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Taraškevica und Narkamaŭka als zwei Sprach- und Denksysteme

Teil II: Diskursanalyse

5. Sprachliche Unterschiede zwischen Taraškevica und Narkamaŭka nach Empfinden der

5.7. Taraškevica und Narkamaŭka als zwei Sprach- und Denksysteme

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як найбольш блізкай да маўлення шляхты ХІХ ст... Тарашкевіца – гэта, калі хочаце, першы знак, сімптом пранікнення нацыянальнага духу ў сэрцы моладзі. Потым ужо, з цягам часу, людзі пачынаюць цікавіцца стагоддзем ХХ (адкрываюць для сябе Коласа, Макаёнка, Быкава) і паступова адаптуюць сваё маўленне да правілаў, зацверджаных у БССР. Адбываецца нармальная духоўнай, адукацыйная эвалюцыя, якая (акрамя іншага) узбагачае жывое маўленне.126 (21.05.2013)

‘Der gebildete Teil der Jugendlichen, der die nationale Geschichte und Literatur lernt, wird, metaphorisch gesagt, durch sie ‘nobilitiert’ und unbewusst mit der Mentalität gefüllt, die sich im Kreis unserer Adeligen entwickelte. Von da kommt das Interesse an der Taraškevica, die als die zur Umgangssprache von Schlachta des 19. Jahrhunderts am nächsten stehende Sprachform angesehen wird. Die Taraškevica ist, wenn ihr wollt, das erste Anzeichen, das Symptom des Eindringens des nationalen Geistes in das Herz der Jugend. Erst später, mit der Zeit beginnt man, sich für das 20. Jahrhundert zu interessieren (man entdeckt für sich Kolas, Makaënak, Bykaŭ) und passt allmählich seine Sprache den Regeln an, die in BSSR festgelegt wurden, an. Auf diese Weise geschieht eine normale, geistige Bildungsevolution, die (unter anderem) die lebende Umgangssprache bereichert.’

Historisch begründet werden die Unterschiede zwischen den zwei ‘Sprachen’ auch in der folgenden Passage. Dabei sieht der Sprecher das Jahr 1933 (in dem die belarussische Sprache reformiert wurde) als Wendepunkt, an dem eine Sprache durch eine andere ersetzt wurde.

Seitdem gehen die Sprachen eigene ‘Existenz- und Entwicklungswege’.

(5.26) міленькія й даражэнькія! разьбярыцеся, як ласка, у прадмеце гутаркі. пра што спрачаецеся й над чым дыскутуеце? альбо пра беларускую мову, што ў 1933 была рэзка й татальна выпакладаваная, калі і ўтварылася ГЭТАЯ ІНШАЯ мова (савецка-беларуская, наркамаўка), альбо ўсё-ткі пра беларускую. і тая, і тая былі, ёсьць і, напэўна, заўжды будуць. гэта дзьве розныя мовы, а не варыянты Мовы. абедзьве па-свойму існавалі й разьвіваліся. і будзе так, бо гэта сэляві, бо гэта пытаньне прыярытэтаў і каштоўнасьцяў.127 (21.11.2007)

‘Meine Lieben, ihr müsst bitte schön zuerst klären, wovon ihr sprecht, worüber ihr streitet und diskutiert. Ist das die belarussische Sprache, die im Jahr 1933 plötzlich und gänzlich umgestaltet wurde, als diese andere Sprache (die sowjetisch-belarussische Narkamaŭka) entstanden war, oder doch die [andere] belarussische? Sowohl die erste als auch die zweite existierten früher, existieren jetzt und werden wahrscheinlich weiterhin existieren. Das sind zwei verschiedene Sprachen und nicht die Varianten einer Sprache. Die beiden existierten und entwickelten sich auf eigene Art und Weise. Und so wird es bleiben, weil so das Leben ist und weil das die Frage der Prioritäten und Werte ist.’

Der Diskursteilnehmer betont dabei, dass es sich bei der Taraškevica und Narkamaŭka nicht um zwei Varianten derselben Sprache, sondern um zwei Sprachen handele, die sich auch weiterhin getrennt voneinander entwickeln würden. Die Unwahrscheinlichkeit der

‘Verschmelzung’ begründet er damit, dass jede Sprache mit bestimmten Werten verbunden sei.

