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3.1 Autonomie und Entscheidungsfindungsprozesse in Kontext einer Frühgeburt aus

3.1.4 Gemeinsame Entscheidungsfindung der Eltern

Ein dritter Entscheidungstypus lässt sich mit „gemeinsame Entscheidungsfindung der El- tern“ charakterisieren. Entsprechende Männer betonten, mit ihrer Partnerin als Einheit auf- zutreten und Entscheidungen nach intensivem Austausch gleichberechtigt zu treffen. Be- fragte, deren Entscheidungscharakter in diese Gruppe passt, sprachen häufig in der ersten Person Plural statt im Singular, sie sagten eher „wir sind Eltern“ statt „ich bin Vater“.

Entscheidungen treffen wir […] gemeinsam. (V2.postnatal) Wir liegen vorzeitig im Krankenhaus. (V7.pränatal)

[Es hat] ziemlich lange gedauert, bis wir überhaupt schwanger […] geworden sind. (V16.postnatal) Da die Väter nicht selbst schwanger und auch nur in Einzelfällen zusammen mit der Partne- rin stationär im Krankenhaus untergebracht sind, sind sie nicht ganz so unmittelbar invol- viert wie diese Aussagen implizieren.

Bei einer Frühgeburt kann es zwar passieren, dass Mütter zeitweise aus gesundheitlichen Gründen nicht mitentscheiden können, z. B. während einer Vollnarkose bei einem Kaiser- schnitt. Im untersuchten Sample gab es jedoch keinen Fall, in dem ein Vater davon berich- tete, alleine mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert gewesen zu sein, weil die Part- nerin gesundheitsbedingt nicht in der Lage war, bei Entscheidungen mitzuwirken. Es konn-

ten also – formal gesehen – immer gemeinsame elterliche Entscheidungen getroffen werden.

Selbst ein Vater, dessen Partnerin zwischenzeitlich in einem anderen Krankenhaus versorgt wurde als das Kind, gab an, zu keiner Zeit allein mit schwierigen Entscheidungen konfron- tiert gewesen zu sein. Er betonte, dass er sich stets gut informiert gefühlt habe und alle Ent- scheidungen gemeinsam mit seiner Partnerin treffen konnte.

Wir haben gesagt, dass, […] egal, wie schwer die Entscheidungen sind, wir das zusammen entscheiden […], dann wird das halt besprochen und […] respektiert, was jeder sagt und dann […] versuchen wir, aus den Entscheidungen, das Beste raus zu filtern und dann wird entschieden. (V12.postnatal) In der Entscheidungsfindungsgruppe „gemeinsame Entscheidungsfindung der Eltern“ ga- ben die befragten Väter an, mit der Partnerin über Entscheidungen im Gespräch zu sein, sich meist einig zu sein oder ggf. Kompromisse zu finden.

Meiner Frau ist meine Meinung wichtig und mir ist […] die Meinung meiner Frau wichtig. Von daher sind wir immer in einem regen Austausch. (V8.postnatal)

Klar sind wir dann zur gleichen Entscheidung gekommen. Wir waren durchaus unausgesprochen einer Meinung. (V2.postnatal)

Allerdings deutet das Interviewmaterial auch darauf hin, dass Väter sich an bestimmten Stel- len doch zurücknahmen und nicht immer beide Elternteile selbstverständlich einer Meinung waren. Obwohl insgesamt eine gemeinsame Entscheidung angestrebt wurde, zeigte sich, dass im Zweifelsfall der Partnerin auch postnatal der Vorrang zugestanden wurde.

Dann würde ich [es] wahrscheinlich […] so machen, wie sie das […] möchte […]. Ich denke, wir wären uns sogar einig […]. Vielleicht würde es […] länger dauern, sich zu besprechen. (V5.pränatal) Hier räumte der Befragte seiner Partnerin also allein aufgrund ihrer Geschlechterrolle Vor- rang ein. Im Interviewmaterial zeigt sich, dass Väter im Kontext von Schwangerschaft und Frühgeburt zwar ein Mitspracherecht für sich beanspruchten, dies jedoch mit einer gewissen Zurückhaltung taten und ihre eigene Rolle ggf. derjenigen der Partnerin unterordneten. Un- ter den Befragten gab es im Gegensatz dazu nur einen Vater, der angab, dass er bei einer als schwierig empfundenen Entscheidung versucht habe, auf seine Frau einzuwirken. Anders als seine Frau wollte er keine ärztlichen Zweitmeinung einholen, da er ein Entscheidungsdi- lemma befürchtete. Falls die Zweitmeinung der Erstmeinung widerspräche, hätten sich die Eltern für eine der beiden ärztlichen Empfehlungen mit allen Konsequenzen, also auch der Verantwortung, möglicherweise die „falsche“ Maßnahme zu wählen, entscheiden müssen.

