Den»bösen Wolf«mit Keksen füttern»schattenarbeit«im Kontext der psychosozialen Beratung. Masterarbeit

Volltext

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Den »bösen Wolf« mit Keksen füttern

»Schattenarbeit« im Kontext der psychosozialen Beratung

Masterarbeit

zur Erlangung des akademischen Grades Master of Science (MSc)

im Universitätslehrgang Psychosoziale Beratung (Masterupgrade)

an der Karl-Franzens-Universität UNI for LIFE

von Michael Groß

Matrikelnummer: 08214290

Betreuerin:

Univ.-Doz

in

. DDr

in

. Barbara Friehs

Graz, Jänner 2019

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Ehrenwörtliche Erklärung

Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder ähnlicher Form keiner anderen inländischen oder ausländischen Prüfungsbehörde vorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht. Die vorliegende Fassung entspricht der eingereich- ten elektronischen Version.

Datum: Unterschrift:

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Abstract

Originally a psychotherapeutically concept, in analytical psychology the shadow concept de- scribes those aspects of our personalities, which are usually kept in the dark, encompassing not only the parts reflecting our self-ideal, but also archetypical shadow aspects of the collective subconsciousness. This works tries to cast light on the question, whether a confrontation with the shadow should be practiced in context of psychosocial counselling. The center point of this re- search was the integrative encounter with the personal shadow, also called “shadow work”, with special focus on the means, techniques and treatments allowing shadow-inclusive counseling.

The theoretical part of this thesis explains basic principles and portrays approaches to the praxe- ology of shadow work. A qualitative analysis of expert interviews summarizes the multitudes of suggestions and experiences of the interviewed counselors and therapists. The comparison of theory and empiricism shows, that shadow work can indeed be practiced under certain circum- stances in context of psychosocial counseling.

Keywords: analytical psychology; shadow; persona; archetypes; shadow work; integration of schismatic parts; Gestalt therapy; interventions; individuation; psychosocial counseling; projec- tion; polarity

Als originär psychotherapeutisches Konstrukt beschreibt das Schattenkonzept der Analytischen Psychologie die im Dunkeln gehaltenen Aspekte unserer Persönlichkeit. Dazu gehören sowohl jene Anteile, die unserem Ich-Ideal widersprechen, aber auch archetypische Schattenaspekte des kollektiven Unbewussten. Diese Arbeit geht der Frage nach, ob und wieweit eine Auseinander- setzung mit dem Schatten auch im Kontext der Psychosozialen Beratung praktiziert werden kann.

Die als »Schattenarbeit« bezeichnete integrative Begegnung mit dem persönlichen Schatten stand im Mittelpunkt dieser Forschungsarbeit. Ein besonderes Anliegen war die Erforschung jener Mit- tel und Wege, Techniken und Handhabungen, die eine schattenintegrierende Beratungsarbeit er- möglichen. Im theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit wurden Grundbegriffe geklärt und An- sätze zur Praxeologie der Schattenarbeit dargestellt. Eine qualitative Auswertung von Experten- interviews verdichtet die vielfältigen Anregungen und Erfahrungen der befragten Berater und Therapeuten. Die Gegenüberstellung von Theorie und Empirie zeigt, dass sich Schattenarbeit unter bestimmten Voraussetzungen auch im Kontext der psychosozialen Beratung praktizieren lässt.

Schlagwörter: Analytische Psychologie; Schatten; Persona; Archetyp; Schattenarbeit; Integra- tion abgespaltener Anteile; Gestalttherapie; Interventionen; Individuation; Psychosoziale Bera- tung; Projektion; Polarität

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ... 4

1.1 Konkretisierung der Forschungsfrage ... 6

2 Vom Wesen und Wirken des Schattens ... 8

2.1 Der Schattenbegriff ... 8

2.2 Das Schattenkonzept der Analytischen Psychologie ... 10

2.2.1 Der persönliche Schatten ... 13

2.2.2 Die Persona ... 14

2.2.3 Der kollektive Schatten ... 17

2.3 Psychodynamische Aspekte ... 20

2.3.1 Der energetische Aspekt ... 20

2.3.2 Verdrängung... 20

2.3.3 Die Projektion des Schattens ... 21

2.3.4 Schattendelegation ... 24

2.3.5 Schattenidentifikation ... 24

2.3.6 Schattenresonanz ... 25

2.3.7 Die Projektion von Anima und Animus ... 25

2.4 Das Ich, das Selbst und die Welt ... 27

2.4.1 Ich und Selbst ... 27

2.4.2 Psyche und Welt... 28

3 Die komplementäre Polarität ... 29

3.1 Begriffsklärung ... 29

3.2 Die Gegensatzstruktur der Psyche ... 31

3.3 Die »Schöpferische Indifferenz« ... 33

3.4 Gestaltarbeit mit Polaritäten ... 34

4 Schattenarbeit und psychosoziale Beratung ... 37

4.1 Schattenarbeit ... 37

4.1.1 Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten ... 37

4.1.2 Schattenarbeit und Individuation ... 37

4.1.3 Ziele der Schattenarbeit ... 38

4.1.4 Umgang mit Schattenwiderstand ... 39

4.2 Psychosoziale Beratung ... 39

4.2.1 Ressourcenorientierung ... 40

4.2.2 Abgrenzung zur Psychotherapie ... 41

5 Praxeologie der Schattenarbeit ... 42

5.1 Diagnostik in der Schattenarbeit ... 42

5.1.1 Der Körper als Schatten ... 42

5.1.2 Die emotionale Ladung ... 44

5.1.3 Projektionen als Indikatoren ... 44

5.1.4 Die Reflexion von Dramen ... 45

5.1.5 Fragen zur Selbstreflexion ... 46

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5.1.6 Schatten-Feedback ... 46

5.1.7 Verteidigen und rechtfertigen ... 46

5.1.8 Den inneren Kritiker hinterfragen ... 47

5.1.9 Schattendurchbrüche ... 48

5.2 Umgang mit dem Schatten ... 48

5.2.1 Ressourcenorientierte Gegenmaßnahmen ... 49

5.3 Interventionen ... 50

5.4 Interventionsansätze in der Schattenarbeit ... 51

5.4.1 Kognitiv-reflexiver Interventionsansatz ... 51

5.4.2 Symbolisch-kreativer Interventionsansatz ... 53

5.4.3 Dialogisch-handlungsorientierter Interventionsansatz ... 59

6 Forschungsmethode ... 65

6.1 Das leitfadenorientierte Experteninterview ... 65

6.1.1 Experten als Interviewpartner ... 66

6.1.2 Das offene leitfadengestützte Interview ... 67

6.1.3 Durchführung der Interviews ... 68

6.2 Datenaufbereitung durch Transkription ... 68

6.3 Qualitative Inhaltsanalyse ... 69

6.3.1 Phase 1: Initiierende Textarbeit ... 70

6.3.2 Phase 2: Entwicklung thematischer Hauptkategorien ... 71

6.3.3 Phase 3: Codieren des gesamten Materials ... 71

6.3.4 Phasen 4 und 5: Ausdifferenzierung ... 72

6.3.5 Phase 6: Codieren des kompletten Materials ... 73

6.3.6 Phase 7: Einfache und komplexe Analysen bzw. Visualisierungen ... 73

7 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse ... 74

7.1 Darstellung der einzelnen Interviewpartner ... 74

7.2 Darstellung der Hauptkategorien ... 75

7.3 K1: Schattenverständnis ... 75

7.3.1 Schattenbegriff ... 75

7.3.2 Schattenabwehr ... 77

7.4 K2: Schattenthemen ... 78

7.4.1 Symptome ... 79

7.4.2 Motive ... 80

7.5 K3: Schattenarbeit ... 82

7.5.1 Begriff ... 83

7.5.2 Integration – Individuation... 83

7.5.3 Für und Wider ... 84

7.6 K4: Interventionen ... 86

7.6.1 Kognitiv-reflexive Interventionen ... 86

7.6.2 Symbolisch-kreative Interventionen ... 90

7.6.3 Dialogisch-handlungsorientierte Interventionen ... 93

7.7 K5: Anregungen ... 98

7.7.1 Alltäglicher Umgang mit dem Schatten ... 98

7.7.2 Herzenswünsche... 99

7.7.3 Individuelle Ansätze ... 101

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8 Zusammenfassung und Diskussion ... 104

9 Ausblick und Schlussgedanken ... 109

10 Abbildungsverzeichnis ... 111

11 Quellenverzeichnis ... 112

11.1 Literatur ... 112

11.2 Internetquellen ... 116

12 Anhang... 118

12.1 Interviewleitfaden ... 118

12.2 Rollenspiel - Das Urteil des Pharaos ... 118

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1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich einem Themenkomplex, der in regelmäßigen Abständen ans Licht der Öffentlichkeit gelangt, insbesondere durch schriftliche Beiträge jungianischer Prä- gung1, aber auch durch Ratgeberliteratur und populärwissenschaftliche Vorträge auf Videopor- talen. Der »tiefenpsychologische Schatten« ist ein urtümliches Konzept der Analytischen Psy- chologie und wurde besonders durch Ratgebermedien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Die dabei ausgesprochene Empfehlung, dass man sich seinen Schattenanteilen stellen sollte, mag schon deswegen verwundern, weil der eigene psychologische Schatten keine populäre Lichtge- stalt darstellt. Wer will sich schon mit den unangenehmen und unerquicklichen Anteilen seiner Persönlichkeit auseinandersetzen? Der Schatten-Unverträglichkeit zum Trotz, diverse Ratgeber2 aber auch erfahrene Vertreter der Psychotherapie versprechen, dass wir das Gold im Schatten3 finden. So soll eine behutsame Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten ein wesentlicher Beitrag zur Ganzwerdung (Individuation) sein. Wertvolle Lebensenergie, die davor zur Unter- drückung des Schattens aufgewendet wurde, soll wieder frei für neue Lebensaufgaben zur Ver- fügung stehen.