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beiden nicht nur eine unterschiedliche Lexik verwende, sondern auch anders spreche und denke:

(5.27) Не забывайце толькi, што наркамаўка i тарашкевiца - гэта менавiта ДЗЬВЕ РОЗНЫЯ МОВЫ. Для параўнаньня прывяду некалькi словаў: дыск - кружэлка, балельшчык - заўзятар, долар - даляр, Германiя - Нямеччына i гэтак далей. Ня толькi пiшацца, але i гаворыцца (ды i думаецца) па-рознаму!128 (05.12.2008)

‘Vergesst nur nicht, dass die Narkamaŭka und die Taraškevica zwei verschiedene Sprachen sind. Zum Vergleich führe ich einige Wörter an: dysk [N: ‘CD’] – kružėlka [T: ‘CD’], balel’ščyk [N: ‘Anhänger, Fan’] – zaŭzjatar [T: ‘Anhänger, Fan’], Hermanija [N:

‘Deutschland’] – Njameččyna [T: ‘Deutschland’] usw. Es wird nicht nur unterschiedlich geschrieben, sondern auch unterschiedlich gesprochen (und man denkt auch unterschiedlich).’

In der folgenden Aussage schreibt die Sprachbenutzerin nur der Taraškevica eine weltanschauliche Funktion zu, während die Narkamaŭka eher formale Funktionen in offiziellen Situationen erfülle:

(5.28) Для мяне тарашкевіца - гэта сьветапоглядна. Нефармальна й жывенька, так бы мовіць.

Тым ня менш, калі пішу афіцыйныя паперачкі – заявы там розныя й іншыю лабуду на наркамаўцы.129 (12.10.2007)

‘Für mich ist die Taraškevica eine Weltanschauung. Sie ist informell und lebendig so zu sagen. Nichtsdestoweniger schreibe ich offizielle Papierchen – verschiedene Gesuche und anderen Blödsinn in der Narkamaŭka.’

Eigenartig in dieser Hinsicht ist die Meinung des Schriftstellers Ju. Pacjupa, der selbst die Taraškevica-Orthografie beim Schreiben verwendet: Die Taraškevica, die viele für die wahre belarussiche Sprache hielten, sei in Wirklichkeit eine Ausprägung des russischen Denkens.

Pacjupa warnt vor der in der Gesellschaft verbreiteten ‘falschen’ Vorstellung, die Taraškevica sei eine Sprache, die der Narkamaŭka gegenübersteht. Denn es gebe nur eine ‘wahre’

belarussische Sprache und diese beherrschten weder die so genannten ‘Taraškevica-’ noch die Narkamaŭka-Sprecher. Im Mittelpunkt seiner Kritik stehen diejenigen, die der Meinung sind, mit der mechanischen Übernahme der Taraškevica-Normen die ‘wahre’ belarussische Sprache erworben zu haben. Diese besteht für ihn nicht in einem Set an bestimmten formalen Merkmalen, sondern stelle ein besonderes ‘Sprachsystem’ dar, das mit einem besonderen

‘Denksystem’ korreliere und somit eine besondere Form des ‘Sprachdenkens’ bilde. Da sowohl für die Taraškevica als auch für die Narkamaŭka das Russische als Bezugsgröße diene, könnten die beiden nicht als die ‘wahre’ belarussische Sprache angesehen werden:

(5.29) Тое, што ня правапіс, а мову называюць “тарашкевіцай”, вельмі кепскі сымптом. Ён паказвае: моўнае мысьленьне замяняецца правапісным. Веданьне запраўднае,

“несавецкае” мовы дасягаецца зусім простым “магічным” спосабам: ужываньнем мяккага знаку, адумысным вымаўленьнем замежных слоў ды “джэнтэльмэнскім наборам” модных і абсалютна недарэчных […] украінізмаў ды палянізмаў […]. Гэты ўбогі узус, гэтая птушыная гамонка, у астатнім на 99% складзеная з русіцызмаў ды расейскіх кáлек, выдаецца — брат ты мой! — за “тарашкевіцу”, а не абы-што... […]

Усё тое, што я тут пасьпеў сьпешна і хаатычна накідаць, сьведчыць пра адну страшную рэч: у нас склалася дзьвюхмоўе, якое Леў Шчэрба назваў адна мова з двума тэрмінамі.

