und dessen Erfahrungen für ihre Dichtung hängt zudem sicher nicht zuletzt mit Selbstäußerungen der Dichterin zusammen. In Kaschnitz’

autobiografischen Dimension von Kaschnitz’ Werk vgl. zudem – in teils unkritischer Form – Uwe Schweikert: „Das eingekreiste Ich. Zur Schrift der Erinnerung bei Marie Luise Kaschnitz“. In: Ders. (Hrsg.): Marie Luise Kaschnitz.

Frankfurt a. M. 1984, S. 58-77; Hanns-Josef Ortheil: „Die pathetische Klarheit des Herbstes. Über das autobiographische Exempel der Marie Luise Kaschnitz“. In: Uwe Schweikert (Hrsg.): Marie Luise Kaschnitz.

Frankfurt a. M. 1984, S. 27-42; Ruth-Ellen B. Joeres: „Records of Survival: The Autobiographical Writings of Marieluise Fleisser and Marie Luise Kaschnitz“. In: Alice Kessler-Harris und William McBrien (Hrsg.): Faith of a (Woman) Writer. New York, Westport, London 1988, S. 149-157; Marlene Lohner (Hrsg.): Was willst du, du lebst. Trauer und Selbstfindung in Texten von Marie Luise Kaschnitz. Frankfurt a. M. 1991; Petra Huber-Sauter: Das Ich in der autobiographischen Prosa von Marie Luise Kaschnitz. Diss. phil. Stuttgart 2003. Abrufbar unter: http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2004/1603/pdf/Kaschnitz_Dissertation.pdf [letzter Zugriff: 06.03.2015] sowie die Beiträge von Martina Wagner-Egelhaaf, Uwe Schweikert, Helga Vetter, Nikola Roßbach, Ernst Ribbat und Dirk Göttsche in Dirk Göttsche (Hrsg.): „Für eine aufmerksamere und nachdenklichere Welt“. Beiträge zu Marie Luise Kaschnitz.

Stuttgart 2001.

149 Vgl. hierzu u. a. Elsbeth Pulver: Marie Luise Kaschnitz. München 1984, S. 77; Johanna Christiane Reichardt:

Zeitgenossin. Marie Luise Kaschnitz. Eine Monographie. Frankfurt a. M. u. a. 1984, S. 105f. und Huber-Sauter: Das Ich, S. 142.

150 Einen Überblick über die Rezeptions- und Forschungsgeschichte bieten Nikola Roßbach: „Jedes Kind ein Christkind, jedes Kind ein Mörder“. Kind- und Kindheitsmotivik im Werk von Marie-Luise Kaschnitz. Tübingen 1999, S. 72-88; Huber-Sauter:

Das Ich, S. 8-20 und Andrea Kreutzwald: Das Unsagbare zum Ausdruck bringen. Die Sprache der mythologischen Bilder, Motive und Figuren im Werk von Marie Luise Kaschnitz. Trier 2007, S. 12-24. Zur Trümmerlyrik vgl. z. B. Dagmar von Gersdorff: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt a. M. 21993, S. 159. Siehe außerdem Kaschnitz’ Überlegungen zur

„sogenannte[n] innere[n] Emigration“ in „Orte“ (KW III, 519); Ulrike Suhr: Poesie als Sprache des Glaubens. Eine theologische Untersuchung des Werks von Marie Luise Kaschnitz. Stuttgart, Berlin, Köln 1992, S. 4 und Reichardt: Zeitgenossin, S. 54. Die Bezeichnung als ‚Dame‘ taucht bei Kaschnitz – sich davon abgrenzend – in dem Gedicht „Selbstbildnis mit sechzig Jahren“ und als ‚lady‘ in einer Äußerung aus dem Nachlass auf (KW III, 821). Vgl. dazu u. a. Marcel Reich-Ranicki:

„Marie Luise Kaschnitz, die Meisterin des beredten Schweigens“. In: Ders.: Lauter Lobreden. München 2000, S. 41-51;

hier vor allem S. 42-44; Pulver: Marie Luise Kaschnitz, S. 12; Alan Corkhill: „Das Bild der Frauen bei Marie Luise Kaschnitz“. In: Acta Germanica 16 (1983), S. 113-123; hier S. 122f. und Nikola Roßbach: „‚Gepeinigt von Phantasie‘.

