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Archiv "Die Bedeutung der Retrainingtherapie bei Tinnitus: Bio-psycho-soziale Diagnostik wichtig" (17.03.2000)

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Auch uns haben die grundlegen- den Arbeiten von Dr. Biesinger über den Tinnitus seit Jahren in unserer Therapie beeinflusst. Ergänzend zu diesem Übersichtsartikel einige kur- ze Hinweise: Bei der überwiegenden Zahl der Patienten mit dekompen- siertem Tinnitus bestehen neben ei- ner Minor beziehungsweise Major Depression, Selbstwertkrisen und er- heblichen Angstpotenzialen weitere Komorbiditäten. Ebenfalls ausge- prägt sind im Rahmen der einge- schränkten Verarbeitungsmöglich- keiten des Phänomens Tinnitus Kommunikations- und Beziehungs- störungen; häufig befinden sich die Patienten in pathogenen und das Symptom Tinnitus verstärkenden Beziehungszirkeln, denen gegenüber sie sich ausgeliefert fühlen. In der Folge führt dies zu einer Verstärkung des so genannten Teufelskreises von Stress, Depression, Angsterwartung und Verschärfung des Tinnitus. Diese von vielen Tinnituspatienten als kri- senhafte Zuspitzung empfundene Si- tuation ist häufig ambulant nicht zu durchbrechen.

Es ergibt sich zwingend die Not- wendigkeit eines Milieuwechsels. Er ist insbesondere bei Grad 3 und 4 der Tinnitusbelastung angezeigt, da diese Stufen in der Regel mit Ar- beitsunfähigkeit einhergehen. An- gesichts dieser erheblichen sozial- medizinischen Konsequenzen be- steht eine Indikation und auch ein klarer Anspruch auf eine stationäre medizinische Rehabilitation, die von Rentenversicherungsträgern auch be- zahlt wird. Nur eine vorübergehen- de Herausnahme der Patienten aus ihrer Arbeits- und Wohnsituation beziehungsweise den Lebenszusam- menhängen dürfte in der Lage sein, das komplexe und krankmachende System zu durchbrechen, um damit

dann der sich anschließenden, ambu- lanten Retrainingtherapie zum Er- folg zu verhelfen. Nicht unerwähnt bleiben soll die wichtige Rolle der Patienten-Selbsthilfeorganisationen, die die Patienten im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlich gesicher- ter Therapie und kommerziellen In-

teressen beraten. Insbesondere sei hier die Deutsche Tinnitus-Liga e. V.

erwähnt, die auch eine Liste empfeh- lenswerter Kliniken herausgibt und die Patienten ehrenamtlich in zahl- reichen Regionalgruppen betreut.

Dr. med. Volker Sprenkmann Internist – Sozialmedizin Dr. med. Slobodan Purisic Hals-Nasen-Ohrenarzt Nordsee-Reha-Klinik I 25826 St. Peter-Ording

Hat es in den vergangenen Jahren wiederholt Veröffentlichungen zum Tinnitus aurium im Deutschen Ärzte- blatt gegeben, so ist die Arbeit von Biesinger und Heiden doch eine wich- tige Ergänzung. Die beiden Autoren sind zu beglückwünschen zu ihrem Modell interdisziplinärer Kooperation in der Behandlung des chronisch- komplexen Tinnituskranken. Ähnlich wie bei den Schmerzkonferenzen kann ein von Ärzten und Psychothera- peuten zusammen mit dem Patienten erarbeiteter Behandlungsplan ent- sprechend des bio-psycho-sozialen

Modells zu einer erfolgversprechen- den Behandlung führen. Das somato- psychosomatisch orientierte Retrai- ning-Modell benötigt zwar, um die harten Kriterien der Evidence Based Medicine zu erfüllen, noch einige wei- tere klinische Studien, die über die je- weiligen Stichproben, Ein- und Aus- schlusskriterien und die Drop-out-Ra- te genauer Auskunft geben.