У запраўднасьці ўжо няма беларускае мовы. Ёсьць адна, расейская, — з расейскім і

128 Cёмыч https://m.nn.by/articles/22044/comments/page/3/ (01.02.2020).

129 Volha http://dzietki.org/forum/viewtopic.php?p=24971 (22.12.2013).

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беларускім тэрмінамі. А адраджаць мову варта як асобную сыстэму мысьленьня.130 (Ju.

Pacjupa, Arche 3/26, 2003)

‘Die Tatsache, dass man nicht die Rechtschreibung, sondern die Sprache ‘Taraškevica’

nennt, stellt ein schlechtes Symptom dar. Dieses Symptom weist darauf hin, dass das Sprachdenken durch ein Rechtschreib-Denken ersetzt wird. Als ob die Kenntnis der wahren,

‘nicht-sowjetischen’ Sprache durch ein einfaches ‘magisches’ Verfahren erworben werden könnte: durch das Einsetzen von Weichheitszeichen, durch die besondere Aussprache von Fremdwörtern und ein Gentleman-Set von trendigen und absolut unpassenden…

Ukrainismen und Polonismen… Dieser armselige Usus, dieses Hahnengekrähe, dessen restliche 99% aus Russismen und Kalken aus dem Russischen bestehen, wird – O mein Gott!

– für die ‘Taraškevica’ und nicht für sonst was ausgegeben… Das, was ich hier eilig und chaotisch entworfen habe, zeugt von einer schrecklichen Tatsache: Wir haben eine Situation der Zweisprachigkeit, die Leŭ Ščėrba ‘Sprache mit zwei Termini’ genannt hat. In Wirklichkeit gibt es keine belarussische Sprache mehr. Es gibt eine Sprache – die Russische:

einmal mit den russischen und einmal mit den belarussischen Termini. Die Sprache muss man als ein eigenständiges Denksystem wiederbeleben.’

Pacjupa, der eine philologische Ausbildung hat,131 bezieht sich in seiner Aussage auf Ščerba (1974), indem er dessen Begriff ‘Termini’ benutzt. In seinem Werk Jazykovaja sistema i rečevaja dejatel’nost’ (1974) berichtet Ščerba im Kapitel O ponjatii smešenija jazykov über bilinguale Sprecher, für die zwei Sprachen ein Sprachsystem bilden. Darin stehen für eine semantische Repräsentation zwei Ausdrücke zur Verfügung (mit dem Begriff ‘Termini’ bezieht sich Ščerba auf diese Ausdrücke).132 In Anlehnung an die Darstellung von Ščerba präsentiert Pacjupa die Sprecher der belarussischen Sprache (egal ob Taraškevica oder Narkamaŭka) als russisch-denkende Personen, die je nach dem Wunsch entweder einen russischen oder belarussischen Ausdruck für ihre ‘russischen’ semantischen Repräsentationen wählen können.

In einer Passage führt Pacjupa ein Beispiel hierfür an: So betrachtet er sowohl den

‘Narkamaŭka’-Ausdruck ahljadacca pa bakach / аглядацца па баках ‘sich umschauen’ als auch die ‘Taraškevica’-Variante aziracca pa bakoch / азірацца па бакох als Kalken des russischen osmatriva’sja po storonam / осматриваться по сторонам.133 Als ‘wahre’

belarussische Variante schlägt Pacjupa razhljadacca na baki / разглядацца на бакі vor.

130 Ju. Pacjupa http://archive.ph/vZfH (01.02.2020).

131 https://www.grsu.by/images/journal/grsu/1990/1990-17.pdf (01.02.2020).