Was genau ist überhaupt der Schatten? Schon der Versuch einer akkuraten Definition des Schat- tenbegriffs erweist sich als schwierig. Selbst in der Scientific Community der Jungianer ist, je nach theoretischer Schwerpunktsetzung, die Auffassung des Schattens sehr unterschiedlich aus- gefallen.4 Würde man beispielsweise behaupten, der Schatten sei eine ungelebte und unterdrückte Seite des Ich-Komplexes, so wäre diese Bestimmung auch nur zum Teil richtig. Mari-Louise von Franz5 berichtet von einem Erlebnis mit C. G. Jung, der es nicht leiden konnte, wenn ihn seine Schüler zu buchstabengetreu zitierten und daher in einer Diskussion über den Schatten alle bis- herigen Begriffsfindungen über den Haufen warf, indem er sagte: “Das ist alles Unsinn! Der Schatten ist ganz einfach das gesamte Unbewusste.“ Dann machte er seinen Schülern klar, wie wichtig es sei, bei jeder Analyse auch immer die individuelle Lage eines Menschen im jeweiligen Augenblick zu berücksichtigen. Wenn man einem Klienten, der nichts über unbewusste Prozesse versteht, in einer Beratungsstunde versucht zu erklären, dass im Hintergrund seiner

1 „Jungianisch steht für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie die durch Carl Gustav Jung ins Leben gerufen wurde.“

2 Siehe Dahlke und Dahlke, Das Schatten-Prinzip.

3 Siehe Johnson u. a., Das Gold im Schatten - Impulse für die seelische Ganzwerdung.

4 Vgl. Vogel, Analytische Psychologie nach C. G. Jung. S. 62

5 Vgl. Franz, Der Schatten und das Böse im Märchen. S. 9f

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Aufmerksamkeit gewisse Vorgänge ablaufen, deren er sich nicht bewusst ist, dann ist das vor- läufig für ihn der Schatten.

Bemerkenswert erscheinen mir noch heute die forschenden Fragen eines Freundes, der mir in einem digitalen Diskussionsforum zum Schattenthema folgendes persönliche Schatten-Erlebnis schilderte:

„Ein Kabel und ein paar DVD-Hüllen, zufällig angeordnet, warfen einen Schatten, der mir nicht aufgefallen wäre. Mein Sohn (3 Jahre) entdeckte, dass dieser Schatten genauso aussieht wie der böse Wolf. Und – siehe da, wirklich! Vielleicht nicht genau den bösen Wolf, aber eine Tierkopfform konnte auch ich entdecken. Ist der Schatten eigentlich ver- schwunden, wenn man das Licht ausschaltet oder sieht man ihn nur nicht mehr? Wirft nur etwas einen Schatten, das sich vom Hintergrund abhebt? Wir haben den bösen Wolf mit einem Keks gefüttert und die DVD-Hüllen anders hingelegt. Und schon war da nichts mehr, vor dem mein Kleiner Angst haben musste. Kann man alle Schatten so leicht besei- tigen? Und alle »Schattenseiten« auch?“

Ich war berührt von der Idee den bösen Schattenwolf mit Keksen zu füttern. Könnte es metapho- risch gesprochen sein, dass auch die Auseinandersetzung mit dem Schatten von einem hinge- bungsvollen Ritual profitieren könnte? Auch darauf versucht diese Masterarbeit eine Antwort zu geben. Seit dieser Erzählung sind einige Jahre der intensiven Beschäftigung mit dem Schat- tenthema einher gegangen. Dabei hat sich meine Neugier am tiefenpsychologischen Konzept des Schattens noch weiter intensiviert. Neben der informativen Auseinandersetzung mit der einschlä- gigen Literatur, drängte sich mir ärgerlicherweise, scheinbar zufällig, auch zunehmend die Kon- frontation mit meinen eigenen Schattenthemen auf. Eine offenherzige und akzeptierende Ausei- nandersetzung mit dem persönlichen Schatten ist kein Spaziergang im Licht. Ich musste erfahren, dass sich über vieles lesen und diskutieren lässt, doch beim eigenen Schatten tappt das Ich im Dunkeln. An sich selbst will man das »Dunkle« nicht wahrhaben. Das Phänomen einer Schatten- Projektion lässt sich bei anderen Menschen leicht beobachten, eigene Projektionen allerdings bleiben zumeist unbewusst.

Gerade in der Auseinandersetzung mit eigenen Schattenthemen zeigt sich wie wertvoll es sein kann einen Begleiter, einen Berater, einen Coach oder einen psychotherapeutisch geschulten Menschen an seiner Seite zu haben. Als Begleiter auf der Reise zum »Schattenreich« kennen ausgebildete und erfahrene Berater Mittel und Wege, die der Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Schatten förderlich sind.

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Das primäre Ziel dieser Arbeit war die Erforschung jener Mittel und Wege, Techniken und Hand- habungen, die eine integrative Arbeit mit dem Schatten ermöglichen. Die, in weiterer Folge als

»Schattenarbeit« bezeichnete, integrative Auseinandersetzung mit dem persönlichen Schatten, stand im Mittelpunkt dieser Forschungsarbeit.

1.1 Konkretisierung der Forschungsfrage

Das Schattenkonzept ist keine empirisch beweisbare Tatsache; es ist ein Konstrukt zur Beschrei- bung tiefenpsychologischer Phänomene. Zu verweisen ist jedoch auf die Erfahrungsnähe und auf eine hohe Augenscheinvalidität mit der das Konzept des Schattens ausgestattet sein soll.6 Das Paradigma der Tiefenpsychologie geht davon aus, dass unwillkürliche Antriebe und unbewusste psychische Prozesse wesentliche Determinanten des Erlebens und Verhaltens eines Menschen sind. Demnach werden auch im Schattenkonzept jene unbewussten Prozesse beschrieben, die uns Menschen »schattenhaft« ergänzen.

Jungianische Psychotherapeuten erachten gerade die Auseinandersetzung mit den eigenen und kollektiven Schattenaspekten, insbesondere auch in Politik, Wirtschaft und Religion, als eine der vordringlichen Aufgaben des modernen Menschen. Ohne Bewusstmachung und Anerkennung des Schattens in jedem Menschen, bilden diese Anteile den Nährboden für Menschenhass und kriegerische Eskalationen.7 Geht es nach Vogel, so erfordert die Konfrontation mit den im Schat- ten stehenden Aspekten entsprechende Vorbereitung und Begleitung im Sinne einer psychothe- rapeutischen Professionalität.8

Wenn man die Konfrontation mit dem Schatten als vordringliche Aufgabe des modernen Men- schen konstatiert, so stellt sich auch die Frage, ob diese Arbeit nur im psychotherapeutischen Kontext erfolgen soll. Wie weit ist die Schattenkonfrontation auch jenen Menschen dienlich, die sich aus unterschiedlichsten Gründen niemals in Psychotherapie begeben würden? Kann die Aus- einandersetzung mit den eigenen Schattenaspekten auch in einem psychosozialen Beratungskon- text sinnvoll sein? Auf welche Art und Weise soll dies erfolgen? Diese integrative Auseinander- setzung mit dem inneren Schatten wird hier als »Schattenarbeit« bezeichnet.

Die zentrale Forschungsfrage dieser Masterthese lautet: „Inwieweit kann Schattenarbeit im Kontext der psychosozialen Beratung praktiziert werden?“ Die weiteren für die Forschungs- frage relevanten Fragestellungen lauten:

6 Vgl. Vogel, Analytische Psychologie nach C. G. Jung. S. 62

7 Vgl. Müller u. a., Praxis der Analytischen Psychologie. S. 134

8 Vgl. Vogel, Analytische Psychologie nach C. G. Jung. S. 66

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• Was genau ist der Schatten und welchen Einfluss übt er auf das Erleben und Verhalten eines Menschen aus?

