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Sprachbezogene Werte und Argumente bei Kuße (2008) und Woldt (2010)

Teil I: Theoretische Grundlagen und einführende Diskussion

1. Diskurs, Sprache, Ideologie

1.8. Sprachbezogene Werte und Argumente

1.8.1. Sprachbezogene Werte und Argumente bei Kuße (2008) und Woldt (2010)

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weiteren Diskussionsverlauf bestimmen kann (vgl. Völzing 1979, 128). Nur durch eine

„konsensfähige normative Setzung“ kann ein Problem argumentativ gelöst werden (ebd.).

Konsens wird erreicht, nachdem das Explizierte „intersubjektiv und normativ fixiert“ wurde (ebd.). Normen, die intersubjektiv geteilt werden, bedürfen in der Regel keiner Explikation. In den oben dargestellten Prozessen lassen sich die Konzepte der ideologischen Zeichen von Eco (1977; 1987) einerseits und Vološinov (1975) und Ponzio (2004) andererseits erkennen (s.

Unterkapitel 1.3): Die Zeichen, die zur Begründung oder Legitimierung einer Handlung dienen, fungieren in der Regel als gesellschaftlich anerkannte Normen und Stereotype, was dem ideologischen Konzept von Eco (1977; 1987) entspricht; werden diese im Diskurs problematisiert und sind umstritten, so werden sie zu ideologischen Zeichen im Sinne von Vološinov (1975) und Ponzio (2004). In einem Diskurs könnte dieser Prozess wie folgt aussehen: Ein strittiger Sachverhalt wird durch ein Argument gestützt, von dem angenommen wird, dass es eine anerkannte Meinung oder eine Norm darstelle. Dabei wird eine bestimmte Konklusion (d.h. der Interpretant) im Sinne von Peirce (s. oben), die die Zustimmung des Adressaten sichern soll, konstruiert und vorgegeben. Wird der vorgegebene Interpretant vom Interpreten nicht angenommen, führt dies zu einer Umwertung der Prämissen und somit zu einem neuen Argument.

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Der metasprachliche Diskurs dient dabei als Ort, an dem diese Wertzuschreibung stattfindet (vgl. Woldt 2010, 13). Man sieht also viele Parallelen mit der romantischen Auffassung der Sprache, die den Prozess der Herausbildung der Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert begleitet hat (s. Abschnitt 1.2.3 und 1.2.4).

Kuße (2008) und Woldt (2010) entwerfen ihre jeweilige Klassifikation der sprachbezogenen Werte und Argumente in Anlehnung an die Handlungstypologie von Max Weber (1956).25 Kuße (2008) unterteilt die sprachbezogenen Werte und die darauf basierenden Argumente in drei Gruppen: intrinsische, extrinsische und identitätsbildende Werte bzw. Argumente. Dabei ist für die Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Werten bzw. Argumenten entscheidend, ob „Sprache selbst als Wert aufgefasst wird oder vor allem als Mittel zum Erreichen bestimmter, z.B. politischer, Ziele bedeutsam ist.“ (Kuße 2008 219 f.). Die identitätsstiftenden Werte und Argumente, die die dritte Gruppe bilden, können auch in Kombination mit den Argumenten der Gruppen 1) und 2) auftreten. Innerhalb jeder Gruppe kann man weitere Argumente unterscheiden, die im Grunde genommen eine Konkretion der betreffenden Gruppen darstellen (vgl. Kuße 2008, 219).

1) Intrinsische Werte und Argumente schreiben der Sprache bestimmte ‘inhärente’ Qualitäten zu. Der größte Wert, der einer Sprache eigen sein kann, ist die ‘Offenbarungshaltigkeit’ (vgl.