Autobiographische Kindheitsentwürfe bei Marie Luise Kaschnitz“. In: Dirk Göttsche (Hrsg.): „Für eine aufmerksamere und nachdenklichere Welt“. Beiträge zu Marie Luise Kaschnitz. Stuttgart 2001, S. 49-64; hier S. 49. Zur Rolle des ‚Menschlichen‘

vgl. z. B. Ursula Matter: Tragische Aspekte in den Erzählungen von Marie Luise Kaschnitz. Diss. phil. Zürich 1979, S. 14 und Strack-Richter: Öffentliches und privates Engagement, S. 77. Zur Überwindung der Tradition vgl. Michael Braun: „Marie Luise Kaschnitz. Das lyrische Werk“. In: Kindlers Literatur Lexikon Online. Abrufbar unter: http://kll-aktuell.cedion.de/nxt/gateway.dll/kll/k/k0349300.xml?f=templates$fn=index.htm$3.0 [letzter Zugriff: 06.03.2015]

sowie Hans Bender: „Einleitung“. In: Ders. (Hrsg.): Deutsche Gedichte 1930–1960. Stuttgart 1983, S. 9-31; hier S. 17. Zur Bezeichnung als Dichterin der Trauer vgl. Kreutzwald: Das Unsagbare, S. 129f.; Schnell: „Das verlorene Ich“, S. 177 und 189 sowie Foot: Phenomenon of Speechlessness, S. 44-50.

151 „Wie der sich bald so nachdrücklich profilierenden jungen Dichtergeneration geht es ihr in der ersten Nachkriegszeit darum, das materielle Elend, vor allem aber das heute unvorstellbare physische und seelische Leiden der Menschen während des Krieges möglichst wirklichkeitsgetreu zu beschwören und die Fragen nach Verantwortung und Schuld mit rücksichtsloser Schärfe zu stellen.“ Østbø: Wirklichkeit als Herausforderung, S. 11. Vgl.

auch ebd., S. 122 sowie Strack-Richter: Öffentliches und privates Engagement, S. 21f.; von Gersdorff: Marie Luise Kaschnitz, S. 246 und Kreutzwald: Das Unsagbare, S. 7.

poetologischen Überlegungen sind Verantwortung und Schuldgefühl von zentraler Bedeutung, der Mensch, sein Status und sein Handeln in der Gesellschaft sind für sie die Hauptthemen ihrer Dichtung.152

In Bezug auf formale Gestaltungsweisen von Emotionen wird in der Forschung bisher zum Beispiel einerseits davon gesprochen, dass Kaschnitz ohne Sentimentalität diagnostiziere, und andererseits, dass sie selten lakonisch werde.153 Aus derartigen zuweilen widersprüchlichen Behauptungen und Zuschreibungen wird jedoch nicht deutlich, wie sie im Einzelnen auf die Texte der Autorin zu beziehen sind. Auch wenn Aussagen zu emotionalen Gehalten ihrer Dichtung die Kaschnitz-Forschung durchziehen, ist bisher noch nicht systematisch untersucht worden, auf welche Art und Weise Emotionen in ihrem Werk sprachlich dargestellt werden.154 Wie sind die Gedichte gestaltet, dass sie als Trauergedichte bezeichnet werden können? Wann diagnostiziert Kaschnitz nüchtern, woran lassen sich andererseits Sentimentalität und Emotionalität festmachen? Wo spielt die persönliche Dimension ihres Werkes eine entscheidende Rolle für die Textgestaltung? Das sind Fragen, die umfassend nur durch einen genauen Blick auf die verschiedenen Mechanismen der Trauergestaltung in den Gedichten beantwortet werden können.

Im Dokument Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs (Seite 39-42)