• Welche Ansätze liefert das Schattenkonzept der Analytischen Psychologie nach C.G. Jung?

• Welche Ansätze zur Auseinandersetzung mit dem Schatten liefern andere psychosoziale wie psychotherapeutische Methoden?

• Welche konkreten Schattenthemen zeigen sich in Therapie oder Beratung?

• Welche Rolle spielt Schattenarbeit in der psychosozialen Beratung, im Coaching und im All- tag?

• Wann empfiehlt sich Schattenarbeit in der Beratung und wann ist von ihr abzuraten?

• Welche Interventionen und Vorgehensweisen empfehlen sich für die Schattenarbeit?

• Welche speziellen Gemeinsamkeiten zeichnen die unterschiedlichen Vorgehensweisen und Interventionen der Schattenarbeit aus?

• Worauf haben Berater und Beraterinnen in der Schattenarbeit mit Klienten besonders zu ach- ten?

Die Hypothese lautet, dass Schattenarbeit einen förderlichen Einfluss auf die persönliche Integ- rität eines Menschen hat und eine Ressource in der psychosozialen Beratung für Klienten und Berater sein kann. Zur Klärung dieser Hypothese, wie auch zur Beantwortung angeführter Fra- gestellungen, soll eine theoriegeleitete Arbeit mit qualitativen, leitfadenorientierten Expertenin- terviews Antworten geben.

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2 Vom Wesen und Wirken des Schattens

In diesem Kapitel werden der Schattenbegriff und das Schattenkonzept der Analytischen Psycho- logie dargestellt; dabei wird der Schatten in seinem originär tiefenpsychologischen Kontext nach C.G. Jung beleuchtet.

2.1 Der Schattenbegriff

Der Begriff SCHATTEN leitet sich aus dem indogermanischen »Skot«, »dunkel«, ab. Das Wort

„Dunkel“ ist aus der eigentlichen Bedeutung »dunkles Abbild« übertragen und steht für die bild- liche Wendung »in den Schatten stellen«.9

Aus physikalischer Sicht bezeichnet man den Schatten als einen entweder gar nicht oder nur teilweise beleuchteten Raum hinter Körpern. Trifft das Licht einer Kerze auf einen undurchsich- tigen Gegenstand, so entsteht hinter diesem Hindernis ein lichtfreier Raum, ein Schatten des Ge- genstandes. Das Aussehen des Schattens wird durch die Form der Lichtquelle, der Gestalt des undurchlässigen Körpers und der Distanz zwischen Lichtquelle und Körper beeinflusst. So gese- hen sagt der Schatten etwas über die Form des Objekts aus, das ihn wirft und zugleich natürlich auch etwas über die Lichtquelle.

„Wo Licht ist, ist auch Schatten.“ Als Urheber dieses Sprichwortes wird gerne Goethe genannt, lässt dieser doch seinen Götz von Berlichingen sagen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten - doch wär mir's willkommen. Wollen sehn, was es gibt.“10 Dieses Sprichwort deklariert im Prinzip das Nebeneinander von positiven und negativen Eigenschaften, so hat jedes Ding zwei Seiten.

Versteht man den Schatten als Abwesenheit und Mangel, so wird er zu einem negativen Phäno- men. Schließlich ist er nur ein unzureichendes Abbild realer Gegenstände. Ontologisch gesehen ist der Schatten eine parasitäre Erscheinung, benötigt er doch ein ihm zugehöriges Objekt, an das seine eigene Existenz gebunden ist. Was geschehen kann, wenn sich dieses Abhängigkeitsver- hältnis umkehrt, schildert Hans Christian Andersen in seinem Märchen „Der Schatten“.11

Roberto Casati beschreibt den Schatten als „flach, körper- und farblos und überhaupt ohne Ei- genschaften. Er ist das Fehlen von Licht. Sein Umriss umfasst ein undefiniertes Inneres.12 Seine weiteren Schattenbeschreibungen erscheinen mir gerade im Hinblick auf ein psychologisches Schattenkonzept besonders aufschlussreich.

9 Vgl. Riecke, Duden, das Herkunftswörterbuch. S. 727f

10 Goethe, „Götz von Berlichingen“.

11 Andersen und Farhang, Der Schatten.

12 Vgl. Casati, Die Entdeckung des Schattens. S. 12

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„Wenn das Licht das Werkzeug des Sehens ist, so ist der Schatten sein großer Gegenspie- ler: Der Schatten ist ein ideales Versteck, weil der Blick die Dunkelheit nicht zu durch- dringen vermag. Doch ebenso kann das Auge auf den Schatten nicht verzichten: Die in ihm enthaltene Information ist ein wichtiges Hilfsmittel des Sehens.“13

Das sich der Schatten als nützliches Werkzeug der Beobachtung erweist, konnte schon Aristote- les (384 bis 322 v.Chr.) für sich erkennen. Der Schatten der Erde auf dem Mond während einer Mondfinsternis bewies, dass die Erde kugelförmig und größer als der Mond ist.14

Als Gegenstück des Lichts repräsentiert der mythologische Schatten einerseits ein polares Prinzip (hell – dunkel; Yin - Yang), andererseits wird er auch als eine Art Abbild physikalischer Erschei- nungen und insofern als bestimmte Wesensform irdischer Gestalten gedeutet.15 Der Schatten wurde aber auch als Lebenskraft und Spiegel der Seele verstanden. Dementsprechend haben Geister, die in Menschengestalt erscheinen, oder Menschen, die ihre Seele dem Teufel verkauft haben, keinen Schatten.16 So wirft Graf Dracula in Bram Stokers Roman keinen Schatten und ist auch in keinem Spiegel zu sehen. Wiederum hat in einer Märchenerzählung der Protagonist Peter Schlemihl dem Teufel seinen Schatten für einen Säckel voller Gold verkauft und kann danach kein normales Leben mehr führen. Gegen Ende der Erzählung steht geschrieben:

„Du aber mein Freund, willst du unter Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld.“17

In der Mythologie der Nenzen, einer Volksgruppe in Nordosteuropa und Westsibirien, besteht der Mensch aus Körper, Atem und Schatten. Der Schatten als Schutzgefährte des Menschen ge- währt Schutz vor fremden Schatten und unterirdischen Schattenwesen. Wird dem Menschen sein Schatten geraubt, wird er krank oder verliert den Verstand.18 Der deutsche Mythologe Paul Herr- mann konstatiert den Schatten als eine rätselhafte Gestalt, ständig dem Körper nachfolgend, ein besonderer Geist, der um das Wohl des Körpers liebend besorgt ist. Der sich aus dieser Vorstel- lung entwickelnde heidnische Glaube an Schutzgeister, die dem Menschen angeboren sind, soll später auch in Form der Schutzpatrone von der katholischen Kirche übernommen worden sein.

13 Casati. S13

14 Vgl. Casati. S. 298 (Anm.: Unter allen möglichen geometrischen Körpern ist nur die Kugel dazu in der Lage, in jeder Stellung immer einen kreisförmigen Schatten zu werfen.)

15 Vgl. Becker, Lexikon der Symbole. S. 253

16 Vgl. Becker. S. 254.

17 Vgl. Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte. S. 71

18 Vgl. Schmalzriedt und Haussig, Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. S. 678

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Im deutschen Volksrätsel vom Schatten klagt der Schatten des Abgeschiedenen sogar seinem verlorenen Menschenkörper nach:

„Da du lebtest, lebte auch ich, Da hättest du gerne gefangen mich.

Nun bist du tot, nun hast du mich, Und dass ich sterbe, was hilft es dich?“19

Abbildung 1, Outdoor Skulptur20

2.2 Das Schattenkonzept der Analytischen Psychologie

Der Schatten ist vordergründig ein bildhafter Begriff, der in der analytischen Psychologie für all jene Eigenschaften steht, die jeder Mensch zwar hat, aber an sich selbst nicht wahrnehmen will oder kann. Er steht für all die Seiten und Anteile eines Menschen, die man nicht sehen soll und deshalb im Schatten oder schattenhaft bleiben. Dazu sagt Carl Gustav Jung:

„Die Figur des Schattens personifiziert alles, was das Subjekt nicht anerkennt und was sich ihm doch immer wieder - direkt oder indirekt. - aufdrängt, also z.B. minderwertige Charakterzüge und sonstige unvereinbare Tendenzen.“21

19 Vgl. Herrmann, „Deutsche Mythologie“.

20 „Österreichischer Skulpturenpark“. [Im ergänzenden Kommentar zur Skulptur der Künstlerin Ingeborg Strobl, interpretiert Elisabeth von Samsonow die Inschrift auf den Steinen auch als eine Mahnung in psychoanalytischer Hinsicht, dass man nämlich mit seinem Schatten, der das in die Welt projizierte Abgespaltene bedeutet, vorsichtig umgehen soll.]