Kuße 2008, 217, 220). Diese Eigenschaft wird der Sprache vor allem in religiösen Texten zugeschrieben. Dadurch, dass in ihr die göttliche Offenbarung verbreitet wird, wird die Sprache selbst ‘heilig’; die ‘Heiligkeit’ einer Sprache kann auch aus der ihrer Schöpfer abgeleitet werden (vgl. ebd.). In ‘säkularisierter Form’ treten in solchen Argumenten ästhetische Qualitäten wie ‘Musikalität’ und ‘Bildhaftigkeit’ auf (ebd.). Zu den intrinsischen sprachbezogenen Werten werden außerdem solche Qualitäten wie ʻSchönheitʼ, ʻReichtumʼ, ʻReinheitʼ usw. gezählt. Innerhalb dieser Gruppe behandelt Kuße (2008, 222) auch Argumente der sprachlichen Differenziertheit. Dabei wird Differenziertheit an den Reichtum der sprachlichen Ausdrucksmittel geknüpft: sie ermögliche es den Sprachträgern, sich auf bestimmten (wissenschaftlichen, künstlerischen usw.) Gebieten angemessen auszudrücken (vgl. Kuße 2008, 222).

Die „Vorstellung von Offenbarung in und durch Sprache“ ist auch in der für die Epoche der Romantik typischen Verknüpfung von Sprache und Weltansicht vertreten (Kuße 2008, 221).

Sprache wird dabei als „durchgeistigte Hypostase“, als ‘Ort’, in dem der Geist oder die Mentalität des Volkes zum Ausdruck kommt, und als Medium, durch das der Zugang zum Geist des Volkes ermöglicht wird, aufgefasst (Kuße 2008, 221). Anders gewendet: Der Sprache sind bestimmte kognitive, emotive u.a. Qualitäten eigen, die sie auf ihre Sprecher übertragen kann (vgl. ebd.). Argumente dieser Art finden sich auch in dem in Gardt (1999) skizzierten

‘sprachpatriotischen’ Diskurs (s. Abschnitt 1.2.3).

2) Extrinsische Werte und Argumente heben die ʻpraktischenʼ Eigenschaften der Sprache

„zugunsten außerhalb ihrer selbst liegender Zwecke“ hervor (Kuße 2008, 225). In dieser Gruppe werden solche Argumente wie das der ‘Verständlichkeit’, der ‘Verbreitung als

25 Das soziale Handeln kann laut Weber (1956, 12 f.) zweckrational (ein auf Erfolg gerichtetes, abgewogenes Handeln), wertrational (ein an Werten und Überzeugungen orientiertes Handeln), affektuell (insbes. emotional) (ein durch Affekte und aktuelle Gefühle verursachtes Handeln) oder traditional (ein durch eingelebte Gewohnheit bestimmtes Handeln) sein.

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Kommunikationsmittel’, des ‘Zugangs zu anderen Sprachen’ subsummiert (ebd.). Auch identitätsbildende Aspekte, die eine Verbindung zwischen Sprache und Nation bzw. Volk hervorheben, können zugleich als extrinsische Werten fungieren: Sprache erhalte in diesem Fall eine politische Funktion und werde „als Voraussetzung für Prosperität, Macht und Ansehen gesehen“ (Kuße 2008, 225). Auch das Recht auf Selbstbehauptung des Volkes kann an die Sprache geknüpft werden. In diesem Zusammenhang treten oft Warnungen vor dem Sprachverlust auf, denn dieser gleiche dem Tod des Volkes (vgl. ebd.).

3) Identitätsbildende Werte heben die Rolle der Sprache bei der Bildung der Gruppenidentität hervor. Hier wird betont, dass die Sprache ein natürliches Merkmal jeder Ethnie bzw. Nation sei, eine „Bedingung und Ausprägung“ der dem jeweiligen Volk eigenen „Denkformen und Verhaltensdispositionen“ (vgl. Kuße 2008, 223 f.). Sprache erfülle eine integrative Funktion, indem sie ihre Sprecher verbindet. Die Rolle und die Bedeutung der Sprache wird dabei oft durch das ‘Autoritätsargument’ gestützt. In dieser Gruppe erwähnt Kuße (2008, 224) auch das

