Spielräume des muslimischen Studien werks Avicenna und des

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jüdischen Studienwerks ELES

Muslime, Juden, ethnische, kulturelle und religiöse Minderheiten werden in Deutsch-land von der Mehrheit aufgrund ihres «Andersseins» abgelehnt. Tagtäglich werden Menschen rassistischer Diskriminierung ausgesetzt. Im Beruf oder im Sport zählt plötzlich die ethnische Herkunft eines Spielers mehr als seine Leistung. Schüler wer-den gemobbt. Menschen werwer-den auf der Straße verbal oder physisch angegriffen.

«Wir» sind normal, die «anderen» die Fremden. Rassismus in Deutschland ist viel mehr als nur Neonazis, die «Ausländer raus» rufen. Rassismus findet sich in vielen Szenen des Alltags wieder.

Im Jahr 2012 waren bereits 53 Prozent der nichtmuslimischen Mehrheitsbevöl-kerung der Ansicht, der Islam sei «sehr» oder «eher» bedrohlich. Heute sind es 57 Prozent der Deutschen, die so denken. Noch mehr Menschen glauben, «der Islam passe nicht in die westliche Welt»: innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl von 52 auf 61 Prozent.1 Laut dem Antisemitismusbericht des Bundestages aus dem Jahr 2012 pflegt ein Fünftel der deutschen Bevölkerung offen antisemitische Vorurteile: 40 Pro-zent der Deutschen sind der Meinung, dass «die Juden versuchen, aus der Vergangen-heit des Dritten Reiches heute einen Vorteil zu ziehen», und 13 Prozent denken, dass

«die Juden durch ihr Verhalten an ihrer Verfolgung mitschuldig sind».2

Auch der Glaube an die Progressivität der deutschen Universitäten ist ein Trug-schluss. Ein Zeichen gegen Diskriminierung an den deutschen Hochschulen und Universitäten zu setzen, ist das Ziel der Initiative «Auch ich bin Deutschland». Sie wurde im Sommer 2014 von Stipendiaten und Stipendiatinnen der Deutschland-stiftung Integration angestoßen. «Viele Menschen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind, fühlen sich von Teilen der Gesellschaft aufgrund ihres fremd-ländischen Aussehens nicht als Deutsche wahrgenommen», sagte Narod Cahsai, der Koordinator der Aktion. Inspiriert wurde das Projekt von der Foto-Aktion «I Too Am

1 Religionsmonitor: Sonderauswertung Islam (2015): 7 2 Antisemitismusbericht des Bundestages (2012): 55

Ideologien der Ungleichwertigkeit

Harvard», die sich gegen die Diskriminierung von schwarzen Studenten an der Har-vard-Universität richtet.3

In diesem Umfeld entstand im Jahr 2010 die jüdische Begabtenförderung in Form des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks (ELES), und 2013 wurde das muslimi-sche Avicenna-Studienwerk in die Reihe der staatlichen Begabtenförderungswerke in Deutschland aufgenommen. Der deutsche Staat fördert zudem gewerkschafts- und arbeitgebernahe Studienstiftungen, Stiftungen, die den politischen Parteien in Deutschland nahestehen und konfessionell gebundene Stiftungen der drei mono-theistischen Religionen in Deutschland. «Ein Stück gelebter Pluralismus», wie Hakan Tosuner, Geschäftsführer des Avicenna-Studienwerkes resümierte.4

Beim jüdischen Studienwerk hatten im Jahr 2013 rund 80 Prozent der Stipendi-aten und Stipendiatinnen einen Migrationshintergrund. Ihre Eltern kamen oft mit einem in Deutschland nicht anerkannten akademischen Abschluss aus Osteuropa.

Beim muslimischen Studienwerk kamen fast 90 Prozent der Bewerber aus nichtaka-demischen Elternhäusern. Mehr als die Hälfte der Bewerber sind weiblich.5

Mit der Gründung dieser zwei Studienwerke wurden zwei religiös-kulturelle Min-derheiten anerkannt, die von Alltagsrassismus in Deutschland besonders betroffen sind: Juden und Muslime. Diese zwei Studienwerke stehen mit ihren Stipendiaten und Stipendiatinnen für den Dialog mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Die-ser Dialog gewinnt genau in diesen Jahren mit der Zunahme rassistischer Äußerun-gen in der Öffentlichkeit an Bedeutung. ELES und Avicenna können eine große Rolle dabei spielen, an den Hochschulen Vielfalt in unserem Land bewusst zu machen. All-tagsrassismus auf dem Campus kann man am besten begegnen, indem ein offener Austausch darüber stattfindet. Es ist höchste Zeit. Die Stimmen, die Alltagsrassismus als «Islam-Kritik» und manchmal als «Kapitalismuskritik»6 verkaufen wollen, mobi-lisieren schon (wieder).