Die von Biesinger und Heiden zitierten bereits vorliegenden Studi- en geben jedoch Anlass zur Hoff- nung, aus dem leider noch zu oft an- zutreffenden therapeutischen Nihi- lismus oder resignativen Polyprag- matismus heraustreten zu können.

Das frühe Einbeziehen eines ärztli- chen oder psychologischen Psycho- therapeuten, möglichst in der Praxis des HNO-Arztes, dürfte in seiner Wirkung bei den genannten Indika- tionen kaum zu überschätzen sein.

Ein abgestuftes Vorgehen, vom Counselling bis zur Coping-fördern- den Kurzzeitpsychotherapie – bei entsprechender Komorbidität dürfte allerdings nicht selten auch eine Langzeittherapie erforderlich wer- den – lässt sich durchaus im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie mit verhaltenstherapeutischen Manua- len wie mit strukturierten psychody- namischen Konzepten verwirkli- chen. Ein integratives, interdiszi- plinäres Vorgehen, das ohne ein Mindestmaß an Kommunikation zwischen den professionellen Ko- operationspartnern nicht gelingen kann, wird von der Vergütungsseite her momentan allerdings nur unzu- reichend unterstützt. Modellprojek- te, in die auch die stationären, störungsspezifischen Behandlungs- angebote mit einbezogen werden, sind hier ein Erfordernis, das der Notwendigkeit einer interdiszipli- nären bio-psycho-sozialen Diagno- stik und Therapie in einer kooperie- renden Behandlungskette Rechnung trägt.

A-707

M E D I Z I N DISKUSSION

Deutsches Ärzteblatt 97,Heft 11, 17. März 2000

Die Bedeutung

der Retrainingtherapie bei Tinnitus

Weitere Komorbiditäten

Zu dem Beitrag von Dr. med. Eberhard Biesinger Dr. med. Christian Heiden in Heft 44/1999

Bio-psycho-soziale

Diagnostik wichtig

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Das bio-psycho-sozial erweiterte, prozesshaft konzeptionierte Habitua- tionsmodell (Neurophysiologisches Modell nach Jastreboff und Hazel) gibt dem HNO-Arzt als primärem Partner des Tinnitusbetroffenen ein klares und anwendbares Modell an die Hand, dass das Nozebo-artig wir- kende: „Da kann man nichts machen, damit müssen Sie leben!“ verändern kann in ein: „Sie können einiges dazu beitragen, dass es so nicht bleiben wird. Sie, wie viele andere auch, kön- nen und werden es lernen, damit gut zu leben!“

Dr. med. Hans-Martin Rothe Internist und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin Bereich Tinnitustherapie Klinik Schwedenstein Obersteinaer Weg 1 01896 Pulsnitz

In dem Beitrag von Biesinger und Heiden werden viele moderne Aspek- te der Tinnitustherapie berücksich- tigt. Modern ist zum Beispiel die For- derung nach interdisziplinärer Zu- sammenarbeit. In der Übersichtsar- beit werden die Grundelemente der Tinnitusretrainingtherapie (TRT) ge- nannt: Das ausführliche, aufklärende Gespräch über die zentralen Verar- beitungs- und Filterprozesse des aku- stischen Systems und die Verwendung von Tinnitusmaskern zur Teilmaskie- rung der Ohrgeräusche und akusti- schen Defokussierung. Gleichzeitig – und dies ist zunächst bemerkenswert – wird angemahnt, dass ein Tinnitus nicht nur gehört, sondern auch erlebt wird und daher zur Überprüfung der Komorbidität eine psychologische Diagnostik erforderlich sei. Selbstver- ständlich, und dies wird in der Über- sichtsarbeit mehrfach betont, handelt es sich hierbei um eine Diagnostik, die sich am verhaltenstherapeutischen Denkparadigma zu orientieren hat.