21 Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. S. 446

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Laut Jung, so berichtet die jungianische Psychoanalytikerin Verna Kast, wurde das Schat- tenthema von Sigmund Freud »gefunden«. Jung sah in der Freud‘schen Aufklärungsmethode eine minuziöse Ausarbeitung der menschlichen Schattenseiten. Sie sei das beste Gegengift gegen eine allzu verklärte Sicht der menschlichen Persönlichkeit. Als psychologisches Konzept erwähnte Jung den Schattenbegriff erstmals 1912 im Zusammenhang mit dem Doppelgänger-Motiv aus E.T.A. Hoffmanns »Elixiere des Teufels«. Danach blieb die Auseinandersetzung mit dem Schat- ten ein beständiges Thema im Denken von C.G. Jung.22 Das Bild der Dunkelheit, das dem Gleich- nis des Schattens innewohnt, ist keineswegs als Verteufelung aufzufassen, vielmehr ist es ein Hinweis auf das Unsichtbare, das im Unbewussten liegende, das erst durch das Licht des Be- wussten zugänglich gemacht werden muss.

Als eine Art Müllcontainer nimmt und bewahrt der Schatten alles auf, was für das Bewusstsein als minderwertig, lästig, unbequem und aktuell störend erscheint. Diese Aspekte ziehen sich emo- tional aufgeladen ins Dunkel des Unbewussten zurück.23 Hass, Zorn, Geiz, Gier, Neid oder Ei- fersucht sind beispielhafte Vertreter ungeliebter Schatteninhalte. Bezeichnet man die eine oder andere Eigenschaft auch noch als Todsünde, die sogar Höllenstrafe nach sich zieht, so wird ver- ständlich, dass diesen dämonisierten Aspekten kein Lichtplatz zugeordnet werden kann. Im Dun- keln eines verborgenen Kellerabteils sind diese dann schon viel erträglicher aufbewahrt, ver- schwunden sind sie keineswegs. Wie an anderer Stelle noch eingehend ausgeführt wird, können Schatteninhalte auch in die Außenwelt projiziert werden.

Der Schatten hat aber auch durchaus positives Potenzial. Jung meint, dass der Schatten nicht nur die Quelle allen Übels sei, sondern auch eine Reihe guter Qualitäten aufweist, nämlich normale Instinkte, zweckmäßige Reaktionen, wirklichkeitsgetreue Wahrnehmungen, schöpferische Im- pulse u.a.m.24 Manchmal ist es auch das Ungelebte, das aus bestimmten Gründen nicht sein durfte. Damit sind alle Fähigkeiten und Eigenschaften eines Menschen gemeint, die er aufgrund gesellschaftlicher Zwänge, Gewissensnöte oder moralischer Leitbilder nicht ausleben durfte. Der Lehranalytiker Ralf T. Vogel sieht im Ungelebten auch das versäumte Schöne und Gute, also Möglichkeiten in uns, die uns nicht nur bedrohen, sondern auch fördern und weiterbringen kön- nen.25

Zum persönlichen Schatten, der mit unserem individuellen Wachstum zusammenhängt, kommt nach Jung auch noch ein kollektiver Schatten, ein archetypischer Hintergrund, der jedem

22 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S. 10

23 Vgl. Schnocks, Mit C. G. Jung sich selbst verstehen. S. 41

24 Vgl. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. S. 446

25 Vgl. Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 140 von 1490

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einzelnen von uns gewissermaßen als Erbanteil mitgegeben ist. Dieser kollektive Anteil enthält auch alles, wozu wir Menschen potentiell in der Lage sind. So liegt es an dem Menschen, durch den kollektiven Anteil des Schattens auch die Bösartigkeit seines Charakters zu erkennen. Dazu Jung:

„Als Teil des persönlichen Unbewussten gehört der Schatten zum Ich; aber als Archety- pus des ›Widersachers‹ zum kollektiven Unbewussten.26 Wo er [der Schatten] aber als Ar- chetypus in Frage kommt, da begegnet man den gleichen Schwierigkeiten wie Animus und Anima; mit anderen Worten, es liegt im Bereiche der Möglichkeit, dass man das Relativ- Böse seiner Natur erkennt, wohingegen es eine ebenso seltene wie erschütternde Erfah- rung bedeutet, dem Absolut-Bösen ins Auge zu sehen".27

Die folgende Auflistung zeigt noch weitere Schattenebenen in einer nach unten hin immer per- sönlicher und individueller werdenden Achse der Kollektivität auf.28

Abbildung 2, Achse der Kollektivität

Einige analytische Psychologen gehen davon aus, dass sich in unserer unbewussten Schattenre- gion Inhalte unterschiedlicher Kollektivität finden. Familien, Gruppen und Nationen, sie weisen alle eine mehr oder weniger lange Geschichte voller Unterdrückung, Ungelebtem und Zurückge- wiesenem auf.29 Schon Freud greift eine zeitspezifische Vererbungsvorstellung auf, insbesondere in seinem Konzept des Ödipuskomplexes. Er sprach in diesem Zusammenhang von

26 Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. S 446

27 Jung, Aion. §19

28 Siehe Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 177 von1490

29 Vogel. Pos. 192 von 1490

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Gefühlserbschaft. Dabei bildet sich ein interpsychischer Raum, in dem beispielsweise die Kinder von Tätern zu unbewussten und ungewollten Erben der Schatten der elterlichen Vergangenheit werden.30

2.2.1 Der persönliche Schatten

Jedes Ich hat einen Schatten. Der Psychoanalytiker Murray Stein bezeichnet das Ich als eine Art Spiegel, indem die Psyche sich sehen und sich ihrer selbst gewahr werden kann.31 Dieses Ich ist sich aber kaum der psychologischen Realität des Schattens bewusst. Dazu Murray Stein:

„Der Schatten operiert ganz ähnlich wie der Geheimdienst einer Nation - ohne ausdrück- liches Wissen des Staatsoberhauptes, das dadurch die Möglichkeit hat, im Zweifelsfalle jede Schuld von sich zu weisen.“32

Der persönliche Schatten enthält jene Anteile, die einem positiven und von den moralischen und sittlichen Gepflogenheiten der Gesellschaft geprägten Selbstbild gegenüberstehen. Wir verdrän- gen was mit unserem Ich-Ideal und mit den Idealen der Umwelt nicht übereinstimmt in den Schat- ten. Die spezifischen Schatteninhalte sind nicht definiert und können sich ändern, je nach Ein- stellung des Ich. So gibt es beispielsweise Menschen, die sich ihrer Aggressivität nicht bewusst sind und stattdessen dazu neigen, ihre aggressiven Züge hinter einer Maske zu verstecken, die sie als friedfertige Artgenossen dastehen lässt. Andere wiederum haben sich eine Identität der

„schwarzen Schafe“ aufgebaut. Sie sind sich ihrer Züge bewusst und stellen ihre Aggressivität bewusst in der Öffentlichkeit zur Schau, während ihre verborgene Schattenseite empfindsam und sentimental ist. Ausnahmen bilden diejenigen, die nichts zu verlieren haben, wie Kriminelle oder Soziopathen. Die meisten Menschen halten sich jedoch für anständig und richten sich nach den Regeln, die in ihren Kulturkreisen vorherrschen. Ihre Schattenseiten werden lediglich zufällig enthüllt, durch Fehlleistungen, durch Träume oder wenn sie zum Äußersten getrieben werden.33 Als verdrängte und ungelebte Seite wird der persönliche Schatten in der analytischen Psychologie auch als Komplex aufgefasst. Komplexe sind abgesprengte Teilpsychen, vom Ichbewusstsein dissoziierte Persönlichkeitsanteile, die sich vom Bewusstsein abgetrennt haben und ein Sonder- dasein in der dunklen Sphäre der Psyche führen, von wo sie jederzeit bewusste Leistungen

30Siehe Moré, „Die unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generatio- nen“.