‘Argument der Historizität’, das das hohe Alter der Sprache positiv hervorhebt. Zu einem identitätsbildenden Wert wird die Historizität vor allem in der Verbindung mit dem Wert der Kontinuität: „So wie die sprach-räumliche Einheit im Standardisierungsprozess als anzustrebender Wert gilt, so erscheint auch die Wahrung historischer Kontinuität und damit die Verbindung zu vorangegangenen Generationen als ein Wert der Sprache.“ (Kuße 2008, 225; s.

auch Abschnitt 1.2.1).

Eine sich teilweise mit der von Kuße (2008) überschneidende Aufteilung von Werten und darauf bezogenen Argumenten findet man in Woldt (2010). Die Autorin spricht dabei von zweckrationalen (oder rationalen) und wertrationalen (oder absoluten) Werten: „Zweckrational heißt ein Wert, wenn sich auf ihn rational begründetes oder begründbares, auf die Erreichung eines gewünschten Zieles orientiertes (sprachliches) Handeln zurückführen lässt. Wertrational heißt ein Wert, wenn sich an ihm zweckfreies, allein an Idealen orientiertes Handeln bemisst.“

(Woldt 2010, 42 f.). Der Begriff ‘Wert’ wird dabei als Ideal, Standard oder Maßstab verstanden, auf den sich der Handelnde bezieht, um seine Handlung zu begründen oder zu rechtfertigen;

ein Wert kann auch die implizite Grundlage einer Handlung bilden (vgl. Woldt 2010, 59). Die zwei Typen von Werten können in mehrere Untertypen aufgeteilt werden (vgl. Woldt 2010, 44):

Zweckrationale Werte instrumentale Werte: z.B., NUTZEN, FUNKTIONALITÄT, ZWECKHAFTIGKEIT, DIFFERENZIERTHEIT, KOMMUNIKATIVER

ERFOLG

normative Werte: z.B., USUS, RICHTIGKEIT, GENAUIGKEIT, VERSTÄNDLICHKEIT, SYSTEMHAFTIGKEIT

Wertrationale Werte allgemein-qualifizierende Werte: z.B., QUALITÄT, WICHTIGKEIT, STABILITÄT, REICHTUM

ästhetische Werte: z.B., SCHÖNHEIT, MUSIKALITÄT, WOHLGEFORMTHEIT

ethische/moralische/religiöse Werte: z.B., KULTIVIERTHEIT, VOLLKOMMENHEIT, VERLÄSSLICHKEIT

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vitale Werte: z.B., HISTORIZITÄT (ALTER), GEISTDER SPRACHE, SPRACHGEFÜHL, LEBENDIGKEIT

Werte der Erkenntnis: z.B., WAHRHEIT

Tab. 3. Typen von Werten nach Woldt (2010)

Es fällt auf, dass zweckrationale Werte sich mit den extrinsischen Werten und Argumenten in Kuße (2008) überschneiden, während wertrationale Werte im Großen und Ganzen den intrinsischen Werten entsprechen. Die einzelnen Werte können auf die entsprechenden bewertenden Aussagen zurückgeführt werden: HISTORIZITÄT ‘Was alt ist, ist gut’, SCHÖNHEIT

‘Was schön klingt, ist gut’ (vgl. Woldt 2010, 107). Die von Woldt (2010) unterschiedenen Werte fungieren im Diskurs vor allem als Präferenztopos im Sinne von Eggs (2000 a,b) (s.

