Pädagogische Arbeit mit den Kindern

In document Ideologien der Ungleichwertigkeit (Page 132-135)

In einer Kindertagesstätte fällt ein Junge dadurch auf, dass er Hakenkreuze und Runen zeichnet und dies auf Nachfrage argumentativ rechtfertigt. Gleichzeitig verweigert er, mit Kindern zu spielen, die eine dunklere Hautfarbe oder eine Beeinträchtigung haben. Zudem spielt er sehr gern Krieg und ist gegenüber anderen Kindern aggressiv und gewalttätig.

In einer anderen Einrichtung fällt ein Geschwisterpaar dadurch auf, dass sie besonders zurückhaltend sind und wenig von zu Hause, z.B. vom Wochenende, erzählen. Deshalb verweigern sie ihre Teilnahme am Morgenkreis zum Wochen-beginn. Gleichzeitig gibt es keine sogenannten Disziplinprobleme, diese Kinder scheinen besonders «gut zu spuren». Außerdem zeigen sich traditionelle Geschlecht-errollen in den Erziehungsstilen: Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe, es wird zu Hause zu Haus- und Handarbeiten angeleitet, der Junge wird stark körperlich gefor-dert und gedrillt. Beide kommen häufig am Morgen in die Einrichtung, nachdem sie bereits einen 5-km-Lauf absolviert haben.

Anna lädt ihre Freund/innen aus der Kita zum Kindergeburtstag ein. Einige Eltern, deren Kinder eingeladen sind, wissen um die NPD-Mitgliedschaft von Annas Eltern. Sie bitten die Erzieher/innen um Rat, wie mit der Einladung umzugehen sei.

Rechtsextremismus als Herausforderung für frühkindliche Pädagogik

In diesen genannten Fällen zeigt sich, dass die betroffenen Kinder mit Erzie-hungsstilen konfrontiert sind, die ihre Entwicklung zu einer ganzheitlichen Persön-lichkeit mit eigenen WahlmögPersön-lichkeiten stark begrenzen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Kinder in eine Alltagskultur der Diskriminierung, Ungleichwertigkeit und Gewalt hineinsozialisiert werden, die sie in das eigene Handlungsrepertoire auf-nehmen. Hiermit geraten sie wiederholt in dilemmatische Situationen, da sie den Anforderungen eines demokratischen und gewaltfreien Miteinanders aufgrund der zu Hause vermittelten Ideologie nicht gerecht werden können. Diese Kinder geraten unter Entscheidungsdruck, der nicht altersgerecht ist und sie überfordert. Was in die-sen Fällen unbenannt bleibt, aber eine grundsätzliche Herausforderung für Pädagog/

innen darstellt, ist die Frage, wie mit der gesamten Gruppe umzugehen ist. Das bein-haltet auch den Umgang mit Diskriminierung oder Gewalt, die von Kindern ausgeht, die in neonazistisch orientierten oder engagierten Familien aufwachsen. Zum einen geht es hier um die Wahrung eines Schutzraums vor Diskriminierung und Ausgren-zung. Gleichzeitig ist es unabdingbar, ein Miteinander zu etablieren, das ein Erlernen und Erleben demokratischen Handelns ermöglicht. Hierzu zählt auch das Erfahrbar-machen der Prämisse, dass alle Menschen unabhängig von verschiedenen Zugehö-rigkeiten oder körperlichen und geistigen Ausstattungen gleichwertig sind.

Pädagog/innen stehen vor der Aufgabe zu erkennen, in welchen familiären Situ-ationen Kinder aufwachsen, und sie bei der Entwicklung einer eigenständigen Per-sönlichkeit zu unterstützen. Wie jedoch lässt sich feststellen, ob ein Kind bei Eltern aufwächst, die sich rechtsextrem orientieren, und was folgt daraus für das pädagogi-sche Handeln?

Zunächst lässt sich sagen, dass man nicht von einem einheitlichen Erziehungs-stil im aktuellen Rechtsextremismus sprechen kann. So sind Erziehungsmethoden, die auf Härte, Durchhaltevermögen und Folgsamkeit ausgerichtet sind, nicht in der gesamten Szene verbreitet. Es ist davon auszugehen, dass es nicht «den dominanten», sondern verschiedene Erziehungsstile gibt. Unabhängig davon verfolgen Eltern, die Teil der rechten Szene sind und von deren weltanschaulichen Ideen überzeugt, das Ziel, ihren Nachwuchs ideologisch zu prägen. Man muss davon ausgehen, dass diese Kinder mit einem rechtsextremen Weltbild aufwachsen und dass sie lernen, dass Menschen aufgrund von Herkunft und/oder Lebensweise unterschiedlich viel wert seien. Solcherart Positionen denken sich Kinder nicht selbst aus, sie lernen – in die-sem Falle sehr wahrscheinlich im Elternhaus und dessen Umfeld – zu diskriminieren.

