Jugendarbeit mit explizit demokratischen Jugendlichen

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2 Ziele und Rahmenbedingungen der Jugendarbeit

2.6 Jugendarbeit mit explizit demokratischen Jugendlichen

Antifaschistische Initiativen junger Menschen vor Ort können entscheidend dazu bei-tragen, demokratische Kulturen und Orte weiterzuentwickeln, wodurch Jugendliche die Chance bekommen, sich zu mündigen, demokratischen und engagierten Men-schen zu entwickeln. Insbesondere in ländlichen Regionen trägt die gezielte Stär-kung solcher Gruppen erheblich dazu bei, eine demokratische Jugendkultur und eine menschenrechtsorientierte Atmosphäre zu schaffen. Gesellschaftskritische Jugendli-che sind unabdingbar für eine demokratisJugendli-che Weiterentwicklung der Orte, an denen junge Menschen sonst nur die Wahl zwischen Sport- und Heimatverein, einer Clique aus Neonazis oder dem Wegzug haben. Oft gehen von diesen Jugendlichen die einzi-gen selbstorganisierten (sub-)kulturellen Angebote für Jueinzi-gendliche in der Region aus.

Es braucht junge Menschen vor Ort, die Ungleichwertigkeitsvorstellungen nicht hin-nehmen, die auch strukturellen Rassismus in Verwaltung und staatlichen Behörden in der jeweiligen Region thematisieren und die durch die produktive Unruhe, die sie auslösen, einen Veränderungsprozess anstoßen können. Für gesellschaftliche Verän-derungen braucht es Menschen, die neue Wege ausprobieren und an den etablierten Strukturen rütteln.14 Mit ihren Aktivitäten werden diese demokratischen Jugendlichen im Gemeinwesen oft nicht akzeptiert und darüber hinaus als Störer/innen wahrge-nommen. Jugendarbeit hat hier auch die Aufgabe für die Jugendlichen einzutreten und ein Verständnis dafür aufzubauen, dass jugendliche Grenzerfahrungen möglich sein müssen. Obwohl die Mittel für die Jugendarbeit an vielen Orten in den letzten Jahren immer wieder gekürzt worden sind, wurde vielerorts nicht davon abgewichen, sich ausgerechnet mit jenen zu beschäftigen, die die Menschenrechte in Frage stellen, statt explizit demokratische Jugendliche zu stärken. Langfristig könnte eine Konzen-

13 VDK/MBR (2006): 78

14 Vgl. u.a. Feustel/Nattke (2014): 10ff.

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tration auf das Empowerment dieser Jugendlichen dazu führen, dass die Arbeit15 mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen überflüssig wird. Werden menschenrechtso-rientierte Jugendliche gestärkt, kann die Auseinandersetzung mit rechtsextrem-ori-entierten Jugendlichen geführt werden, ohne mit letzteren direkt arbeiten zu müssen.

Eine Aufwertung der Positionen von rechtsextrem-orientierten Jugendlichen kann so vermieden werden.

Fan-Projekt Bremen

Ein Praxisbeispiel für die Arbeit mit demokratisch orientierten Jugendlichen, als Form der Marginalisierung rechtsextremer Positionen und der Prävention in diesem Bereich kommt aus der Arbeit des Fan-Projekts Bremen.

Bereits Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre tauchen rechtsextremis-tisch orientierte Jugendliche in den Stadien auf. Dies wurde von organisierten Nazis wahrgenommen, die dann versuchten, diese Fußballanhänger zu rekru-tieren – was ihnen teilweise auch gelang. So entwickelten sich die Fanszenen in der Bundesrepublik insgesamt nach rechts oder zeigten sich nach rechts offen.

Beispiele sind die Borussenfront in Dortmund, die Adlerfront in Frankfurt oder ZyklonB bei Hertha BSC.