132 So stellt der Autor etwa die Zweisprachigkeit der Sorben dar: “[…] любое слово этих двуязычных лиц содержит три образа: семантический образ, звуковой образ соответствующего немецкого слова и звуковой образ соответствующего лужицкого слова, причем все вместе образует такое же единство, как и слово всякого другого языка. Говорящие, правда, сознают, что одна форма лужицкая, а другая немецкая, но они очень легко переходят от одной к другой, так что взаимные подстановки в тех случаях, когда одна из двух форм слабеет по какой-либо причине, всегда остаются незамеченными. Быть может, даже было бы неточно сказать, что люди, о которых идет речь, знают два языка: они знают только один язык, но этот язык имеет два способа выражения, и употребляется то один, то другой.“ (Ščerba 1974, 68). ‘… ein beliebiges Wort enthält bei diesen Personen drei Gestalten: die semantische Gestalt, die lautliche Gestalt des entsprechenden deutschen Wortes und die lautliche Gestalt des entsprechenden sorbischen Wortes, dabei bilden sie eine Einheit, genauso wie ein beliebiges Wort einer anderen Sprache. Den Sprechern ist es allerdings bewusst, dass eine Form sorbisch und die andere deutsch ist, sie können aber sehr leicht von der einen Form zu der anderen übergehen, so dass gegenseitiges Ersetzen in den Fällen, in denen eine der beiden Formen aus irgendeinem Grund schwächer wird, unerkannt bleibt. Vermutlich wird man ungenau sein, wenn man sagen würde, dass die Menschen, von denen die Rede ist, zwei Sprachen können: sie können nur eine Sprache, und diese Sprache hat zwei Ausdrucksformen, die abwechselnd verwendet werden.’

133 Ju. Pacjupa, Arche 11/62, 2007; http://arche.bymedia.net/2007-11/paciupa711.htm (12.11.2013).

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Offensichtlich haben vor allem das Präfix a- / a- und die Präposition pa / па Assoziationen mit dem russischen Ausdruck bei Pacjupa hervorgerufen.

Pacjupa kritisiert an den meisten Taraškevica-Sprechern also, dass sie in Wirklichkeit russischsprachig bzw. ‘russischdenkend’ seien, d.h., sie sähen die Welt durch das ‘Prisma’ der russischen Sprache und projizierten dieses ‘russische’ sprachliche Weltbild auf die so genannte

‘belarussische’ Sprache, was man z.B. an zahlreichen Lehnübersetzungen aus dem Russischen beobachten könne. Die imitierte Taraškevica bezeichnet er aus diesem Grund als ubohi usus / убогі узус ‘armseliger Usus’ und ptušynaja hamonka / птушыная гамонка ‘Hahnengekrähe’

(s. Bsp. (5.29)). Darin sieht Pacjupa die Zerstörung des ‘sprachlichen Organismus’ des Belarussischen.

(5.30) Але, зацеміўшы сваю прыхільнасьць да клясычнага правапісу, далей хачу падкрэсьліць, што правапісная спрэчка мяне мала хвалюе як другасная, пабочная.

Куды страшней назіраць разбурэньне арганізму мовы. На жаль, пераважная частка

«сьведамых» носьбітаў мовы ёсьць насамрэч расейскамоўнымі людзьмі якія, трэба аддаць належнае, ад шчырых патрыятычных пачуцьцяў карыстаюцца невялікай колькасьцю беларускіх слоў. Рэшта лексыкону — гэта расейская лексыка, «абутая» ў беларускую фанэтыку.134 (Ju. Pacjupa, Arche 11/62, 2007)

‘Aber, nachdem ich meine Zuneigung gegenüber der klassischen Rechtschreibung bekundet habe, möchte ich anmerken, dass der Rechtschreibungsstreit mich lediglich nebenbei interessiert. Viele schlimmer ist es, zu beobachten, wie der Organismus der Sprache zerstört wird. Leider ist der größte Teil der ‘bewussten’ Sprachträger in Wirklichkeit russischsprachig; man muss allerdings zugeben, dass dieser Teil, geleitet von aufrichtigen patriotischen Gefühlen, tatsächlich eine kleine Zahl der belarussischen Wörter verwendet.

Den Rest seines Lexikons stellt die in die belarussische Phonetik gekleidete russische Lexik dar.’

In der Aussage (5.30) setzt Pacjupa an dem Wort ‘russischsprachig’ (rasejskamoŭnyja / расейскамоўныя) eine Fußnote, in der er erklärt, dass die meisten Taraškevica-Sprecher ungeachtet dessen, dass sie die belarussische Sprache alltäglich verwenden und sie für ihre Muttersprache halten, in Wirklichkeit ‘russischdenkend’ (rasejskadumnyja / расейскадумныя) seien:

(5.31) Карэктней было б сказаць «расейскадумнымі», гэта значыць, беларускай мовай яны карыстаюцца часта, а мо' й штодзённа, але так, як замежнай, хоць і ўважаюць за сваю.135 (Ju. Pacjupa, Arche 11/62, 2007)

‘Richtiger wäre es zu sagen ‘russischdenkend’; d.h. sie benutzen die belarussische Sprach oft, vielleicht täglich, jedoch wie eine Fremdsprache (obwohl sie sie für ihre eigene Sprache halten).’