In rechtsextremen Online-Foren diskutieren Neonazi-Eltern über Erziehung. Auffällig ist hier die Ablehnung von Anglizismen, das Internet heißt «Weltnetz», T-Shirts wer-den als «T-Hemwer-den» bezeichnet und auch die aus Italien stammende «Pizza» wird lieber «Gemüsetorte» genannt. Einigkeit herrscht weitgehend darüber, dass Kinder frühzeitig Gehorsam und Pflichtbewusstsein lernen sollen; ebenso, dass Jungen und Mädchen verschiedene Rollen und gesellschaftliche Positionen und damit verbun-dene Aufgaben und Pflichten haben. In diesen Foren wird auf antisemitische Brett-spiele hingewiesen, und es werden Erziehungsratgeber empfohlen. Das sind zumeist Bücher aus der Zeit des Nationalsozialismus, die zum Teil aber auch nach 1945 parti-ell überarbeitet in der Bundesrepublik aufgelegt wurden, z.B. das Buch von Johanna

Ideologien der Ungleichwertigkeit

Haarer Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Hier wird eine strenge, autoritäre Erziehung empfohlen und dazu geraten, Kinder nicht zu «verzärteln». Die Mutter solle «hart werde(n)»12 und auf das Weinen des Kindes gerade nicht mit emotiona-ler Zuwendung reagieren. Haarer vermittelte in ihren Büchern nationalsozialistische Ideologie. Die in der Bundesrepublik erschienene Neuauflage des Buches war dahin-gehend bereinigt; weiterhin empfohlen wurden jedoch Erziehungsmaßnahmen im Sinne von Härte, Gehorsam und Unterwerfung.

In der Praxis sollten mehrere Bereiche beachtet werden. Im Umgang mit Kin-dern, die sich diskriminierend oder gewalttätig verhalten, geht es darum, angemes-sen pädagogisch zu intervenieren und verständliche Grenzen gegenüber Gewalt und Diskriminierung zu setzen. Neben einer eindeutigen Grenzsetzung ist es notwendig, eine altersangemessene Auseinandersetzung in der Gruppe zu ermöglichen. Es kann sinnvoll sein, gemeinsame Regeln auszuhandeln oder auch «Kummerkästen» aufzu-stellen. Im Sinne von Primärprävention sind die Einbeziehung von pädagogischen Ansätzen der Vielfalt- und Demokratiepädagogik sowie Projekte zu Kinderrechten sinnvoll. Ganz grundsätzlich geht es hier auch um konzeptionelle Überlegungen für die Umsetzung der pädagogischen Arbeit in der Einrichtung. So ist es wichtig, auf eine Vielfalt der Zugehörigkeiten sowohl auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte als auch der Kinder zu achten. Stereotype jeglicher Art können unterlaufen werden, wenn z.B. Toberäume nicht nur für Jungen und Kuschelecken nicht nur für Mädchen gedacht werden, das Speiseangebot in der Einrichtung unterschiedlichen religiösen und kulturellen Ansprüchen gerecht wird und unterschiedliche ethnische Herkünfte sich auch im pädagogischen Material spiegeln. Vielfalt positiv zu begegnen kann auch heißen, gezielt Eltern anzusprechen, die einer anderen Einkommensgruppe oder Bil-dungsschicht als die Mehrheit angehören oder die eine Migrationsgeschichte mit-bringen sowie Kinder einzubeziehen, die aus Regenbogenfamilien kommen.

Eine Alltagskultur, die Verschiedenheiten selbstverständlich für alle als gleich-wertig erfahrbar macht, ist bereits ein wirksamer Ansatz der Primärprävention gegen Rechtsextremismus. Es gilt, eine Kultur der Verschiedenheit und Gleichwertigkeit aller im Alltag der Kinder erfahrbar zu machen. Damit wird der Vorstellung einer homogenen «Volksgemeinschaft» und der Ungleichheit verschiedener Gruppen – zentrale Ideologeme von Neonazis – praktisch etwas entgegengesetzt. Zudem zeigt die Praxis, dass eine offensive Auseinandersetzung mit zunächst einmal allen Eltern unabdingbar ist. Davon ausgehend, dass es Eltern generell um das Wohlergehen ihrer Kinder geht, ist es sinnvoll, Arbeitsbeziehungen auch mit rechtsextrem orientierten oder engagierten Eltern einzugehen. Fachkräfte, die möglicherweise von Neonazis als Feind/innen wahrgenommen werden, sollten von ihren Kolleg/innen solidarisch unterstützt und geschützt werden; sinnvoll kann hier die Entwicklung eines Schutz-konzepts sein. Arbeitsbeziehungen mit rechtsextrem orientierten oder engagierten Eltern einzugehen, beinhaltet nicht das Tolerieren von Diskriminierung – vielmehr ist es notwendig, dass sich Pädagog/innen eindeutig positionieren. Jedoch zeigt sich, dass rechtsextreme (und rechtsextrem orientierte) Eltern, denen Grenzen der

12 Haarer (1936): 173

Rechtsextremismus als Herausforderung für frühkindliche Pädagogik

Zusammenarbeit aufgezeigt werden, durchaus positiven Einfluss auf ihre Kinder, z.B.

auf deren gewalttätiges Verhalten nehmen, was letztlich deren Entwicklung und dem Klima der Einrichtung zugutekommt.

Über den unmittelbaren Umgang mit rechtsextrem orientierten und organisier-ten Eltern hinaus sollorganisier-ten Erscheinungsformen von Rechtsextremismus grundsätzlich mit allen Eltern in der Einrichtung thematisiert werden. Das kann zum Beispiel in Form eines Elternabends oder eines Infotages mit externen Expert/innen geschehen.

Gleichzeitig geht es um die direkte Auseinandersetzung darüber, wie mit alltagsrassis-tischen und/oder anderen Diskriminierungen umzugehen ist. Auch für die Frage des Umgangs mit der beschriebenen Geburtstagseinladung ist es sinnvoll, sich abzuspre-chen. Alternativen können z.B. darin bestehen, die Feier in die Kita zu verlegen, oder Eltern zu empfehlen, ihre Kinder auf den Geburtstag zu begleiten. Grundsätzlich geht es darum, Eltern zu ermutigen, sich mit «ungeliebten Themen» wie Rassismus und Diskriminierung an die Kita zu wenden.

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