31 Vgl. Stein, C. G. Jungs Landkarte der Seele. S. 25

32 Stein. S. 130

33 Vgl. Stein. S. 131

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hemmen oder fördern können.34 Durch ihren Grad an Autonomie sah C.G. Jung35 Komplexe als eine Art Nebenregierung zum Ich. Seiner Ansicht nach manifestiert sich ein abgespaltener Kom- plex in den meisten Fällen in Form einer Persönlichkeit, so als ob der Komplex ein Bewusstsein seiner selbst hätte. Darum sind beispielsweise die Stimmen der Geisteskranken personifiziert.36 Die Annahme einer Autonomie von Komplexen lässt schlussfolgern, dass auch der persönliche Schattenkomplex ein autonomes Dasein aufweist, scheinbar einen eigenen Willen besitzt und sich dabei wie ein unabhängiges Lebewesen verhält. Die Eigenständigkeit des persönlichen Schattens lässt sich beispielsweise an seinen „Ausbrüchen“ erkennen. In diesen sogenannten Schattenausbrüchen vollziehen wir in gewissen Ausnahmesituationen ungewollte Handlungen, die wir im Nachhinein nicht selten schwer bereuen und oft nicht verstehen. Wir wurden sprich- wörtlich „vom Teufel geritten.“ Wie wir später noch erörtern werden, misst die analytische Psy- chologie dem Schatten, neben der individuellen Bedeutung, auch noch eine kollektive Dimension zu. Davor soll aber noch ein Begriff geklärt werden, der mit dem Schatten unmittelbar im Zu- sammenhang steht.

2.2.2 Die Persona

Jung37 meint, die Persona sei ein kompliziertes Beziehungssystem zwischen dem individuellen Bewusstsein und der Sozietät. Einer Art Maske gleich, welche einerseits darauf berechnet ist einen bestimmten Eindruck auf die anderen zu machen, verdeckt sie andererseits die wahre Natur des Individuums.Der lateinische Begriff „Persona“ steht für Maske. Gemeint ist damit jene Maske, die die Schauspieler im antiken Theater trugen um eine bestimmte Rolle oder mythische Gestalt maskenhaft zu verkörpern. In einem ähnlichen Sinne stülpen auch wir uns Seelen-Masken über, weniger um uns mit einer mythischen Gestalt zu identifizieren, sondern mit einer Vorstel- lung von uns selbst, wie wir uns am besten in der Gesellschaft präsentieren.38 Wir zeigen der Welt ein Bild von uns, das uns authentisch wirken lässt oder auch unecht erscheint und klarlegt, wie sehr wir uns verkleidet haben. Die Lehranalytikerin Verena Kast betont die sich gegenseitig bedingende Abhängigkeit von Persona und Schatten, indem sie sagt:

„Die Persona entspricht zum einen unserem Ichideal, zum anderen unserer Vorstellung davon, wie die Menschen uns sehen wollen. Damit wir möglichst ansehnlich sind, ver- drängen wir die Seiten, die nicht zu unserem schönen Bild von uns gehören, und daraus

34 Vgl. Wolff, Studien zu C.G. Jungs Psychologie. S. 102 35Vgl. Jung, Die Dynamik des Unbewußten. § 196

36 Vgl. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. S. 351

37 Jung, Zwei Schriften über Analytische Psychologie. §305

38 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S.12

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wird dann der Schatten, verstanden als die Seiten, die wir nicht an uns akzeptieren kön- nen, zu denen wir nicht stehen können.“39

Als Teil des Ichs, der der Außenwelt zugewandt ist, zeigt ein Individuum mit der Persona seiner Umwelt jene Charakterzüge und Eigenschaften, die es für sozial verträglich und wünschenswert hält. Kast betont den sozialisierten Aspekt der Persona. Sie ist der Ansicht, dass wir in der Familie auf eine bestimmte Personahaltung und Personadarstellung hin sozialisiert werden. So sollen sich kleine Kinder dadurch auszeichnen, dass sie kaum Persona zeigen. Erst mit der Ausbildung des Schamgefühls zwischen drei und sechs Jahren entwickelt sich die Persona als Frucht der Erzie- hung.40 Auch in späteren Entwicklungsphasen entscheidet das Ich nicht bewusst, sich mit einer bestimmten Persona zu identifizieren. Geht es nach Murray Stein, so finden sich Menschen in Milieus vor, in denen sie durch Regeln und Richtlinien dazu genötigt sind, milieuangepasste Per- sonahaltungen einzunehmen. Die Spannung zwischen individueller Abgrenzung und sozialer Konformität soll überhaupt einen Großteil der Grundängste des Ich ausmachen.41 Wer von ande- ren geliebt sein will, tendiert eher dazu sich konventioneller Masken zu bedienen, um so bei- spielsweise den Regeln der Höflichkeit zu entsprechen. Unhöfliches, Eigensinnigkeiten und Un- angepasstes werden in den Schatten verbannt. Auch wenn das Individuum durch die Persona in Gefahr kommt, Angepasstheit und Kontrolle zu übertreiben, so schützt wiederum die Persona vor allzu distanzlosem Verhalten, vor Menschen, die andere mit ihren eigenen Befindlichkeiten ständig überfallen. Die Persona schützt also sowohl die eigene Intimität als auch die anderen Menschen vor zu viel Intimität.42

Nach Vogel43 ist die Persona nicht nur vom jeweiligen Milieu bestimmt, sondern weitgehend der bewussten Reflexion zugänglich. Sie vermittelt kompromisshaft zwischen Innen und Außen und somit auch zwischen Schattenaspekten und den Gegebenheiten der uns umgebenden Welt. Bei idealer Entwicklung ist die Persona eines Individuums eher differenziert als spezialisiert. Durch Differenzierung kann man zwischen verschiedenen Personavarianten wechseln, ohne dabei in Gefahr zu kommen, seine Identität zu schädigen oder gar zu verlieren. Idealerweise ist die Per- sona ausreichend mit dem dahinterliegenden Selbst verbunden, ohne mit ihm letztlich identisch zu sein. Wie in Abbildung 3 ersichtlich, entwickelt sich die Persona im Laufe eines Lebens, wobei in absteigender Folge auch die Mechanismen immer reifer und erwachsener werden.44

39 Kast. S. 12

40 Vgl. Kast. S. 17

41 Vgl. Stein, C. G. Jungs Landkarte der Seele. S. 142

42 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S. 16

43 Vgl. Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 536 von 1490

44 Vgl. Vogel. Pos. 502 von 1490

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Abbildung 3, Entwicklung der Persona

Neben dem Verhalten können auch Äußerlichkeiten Auskunft über die Persona geben. Masken- typisch ist beispielsweise das Phänomen des Sich-Kleidens. Welche Aspekte unserer Persönlich- keit wir hervorheben, zeigt sich über die Art, wie wir Kleidung auswählen. Je nach Situation und Lebensweise gibt es unterschiedliche Kleidungen, ja manchmal sogar Verkleidungen. Kleider machen Leute, Masken ebenso. So kann sich eine seriöse Berufskleidung mit einer legeren Pri- vatkleidung oder sogar einer Rockerkluft abwechseln. Letztendlich drückt jede Form von Kör- perkult, ob man sich nun trainiert, schminkt, tätowiert, pierct oder eine Schönheitsoperation ge- nehmigt, auch etwas über die Aspekte seiner Persona aus. Erich Neumann45 betont das Verber- gende, indem er darlegt:

„Die Persona ist das Kleid und die Hülle, der Panzer und die Uniform, hinter und in der das Individuum sich verbirgt, oft genug nicht nur vor der Welt, sondern auch vor sich selbst. Es ist die »Haltung«, hinter der das Haltlose und Unhaltbare, der gültige Schein, hinter dem das Dunkle und Sonderbare, Abwegige und Heimlich-Unheimliche unsichtbar bleibt.“46

Die Persona ermöglicht seinem Träger jedoch eine sinnvolle Anpassung an seine Rolle und die damit verbundenen Erwartungen seitens des sozialen Kollektivs. Sie dient, wie das Bild der Maske veranschaulicht, neben einer mehr oder weniger gesellschaftlich geachteten Präsentation nach außen auch als Schutzschild, dass seinem Träger dazu verhilft, sich gegen äußere Einflüsse

45 Erich Neumann, deutsch-jüdischer Arzt, Philosoph, Psychoanalytiker und einer der bedeutendsten Schüler C.G.

Jungs

46 Neumann Erich, „Tiefenpsychologie und neue Ethik“. § 52

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abzugrenzen.47 Für eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Schatten erscheint uns das Persona-Konstrukt jedoch von außenordentlicher Bedeutung, stellt sie doch den ergänzenden Ge- genpol zum Schatten dar. Die Eigenschaften der Persona sind also jene, die entgegengesetzt zu den Eigenschaften des Schattenkomplexes stehen. Als die zwei Hälften einer Ganzheit stehen Persona und Schatten auch als Vertreter zweier sich wechselseitig kontrastierender Pole, im Sinne einer sich ergänzenden Polarität. Eine bewusste Auseinandersetzung mit der Persona kann insofern auch einiges über den persönlichen Schatten aussagen.