In seinem Artikel Pravapisnyja symptomy moŭnaj chvaroby (2007), der in der Zeitschrift Arche publiziert wurde, beschäftigt sich Pacjupa weiter mit dem Thema: Um die ‘wahre’ belarussische Sprache zu erwerben, müsse man nicht bloß bestimmte Sprachregeln erlernen, sondern die belarussische sprachliche Weltsicht verinnerlichen. Diese könne man entweder zusammen mit der Muttermilch aufsaugen oder sich durch enorme Anstrengungen der ganzen Nation aneignen:

134 Ju. Pacjupa http://arche.bymedia.net/2007-11/paciupa711.htm (12.11.2013).

135 Ju. Pacjupa http://arche.bymedia.net/2007-11/paciupa711.htm (12.11.2013).

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(5.32) Гэта й ёсьць тое моўнае бачаньне, якое ўсмоктваецца з малаком маці або... набываецца страшэннымі высілкамі ўсяе нацыі, а ня проста вывучваецца як правапісныя нормы.136 (Ju. Pacjupa, Arche 11/62, 2007)

‘Das ist die sprachliche Weltansicht, die entweder mit der Muttermilch oder durch ungeheure Anstrengungen der ganzen Nation verinnerlicht wird, und nicht durch das Erlernen von Rechtschreibnormen.’

Da die meisten Belarussen nicht die Möglichkeit hatten, die ‘wahre’ belarussische Sprache ‘mit der Muttermilch’ aufzunehmen, können sie sich diese nur durch erhebliche Anstrengungen vor dem Hintergrund der nationalen Konsolidierung aneignen. Dabei werden diejenigen, die die Sprache besser als die anderen können, als Missionare angesehen, die die ‘wahre’ Sprache unter der Bevölkerung verbreiten sollen. Die Lösung, die der Autor in diesem Zusammenhang vorschlägt, umfasst zwei Strategien: erstens, muss man die Existenz der Opposition

‘Taraškevica vs. Narkamaŭka’ vehement verneinen und, zweitens, muss man hart und ununterbrochen lernen, um der ‘wahren’ belarussischen Sprache ‘gewachsen’ zu sein:

(5.33) Выйсьце з гэтае роспачнае сытуацыі я ўбачыў толькі адно: дзе можна — адмаўляцца, настойліва й публічна, ад заганнае апазыцыі «тарашкевіца» / «наркамаўка». А ў процівагу данаму фантому выставіць просты, але нялёгкі імпэратыў: ДАРАСТАНЬНЕ ДА МОВЫ. […] Перадусім трэба прызнаць: ніхто з нас беларускае мовы як сьлед ня ўмее. І з кожным годам, з кожным пакаленьнем нашыя веды меншаюць. Мову трэба капаць, як ваду ў пустэльні. Тыя, хто ёю валодае крыху лепш, павінны

«эвангелізаваць» менш дасьведчаных, але заразом усьведамляць, што нават найбольшыя знаўцы мусяць вучыцца.137 (Ju. Pacjupa, Arche 11/62, 2007)

‘Ich sehe nur einen Ausweg aus dieser verzweifelten Lage: Überall, wo es möglich ist, die beschämende Opposition Taraškevica / Narkamaŭka vehement und öffentlich verneinen.

Und als Gegengewicht zu diesem Phantom muss man einen einfachen, zugleich aber schwierigen Imperativ postulieren: zu der Sprache heranwachsen… Vor allem muss man einsehen, dass keiner von uns die belarussische Sprache kann. Und mit jedem Jahr ist unser Wissen geringer. Man muss nach der Sprache graben, wie man in der Wüste nach Wasser gräbt. Diejenigen, die die Sprache etwas besser beherrschen, müssen weniger Erfahrene

‘evangelisieren’; gleichzeitig muss man sich darüber im Klaren sein, dass sogar diejenigen, die mehr wissen, weiter lernen müssen.’

