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Arbeit mit schwierigen Schülern

Vorangestelltes

Inhalt wie Titel des Beitrags betreffen jeden Menschen, der an einer Schule arbeitet, Projekte durchführt oder als Eltern Kinder in die Schule schickt und natürlich die Kinder selbst. Die im Ver- lauf geäußerte Meinung und die Handlungsangebote zur Arbeit mit schwierigen Schülern ist komplett der Praxis an einer Haupt- bzw. Mittelschule der letzten Jahre entnommen.

Wie in anderen Zusammenhängen, so gilt auch für den schuli- schen Bereich: Es gibt nicht „das“ schwierige Kind, sondern jun- ge Menschen, die in Dissonanz / im Ungleichgewicht mit „sich selbst“ – ihrem Nahumfeld, dem „System“ (z.B. die Schule) leben und als schwächster Teil in diesem Dreieck „agieren“ bzw. versu- chen „zurechtzukommen“ – manchmal in einer Form, die für andere Beteiligte am Prozess „krass“ ist.

Dabei stehen die Toleranzen gegenüber „aufgeregten Kindern“

im Grundschulbereich auf „hoch“, in höheren Jahrgängen bei entsprechender körperlicher Entwicklung und eloquenter Provo- kanz hingegen bei „niedrig“.

Falldiagnose / Klassen-Scan

Die Definition: „schwierig“ richtet sich in hohem Maß nach der individuellen Betrachtungsweise des einzelnen Lehrers und wird auch im jeweiligen Kollegium heterogen gebraucht. Gerade des- wegen sind Vereinheitlichungen oder Standards der Einstufung als „schwierig“ nutzlos.

Im gelebten Alltag sind die tatsächlichen Toleranzen der Lehr- kraft, des Klassensystems und der Rahmenbedingungen der je- weiligen Schule die eigentlichen Maßgaben in der Skalierung der Begriffe „schwierig“, „anstrengend“ oder „problematisch“.

Als ein brauchbares Instrument zur Einschätzung der Schüler hat sich ein halbjährlich wiederholter „Klassen-Scan“ bewährt.

Dieser stellt eine Möglichkeit zur Erfassung von Schülerverhalten dar und wird von Lehrern und Jugendsozialarbeitern durchge- führt oder mit Hilfe einer kollegialen Fallberatung. Dabei werden a) Episoden- oder dauerhafte Entwicklungen von psycho-

sozialer Relevanz angeschaut,

b) Kooperationen nach Effizienz und Verwirklichung abge- fragt,

c) Interventionswerkzeuge und Rahmensetzung mit Zielen und Bedarfslagen abgeglichen.

Schwieriges Verhalten kann phasenweise oder dauerhaft auf- treten. Grafisch lässt sich dies als Kurve im Hinblick auf die Intensität und des zeitlichen Verlaufs darstellen. Das nicht akzeptable Gebaren eines Heranwachsenden kann aber be- reits als probates Instrument, um sich gegen das System oder das Umfeld aufzulehnen, Anwendung finden.

Die Bandbreite der Verhaltensauffälligkeiten von Kindern ist weitgefasst. Sie sind dabei im Einzelnen zu still, laut, zappe- lig, autoaggressiv, mediensüchtig, oppositionell und überfor- dert. Dieses auffällige Verhalten ist unterschiedlich begrün- det. Motive dafür können im familiären Umfeld liegen, sei es durch Armut, Krankheit, Trennung der Eltern oder Umzug.

Die Wechselwirkung zwischen Verhaltensauffälligkeit und schwierigen sozialen Verhältnissen ist augenscheinlich.

Das, „was geht“ Case-Management, Arbeitsbündnisse und die Normalität

So stellt sich ab diesem Punkt die einfach Frage nach den Grenzen. Das bedeutet ein weiteres Werkzeug im Umgang mit Kindern mit erhöhtem Handlungsbedarf steht dem Leh- renden zur Verfügung. Abgesehen von der eigenen Rahmen- setzung im Kontext persönlicher Einschätzung und Toleranz.