2.2.3 Der kollektive Schatten

Im analytischen Schattenkonzept wird ein Schatten dargelegt, der weit über das Persönliche hin- ausgeht. Dieser Schatten ist archetypisch48 und wird dem kollektiven Unbewussten zugeordnet.

Das kollektive Unbewusste ist ein Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbe- wussten dadurch negativ unterschieden werden kann, dass er seine Existenz nicht persön- licher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist.49

Jung vertritt die These, dass sich die Inhalte des kollektiven Unbewussten nicht individuell ent- wickeln, sondern ausschließlich vererbt werden.50 Unter dem Aspekt der Kollektivität ist auch davon auszugehen, dass alle Menschen Anteil am kollektiven Schatten haben. Der kollektive Schatten repräsentiert die dunkle Seite des Selbst, vergleichbar mit dem Finsteren und Bösen, sowie alle grausamen, dämonischen und destruktiven Impulse und Energien. Durch den kol- lektiven Schatten erlebt das Ich seine Zusammengehörigkeit mit der Spezies Mensch und ihrer Geschichte an inneren Erfahrungen, indem es eine Fülle vorzeitiger seelischer Strukturen als Triebe, Instinkte, Urbilder, Symbole, archetypische Auffassungen und primitive Verhaltenswei- sen in sich selber vorfindet.51

Als Symbolfigur des Bösen ist der Teufel eine Variante des Schatten-Archetypus. Er steht bei- spielhaft für die gefährliche und nicht anerkannte dunkle Hälfte des Menschen.52 Die Menschheit

47 Vgl. Roth, C. G. Jung verstehen. S. 75

48 „Der Begriff des Archetypus [...] wird aus der vielfach wiederholten Beobachtung, dass zum Beispiel die Mythen und Märchen der Weltliteratur bestimmte, immer und überall wieder behandelte Motive enthalten, abgeleitet.

Diesen selben Motiven begegnen wir in Phantasien, Träumen, Delirien und Wahnideen heutiger Individuen.

Diese typischen Bilder und Zusammenhänge werden als archetypische Vorstellungen bezeichnet. Sie haben, je deutlicher sie sind, die Eigenschaft, von besonders lebhaften Gefühlstönen begleitet zu sein ... Sie sind eindrucks- voll, einflussreich und faszinieren. Sie gehen hervor aus dem an sich unanschaulichen Archetypus, einer unbe- wussten Vorform, die zur vererbten Struktur der Psyche zu gehören scheint und sich infolgedessen überall auch als spontane Erscheinung manifestieren kann.“ Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken. S. 441

49 Jung, Archetypen. S. 55

50 Vgl. Jung. S. 55 f.

51 Vgl. Neumann Erich, „Tiefenpsychologie und neue Ethik“. § 253

52 Vgl. Jung, Zwei Schriften über Analytische Psychologie. § 152

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kennt wahrscheinlich seit Urzeiten die unterschiedlichsten Gestalten, Figuren und Personifikati- onen des sogenannten Bösen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen hat, wie man in allen My- thologien erkennen kann, eine außerordentliche Bedeutung.53 Das ewige Ringen zwischen den Mächten des Guten und des Bösen findet sein Abbild auch in der Literatur und im Film. Dem Archetyp des Schattens wird dabei eine besondere dramaturgische Funktion zuteil. Als Gegen- spieler des Helden hat er die Aufgabe den Helden mit Herausforderungen zu konfrontieren, die diesen an den Rand des Abgrunds treiben oder sogar straucheln lassen. Der Schatten lässt Kon- flikte entstehen und bringt den Helden in eine lebensbedrohliche Situation, in der er zeigen muss, was wirklich in ihm steckt. Oft ist der Spannungsgehalt einer Geschichte nur so gut wie ihr Bö- sewicht. Gerade ein starker Feind stellt dem Helden Herausforderungen, an denen er wachsen kann.54 Der böse Widersacher, der sich selbst wohl kaum als böse erachtet, muss vom Helden bezwungen oder vernichtet werden. Einige Schatten können aber auch von ihrem Dasein erlöst und transformiert werden. So entpuppt sich Darth Vader, der Vertreter der dunklen Seite der Macht, im letzten Teil der Star Wars Trilogie als Vater des Helden. Wiederum erkennt Neo, der Protagonist der Matrix-Trilogie, dass er seinen bösen Kontrahenten nur bezwingen kann, wenn er den letzten Kampf verliert und dadurch sein Leben aufopferungsvoll hingibt.

Kast geht es beim archetypischen Schatten weniger um eine inhaltliche Bestimmung des dunklen Bösen, vielmehr soll aufgezeigt werden, dass alle Menschen Anteil an diesem Schatten haben, auch wenn wir nicht gerade an einer destruktiven Handlung beteiligt sind. Die Destruktivität als menschliche Verhaltensmöglichkeit kann dabei selbst als Schatten verstanden werden.55

Das Problem des Bösen ist eines der zentralsten Probleme des modernen Menschen.

Keine Berufung auf alte Werte und Leitbilder schützt uns vor der Erkenntnis, in einer Welt zu leben, in der das Böse im Menschen, gigantisch aus der Tiefe aufsteigend, uns alle ausnahmslos vor die Frage stellt, wie wir mit diesem Bösen fertig werden können.56 Vogel beruft sich auf viele Denker, die sich einig sein sollen, dass es ein absolut Böses gar nicht gebe. Bei der Frage nach dem Bösen sei die Antwort eher in der kulturdeterminierten Moral zu suchen. Vor allem aber müsse man sich auch der emotionalen Komponente des Bösen zuwen- den.57 Das Böse konfrontiert uns auf emotionaler Ebene mit unseren Ängsten. All das, was in uns

53 „Zum Beispiel ist in der persischen Mythologie der Schöpfergott Ahura Mazda (weiser Herr) in einem ewigen kosmischen Kampf mit den Kräften des Bösen verwickelt. Als Schöpfer alles Guten auf der Welt ist er jedoch nicht allmächtig. Der Urdämon Angra Mainyu (Ahriman), Herr der Finsternis und Verkörperung des Bösen, versucht allen lebenden Wesen zu schaden.“ Vgl. Mills und Cheers, Mythologie. S. 332

54 Vgl. Vogler, Die Odyssee des Drehbuchschreibers. S. 145

55 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S. 63

56 Neumann Erich, „Tiefenpsychologie und neue Ethik“. § 7

57 Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 400 von 1490

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Angst hervorbringt, empfinden wir als böse. Statt diese angsterregenden Erfahrungen als Teil unseres Lebens zu akzeptieren, projizieren wir diese: Schuld daran ist das Böse, oder der böse andere. Hexen58 waren über Jahrhunderte eine Symbolfigur des Bösen, ihnen wurde alles ange- lastet (projiziert), was mit angsterregenden Geschehnissen in Zusammenhang stand, wie z.B.

kranke Kühe im Stall, fremdgehende Gatten, Hexenschüsse, Ernteausfälle, Hungersnöte oder dem scheinbar untadeligen Verhalten gottesfürchtiger Diener. Das Propagieren des Bösen ist ein probates Mittel, um Angst zu schüren. Wird dieses Böse auch noch auf unschuldige Menschen, wehrlose Volksgruppen oder Fremde projiziert, mit der Begründung sie seien die Keimzelle und Urschöpfer des Bösen, ist es zur Gewaltbereitschaft nicht mehr weit. Der Versuch das Böse aus- zumerzen, vermehrt noch mehr desselben. Kast spricht sich für einen verantwortungsvollen Um- gang mit dem Schatten aus. Statt andere für das Böse schuldig zu sprechen, dürfen wir im Sinne einer Schattenakzeptanz nicht nur Helles in unserem Leben erwarten, sondern Helles und Dunk- les in allen Abstufungen, Lachen und Weinen, Leben und Tod, nicht weil es einen Teufel gibt, sondern weil es das Wesen des menschlichen Lebens ist.59

Abbildung 4, Schatten und Gesamtpsyche aus Sicht der Analytischen Psychologie60

58 Wie sehr das archetypische Bild einer Hexe Angst erregt, weiß der Autor aus seinen eigenen Hexen-Träumen, die in seiner Kindheit in unbestimmten aber regelmäßigen Abständen auftraten.

59 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S. 68

60 Die Grafik ist eine Abwandlung einer Abbildung bei Jacobi, Die Psychologie von C. G. Jung. S. 141

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Die vorhergehende Grafik stellt aus der Sicht der Analytischen Psychologie die persönliche und kollektive Dimension des Schattens innerhalb der Gesamtpsyche dar.