Abschnitt 1.7.2). So kann z.B. die (Nicht-)Wahl einer Sprachform (zweck)rational begründet werden, indem man sich auf VERSTÄNDLICHKEIT, ANGEMESSENHEIT in Bezug auf eine konkrete Kommunikationssituation oder SPRACHÖKONOMIE berufen würde (vgl. Woldt 2010, 43). Der Verzicht auf Fremdwörter oder die Verwendung von „genuin eigensprachlichen, ererbten sprachlichen Mitteln“ wird durch den Rückgriff auf solche Werte wie REINHEIT und HISTORIZITÄT der Sprache begründet (ebd.). Die Autorin weist darauf hin, dass einzelne Werte je nach Wertsystem sowohl als absolute als auch als relationale aufgefasst werden können: So kann z.B. WOHLGEFORMTHEIT als ein ästhetischer Wert oder ein instrumentaler Wert verstanden werden; im zweiten Fall wird davon die Funktionsfähigkeit der Sprache abhängig gemacht (Woldt 2010, 44). Bei der Analyse von evaluativen Aussagen sei somit der Kontext besonders wichtig (vgl. Woldt 2010, 81).

1.8.2. ‘Ideologische Gleichungen’ von Friedman (1997)

In seinem Aufsatz One Grammar, Three Lexicons: Ideological Overtones and Underpinnings in the Balkan Sprachbund setzt sich Friedman (1997) mit den ‘ideologischen Gleichungen’ in Bezug auf die Mehrsprachigkeit des Balkans auseinander, die man im Zusammenhang mit ideologisch-politischen Bestrebungen verschiedener Völkergruppen beobachten konnte. Diese Gleichungen hat der Autor aus verschiedenen Einstellungen und Argumentationen der jeweiligen Gruppen in Bezug auf die angestrebten Sprach- und Machtkonstellationen abgeleitet. Sie lassen sich ebenfalls in wertende und somit deontische Topoi transformieren, die ihrerseits auf bestimmte Werte und Normen zurückgeführt werden können. Die meisten Gleichungen können letztendlich auf den allgemeinen Präferenztopos mit deontischer Komponente zurückgeführt werden, den Eggs (2000a, 405), wie bereits erwähnt, folgenderweise formuliert: ‘Wenn eine Sache gut ist, erstreben wir sie, wenn sie schlecht ist, meiden wir sie’ (s. Abschnitt. 1.7.2).

1) Die erste Gleichung ‘Einheit = Stärke / Vielfalt = Schwäche’ (unity = strength & diversity

= weakness) bezieht sich z.B. auf pan-slavische Ideologien bei den Südslaven. Dieser Gleichung liegen die wertenden Topoi ‘Einheit(lichkeit) ist gut’ und ‘Diversität ist schlecht’

zugrunde. Die Wertschätzung der Einheit(lichkeit) wird dadurch begründet, dass sie eine Gruppe stark mache, Diversität sei negativ zu bewerten, weil sie Schwäche bedeute.

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2) Die Gleichung ‘Einheit = Unterordnung / Vielfalt = Freiheit’ (unity = subordination &

diversity = freedom) ist auf die Gegentopoi zu der ersten Gleichung zurückzuführen:

‘Einheitlichkeit ist schlecht’ und ‘Diversität ist gut’. Dabei werden andere (im Hinblick auf ihren Wert – entgegengesetzte Größen) in Bezug auf die Konzepte ‘Einheit’ und ‘Vielfalt’ in den Vordergrund gestellt: Anstelle von ‘Stärke’ tritt die negativ konnotierte ‘Unterordnung’

und anstelle von ‘Schwäche’ tritt der positiv zu bewertende Begriff ‘Freiheit’.

3) Als Ausgangspunkt für die Gleichung ‘Nation = Sprache = Territorium = Staat’ (nation = language = territory = state) dient die Definition der Nation, wonach man unter einer Nation eine soziale Gruppe versteht, die unter anderem über eine eigene Sprache, ein eigenes Territorium und eine eigene staatliche Struktur verfügt (vgl. Friedman 1997, 28). Diese Position stimmt mit der nationalen Ideologie des 19. Jahrhunderts, der Periode, in der die nationalen Identitäten aktiv konstruiert wurden und die Nationalstaaten im zentralen Europa gebildet wurden (vgl. Heller 2005, 1582), überein: „Among other criteria, a shared language was understood to be the identifying mark of nation, which could then claim a state.“ (ebd.). Wie bereits erwähnt, war die in der Gleichung 3) vertretene Auffassung der Nation im 18.-19.