Die Sprache wird in der Passage (5.33) als ein selbständiges Objekt dargestellt, nach dem man suchen müsse, als eine „Größe jenseits historischer und sozialer Bezüge“ (Gardt 1999, 91 f.), die Anforderungen an ihre Sprecher stellt. Diese Auffassung der Sprache ist für jenen sprachpatriotischen Diskurs typisch, der seine Anfänge im 19. Jahrhundert nimmt und die Bildung der Nationalstaaten begleitet (s. Abschnitt 1.2.3).

Die ‘wahre’ belarussische Sprache, d.h. die ‘nicht-imitierte’ Taraškevica, stellt für Pacjupa in ihren Möglichkeiten, in ihrer Systemhaftigkeit, ihrem Reichtum und ihrer Schönheit die beste Sprache überhaupt dar:

(5.34) І мы яшчэ пазмагаемся за беларускасьць. Бо неімітаваная беларуская мова,

“тарашкевіца”, ня мае сабе роўных у сваіх мажлівасьцях. Чым больш я яе вывучаю, тым больш зьдзіўляюся яе сыстэмнасьці, багацьцю і хараству.138 (Ju. Pacjupa, Arche 3/26, 2003)

136 Ju. Pacjupa http://arche.bymedia.net/2007-11/paciupa711.htm (12.11.2013).

137 Ju. Pacjupa http://arche.bymedia.net/2007-11/paciupa711.htm (12.11.2013).

138 Ju. Pacjupa http://archive.today/vZfH (01.02.2020).

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‘Und wir werden noch für das Belarussischtum kämpfen, weil die nicht-imitierte belarussische Sprache, die ‘Taraškevica’, im Hinblick auf ihre Möglichkeiten unübertroffen ist. Und je länger ich sie lerne, desto mehr bewundere ich ihre Systemhaftigkeit, ihren Reichtum und ihre Schönheit.’

Angesichts der ‘empathischen Wertschätzung des Eigenen’, die der Äußerung Pacjupas zugrunde liegt, handelt es sich hier um einen Fall des Sprachpatriotismus, dessen diskursive Eigenschaften in Gard (1999) beschrieben werden (s. Abschnitt 1.2.3 und 1.8.1). Was Pacjupas Einstellungen gegenüber der Narkamaŭka und der automatisch zu erlernenden (‘imitierten’) Taraškevica betrifft, fallen sie äußerst negativ aus. In Bezug auf die Narkamaŭka verwendet er den abwertenden Ausdruck brydota / брыдота ‘Scheußlichkeit’ und wüscht ihr sogar ‘den Tod’ (s. Bsp. (5.35)). Zieht man in Betracht, dass diese Abwertung auf der Grundlage der

‘Russifiziertheit’ der Narkamaŭka erfolgt (die im selben Kontext als ‘verdrehte russische Sprache’ dargestellt wird), kann man die folgende Äußerung von Pacjupa als für den Sprachnationalismus beispielhaft einstufen (s. Abschnitt 1.2.3).

(5.35) Мне пашчасьціла да школы гадавацца ў дзеда на хутары. Беларуская мова для мяне родная не намінальна. Я яе ведаю ня з кніжак і таму не баюся ў нечым пахібіць, ужыць дыялектызм. Пазьней, заглыбіўшыся ў старабеларускія тэксты, у тэксты старой

“Нашае Нівы”, эмігранцкія працы, я зразумеў, што “наркамаўка” (карыстаюся недакладным паспалітым тэрмінам) — гэта не беларуская мова, а яе імітацыя. Проста перакручаная расейская. Ня варта цэлы этнас напружваць дзеля гэтай брыдоты. Ня варта дурыць людзям галовы. Мне “наркамаўка” агідная настолькі, што я ёй зычу сьмерці ў кожным разе. Калі не “тарашкевіца” — тады лепш расеізацыя. […] А яшчэ лепш — поўная і незваротная палянізацыя. […] Перад наступам глябалізацыі чаму не зрабіцца панславістам? Але, дзякуй Богу, такой альтэрнатывы няма. І ёсьць яшчэ порах у парахаўніцах! І мы яшчэ пазмагаемся за беларускасьць.139 (Ju. Pacjupa, Arche 3/26, 2003)

‘Ich hatte Glück, dass ich bis zum Schulalter bei meinem Großvater auf dem Chutor lebte.