Diese Forderungen entsprechen nicht meinen Erfahrungen. Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin sind in der Lage, neben der geforderten

Überprüfung des Einflusses psychi- scher Faktoren auf die Bedeutungser- teilung eines Symptoms aus verhal- tenstherapeutischer Sicht auch ande- re methodische Ansätze im Bereich der Psychotherapie zu bewerten und fachgerecht einzusetzen. Nach meiner Erfahrung mit vielen Tinnituspatien- ten kommt psychodynamischen Fak- toren bei der Entstehung und Bewäl- tigung der Erkrankung eine wesentli- che Bedeutung zu, sodass es in man- chen Fällen sinnvoll erscheint, gerade mit Blick auf die Behandlung von Ko- morbidität, ein tiefenpsychologisch fundiertes Behandlungskonzept zu realisieren. In manchen anderen Fäl- len ist aus pragmatischen Überlegun- gen ein behavioristischer Ansatz sinn- voller. Dies alles nur in enger Koope- ration mit einem ausschließlich soma- tischen Behandler. Für die Optimie- rung der Behandlungsstrategien ist daher die Einschaltung eines psycho- therapeutischen Mediziners sinnvoll, um ganzheitliche psychosomatische Überlegungen einzubringen ohne Einengung auf bestimmte methodi- sche Ansätze.

Dr. med. Joachim Faude

Facharzt für Psychotherapeutische Medizin

Spezielle Schmerztherapie Beethovenstraße 3a 54470 Lieser

Die Autoren Biesinger und Hei- den haben mit diesem Beitrag einen sehr gelungenen Überblick zur Tinni- tustherapie verfasst. Insbesondere wurde der Wert und die Stellung der so genannten Tinnitusretrainingthera- pie (TRT) innerhalb der Tinnitusbe- handlung verdeutlicht. Den Autoren ist zuzustimmen, dass „das Konzept des TRT nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Medizinern und hier speziell den HNO-Ärzten einen gut verständlichen Einblick in die Verar- beitungs- und Bewältigungsprozesse eines chronischen Tinnitusleidens er- möglicht.“ Zu Recht wird deutlich darauf hingewiesen, dass die Retrai- ningtherapie nicht aus der alleinigen Verschreibung eines so genannten

Rauschers besteht, sondern dass selbst das in sich begrenzte Konzept des TRT deutlich mehr Elemente, insbe- sondere eine auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmte Aufklärung, beinhaltet. Wir möchten allerdings zu drei Punkten Stellung nehmen: Es wird ausgeführt, dass „die zentralen Bewertungs- und Verarbeitungspro- zesse eines Ohrgeräusches unabhän- gig vom Ort des Geschehens und ih- rer subjektiven Lautheit betrachtet werden müssen.“ Sicherlich stimmt dies für die überwiegende Anzahl der Tinnitusphänomene, nicht aber dann, wenn sich der Tinnitus als Symptom einer sich ändernden Hörschwelle ein- stellt. Dies ist regelmäßig bei Erkran- kungen des Innenohrs mit Endo- lymphschwankungen der Fall. Dann kann der Tinnitus auch eine Bedeu- tung im Sinne von objektiv veränder- ten neurootologischen Gegebenheiten haben, die möglicherweise ein verän- dertes therapeutisches Vorgehen ver- langen. Auch deswegen ist es notwen- dig, dass die Tinnitustherapie durch ei- nen audiologisch geschulten HNO- Arzt wesentlich mitgestaltet wird.

Die Zusammenarbeit von HNO- Ärzten und Verhaltenstherapeuten wird zur Grundlage des Konzeptes er- klärt, was in dieser ausschließenden Einschränkung auf die Verhaltensthe- rapie sicherlich nicht stimmt. Um das Leiden am Tinnitus zu verstehen, ist vor allem ein Wissen um die Zusam- menhänge zwischen kochleären Funk- tionsstörungen und deren Auswirkun- gen und Therapiemöglichkeiten auf das Erleben und Verhalten erforder- lich. Psychosomatiker und Psycholo- gen wie Goebel und Hallam haben wesentliche Grundlagen geschaffen, auf der HNO-Ärzte den Zugang zum Leiden am Tinnitus gefunden haben.