Jahrhundert bei der Entstehung vieler gegenwärtiger Nationalstaaten ausschlaggebend (vgl.

Fishman 1975, 46 ff.; Gard 2000a; 2000b; Woolard/Schieffelin 1994, 60). Obwohl sie heutzutage eher als überholt gilt (vgl. Gardt 2004), spielt sie noch immer in vielen osteuropäischen Ländern, die sich z.B. infolge des Zerfalls der Sowjetunion oder Jugoslawiens in einem Zustand politischer Transformation befinden, eine große Rolle. So war offensichtlich das betreffende Konzept der Nation einer der Beweggründe für die Etablierung und den

‘Ausbau’ der serbischen, kroatischen, montenegrinischen und bosnischen Sprachen (vgl.

Friedman 1997, 46). Diese Auffassung der Nation wird auch im postsowjetischen Belarus vertreten (vgl. Scharlaj 2011, 176; 2012, 373 ff.; Kosakowski 2013).

In diesem Zusammenhang wird ein ‘Topos aus der Definition’ verwendet (vgl. Ottmers 1996, 108), der etwa so formuliert werden kann: ‘Wenn eine Gruppe von Menschen über eine eigene Sprache, ein eigenes Territorium, einen eigenen Staat verfügt, dann ist diese Gruppe eine Nation’. Wie oben erwähnt, liegt dem ‘Topos aus der Definition’ eine Äquivalenzbeziehung zwischen dem Definierten und der Definition zu Grunde. Das Schema, auf welches die oben erwähnte Schlussregel zurückgeführt werden kann, findet man in Kienpointner (1992b, 251).

Etwas modifiziert lautet es folgenderweise: ‘Wenn von X das Definierte ausgesagt wird, wird von X auch die Definition ausgesagt und umgekehrt’.

4) Die Gleichung ‘Kontakt = unrein = schlecht = illegitim’ (contact = impure = bad = illegitimate) zeichnet sich durch eine negative Bewertung des Sprachkontakts aus.

Sprachkontaktphänomene werden als etwas Unreines und somit Schlechtes dargestellt. Was schlecht ist, kann nicht legitimiert werden. Auf dieser Grundlage wird bestimmten Sprachvarietäten der Status einer Sprache abgesprochen. Die Volksgruppe, die diese

‘illegitime’ Varietät verwendet, erfülle somit nicht die Merkmale einer Nation und habe keinen Anspruch auf ein eigenes Territorium und eine eigene Staatlichkeit (vgl. Friedman 1997, 28).

In diesem Zusammenhang nennt der Autor Bestrebungen im 19. Jahrhundert, eine albanische und eine makedonische Standardsprache zu entwickeln, und die darauffolgenden Reaktionen der Vertreter anderer Volksgruppen. Diesen zufolge ist eine albanische bzw. makedonische Sprache illegitim, weil die betreffende Varietät keinen eigenen Wortschatz habe, sondern nur

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aus Entlehnungen aus anderen Sprachen bestehe (vgl. Friedman 1997, 28 f.). In diesem Zusammenhang kann man einen ‘Reinheitstopos’ formulieren: ‘Was rein ist, ist gut.’.