Entsprechend dem Parallelbericht des Deutschen Instituts für Menschenrechte an den UN-Ausschuss zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung (CERD) aus dem Jahr 2015 werden rassistische Positionen im öffentlichen Raum von Rechtsextremen bis hin zu einzelnen Personen und Organisationen in die gesellschaftliche Mitte getragen. Ende 2014 begann die Pegida-Bewegung in Dresden und anderen Städten Deutschlands gegen eine vermeintliche Islamisierung Europas zu demonstrieren. Mit ihren rassistischen Vorurteilen brachte sie Hunderttausende Menschen auf die Stra-ßen Deutschlands. Im selben Jahr zog die Partei Alternative für Deutschland, deren

3 Protest gegen Rassismus an den Hochschulen, SOL.de, 3.6.14. http://www.sol.de/news/uni/

campus-saar-top/Saarbruecken-Rassismus-Auch-ich-bin-Deutschland-Protest-gegen-Rassis-mus-an-Hochschulen;art26228,4350558 (letzter Aufruf am 28.9.15).

4 «Der Staat erkennt Muslime an. Das hat enorme Symbolkraft», Der Tagesspiegel, 24.7.14. http://

www.tagesspiegel.de/wissen/muslimische-begabtenfoerderung-der-staat-erkennt-musli-me-an-das-hat-enorme-symbolkraft/10241518.html (letzter Aufruf am 16.9.15).

5 Begabtenförderung mit deutlicher Schlagseite. Diesseits.de, 22.5.14. http://www.diesseits.

de/perspektiven/nachrichten/deutschland/1400709600/begabtenfoerderung-deutli-cher-schlagseite (letzter Aufruf am 28.9.15).

6 Nota bene: Kapitalismuskritik ist per se nicht rassistisch, aber wird oft mit Verwendung von anti-semitischen Klischees betrieben, siehe «Herrscher der Welt», «Herrscher der Medien» usw.

Herausforderungen und Spielräume des muslimischen Studien werks Avicenna und des jüdischen Studienwerks ELES

Führungspersonen offen mit der Pegida-Bewegung sympathisieren, in vier Landes-parlamente ein.7

Gegen Pegida gab es starke Gegenreaktionen, viele Menschen demonstrierten überall im Land gegen Rassismus für Vielfalt in Deutschland. Gleichzeitig gab es viele gesellschaftliche Akteure und Akteurinnen aus der Mitte der Gesellschaft, die die «Ängste» der «besorgten Bürger» nachvollziehen konnten. Heiner Geißler (CDU) fand eine «Furcht vor dem Islam (…) durchaus berechtigt»8, Wolfgang Kubicki (FDP) forderte, die Anliegen der Demonstrierenden ernst zu nehmen: «Wenn ich in einem Ort XY ein Flüchtlingsheim errichte, kann ich dort nicht gleichzeitig die Polizeista-tion schließen»9, argumentierte der stellvertretende Bundesvorsitzender der Libe-ralen. Der Publizist Henryk M. Broder fragt, ob «Angstbürger», «Nationalisten» und

«Rassisten», gar «Nazis in Nadelstreifen» seien – «oder nur Realisten, die Fakten beim Namen nennen». Seine Konklusion ist, dass wir «in fünf Jahren, wenn es in Dresden so aussieht wie in Neukölln heute und in Neukölln so wie in Islamabad», mehr wissen werden.10

Dieses rassistische, negative gesellschaftliche Klima, das besonders seit der Veröf-fentlichung des Buches von Thilo Sarrazin den Mainstream beeinflusst, hat auch eine Wirkung auf akademische Kreise in Deutschland.

«Kein Mensch [ist] frei von Vorurteilen und Fehlern», schreibt die langjährige antirassistische Aktivistin Kübra Gümüsay. «Gerade Studenten, Akademiker und Wis-senschaftler sollten ihre Worte und Taten kritisch hinterfragen können.»11 Stattdes-sen äußern sich viele sogar öffentlich rassistisch. Wenn sie es aber tun, machen sie es meist viel subtiler als die «Wutbürger» von Pegida. Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt (TU Dresden) sah in dieser Bewegung keine Fremdenfeindlichkeit, sondern nur einen sozialen Konflikt rund um staatliche Gelder.12 Der Ökonom Gunnar Hein-sohn (Universität-Bremen) prognostiziert mit der zunehmenden Zahl von Migranten und Migrantinnen den Untergang Deutschlands.13 Die Politologin Ulrike Ackermann (SRH-Hochschule-Heidelberg) erkennt «einen Hass auf den Westen in Migranten-milieus», also müssten «wir» die mühsam errungenen Freiheiten gegenüber den

7 Parallelbericht des Deutschen Instituts für Menschenrechte an den UN-Ausschuss zur Beseiti-gung rassistischer Diskriminierung (CERD) (2015): 3.

8 Geißler nennt Furcht vor Islamismus «berechtigt». Die Welt, 18.12.14. http://www.welt.de/poli-tik/deutschland/article135524667/Geissler-nennt-Furcht-vor-Islamismus-berechtigt.html (letz-ter Aufruf am 16.9.15).

9 «Unwuchten erkennen» – Kubicki teilt Pegida-Sorge. Die Welt, 05.01.15. http://www.welt.de/

politik/deutschland/article136002611/Unwuchten-erkennen-Kubicki-teilt-Pegida-Sorge.html (letzter Aufruf am 16.9.15).