Sicherlich ist die Verhaltenstherapie gerade bei der Behandlung des chro- nisch-komplexen Tinnitus ein sehr fruchtbarer psychotherapeutischer Zugang, alleinig wirksam ist sie sicher nicht. So gilt und ist durch viele Studi- en gesichert, dass eine einheitliche Psychodynamik bei Tinnituspatienten nicht erkennbar ist. Deswegen haben auch andere Methoden als die Verhal- tenstherapie, insbesondere tiefenpsy- chologische Verfahren, nicht nur ihre Berechtigung, sondern zeigen durch teilweise langjährige Katamnesen eine A-708

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Deutsches Ärzteblatt 97,Heft 11, 17. März 2000

Tinnitus – ein

Fall für psychologische Diagnostik?

Grenzen der TRT

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nachgewiesene Wirkung. Dies gilt ins- besondere, wenn sich das Leiden am Tinnitus als „somatischer Kristallisati- onspunkt“ eines psychogenen oder psychosomatischen Prozesses dar- stellt. Dabei ist es wichtig, den Tinni- tus „in die Beziehung treten zu las- sen“, um das Leiden am Tinnitus adä- quat behandeln zu können.

Die Tinnitusretrainingtherapie, auch in ihrer erweiterten Form, hat als ambulantes Verfahren ihre Grenzen immer dann, wenn eine gravierende psychische oder psychosomatische Störung vorliegt. Dies gilt schätzungs- weise für 0,5 Prozent der chronisch von Tinnitus Betroffenen. Für diese Patienten kann eine neurootologisch und psychosomatisch fundierte sta- tionäre Behandlung initial notwendig werden, bei der ein integriertes neuro- otologisches und psychosomatisches stationäres Vorgehen, möglichst unter Einschluss einer speziellen Hörthera- pie, indiziert und in der Regel auch er- folgreich ist.

Wir danken den Autoren für ihren Beitrag, der das komplexe The- rapieproblem sehr übersichtlich dar- gestellt und gleichzeitig einer standar- disierten Tinnitusbehandlung mit ho- hem Anspruch das Wort geredet hat.

Literatur bei den Verfassern Dr. med. Gerhard Hesse Hals-Nasen-Ohrenarzt Manfred Nelting

Facharzt für Psychotherapeutische Medizin

Facharzt für Allgemeinmedizin, Homöopathie

Dr. med. Helmut Schaaf Facharzt für Anästhesie, Psychotherapie

Tinnitusklinik Große Allee Große Allee 1–3

34454 Bad Arolsen

In dem Artikel werden Begriffe wie Habituation und chronisches Ohr- geräusch kritiklos an den Anfang eines veralteten, mechanistischen Modells gestellt, obwohl man mittlerweile weiß, dass mit einer Habituation weder

