Predigt am Sonntag, dem 19. Januar 2020: Der blühende Mandelzweig Der Herr der Ringe ich bin nicht geeignet

Volltext

(1)

Reformierte Kirchgemeinde Hasle bei Burgdorf

Predigt am Sonntag, dem 19. Januar 2020: „Der blühende Mandelzweig“

Bibeltext: Jeremia 1,4–12.17–19 (AT bärndütsch) Pfr. Hannes Müri

Ds Wort vom Herr isch zue mer cho und het mer uftreit: „No bevor i di im Lyb vo dyr Mueter erschaffe ha, han i di userwählt, und no bevor du us em Buuch vo dyr Mueter usecho bisch, han i di gheiliget. I ha di ygsetzt zum Prophet vo de Völker.“ Aber i ha gantwortet: „Nei, nei, Herr, my Gott, lue, i versta ja nüüt vom Rede, i bi no so jung!“

Aber der Herr het zue mer gseit: „Säg nid, du sygsch z jung! Nei, du muesch zu allne ga, won i di häreschicke, und alls, won i dir uftrage, musch usrichte. Häb nume ke Angscht vor den andere. I bi ja bi dir, für di z rette“ – Spruch vom Herr. Da het der Herr sy Hand usgstreckt und mys Muul aagrüert.

Und der Herr het gseit: „Lue, jitz han i myni Wort i dys Muul gleit. Lue, am hüttige Tag setzen i di y über d Völker und über d Chünigrych, für uszrysse und abezrysse, für zgrund z richte und z verstöre, für ufzboue und

yzpflanze.“

Ds Wort vom Herr isch zu mir cho. Er het gseit: „Was gsehsch, Jeremia?“ I ha gantwortet: „Es Mandelboumzweigli

1

gsehn i.“ Da seit der Herr zu mir:

„Du hesch guet gluegt, i halte nämlech Wach über mys Wort, für’s wahr z mache.“ [...]

Und du, leg dy Gurt aa, und gang säg nen alls, won i dir befile. Häb ke Angscht vor ine [...]. Nei lue, i mache di hütt zu nere feschte Stadt, zu neren ysige Süüle, zu nere Muur us Bronze [...]. Si chönne gäge di chriege, aber si möge nid gfahre gäge di, wil i mit dir bi“ – Spruch vom Herr – „für di z rette.“

Liebe Gemeinde!

Die Szene, in der Jeremia zum Propheten berufen wird, erinnert mich an die Bücher und Verfilmungen der Erzählung „Der Herr der Ringe“. Die Hauptperson, der junge Hobbit Frodo, ist eigentlich wider Willen in den Besitz eines Ringes gekommen, der, wenn er in falsche Hände gerät, dem Bösen ungeheure Macht verleiht. Der Ring muss an jenen Ort gebracht werden, wo er einst geschmiedet worden ist. Frodo soll in den Tiefen des Feurigen Berges, eines Vulkans, die Schicksalsklüfte finden, den Ring dort hineinwerfen und so zerstören.

„Ich will (den Ring) wirklich zerstören!“ rief Frodo. „Oder vielmehr, ich will, dass er zerstört werde. Denn ich bin nicht geeignet für gefährliche Unternehmungen. Ich wollte, ich hätte den Ring nie gesehen! Warum ist er nur auf mich gekommen?

Warum wurde ich erwählt?“

„Solche Fragen lassen sich nicht beantworten“, sagte Gandalf. „Du kannst gewiss sein, dass es nicht wegen irgendwelcher Vorzüge war, die andere nicht

1 Der Mandelboum blüeit sehr früe. Er isch hie es Zeiche derfür, dass Gott geng wach isch.

(2)

besitzen: nicht Macht oder Weisheit jedenfalls. Doch bist du erwählt worden, und daher musst du alles zusammennehmen, was du an Kraft und Mut und Verstand hast.“2

Frodos Rolle ist exzellent besetzt. Elijah Wood hat ein einnehmendes, junges, fast kindliches

Gesicht, das mit seinen Augen absolute Ehrlichkeit und ein wenig Naivität ausstrahlt. Man möchte ihn nicht mit einem derart gefährlichen Auftrag belasten.