Die belarussische Sprache ist für mich nicht nur nominal die Muttersprache. Ich habe sie nicht aus Büchern gelernt; aus diesem Grund habe ich keine Angst vor Fehlern oder Dialektismen, die mir manchmal unterlaufen könnten. Später, nachdem ich mich in die altbelarussischen Texte, in die Texte der Naša Niva und in Emigrantenwerke vertieft hatte, habe ich verstanden, dass die Narkamaŭka (ich verwende den allgemeinen, nicht genauen Terminus) keine belarussische Sprache, sondern ihre Imitation ist. Sie ist einfach eine verdrehte russische Sprache. Es lohnt sich nicht, die ganze Ethnie wegen dieser Scheußlichkeit anzustrengen. Es lohnt sich nicht, den Leuten deswegen den Kopf zu verdrehen. Ich verabscheue die Narkamaŭka dermaßen, dass ich ihr auf alle Fälle den Tod wünsche. Wenn nicht die ‘Taraškevica’, dann ist sogar eine Russifizierung besser. Und noch besser ist eine vollständige und unumkehrbare Polonisierung… Warum nicht zum Panslavisten werden, bevor die Folgen der Globalisierung eintreten? Dennoch gibt es, Gott sei Dank, eine solche Alternative nicht. Und man hat noch genug Kraft. Wir werden noch für das Belarussischtum kämpfen.’

Die ‘wahre’ belarussische Sprache eignet man sich also an, indem man ‘belarussisch’ zu denken beginnt. Eine besondere Korrelation zwischen Sprache und Denken stellt für Pacjupa die wichtigste Besonderheit jeder Sprachkultur bzw. Nation dar. So verkörpern verschiedene Kulturen alternative ‘Denk- und Existenzmodelle’. Dabei sieht Pacjupa die globalisierte Welt als Gefahr für Sprachen und Nationen an. Das Verschwinden einer Sprache wird mit dem der entsprechenden Nation gleichgesetzt:

139 Ju. Pacjupa http://archive.today/vZfH (01.02.2020).

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(5.36) Мы жывем у глябалізаваным сьвеце, дзе пад пагрозай усе мовы. Калі мы можам зьнікнуць сёньня, летувісы — заўтра, а французы — пазаўтра, дык няма вялікай розьніцы. І ўсё ж, я думаю, людзі рана ці позна нацешацца палітычнаю гігантаманіяй, як нацешыліся асушэньнем балот, цаліной і камунізмам. А тады адзінаю альтэрнатываю стане сыстэма культурных манадаў — мноства аўтаномных, а неізаляваных культурных асяродкаў, якія будуць станавіць сабою альтэрнатыўныя мадэлі існаваньня й мысьленьня.140 (Ju. Pacjupa, Arche 3/26, 2003)

‘Wir leben in einer globalisierten Welt, in der alle Sprachen gefährdet sind. Sollten wir heute, die Litauer morgen und die Französen übermorgen verschwinden, dann macht das keinen Unterschied. Dennoch denke ich, dass die Menschen früher oder später die politische Gigantomanie satthaben werden, genauso wie sie einst Melioration, Neulandgewinnung und Kommunismus sattgehabt haben. Und dann wird ein System der kulturellen Monaden die einzig mögliche Alternative sein – d.h. eine Menge autonomer, aber nicht-isolierter kultureller Gebiete, von denen jedes ein alternatives Existenz- und Denkmodell darstellt.’

Pacjupa setzt Sprache mit Nation gleich; dabei fungiert ‘Sprache’ für ihn als Zeichen der Identität und Differenz (und zwar der indifferenten Differenz) im Sinne von Petrilli (2006) (s.

Unterkapitel 1.6). Das Monaden-Modell von Pacjupa, in dem jede Sprachkultur eine Existenz- und Denk-Alternative darstellt, kann als ein Weltmodell angesehen werden, das aus geschlossenen Gesellschaften bzw. Diskursuniversen besteht (vgl. Petrilli 2006, 78). Dieses Modell sieht eine signalhafte Kommunikation vor, bei der Zeichen der Identität und Differenz dominieren (s. Unterkapitel 1.6).