Die Einflüsse des Verhaltens auf den Klassenverband und sich ergebender negativer Entwicklungen dürfen auch nicht außer Acht gelassen oder sogar unterschätzt werden.

Die Möglichkeit den Prozess zur Rückführung auf ein positives Verhalten muss sichergestellt und unterstützt werden. Daraus ergibt sich – abhängig nach Häufung und Intensität von Störun- gen des Sozialverhaltens – zwischen den Professionen (Lehrer, Eltern, Erziehungsbeistand, Schulpsychologe, JaS etc.) zwangs- läufig die Notwendigkeit „barrierefrei“ miteinander zu kommu- nizieren. Ferner muss darüber hinaus noch dem Postulat des Handelns Rechnung getragen werden. Oftmals wird der Wille bekundet, doch bleibt in der Arbeitswirklichkeit dies durch Ver- bote und berufliche Eitelkeiten leider unberücksichtigt. Dabei besteht für alle an der Erziehung Beteiligten die Notwendigkeit.

Herangehensweisen

• Definieren Sie in Kooperation mit den Eltern (Arbeits- bündnis) einen Bedarf und Zielfelder.

• Strukturieren und organisieren Sie sich mit nützlichen Akteuren (Case-Management).

• Denken Sie sozialräumlich (Ressourcen der Handlungs- felder vor Ort oder extern).

• Seien Sie aber auch so egoistisch, Verantwortlichkeiten dort zu lassen, wo sie hingehören.

Jenseits der „Aktion“ zeigt sich immer wieder die Nützlich- keit und Kraft der Normalität des Schulalltags für „schwieri- ge“ Schüler.

Ersichtlich wird dies in längeren Beobachtungssequenzen. So hart das auch manchmal ist: die heilende Struktur von

„Normalität“ – dazu gehört auch das unaufgeregte Ausspre- chen von Auszeiten – ist in seiner Wirksamkeit höher als die immer wieder auf „das Thema“ hinweisende Intervention.

Aber: Schule ist keine therapeutische Einrichtung.

Das Ende der Schulzeit ist nicht das Ende der Welt. Neue Rahmen geben Sinn. Besonders gegen Ende der Schulpflicht verkrampfen sich die Anstrengungen im Umgang mit

„schwierigen“ Schülern oft. Übrig bleiben Erinnerungen, die das Misslingen des Endes, nicht aber das Gelingen bis zum Zeitpunkt dokumentieren.

Struktur und Beziehung – Hinweise für den Alltag

Zur notwendigen Versachlichung im Umgang mit

„schwierigen“ Schülern tragen bei:

a) Gesetze wie §31 der BayEUG oder entsprechende Ab- schnitte des KJHG helfen da, wo Arbeitsbündnisse mit Eltern(teilen) nicht funktionieren.

b) Nicht „entweder/oder“ von Sanktion und Angebot, son- dern ein „sowohl als auch“ als Arbeitsprinzip im Hand- ling und Hilfe zur Widerspiegelung für „nicht ok“ und

„ok“-Verhalten helfen Schülern zu lernen, dass

„Mensch“ im Beziehungssystem verbleibt – auch wenn es Stress gab.

c) Ausgehandelte Deals sind ok und können als verborgene Botschaft verbesserte Beziehung signalisieren, können

aber auch ungute Systeme stützen und kontraproduktiv werden.

d) Die Vermeidung von zwanghaften Einsprechungen („Ich muss…“) schützt Beteiligte vor Blockaden im Handeln.

e) Der flexible Gebrauch direktiver und non direktiver Sprachstile transportiert in der Wahrnehmung die kor- respondierende Dialektik von Struktur und Beziehung.