Man leidet mit dem jungen Frodo, während die Bedrohung fast mit Händen zu greifen ist und im Verlauf der Filme ungeheuer beklemmend wird...

Und jetzt Jeremia: „I ha di ygsetzt zum Prophet vo de Völker.“ Das ist sein Auftrag.

Seine Antwort ist kurz und voller Sorgen und Seufzen: „Nei, nei, Herr, my Gott, lue, i versta ja nüüt vom Rede, i bi no so jung!“ Dann sagt er nichts mehr, ausser dass er kurz beschreibt, was Gott ihn sehen lässt: ein Mandelbaumzweiglein und einen Kessel mit kochendem Wasser. Es gibt in dem Sinne kein ausgesprochenes Ja zu Gottes Auftrag, sondern nur ein „ausgelebtes“ Ja.

Ich möchte den Text in drei Abschnitte unterteilen:

Zuerst geht es um den Auftrag Jeremias, Prophet zu sein. Jeremia lehnt ab, aber Gott bleibt bei seinem Plan und legt ihm –für ihn körperlich erfahrbar – seine Worte in den Mund.

Dann zeigt Gott Jeremia zwei Bilder – den blühenden Mandelzweig und einen Kessel mit dem kochenden Wasser – und verhilft ihm so zu einer Art

Schlüsselerlebnis.

Schliesslich fordert Gott Jeremia auf, ans Werk zu gehen, und rüstet ihn aus:

Jeremia bekommt die Widerstandskraft einer befestigten Stadt, einer Säule aus Eisen, einer Mauer aus Bronze zugesprochen.

Und wie eine Klammer steht da zweimal Gottes Zusage: „I bi ja bi dir, für di z rette“

– Spruch vom Herr.“ – Wenn die Worte „Spruch des Herrn“ dastehen, dann bedeutet das: „Zu diesem Wort stehe ich mit meinem Namen! Das sage ich nicht leichtfertig!“

I Der Auftrag

„Userwählt, gheiliget, ygsetzt“ ist Jeremia. Er seufzt und ächzt und sagt dann Nein.

Gott aber lässt sich nicht beirren. Er definiert den Auftrag und sagt Jeremia seine Begleitung und Hilfe zu. Gott berührt Jeremias Mund und macht so für ihn erfahrbar, dass er, Jeremia, Gottes Worte aussprechen wird.

Gott bringt Jeremia in Position: „über d Völker und über d Chünigrych“. Und wozu soll er Prophet sein? „Für uszrysse und abezrysse, für zgrund z richte und z verstöre, für ufzboue und yzpflanze“ – viermal Abbruch, zweimal Aufbau. Jeremia muss

Schwieriges verkündigen, aber er ist nicht einfach der Katastrophenprophet.

Wie können wir uns diese Beauftragung wohl vorstellen? Ich nehme an, Gott ist Jeremia in einer Art Vision begegnet. – Wir müssen nicht auf eine vergleichbare

2 John Ronald Reuel Tolkien, Der Herr der Ringe – Der Ring wandert, S. 82

(3)

Erfahrung zurückgreifen, um uns als von Gott angesprochene und ausgewählte Menschen zu verstehen.

Was mich freut und ermutigt: Gott sucht sich nicht die Talentiertesten aus... Mose kann nicht reden (und ist störrisch).3 Die Israeliten sind das kleinste von allen

Völkern.4 Gideon ist wahnsinnig auf Sicherheit bedacht.5 Über Saul spotten einige Leute bei seiner Wahl zum König: „Wi wett is dä scho chönne hälfe!“6 Jesaja ist vielleicht eine Ausnahme und sagt nach erstem Entsetzen: „Hie bin i, schick mi!“7 Viele Jünger sind einfache Fischer. Paulus ist ein Christenverfolger. Timotheus wird wegen seiner Jugend gering geschätzt.8

Es sind andere Qualitäten, die Gott erkennt. Welche sind es wohl? Sich brauchen lassen, auch wenn es mühsam wird, wenn die Zeit lang wird, wenn man gegen den Strom schwimmen muss. Mit den Pferden laufen, auch wenn man sich lieber der schlurfenden Masse anschliessen möchte.9 – Oder vielleicht ist es einfach Gottes besondere Liebe, die ein wenig Boden findet und aufgeht...