2.3 Psychodynamische Aspekte

Die psychodynamischen Aspekte sollen hier vor allem die mit dem Schatten im Zusammenhang stehenden psychischen Kräfte und Wechselwirkungen beschreiben. Die Psychodynamik ist die Lehre vom Wirken innerseelischer Kräfte. Entsprechend einer psychodynamischen Perspektive wird das Verhalten und Erleben eines Menschen durch starke innere Kräfte angetrieben und mo- tiviert.61 Aus der Perspektive der Psychodynamik lassen sich Erklärungsmöglichkeiten für jene Aspekte finden, die im Zusammenhang mit dem Schatten stehen.

2.3.1 Der energetische Aspekt

Dieter Schnocks62 geht davon aus, dass Menschen viele ungelebte Lebensimpulse in sich tragen.

Dazu zählt er schöpferische Impulse in Richtung Malen, Tanzen, Musik und Schauspielerei, wie auch Abenteuerimpulse, die das Leben durch Reisen und abenteuerliche Erfahrungssuche berei- chern können. Bei vielen wurde die schöpferische Entwicklung bereits in Kindheit und Jugend aus der Familie heraus beschränkt. Doch die verdrängten Lebensimpulse, etwas bewegen oder gestalten zu können, drängen trotz Schattendasein nach Verwirklichung. Sobald sich entspre- chende Gelegenheiten der Verwirklichung auftun, melden sich die Wünsche. Sollten sie durch Scheu oder Mutlosigkeit weiterhin verdrängt werden, bleiben Kreativität und Entdeckungsfreude im Schatten.63

Abwehrleistungen benötigen einen hohen Energieaufwand. Menschen, die ihre Impulse aus dem persönlichen Schattenbereich keinesfalls anerkennen, geschweige denn akzeptieren können, brauchen viel Kraft, die ihnen an anderer Stelle fehlt. In den ungelebten Lebensaspekten des persönlichen Schattenreichs, doch auch in den kollektiven Schattenschichten finden wir enorme Energiereserven, die es anzuzapfen gilt, um kreative und schöpferische Leistungen vollbringen zu können.64

2.3.2 Verdrängung

Verdrängung gilt in der Tiefenpsychologie als grundlegendster Abwehrmechanismus des Ichs.

Der psychische Prozess des Verdrängens schützt das Individuum davor extreme Angst oder

61 Vgl. Gerrig und Zimbardo, Psychologie. S. 11

62 Psychologe, Analytiker und Vorsitzender des C.G.Jung-Instituts Stuttgart

63 Vgl. Schnocks, Mit C. G. Jung sich selbst verstehen. S. 122 ff.

64 Vgl. Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 300 von 1490

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Schuld zu empfinden. Dem Ich bleiben dabei sowohl der zensierte mentale Inhalt verborgen, als auch der Prozess, mit dem die Information aus dem Bewusstsein verdrängt wird.65 Vogel sieht die Verdrängung als eine Komponente der anderen, komplexer zusammengesetzten Abwehrfor- men wie der Projektion oder der Schattendelegation.66 Durch die Verdrängung kann ein Indivi- duum beispielsweise starke Hassgefühle, die gefährlich wären, würden sie ausgelebt werden, als nicht existent wahrnehmen. Die feindseligen Impulse treten in den Schatten und streben dann nicht länger bewusst danach, ausgelebt zu werden. Obwohl dieses Hassgefühl nicht mehr wahr- genommen wird, ist es dennoch nicht verschwunden.67 Durch Träume, Fehlleistungen und Er- satzhandlungen könne dieses wieder zutage treten, oder auch durch stark emotional gefärbte Ver- haltensweisen, die irrational erscheinen und beim Betroffenen im Nachhinein Schuldgefühle aus- lösen. Diese Formen von Schattenausbrüchen sind Situationen, in denen wir Handlungen voll- ziehen, die wir im Nachhinein nicht selten schwer bereuen und oft nicht verstehen.

2.3.3 Die Projektion des Schattens

Die Projektion ist ein unbewusster Abwehrprozess um mit unliebsamen Schattenanteilen „leich- ter“ umzugehen. Die etymologische Bedeutung geht auf das lateinische Verb »proiciare« zurück und steht für vorwerfen, hin- und wegwerfen, verachten, verschmähen, fortjagen.68 In der Psy- chotherapie wird die Projektion als ein Abwehrmechanismus verstanden. Es ist das Hinausverla- gern unbewusster Inhalte in die Außenwelt. Damit werden sie den anderen Menschen oder auch Objekten zugeordnet und zunächst nicht als zu sich gehörig erkannt. Projektion ist ein grundle- gender psychischer Abwehrprozess, der in jedem Menschen stattfindet. Ein einfaches Beispiel soll dies verdeutlichen:

Jemand ist wütend, hat aber die gesellschaftliche Norm verinnerlicht, dass man nicht wütend sein dürfe. Wohin also mit der Wut? Der Wütende kann sie doch spüren. Da er sie aufgrund seiner angelernten Norm nicht haben darf, unterstellt er einer anderen Person, dass diese wü- tend sei, obwohl es diese vielleicht gar nicht ist. Wem aber lange genug unterstellt wird, dass er wütend sei, fühlt sich am Ende angegriffen.69

Um einer unangenehmen oder gar schmerzhaften Erfahrung einer Schattenerkenntnis zu entge- hen, projizieren wir eigene Schattenqualitäten auf andere Menschen, nehmen sie an ihnen wahr und verleugnen sie bei uns selbst. Wenn uns Menschen und Dinge besonders stark berühren, z.

65 Vgl. Gerrig und Zimbardo, Psychologie. S. 518

66 Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 656 von 1490

67 Vgl. Gerrig und Zimbardo, Psychologie. S. 518 f.

68 Vgl. Blankertz und Doubrawa, Lexikon der Gestalttherapie. S. 228

69 Vgl. Blankertz und Doubrawa. S. 228

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B. gegen jemanden eine Aversion hegen oder eine Affinität zu jemanden verspüren, so sieht Wil- ber darin die Anzeichen einer Projektion. Menschen und Objekte, die uns dermaßen erregen, uns abstoßen oder uns anziehen, einen Zwang auf uns ausüben, von denen wir besessen sind – sind gewöhnlich Spiegelungen des Schattens.70

Roth vertritt die Ansicht, dass ein beobachtendes Bewusstsein von sich aus keinen Einblick in unbewusste psychische Bereiche zu nehmen vermag. Unbewusste Botschaften und Inhalte kön- nen nicht in bewusster Eigenregie ans Licht gebracht werden. Deswegen spielt der Mechanismus der Projektion eine gewichtige Rolle. Mittels Projektion, der Hinausverlagerung unbewusster In- halte in die reale Außenwelt, können vormals verdrängte Persönlichkeitsaspekte wieder ins Blickfeld rücken und erkannt werden.71 Um die darzustellenden Schatteninhalte sichtbar zu ma- chen, die im Verlauf der Entwicklung einer Persona als unvereinbar verdrängt wurden, bedarf es geeigneter Projektionsflächen.

„Im Alltag sind dies andere Personen, die meist Eigenschaften aufweisen, die den proji- zierten Inhalten ähnlich sind. Die Projektion kann sich damit eines geeigneten »Auf- hängers« bedienen.“72

Die Projektion ist auch ein probates Mittel, um mit Schuld und schlechtem Gewissen besser um- gehen zu können. Wer die Geschehnisse unseres Alltagslebens einem kritischen Blick unterwirft, wird erkennen, wie weit verbreitet die Projektion ist. Ob in Politik, Sport, Wirtschaft, Beruf oder Familie, Menschen kehren lieber vor fremden Türen als vor dem eigenen Portal. Es lassen sich andere Personen leichter beschuldigen, als sein Gewissen verantwortungsvoll zu ergründen. Wir fühlen uns als bessere Menschen, fühlen uns dem Schattenträger überlegen, wenn wir am anderen Menschen das bekämpfen, was in »Wirklichkeit« unser Schatten ist.73

In der Gestalttherapie gilt die Projektion als eine Kontaktstörung, weil das Gegenüber nicht so wahrgenommen wird, wie es ist. Man kann mit ihm nicht wirklich in Kontakt treten, weil die Grenze zwischen uns und dem Gegenüber zu unserem Vorteil verschoben wird. Anstatt zu sagen:

»Es fällt mir schwer, mich anzunehmen wie ich bin«, sagen wir: »So bin ich nicht, das ist der andere.«74 Fritz Perls75 hat in seinen späteren Jahren häufig an der Integration von Projektionen gearbeitet. Perls sah jedes Element in einem Traum als Projektion. Im Gegensatz zu Freud ging

70 Vgl. Wilber und Theusner-Stampa, Wege zum Selbst. S. 61

71 Vgl. Roth, C. G. Jung verstehen. S. 80

72 Roth. S. 80

73 Vgl. Kast, Der Schatten in uns. S. 143 f.2

74 Vgl. Roeck und Raatschen, Gras unter meinen Füssen. S. 41

75 Friedrich Salomon „Fritz“ Perls; Mitbegründer der Gestalttherapie

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es Perls nicht um die Interpretation der Trauminhalte, sondern um die Integration der Projektion.