10 Das deutsche Festival des Wahnsinns. Die Welt, 20.12.14. http://www.welt.de/debatte/hen-ryk-m-broder/article135586551/Das-deutsche-Festival-des-Wahnsinns.html (letzter Aufruf am 16.09.15)

11 «Was habt ihr gegen mein Kopftuch?», Zeit Online, 12.06.12. http://www.zeit.de/cam-pus/2012/04/meinung-rassismus (letzter Aufruf am 4.2.16).

12 dpa-Interview: Hinter «Pegida»-Protest steht Verteilungskonflikt. Freie Presse, 23.12.14. http://

www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/BRENNPUNKT/dpa-Interview-Hinter-Pegida-Pro-test-steht-Verteilungskonflikt-artikel9071417.php (letzter Aufruf am 16.09.15).

13 Geliebte Propaganda. taz, 15.07.10. http://www.taz.de/!5139076/ (letzter Aufruf am 16.09.15).

Ideologien der Ungleichwertigkeit

Migranten und Migrantinnen verteidigen.14 Die Hochschullehrer Jost Bauch (Hoch-schule Neubrandenburg), Franz Kromka (Universität Hohenheim) und Hanz-Olaf Henkel (Universität Mannheim) schreiben regelmäßig für die rechtsextreme Zeitung Junge Freiheit, die laut Verfassungsschutzberichte «NS-Verbrechen und Antisemitis-mus» relativiert, und der Staatsrechtslehrer Karl Albrecht Schachtschneider unter-stützt im Namen der freien Meinungsäußerung die homophobe und rassistische Tagung «Für die Zukunft der Familie!» 2013 des Compact-Magazins in Leipzig.15

Wo Rassismus beginnt, hört freie Meinungsäußerung auf – Rassismus darf auch an der Universität nicht toleriert werden. Das Schweigen über den akademischen Rassismus muss durchbrochen werden.

Die rassistischen Veröffentlichen einiger Akademikerinnen und Akademiker bil-den dabei nur die Spitze des Eisberges. Wenn rassistische Akademikerinnen und Aka-demiker geduldet werden, blüht Rassismus auch unter den Studierenden. Es herrsche ein Klima der Angst, meint Bacem Dziri, langjähriger Präsident des Rates muslimi-scher Studierender und Akademiker und Akademikerinnen. Nach seiner Meinung beschwerten sich muslimische Studierende «oft nicht über Anfeindungen, da sie Nachteile fürchteten».16 Anastasia Pletoukhina ist Vorstandsmitglied der jüdischen Studierendeninitiative Studentim. Sie erzählt, wie sich jüdische Studierende unsicht-bar machen würden, weil sie nicht als «Repräsentanten des Judentums, Israels oder allgemein des jüdischen Lebens fungieren wollten».17

Kein Mensch ist frei von Vorurteilen. Aber gerade Universitäten sollten allen Men-schen einen «safe space» anbieten. An diesem sicheren Ort müssen Studierende, Wis-senschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Identität nicht verbergen. Damit diese Notwendigkeit umgesetzt werden kann, damit das nicht nur ein Traum bleibt, braucht es das Empowerment durch die jüdischen und muslimischen Studienwerke: Avicenna und ELES sind viel mehr als Quellen finanzieller Förderung. Ausschließlich sie reprä-sentieren unter den Studienwerken Minderheiten in Deutschland. In Avicenna und ELES steckt die Möglichkeit, um gemeinsam über Rassismus zu reden, um die Stereo-typen der Mehrheitsgesellschaft über Juden und Muslime offen anzusprechen.

Die Bezeichnung Universität kommt vom lateinischen universitas und heißt Gesamtheit. Mögen unsere Hochschulen und Universitäten in der Zukunft tatsächlich mehr die Gesamtheit vertreten!

14 Der Westen und das höhnische Lachen der Islamisten. Die Welt, 23.11.10. http://www.welt.de/

debatte/article11148187/Der-Westen-und-das-hoehnische-Lachen-der-Islamisten.html (letzter Aufruf am 16.9.15).

15 Prof. Dr. Karl Albrecht Schachtschneider: Die Meinungsfreiheit ist unantastbar. Compact Maga-zin, 16.11.13. https://www.compact-online.de/karl-albrecht-schachtschneider-die-meinungs-freiheit-ist-unantastbar/ (letzter Aufruf am 29.9.15).

16 Rassismus auf dem Campus. Deutschlandfunk, 11.06.14. http://www.deutschlandfunk.de/

workshop-rassismus-auf-dem-campus.680.de.html?dram:article/id=288913 (letzter Aufruf am 16.09.15).

17 Jüdisch auf dem Campus. Jüdische Allgemeine Zeitung, 26.03.15. http://www.juedische-allge-meine.de/article/view/id/21870 (letzter Aufruf am 16.09.15).

KAPITEL IV

Ideologien der Ungleichwertigkeit

THOMAS HAFKE, SABINE HAMMER, ANDREA MÜLLER UND MATTHIAS MÜLLER

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