Die Schüler erfahren, dass ihr negatives Verhalten Kon- sequenzen hat, aber nicht die Person an sich in Frage stellt.

f) Vermeiden Sie Beziehungsfallen oder Verstrickungen mit „schwierigen“ Schülern, in ungute Verläufe mün- den, z. B. mittels kollegialen oder externen Feedbacks.

g) Somit hilft die Entwicklung von Strategien, wie Sie un- nützes und negatives „Karussellfahren“ – also den dau- erhaften Einsatz ineffizienter Mittel in der Arbeit mit

„schwierigen“ Schülern – vermeiden können.

Generell ist die Alltagssicherheit der handelnden Akteure und eine klare Haltung wichtiger in der Arbeit mit „schwieri- gen“ Schülern als eingekaufte Projekte – und Voraussetzung für gute selbst durchgeführte Projekte.

Trotzdem gibt es eine Vielzahl selbst entwickelter Ideen der Klassenleitung und zu Hilfe genommener zielführender Pro- jekte, die explizit ohne Schulbeteiligung laufen sollen.

Projekte

Im Zusammenhang von Klassendynamiken, aber auch ver- mehrtem Auftreten benennbarer Vorfälle wie Drogenkon- sum, Gewalt gegen Menschen und Sachen in schulischen Zusammenhängen etc., werden oft am Bedarf orientierte Projekte eingekauft.

Das entlastet positiv die Lehrkraft, die wirklich „nicht alles nicht klären muss“ und nimmt den Problemfokus vom Klas- sengeschehen.

In der Praxis gelungene Ideen und Kooperationen an einer Haupt-/Mittelschule, die mit „schwierigen“ Schülern zu gu- ten Ergebnissen führten und selbst entwickelt wurden, wa- ren:

• Eine von ehemaligen Schülern durchgeführte Quali- /Bewerbungsvorbereitung Schülern, die von den Anbie- tern der ARGE etc. nicht erreicht wurden und keinen

„Bock auf Bewerben“ hatten.

• Ein realitätsnahes „Schrauber-Projekt“ für als „schwierig“

(körperliche Übergriffe, Sachbeschädigung) eingestufte Jungs der 9. Klasse in Zusammenarbeit mit einer Kfz- Werkstatt. Dabei wurde ein schrottreifer Wagen in einen TÜV-Zustand versetzt. Im Anschluss daran wurde das Auto verkauft und den Erlös bekamen die Jungs.

• Die „It´s a man’s world“ – Talkshow über das Verhältnis von Jungs aus dem Stadtteil, die viel Zeit „auf der Straße verbringen“, mit der Polizei plus angeschlossener Out- door-Aktion mit der Polizei mit dem Ziel der Verbesse- rung des Umgangs im Konfliktfall.

Ferner:

„Ich will da bleiben, wo ich bin“ – Fortbildungen für Lehrer- kräfte zum Thema „weiblicher Ort Schule“ im Rahmen der Arbeit mit jungentypischen Verhalten im schulischen, von Regeln und Aushandlung geprägten Kontext.

„Beichtstuhl“: Sanktionsfreies Mitteilen von Verhalten oder Lebensumständen mit Strategieentwicklungen der Verände- rung.

Resilienztraining für Kinder mit wenig „Abwehrwerkzeug“

und Opfer oftmaliger Beleidigungen bzw. körperlicher Miss- handlung zur Stärkung ihrer „Abwehrkräfte“.

Konfrontative Ansätze bei Nationalismen, Passivität im Schulalltag und in einer festen Kleingruppe.

Robuste Mediation bei Auseinandersetzungen, die auf ver- schiedenen Ebenen stattfinden, z. B. zwischen Mitschülerin- nen und Mitschülern oder in der Eltern-Kind Beziehung.

Körperorientiertes Konflikttraining – „was geht“, „was nicht geht“ – bei körperlichen Auseinandersetzungen mit einer Kleingruppe. Daneben haben sich natürlich auf dem „freien Markt“ sehr gut passende Formen der sozialen Gruppenar- beit, von Theater- und Erlebnisprojekten gebildet.

Zum Autor

Jürgen Findeiß ist Diplompädagoge und diplomierter Sozialpädagoge (FH).

Barbara Baur-Huther Katja Köhler, Lorenz Weiß