die Ursache des Tinnitus noch sein Erkrankungsmechanismus beseitigt werden kann. Der Patient bleibt also auf seiner Zeitbombe sitzen, die tickt, pfeift und rauscht, bis ihn bei ei- nem entsprechenden Auslöser der Schlag(anfall) trifft. Habituation ist nicht patientenfreundlich, aber einfach und lukrativ. Es liegen auch genügend Erkenntnisse (siehe Forschungsbericht des BMA 214b Sozialforschung bezüg- lich der Biomentalen Therapie) vor, die bestätigen, dass Tinnitus nicht nur linderbar, sondern auch heilbar ist, al- lerdings bedarf es dafür des Dekondi- tionierens bestimmter autonomer Me- chanismen. Das autonome Nervensy- stem ist bekanntermaßen lernfähig, weshalb einer gezielt provozierten Spontanheilung auch nach vielen Jah- ren nichts im Wege steht. Kann man al- so überhaupt noch von chronischem Tinnitus sprechen, und wen interes- siert noch Habituation? Patienten wol- len Linderung und Heilung! Des Wei- teren vermisse ich prozentuale Anga- ben über sehr unerwünschte Neben- wirkungen einer Retrainingtherapie, die ich selbst und auch Kollegen von mir bereits mehrfach beobachtet ha- ben: Diese Nebenwirkungen äußern sich nämlich darin, dass sich das Geräusch des Maskers als ein zusätzli- ches, dauerhaftes Ohrgeräusch einge- stellt hat, das auch nach Abbruch der Retrainingtherapie nicht mehr von al- leine verschwand. Diese besagten Pa- tienten haben somit ihr ursprüngli- ches Ohrgeräusch behalten und ein weiteres hinzugelernt. Ist es denn auch noch unbekannt, dass Tinnitus „an- steckend“ ist, dass man bekannte, gleichbleibende Geräusche in sein Tin- nitusrepertoire einbauen kann?

Literatur

1. Greuel H: Suggestivbehandlung bei Hör- sturz. HNO 1983; 31: 136–139.

2. Greuel H: Persönlichkeitsmerkmale als Hörsturzrisiko. HNO 1986; 34: 146.

3. Greuel H: Tinnitus ist heilbar – Erfahrung geheilter Tinnitus-, Hörsturz- und Morbus Menière-Patienten mit der Biomentalen Therapie in Beiträgen. Düsseldorf: VDG- Verlag 1995.

4. Greuel H: Hörsturz-Diagnose und Thera- pie der psychoneuroimmunologischen In- nenohrsyndrome Hörsturz, Tinnitus und Morbus Menière. Düsseldorf: VDG-Verlag 1997.

Dr. med. Hans Greuel Kaiser-Wilhelm-Ring 37 40545 Düsseldorf

Therapieansätzen im chronischen Stadium des Tinnitusleidens, die auf eine Habituation beziehungsweise Adaptation („mit dem Tinnitus leben lernen“) hinauslaufen, kommt eine zentrale Rolle zu. Die beiden Autoren unterstreichen daher zu Recht die psy- chische Dimension des chronischen Tinnitusleidens, die potenziellen Ko- morbiditäten und die damit notwendi- ge enge Zusammenarbeit mit ärztli- chen beziehungsweise psychologi- schen Psychotherapeuten. Das patho- physiologische Modell von Jastreboff und Hazell legt dies zwar nahe (tinni- tusspezifische neuronale Aktivität im Kortex und limbischen System, was auch durch neuere positronenemis- sionstomographische Studien gestützt wird (3), im Therapieansatz der Tinni- tusretrainingtherapie bleibt es dann aber doch mehr oder weniger ausge- spart. Eine erst kürzlich erschiene- ne Metaanalyse (1) zur Wirksamkeit verschiedener psychologischer Be- handlungen beim chronischen Tinni- tus (18 Studien mit insgesamt bis zu 700 Patienten) ergab im Hinblick auf die mit dem Tinnitus verbundenen subjektiven Belastungen mittelhohe bis große Effektstärken bei den kon- trollierten Studien für die kognitiven Verhaltenstherapien. Teilweise deut- lich niedriger fielen dagegen die Ef- fektstärkeberechnungen bezüglich der Reduktion der Lautstärke des Tinni- tus, Depression und Schlafstörungen aus (insbesondere bei den Follow-up- Messzeitpunkten), sodass die Autoren fordern, gerade die beiden zuletzt ge- nannten Aspekte in den psychothera- peutischen Bemühungen stärker zu fokussieren (1). Ein ebenfalls erst kürzlich erschienener Review von aus- schließlich randomisierten und kon- trollierten Studien zur Tinnitusthera- pie (2), der neben nicht medikamentö- sen Therapien (verschiedene Psycho- therapieformen, Akupunktur und an- dere) auch Medikamentenstudien (Tocainid und andere lidocainähn- liche Substanzen, Antiepileptika wie Carbamazepin, Benzodiazepine, tri- zyklische Antidepressiva und ande- re) berücksichtigte, kommt zu dem Schluss, dass hinsichtlich replizierba- A-709