In den 1980er Jahren entstand eine Hooliganszene, die sich größtenteils rechtsextrem orientierte. Sie war ganz überwiegend weiß, männlich und chauvi-nistisch und versuchte die Fanszenen zu dominieren. Rassistische, antiziganis-tische und antisemiantiziganis-tische Gesänge wie «Zick Zack Zigeunerpack», «Wir bauen einen U-Bahnschacht von ... bis nach Auschwitz», «Asylanten», «Husch, Husch, Husch, Neger in den Busch» etablierten sich, und auch Fußballfans ließen sich politisch einbinden. Einziges Gegenbeispiel ist St. Pauli in dieser Zeit (und bedingt Schalke). Erst in den 1990er Jahren entstehen Ultragruppen in der Bun-desrepublik, die sich mit Rassismus und Rechtsextremismus in ihren Kurven auseinandersetzen, sich auf linke italienische Ultras beziehen und sich quasi selbstermächtigen, die Verhältnisse in den Fankurven zu ändern. Dies führt zu Konflikten innerhalb der Fanszenen, die dann in den Nuller-Jahren akut werden, so beispielsweise 2007, als Bremer Hooligans und Nazis die Party einer antiras-sistischen Ultragruppe in den Räumen des Fan-Projekts Bremen überfallen.

Als Reaktion gründeten das Fan-Projekt Bremen und Werderfans die Antidiskriminierungs-AG, um über Rechtsextremismus in Bremen aufzuklären, die Fans und die Bremer Öffentlichkeit zu sensibilisieren und alle beim Fußball bekannten Diskriminierungsformen einzudämmen bzw. abzubauen: Rassis

15 Jugendarbeit sollte gleichberechtigt in drei Bereichen tätig sein: in der Auseinandersetzung mit Gefährdeten und Gefährdern, in der Arbeit mit denjenigen, die auf der Suche nach Zuordnung sind – aber bereit sind für Reflexion. Und sie sollte diejenigen unterstützen, die von sich aus eine Engagementbereitschaft zeigen und Unterstützung, Ausbildung und Rückenstärkung für ihr Engagement für Demokratie und Menschenrechte benötigen.

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mus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Behindertenfeindlichkeit und Antiziganismus. Dabei entwickelte die AG verschiedene Stadion-Choreografien und Aktionstage im und vor dem Stadion gegen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung und organisierte einen Infostand mit Postern, Flugblättern, Buttons, T-Shirts und Stickern. Weiter wurden Diskussionsveranstaltungen im OstKurvenSaal des Weser-Stadions durchgeführt und eine Website eingerich-tet, die über verschiedene Diskriminierungsformen und Rechtsextremismus aufklärt und über die Aktionen der Gruppe berichtet (werderfans-gegen-rassis-mus.de und AntiDiskriminierungs-AG auf Facebook). Außerdem bildeten sich die Fans in diesen Fragen gegenseitig weiter, führten selbst einen Workshop zu Rechtsextremismus und Diskriminierung für die Stadionordner durch und beschäftigten sich mit der Privilegierung von Weißen in unserer Gesellschaft (Critical Whiteness) in der Bremer Jugendbildungsstätte LidiceHaus. Das Fan-projekt bot darüber hinaus mehrere Begegnungen mit israelischen Fußball-fans in Israel als auch in Bremen an, organisierte eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz, an der über dreißig jugendliche Werderanhänger teilnahmen, sowie eine Fahrt nach Marseille, um mit den antifaschistischen Ultras von Olympique Marseille eine Kurvenshow gegen Rassismus im Stade Vélodrome durchzufüh-ren. Höhepunkt des Internationalen Jugendaustausches war der Besuch von französischen Fans aus Marseille, jüdischen Fans aus Jerusalem und palästinen-sischen Fans aus Ostjerusalem in Bremen. Zur Gedenkstättenfahrt nach Ausch-witz und dem Fan-Austausch mit Israel ist anzumerken, dass es beim Abbau von Antisemitismus nicht nur um das Erinnern gehen kann, sondern dass es auch um die Gegenwart und Zukunft der Juden in Europa und Israel gehen muss. So ist mittlerweile auch die jüdische Gemeinde in Bremen in die Antidiskriminie-rungsarbeit mit einbezogen. Es ist etwas anderes, ob ich nach Auschwitz fahre, oder ob ich gemeinsam mit Israelis im Stadion stehe, gemeinsam eine Mann-schaft anfeuere und womöglich Fan eines israelischen Fußballclubs werde.