Dies geschieht zum Beispiel dadurch, indem ein Klient Elemente aus seinem Traum, eine Person oder auch einen Gegenstand, spielerisch auslebt. Er spielt diesen Anteil so lange, bis er spürt, dass es sich um einen verdrängten und projizierten Teil seiner selbst handelt.76

Wilber unterscheidet bei Projektionen zwischen Symptom und ursprünglicher Schattenform.77 Ein Gefühl oder eine Charaktereigenschaft wird verdrängt und auf die Umwelt projiziert, doch die Wahrnehmung des projizierten Schattens am Gegenüber löst wiederum ein Symptom-Gefühl aus. Dazu ein klärendes Beispiel:

Man stelle sich einen Menschen vor, der seine eigene Feindseligkeit und Aggression verdrängt und auf die Umwelt projiziert. In der Betrachtung der Außenwelt entstünde der Eindruck, an- dere Menschen seien ihm gegenüber unnötig feindselig und aggressiv. Infolgedessen würde er sich allmählich eingeschüchtert und ängstlich fühlen. In diesem Sinne wäre Angst als Symp- tom nicht das Ergebnis der Umgebung, sondern seiner Projektion von Feindseligkeit in die Umgebung.

Im Folgenden soll eine kleine Auswahl von Wilber‘s Beispielen für Symptome und deren Rück- übersetzung in ihre ursprüngliche Schattenform gegeben werden.78

Symptome Rückübersetzt in die ursprüngliche Schattenform

Druck Antrieb, Eifer, Verlangen

Traurigkeit Wut

Ich kann nicht! Ich will nicht!

Verpflichtung (»Ich muss.«) Verlangen (»Ich möchte gern.«)

Zuspruch (»Du bist so großartig.«) »Ich bin ein bisschen besser, als ich selber weiß.«

»Du machst mir Schuldgefühle.« »Ich bin wütend wegen deiner Forderung.«

Schattenprojektionen können sich natürlich auch auf den »Projizierten« auswirken. Als Ziel- scheibe einer negativen Projektion, kann der projizierte Anteil sogar körperlich spürbar und als zu sich gehörig wahrgenommen werden.79 Eine Schattenprojektion nicht anzunehmen, erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion und Eigenbewusstsein eigener Schattenaspekte, ansonsten re- agiert Schatten auf Schatten. Wenn wir es schaffen unsere Projektionen zurückzunehmen, indem

76 Vgl. Blankertz und Doubrawa, Lexikon der Gestalttherapie. S. 296

77 Vgl. Wilber und Theusner-Stampa, Wege zum Selbst. S. 189

78 Vgl. Wilber und Theusner-Stampa. S. 195

79 Vgl. Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos. 620

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wir sie als zu uns gehörig anerkennen, können wir Eigenheiten der anderen erst wirklich beurtei- len. Ansonsten können wir nie sicher sein, ob wir nicht auch unseren eigenen Schatten im anderen sehen und bekämpfen.80

2.3.4 Schattendelegation

Durch die Schattendelegation werden die eigenen Schattenanteile anderen zugeschoben, die diese dann an unserer Stelle »ausleben«. Besonders Kinder und Jugendliche können den Schatten ihrer Eltern auf sublime Art delegiert bekommen. Als Randalierer setzten diese dann die verpönten Aggressionen ihrer Eltern in Szene oder spiegeln als »Faulenzer« das verdrängte Erholungsbe- dürfnis ihrer allzu geschäftigen Väter und Mütter wider. Die Beispiele für delegative Schatten- prozesse sind vielfältig. Unter johlenden Anfeuerungsrufen können die Kombattanten eines Wettkampfes das im Schatten stehende Aggressionspotenzial ihrer Zuseher und Fans tatkräftig ausleben. Der Tierliebhaber, der eine besonders herzliche Beziehung zu seinen Haustieren hegt, braucht sich beim Anblick eines saftigen Steaks keine Gewissensbisse machen, hat er doch eine eventuell leidbehaftete Massentierzucht, sowie das Abschlachten und Zerstückeln der Tiere längst einem anonymen Stallarbeiter und Schlachter delegiert.81 Als augenfälliges Beispiel für Schatten-Delegation mag der Stellvertreterkrieg dienen, in dem einer oder mehrere Drittstaaten einen Konflikt als Stellvertreter für zwei im Hintergrund agierende Großmächte austragen.

2.3.5 Schattenidentifikation

Die Schattenidentifikation kann in zweierlei Formen beobachtet werden. Als intrapsychischer Abwehrmechanismus versteht der Begriff die Übernahme der eigenen Schattenanteile in die ei- gene Identität. Dadurch werden beispielsweise destruktive Handlungen nicht mehr als ich-fremde und bedauernswürdige Ausnahmereaktionen angesehen, sondern sie werden als »normal« und wie selbstverständlich zu sich gehörig aufgefasst. Um das eigene Tun vor sich und anderen zu rechtfertigen, werden weitere Abwehrformen wie Intellektualisierung oder Rationalisierung ein- gesetzt.82

Die Identifikation mit den Schattenanteilen anderer ist im Zusammenhang mit der Schattendele- gation zu betrachten. Bei dieser Form von projektiver Identifikation von Schattenanteilen beginnt derjenige, auf den die Schattenanteile projiziert wurden, sich mit diesen »anzufreunden«. Bei

80 Vgl. Vogel. Pos. 598 ff.

81 Vgl. Vogel. Pos. 640 von 1490

82 Vgl. Vogel. Pos. 660 von 1490

(28)

einer vollständigen Identifikation verhält und fühlt sich derjenige dann in der Art und Weise, wie es dem Schatten des Projizierenden entspricht.83

2.3.6 Schattenresonanz

Laut Vogel können Projektion, Delegation und Identifikation als kausale Aspekte der phäno- menologischen Resonanz aufgefasst werden.84 Als physikalische Metapher beschreibt der Be- griff der »Resonanz«, von lateinisch »resonare« »widerhallen«, die Beziehung zwischen zwei schwingungsfähigen Körpern, wobei der eine den anderen zum Mitschwingen in dessen Eigen- frequenz anregt.85 Die Fähigkeit zur Resonanz erscheint demnach als eine Grundvoraussetzung für Schattenübertragungen. Dahlke meint, dass es nur durch Resonanz zur Manifestation von Projektion kommen kann. Wer keine Resonanz zu einem Schattenthema aufweist, wird diesbe- züglich auch keine Projektionen auf sich lenken.86

Nach Dahm87 begegnet uns im Außen alles, was wir in uns selbst nicht integriert haben. Wir kommen in Resonanz mit unseren verdrängten Schattenanteilen, neigen daher unbewusst dazu, uns mit Menschen zu umgeben, die die gegensätzlichen Aspekte leben. Doch was in uns selbst nicht angenommen wird, befremdet auch im Außen. Folglich bekämpft dann der Emotionale den Rationalen, der Ordnungsliebhaber den Chaoten, der Konformist den Rebellen und die Aufop- fernde den Egoisten. Wir lehnen im anderen ab, was uns zu unserer »Ganzheit« fehlt.

2.3.7 Die Projektion von Anima und Animus

Zum besseren Verständnis der Projektion des Schattens, insbesondere hinsichtlich seiner Unter- scheidbarkeit zu einer anderen Quelle von Projektionen, soll hier noch das Begriffspaar »Anima«

und »Animus« kurz beleuchtet werden. Im Unterschied zum Schatten, als komplementäres Ge- genbild der Persona, vertreten Anima und Animus das seelische Gegen- oder Ergänzungsbild zum eigenen Geschlecht. Beide Begriffe leiten sich aus dem Lateinischen ab und stehen für Seele oder Geist. Jacobi88 spricht von der archetypischen Figur eines Seelenbildes, das den komple- mentär-gegengeschlechtlichen Anteil der Psyche repräsentiert. Dieses Seelenbild, beim Mann die Anima und bei der Frau der Animus genannt, trägt jeder Mensch als Sehnsuchtsbild eines idealen

83 Vgl. Vogel, C. G. Jung für die Praxis. S. 60

84 Vgl. Vogel, Das Dunkle im Menschen (Kindle e-book). Pos 680 von 1490

85 Vgl. Eberwein, „Werner Eberwein | Was ist Resonanz?“

86 Vgl. Dahlke und Dahlke, Das Schatten-Prinzip. S. 64

87 Vgl. Dahm, Schattenheilung (Kindle e-book). Pos. 2245 von 3406

88 Vgl. Jacobi, Die Psychologie von C. G. Jung. S. 126

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