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Veraltetes

mechanistisches Modell

Psychotherapie nicht

immer ausreichend

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rer Langzeiterfolge keine Behandlung derzeit als ausreichend (das heißt über Plazeboeffekte hinausgehend) empi- risch belegt gelten könne. Unspezifi- sche Unterstützung und Beratung sei- en vermutlich nützlich, genauso wie trizyklische Antidepressiva in schwe- ren Fällen. Neben der Forderung in künftigen Studien verstärkt die Lang- zeitergebnisse zu dokumentieren, soll- te in schweren Fällen die Option einer medikamentösen Mitbehandlung der Depression – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung psychotherapeutischer Bemühungen – nicht aus den Augen verloren werden.

Literatur

1. Andersson G, Lyttkens L: A meta-analytic review of psychological treatments for tin- nitus. Br J Audiol 1999; 33: 201–210.

2. Dobie RA: A review of randomized clinical trials in tinnitus. Laryngoscope 1999; 109:

1202–1211.

3. Mirz F, Pedersen B, Ishizu K et al.: Positron emission tomography of cortical centers of tinnitus. Hear Res 1999; 134: 133–144.

Dipl.-Psych. Dr. med. Dr. phil.

Peter Schuck

Dipl.-Psych. Dr. phil. Horst Müller Forschungsinstitut Bad Elster (FBK) Lindenstraße 5

08645 Bad Elster

Wir bedanken uns für die Diskus- sion, meist konstruktive Kritik und das Engagement der Autoren für die Leserbriefe. Die von den Kollegen Schuck und Müller erwähnte neueste Literatur ist ein wesentlicher Beitrag in der Diskussion um das Phänomen Tinnitus, sie konnte zum Zeitpunkt der Drucklegung nicht berücksichtigt werden. Ziel unseres Artikels war es, sich kritisch mit der Retrainingthera- pie, wie sie Jastreboff definiert, aus- einander zu setzen. Dies betrifft ins- besondere die Integration des aus den USA stammenden Modells in das hie- sige Gesundheitssystem unter Einbe- ziehung der Professionen. Die darge- stellte Verknüpfung des zuständigen Fachgebietes, nämlich der HNO- Heilkunde mit der Psychologie aber auch der psychosomatischen Medizin bringt zunächst einmal erhebliche Kompetenzerweiterung und eine Ent-

lastung für die zusammen behandeln- den Therapeuten.

Herrn Kollegen Greuel muss in allen Punkten widersprochen werden:

Zunächst einmal ist bei jedem chroni- schen Prozess die Habituation an ein Symptom zu fördern. Das vorgestellte Modell zur Zusammenarbeit ist in un- serem jetzigen Kassensystem durch- führbar aber nicht lukrativ. Die von Herrn Dr. Greuel angesprochene Dekonditionierung ist nur ein Bau- stein, der auch im vorgelegten Kon- zept durchgeführt wird. Aufgrund der Komplexität des Hörsystems muss bei den therapeutischen Aspekten mehr als nur das autonome Nervensystem berücksichtigt werden. Unter dem vorgestellten Therapieansatz gibt es auch Spontanheilungen (in circa 25 Prozent bei Grad 1 und 2). Es wäre je- doch nicht richtig, einem Tinnituspati- enten eine Heilung zu versprechen.

Dies betrifft alle derzeit diskutierten Therapieansätze. Die Induktion eines Tinnitus durch die Anwendung von Tinnitusmaskern zur Teilmaskierung ist in extrem seltenen Fällen möglich.