5) In der Gleichung ‘umgangssprachlich/neu = gut = modern/rein’ (colloquial/new = good = modern/pure) sind umgangssprachliche bzw. neue Elemente in der Sprache positiv zu bewerten. Sie werden in Verbindung mit ‘Modernem’ bzw. ‘Reinem’ gebracht. Friedman (1997) bezieht diese Ideologie einerseits auf den Umgang mit Turzismen in Makedonien in den Jahren 1944–1990, die in bestimmten sozialen Gruppen als Zeichen der Demokratie (insbesondere nach 1989 mit dem Ausbruch des politischen Pluralismus) galten, andererseits auf den ‘Wortschöpfungspurismus’ (neologizing purism) in Kroatien während des Zweiten Weltkriegs und nach dem Zerfall Jugoslawiens (vgl. Friedman 1997, 29 f.). Während in Bezug auf das Makedonische die Gleichung ‘umgangssprachlich = gut = modern’ zuträfe, entspreche die Gleichung ‘neu = gut = rein’ den puristischen Tendenzen in Kroatien. In diesem Fall suggeriert die Gleichsetzung von ‘neu’ und ‘rein’ einen Neuanfang. Die betreffende Gleichung kann auf den Topos ‘Was neu ist, ist gut’ (oder den Topos von Eggs (2000a, 406) ‘Das Neue ist gut’; s. Abschnitt 1.7.2) zurückgeführt werden. Im Unterschied zum Makedonischen stand in Kroatien der Ausbau der Unterschiede gegenüber benachbarten Sprachen im Vordergrund.

Man muss allerdings einräumen, dass dieser Aspekt in Bezug auf den Umgang mit Turzismen in Makedonien ebenfalls relevant war (vgl. Friedman 1997, 29 f.). Während man in Makedonien im Prozess der Abgrenzung gegenüber anderen (slavischen) Sprachen Turzismen positiv bewertete und bevorzugte, fungierte in Kroatien die Wortneuschöpfung als eine wichtige Quelle für neue Lexeme, die die mit dem Serbischen gemeinsamen Lexeme ersetzen sollten.

6) Die Gleichung ‘alt = gut = rein’ (old = good = pure) beruht auf dem Gegentopos zu 5) (‘Das Alte ist gut’; vgl. Eggs 2000a, 406). Hier wird das Alte in der Sprache als ‘rein’ und somit als

‘gut’ angesehen. Diese Gleichung tritt in Kroatien in Kombination mit der Gleichung 5) auf (vgl. Friedman 1997, 30 f.), indem neben Wortneuschöpfungen auch die Wiederbelebung von Archaismen zur Distanzierung der kroatischen Sprache von benachbarten slavischen Sprachen dienen soll. In Griechenland habe eine solche Konstellation zur Herausbildung einer Diglossie geführt, die sich durch die Existenz zweier Varietäten – einer kolloquialen und einer

‘archaisierten’ Varietät – auszeichne (vgl. Friedman 1987, 29, 31).

7) Die Gleichung ‘autochthon = legitim’ (autochthony = legitimacy) impliziert die Legitimation aufgrund der Abstammung. Der spezielle Topos, der in diesem Zusammenhang aus den Darstellungen von Friedman (1997, 31 f.) abgeleitet werden kann, lautet ‘Wenn die autochthone Bevölkerung eines Territoriums die Sprache X gesprochen hat, dann haben die modernen Sprecher der Sprache X Anspruch auf dieses Territorium / dann ist der Anspruch der Sprecher der Sprache X auf dieses Territorium legitim’. Das Argument, das mithilfe dieser Prämisse in Bezug auf die sprachlich-politischen Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Mazedoniern gestützt wird, formuliert Friedman (1997, 31) wie folgt: „The argument is that if the Ancient Macedonians spoke Greek, then only Greek claims to the territory (and even name) of Macedonia are legitimate.”