II Zwei Bilder

Gott lässt Jeremia zuerst den Zweig eines Mandelbaumes sehen. Der Mandelbaum gehört zu den Bäumen in Palästina, die am frühesten blühen, bevor überhaupt

Blätter kommen: schneeweisse Blüten im Februar! Blühende Mandelbäume sind das Versprechen des Frühlings. Vögel kommen zurück und singen, Bäume kleiden sich in frischem Grün, Früchte beginnen zu wachsen. Der Mandelbaum ist ein Zeichen dafür, dass Gott immer wach ist.

Das ist der Inhalt des Wortspiels, das wir auf Deutsch nicht mitbekommen: „Mandel“

heisst schaqed; „ich wache“ heisst schoqed. Wenn Jeremia ein Berner gewesen wäre, hätte Gott ihm einen Wacholder gezeigt: „Es Wacholderzweigli gsehn i.“ – „Du hesch guet gluegt, i halte nämlech Wach über mys Wort, für’s wahr z mache.“

Ich habe im Internet Fotos von blühenden Mandelbäumen angeschaut: Die Blüte ist eine wahre Freude. Sie ist schön anzusehen und duftet scheint’s wunderbar. Doch sie ist noch mehr: Sie ist Erwartung. Sie ist ein Versprechen. Wie die Worte: „I halte Wach über mys Wort, für’s wahr z mache.“ Oder anders gesagt: „Alles, was ich ankündige, wird in Erfüllung gehen. Dafür sorge ich.“ Gott lässt keines seiner Worte verloren gehen oder unter den Tisch fallen.

Gott braucht im Umgang mit Jeremia also eine Art audiovisuelle Methode! Bild und Wortspiel stärken in Jeremia die Hoffnung und setzen sich in ihm bleibend fest.

Wenn er eine Mandelblüte sieht, wird er sich erinnern: Gott schläft nicht und lässt sein Wort wahr werden! Wenn er das Wort „wachen“ hört, wird er sich erinnern: Die Mandelblüte ist ein Zeichen für den Frühling, der mit Sicherheit kommt!

3 Exodus 4,10–17

4 Deuteronomium 7,7

5 Richter 6,36–40

6 1. Samuel 10,27

7 Jesaja 6,8

8 1. Timotheus 4,12

9 Jeremia 12,5

(4)

Das bedeutet für Jeremia: Gott steht zu dem, was er gesagt hat. – Ich weite den Gedanken aus und sage: Gott lässt nicht fahren, was er geschaffen hat. Er lässt nicht die Zügel schleifen. Er lässt es nicht darauf ankommen, was geschieht... Das gilt auch heute noch, in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Ein tragendes Bild, eine tragende „Vision“... Haben Sie sie auch? Ein Bild, das untrennbar mit der Erinnerung verknüpft ist, dass Gottes Worte nicht nur Worte sind.

Gott tut, was er sagt. Vielleicht eine Erinnerung, die aus dem Schmerz geboren worden ist.10 (Der Zettel mit Psalm 62 an Jons Bett: eine gezeichnete Burg als

Symbol für Gott, dazu die Worte: „I’m set for life.“) (Oder „mein Bild“: Vancouver, über dem Meer. Jesus steht da, blickt gegen Osten, von mir weg. Ich bei ihm, kleiner, wohl an seiner Hand. Ich spüre: Er ist da.) (Oder: Eine „Losung“ in meiner Hosentasche.) Die zwei Bilder, der blühende Mandelzweig und der Kessel mit kochendem Wasser, waren Jeremias „Lehrzeit“. Die bildhafte Vision brannte sich tief in die Netzhaut seines Glaubens ein. – 1) Gott lässt aufbrechen und aufblühen, was er gesagt hat. 2) Das Böse ist nicht allmächtig und übermächtig, sondern begrenzt und ein Werkzeug in Gottes Hand – wie das Skalpell in der Hand des Arztes.