Ende 2008 wurde in Bochum der Versuch der Bremer Nazi-Hooligan-Gruppe Nordsturm Brema, im Bremer Block ein Banner mit der Aufschrift NSHB (Nord-sturm Hansestadt Bremen bzw. National Sozialismus HB) hochzuhalten, von Werderfans vereitelt. Dadurch, dass der damalige Präsident des DFB, Theo Zwanziger, diese Auseinandersetzung richtig einordnete und verstand, dass sich hier Fans gegen Nazis wehrten, wurde diese spontane Aktion nicht als «interne Auseinandersetzung von Fans» eingeordnet. Anders das Amtsgericht Bremen, das die am oben erwähnten Überfall beteiligen Nazis und Hooligans erst 2012 zu geringen Geld- und Bewährungsstrafen verurteilte. Das Amtsgericht hatte bis zuletzt an der These festgehalten, es habe sich um eine Schlägerei zwischen ver-feindeten Fangruppen gehandelt. Für die betroffenen Fans war dies ein Schlag ins Gesicht, denn sie wussten ja, warum und von wem sie überfallen wurden.

Sie waren die Opfer einer politisch motivierten Straftat und nicht Täter. Gemein-sam mit den Werderfans organisierte daraufhin das Fan-Projekt Bremen eine

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Demonstration, um die Bürger/innen der Stadt zu informieren und der empfun-denen Ungerechtigkeit Ausdruck zu geben.

Heute hat sich die Arbeit gegen Diskriminierung bei den Werderfans etab-liert. Dabei ist diese Entwicklung natürlich nicht ohne Konflikte innerhalb der Bremer Fanszene verlaufen. Entscheidend war, dass sich das Fan-Projekt Bre-men, einige Bremer Politiker, Theo Zwanziger, der Verein Werder Bremen und seine damaligen Spieler ohne Wenn und Aber hinter die angegriffenen Fans gestellt haben und nicht der Auffassung, es handele sich um eine «Schlägerei unter Fans», gefolgt sind. Ebenfalls wichtig war, dass Fangruppen und auch Ein-zelpersonen der Bremer Fanszene, die zivilgesellschaftliches Engagement zeig-ten, unterstützt, gefördert und auch fortgebildet wurden («Empowerment»).

Dabei spielten auch finanzielle Mittel eine wichtige Rolle, ohne die die meisten Aktivitäten der Antidiskriminierungs-AG gar nicht hätten durchgeführt werden können. Die Mittel des Lokalen Aktionsplans, der Robert-Bosch-Stiftung und auch Jugend-Wettbewerbspreise waren eine große Hilfe. Kritisch anzumerken ist, dass die Mittel für den Jugendaustausch mit Israel viel zu gering sind.

Seit 2007 hat sich die Fanszene gewandelt. Rechtsextremisten und Rassisten meiden die Fankurve, die Fangesänge sind mehr oder weniger diskriminierungs-frei, Fans, die sich diskriminierend verhalten, werden zurechtgewiesen, und die Fans engagieren sich in zivilgesellschaftlichen Fragen und gegen Gruppenbezo-gene Menschenfeindlichkeit. Dies lässt sich auch daran feststellen, dass mittler-weile wesentlich mehr weibliche Fans und Migranten in die Fankurve kommen.

Dazu gibt es wiederum eine Initiative der Antidiskriminierungs-AG, die Flücht-linge zu den Heimspielen und Auswärtsfahrten von Werder einlädt und an den Fanaktivitäten beteiligt. An dieser Stelle soll noch einmal die positive Rolle ins-besondere der Ultras betont werden, ohne die sich in Bremen das Klima nicht so schnell und nachhaltig geändert hätte. Sie waren der Motor zum Wandel der Fanszene. Abschließend sei angemerkt, dass diese Arbeit nicht vorstellbar wäre, ohne den Mut zum Experiment und dem Lernen aus der Erfahrung.

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