8) Die Gleichung ‘Religion = Ethnie = Sprache’ (religion = ethnicity = language) weist Ähnlichkeiten mit der Gleichung 3) auf und beruht auf der Bestimmung der Ethnie über Religion und Sprache, wobei diese Relation nicht proportional ist und in bestimmten Etappen

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der Balkan-Geschichte entweder das Primat der Religion mit einer daraus folgenden sprachlichen Anpassung oder das der Sprache in den Vordergrund getreten ist (vgl. Friedman 1997, 32 f.). Die Zugehörigkeit zu einer Ethnie wird einer Person auf der Grundlage der ausgeübten Religion und/oder der gesprochenen Sprache zugesprochen. In diesem Zusammenhang seien die traditionelle Teilung bei den Südslaven: Serben = orthodox, Kroaten

= katholisch, Bosnjaken = muslimisch oder die Verwendung der Bezeichnung ‘Türken’ in Bezug auf die muslimische bzw. ‘Griechen’ in Bezug auf die orthodoxe Bevölkerung des Osmanischen Reiches zu erwähnen (vgl. ebd.). Mit dieser Gleichung verbindet Friedman (1997, 32) das Errichten des Bulgarischen Exarchats in 1870; die erreichte (relative) kirchliche Unabhängigkeit diente als Grundlage für die sprachliche und ethnische Differenzierung.

Ähnliche Parallelen finden sich in der Geschichte von Belarus, auf dessen Territorium sich die katholische und die orthodoxe Religion treffen. Die Gleichungen ‘katholisch = polnisch’ und

‘orthodox = russisch’ spielten in bestimmten Etappen der Geschichte eine wichtige Rolle; in die betreffende Opposition waren oft auch die Schrifttraditionen – Latinica und Kyrillica – einbezogen (vgl. Mečkovskaja 2003, 56 ff.).

9) Die Gleichung ‘Sprachen = Reichtum’ (languages = wealth) ist laut Friedman (1997, 25, 33) die einzige Gleichung, die nicht von den Eliten der Balkan-Völker ausging, sondern in Form von Volksweisheiten existiert (z.B. mak. jazici se bogatstvo ‘Sprachen sind Reichtum’;

Friedman 1997, 33)). Hier wird Mehrsprachigkeit durch eine Gleichsetzung mit dem Reichtum aufgewertet (allerdings impliziere diese Gleichung, so Friedman (1997, 33), nicht eine gleichberechtigte Stellung der betreffenden Varietäten innerhalb einer Gesellschaft).

Heutzutage scheint diese Gleichung in Europa eine wichtige Rolle zu spielen, wovon z.B. die Entwicklung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1992) zeugt, die in ihrer Präambel das Folgende deklariert: „Die Mitgliedstaaten des Europarats, die diese Charta unterzeichnen, […] in der Erwägung, daß der Schutz der geschichtlich gewachsenen Regional- oder Minderheitensprachen Europas, von denen einige allmählich zu verschwinden drohen, zur Erhaltung und Entwicklung der Traditionen und des kulturellen Reichtums Europas beiträgt; […] unter Betonung des Wertes der interkulturellen Beziehungen und der Mehrsprachigkeit […] sind wie folgt übereingekommen: […].“26 In der Charta werden Sprachen als Teil des kulturellen Reichtums Europas und die Mehrsprachigkeit als Wert deklariert.

Selbstverständlich stellen die oben angeführten Topoi nur kursorische verallgemeinernde Beobachtungen dar, die lediglich anhand der zusammenfassenden Darstellungen des Autors samt seinen Interpretationen ermittelt wurden. Eine solch kontextferne Erschließung von Topoi zu exemplarischen Zwecken erscheint dadurch berechtigt, dass die Topik das Abstrakte und das Konkrete in sich vereinigt und in ihrer abstrakten Bedeutung als „funktionaler Orientierungspunkt“ oder „gedanklicher Leitfaden“ verstanden werden kann, „der seine Wirkung erst im Konkreten entfalten und seine Tauglichkeit unter Beweis stellen kann“

(Ottmers 1996, 89). Die Gleichungen von Friedman (1997) sind auch für den Diskurs über die Taraškevica und Narkamaŭka relevant. So lassen sich darin alle Gleichungen mit Ausnahme von 7) ‘autochthon = legitim’ und 8) ‘Religion = Ethnie = Sprache’ anwenden.

26 https://rm.coe.int/168007c089 (01.03.2020).

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