Sie beruht aber dann auf falscher Indi- kation und falscher Handhabung.

Herrn Kollegen Rothe muss ent- schieden zugestimmt werden, dass ei- ne komplexe Zusammenarbeit gerade bei chronischen Krankheitsbildern von den Krankenkassen in ihrer Be- deutung erkannt und gefördert wer- den muss. Angesichts der hohen Ko- morbidität, vor allem bezüglich De- pressionen (1), kann die Betreuung von Patienten mit komplexem chroni- schen Tinnitus nicht allein von HNO- Ärzten getragen werden.

Die Autoren Hesse et al. und Herr Kollege Faude kritisieren die hervor- ragende Bedeutung der Verhal- tenstherapie im Vergleich zum analyti- schen Ansatz. Diese naturgemäß auch berufspolitische Diskussion muss aus der Sicht der Autoren als HNO-Ärzte gesehen werden. Aus der Praxis des so- matisch arbeitenden Arztes heraus er- gibt sich die Notwendigkeit einer psy- chologischen Diagnostik. Deshalb wird in dem Artikel die psychologische Diagnostik als Kern in dem pragmati- schen Vorgehen dargestellt. Dem Prin- zip der minimalen Intervention fol- gend erscheinen hier die verhal- tenstherapeutischen diagnostischen Prinzipien sinnvoll. Nach der psycho-

logischen Diagnostik muss der Ein- zelfall differenziert gesehen werden:

Selbstverständlich ergibt sich jetzt indi- viduell bei entsprechender Komorbi- dität die Indikation für die verschiede- nen psychotherapeutischen Ansätze.

Hierunter fallen dann auch tiefenpsy- chologische Behandlungskonzepte.

Um dem medikamentösen As- pekt bei Tinnitus genüge zu tun (siehe Kollegen Schuck und Müller), ist die Integration eines psychotherapeutisch tätigen Arztes sinnvoll. Es muss dar- auf geachtet werden, dass bei der Tin- nitustherapie jedoch nicht monoman psychologisiert wird. Herr Kollege Hesse mahnt deshalb zu Recht die Notwendigkeit einer wiederholten so- matischen Abklärung auch des chro- nischen Verlaufes an, da sich infol- ge von Habituationsprozessen und auch aufgrund der komplizierten effe- renten Steuerung des Innenohres neue medizinische Aspekte ergeben können.

Die Kollegen Sprenkmann und Purisic weisen zu Recht darauf hin, dass eine stationäre Therapie in ent- sprechenden Einrichtungen bei Grad 3 fakultativ, bei Grad 4 obligat erfol- gen soll. Im Fokus einer stationären Therapie steht die Behandlung von Komorbiditäten bei Tinnitus. Sie er- folgt daher vorwiegend in psychoso- matischen Kliniken, die sich speziell auf Tinnituspatienten und Patienten mit Hörstörungen eingestellt haben.

Die Deutsche Tinnitusliga hat durch selbsterworbene Kompetenz und durch berechtigtes Drängen der Tinnitusforschung und den Bemühun- gen von uns Therapeuten Vorschub geleistet. Die daraus entstehenden Impulse müssen weiterhin interdiszi- plinär diskutiert werden. Es bleibt in der Verantwortung der Professionen, eine Pathologisierung des Symptoms zu verhindern, aber die Betroffenheit ernst zu nehmen.

Literatur

1. Goebel G, Fichter MM: Depression beim chronischen Tinnitus. Münch Med Wschr 1998; 140 (41): 557–562.

2. Hesse G (Hrsg.): Retraining und Tinni- tustherapie. Stuttgart: Thieme 2000.

Dr. med. Eberhard Biesinger Hals-Nasen-Ohrenarzt Maxplatz 5

83278 Traunstein A-710

M E D I Z I N DISKUSSION

Deutsches Ärzteblatt 97,Heft 11, 17. März 2000

Schlusswort

Referenzen

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