Da letztendlich doch eine Zweitmeinung eingeholt wurde, wurde hier möglicherweise unbe- wusst dem Wunsch der Frau mehr Bedeutung beigemessen als der eigenen Sorge.

Was ist, wenn die Zweitmeinung gegen die Meinung hier spricht? Und was ist, wenn wir dann Schuld hätten? […] Meine Frau hat mich aber dann umgestimmt. […] Wir treffen die Entscheidungen schon zusammen [unv.]. Ich hätte dann genau die Verantwortung […] übernommen, […] aber ganz am Anfang habe ich gesagt, ich möchte das nicht. Ich habe da Angst, […] die falsche Entscheidung zu treffen. (V3.postnatal)

Dieses Beispiel zeigt, dass bei Entscheidungen, an denen Eltern und Ärzte beteiligt sind, statt einer Zweier- auch eine Dreier- oder Viererkonstellation entstehen kann, wenn Mutter und Vater oder auch verschiedene Ärzte nicht einer Meinung sind. Eine Entscheidung kann sich also in mehrere Einzelentscheidungen untergliedern (Entscheidung der Mutter, Entschei- dung des Vaters, Entscheidung des ärztlichen Personals), die wiederum unterschiedlich ge- wichtet sein können. Aus Sicht von Vätern kann z. B. die Mutterentscheidung über der Va- terentscheidung stehen oder der Ärzteentscheidung mehr Bedeutung beigemessen werden als der Elternentscheidung oder umgekehrt. Bei der partnerschaftlichen Entscheidungsfin- dung zwischen Mutter und Vater scheint es nicht nur um Einbeziehung und Mitspracherecht beider Partner zu gehen, sondern auch darum, sich gegenseitig zu unterstützen und die Ver- antwortung gemeinsam zu tragen.

Ich will meine Frau ja da nicht alleine […] sitzen lassen und sagen, 'ja, entscheid du das, […] mir ist das scheißegal'. (V7.pränatal).

Der von vielen Männern beschriebene Austausch bestand aus Gesprächen mit der Partnerin, in denen sie sich über die zu treffende Entscheidung berieten und Pro- und Contra-Argu- mente abwägten. Dabei wurden Ratschläge von Ärzten „mit in die Waagschale geworfen“

(V8). Als weitere Ansprechpartner wurden Familie und beste Freunde genannt.

Normal machen wir [beide] das […] alleine, […] nur manchmal ist es ja […] besser, […] wenn man dann mal eine Entscheidung in einem größeren Gremium bespricht. (V2.postnatal)

Obwohl Entscheidungen letztendlich von Vater und Mutter getroffen wurden, kann das wei- tere soziale Netzwerk bestehend aus der Familie sowie professionellen medizinischen Akt- euren die Entscheidungsfindung explizit oder implizit beeinflussen. Entscheidungssituatio- nen können pränatal dadurch vereinfacht werden, dass der Vater bei der Partnerin auf der Station untergebracht wird und somit alles direkt mitbekommt.

Es war zum Glück möglich, dass ich […] immer vor Ort sein konnte […] während des Krankenhaus- aufenthaltes. (V19.pränatal)

Väter, die sich der Entscheidungsfindungsgruppe „gemeinsame Entscheidungsfindung der Eltern“ zuordnen lassen, fühlten sich gleichermaßen gut informiert und vom medizinischen Personal adressiert wie ihre Partnerinnen. Sie sahen im Vergleich zu einer Reifgeburt die Chance, von Anfang an eine mit der Partnerin gleichberechtigtere Rolle zu spielen.

Also ich fühle mich genauso gut informiert […] wie [meine] Frau […]. Kann natürlich an der beson- deren Situation jetzt liegen. (V9.postnatal)