III Gott gibt, was fehlt

„Und du, leg dy Gurt aa, und gang säg nen alls, won i dir befile. Lue, i mache di hütt zu nere feschte Stadt, zu neren ysige Süüle, zu nere Muur us Bronze.“ Das hat Jeremia in jenem Moment wohl nur mit seinem Verstand wahrgenommen, nicht als

„Stromschlag“. (So wie ihn Asterix jeweils erlebt, wenn er vom Zaubertrank trinkt.) Er hat die Kraft, widerstehen und durchhalten zu können, später am eigenen Leib erfahren, gerade in den Zeiten, da er bekämpft, erniedrigt und verspottet worden ist.

– Und als Klammer: „I bi ja bi dir, für di z rette – Spruch vom Herr.“

Ich möchte diese Gedanken auf unsere Alltagssituation hinunterbrechen:

Ich glaube, dass Gott mich anspricht und mich für sich in Anspruch nimmt.

Wir müssen nicht alle Propheten sein wie Jeremia. Aber auch uns sucht Gott und spricht uns an. Jesus ruft uns in seine Nachfolge, damit wir Zeugen werden für das Reich Gottes, das kommt und hoffentlich bald vollendet wird. – Wie schätzen wir uns selbst ein? Welche Reden und Ausreden wollen wir vorbringen? Oder sind wir bereit, Menschen zu sein, die als Gottes Gegenüber leben wollen?

Menschen, die Gott „vertreten“ und „verkörpern“ in ihrem Umfeld?

Botschafterinnen und Botschafter?

Ich glaube, dass Gott meine Hoffnung nährt und meinen Glauben stärkt.

Ich nehme an, wir alle haben manchmal Selbstzweifel und fühlen uns einer solchen Aufgabe nicht gewachsen... Halten wir Ausschau nach Bildern, die Gott uns gibt, damit wir Kraft und Mut bekommen. Xandi Bischoff rät uns: „sich seines vaters versichern / sich seines kindseins versichern / vorfreude aufstöbern / proviant am wegrand nicht übersehen / sich selber konsequent vergeben / freiheit nicht loslassen“11 – Wir werden erleben, dass eine Kraft da ist, die bei uns bleiben will, wenn wir zweifeln.

10 Mundart-Rapper Stego am Freitag, dem 17. Januar 2020, im Jugendgottesdienst TimeOut: Der Schmerz wird für ihn zu einer Quelle der Inspiration.

11 Minimeditationen und Miniaturen für das ganze Jahr, S. 381 (hier nicht vollständig wiedergegeben)

(5)

Ich glaube, dass Gott hinzufügt, was mir fehlt.

Was ist es in unserer Zeit, das unseren Glauben nicht hat kaputt gehen lassen?

Ich danke Gott für alle Festigkeit, Standhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit, die er in mir hat entstehen lassen. Tun Sie es auch! Schauen Sie nicht auf das, was Ihnen immer fehlen wird („I cha’s nid...“), sondern immer mehr auf das, was Gott Ihnen gibt („I mache di hütt zu nere feschte Stadt.“). Und lassen wir es uns gesagt sein: „I bi ja bi dir, für di z rette – Spruch vom Herr.“

Jeremia hätte seinen Auftrag lieber nicht annehmen wollen – aber er hat sich

geschickt, sich schicken lassen und sich schliesslich mächtig ehrenvoll geschlagen!

Ich fühle mich Jeremia nahe in seinem Zögern. Ich will ihm aber auch nahe sein im Ausleben dessen, was ich von Gott höre – in der heutigen Zeit mit ihren anderen und ähnlichen Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Wie ich die Predigt angefangen habe – mit einem Beispiel aus der Erzählung „Der Herr der Ringe“ –, so möchte ich sie abschliessen:

„Ich wollte, es hätte nicht zu meiner Zeit sein müssen“, sagte Frodo.

„Das wünschte ich auch“, erwiderte Gandalf, „und das wünschen alle, die in solchen Zeiten leben. Aber nicht sie haben zu bestimmen. Wir können nur bestimmen, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist.“12

AMEN

PS:

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.

Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

Schalom Ben Chorin

12 J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe – Der Ring wandert, S. 70

Abbildung

Updating...

Referenzen

Updating...

Verwandte Themen :