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Teil I: Theoretische Grundlagen und einführende Diskussion

3. Taraškevica und Narkamaŭka aus sprachlicher Perspektive

3.3. Morphologie

3.3.1. Substantiv und Pronomen

Die Substantive weisen Unterschiede in solchen morphologischen Kategorien wie Kasus und Genus auf. Allerdings traten einige Kasusendungen als freie Varianten innerhalb der Narkamaŭka auch vor der Etablierung der Taraškevica (vgl. Klimaŭ 2004b, 15).

Im Gen. Sg. der unbelebten Maskulina tritt in der Taraškevica vorwiegend die Endung -u auf, während die Narkamaŭka eine Differenzierung nach den lexikalisch-semantischen Merkmalen vorschlägt: die Endung -у/-ю wird bei Stoffbezeichnungen, Kollektiva und Abstrakta und die Endung -а/-я bei Konkreta verwendet (vgl. Bieder 2000, 660; Klimaŭ 2004b, 15):

(3.21) T: пляну vs. N: плана ‘Plan’, T: сказу vs. N: сказа ‘Satz’, T: тэксту vs. N: тэкста ‘Text’, T: Менску vs. N: Мінска ‘Minsk’

Im Vergleich zu der Expansion der Endung -у/-ю in der modernen Taraškevica wird bei Taraskevič (1920, 16) diesbezüglich eine Regel formuliert, die im Großen und Ganzen der oben erwähnten Narkamaŭka-Regel entspricht: die Endung -a wird bei Konkreta, belebten Substantiven und Monatsnamen verwendet; in anderen Fällen tritt die Endung -у auf.

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Im Instr. Sg. der Maskulina auf -а/-я wird in der Taraškevica die Endung -ём/-ам und in der Narkamaŭka die Endung -ёй/-ай verwendet (vgl. Klimaŭ 2004b, 15):

(3.22) T: з старшынём vs. N: з старшынёй ‘mit dem Obmann’, T: Скарынам vs. N: Скарынай

‘Skaryna’

In der Grammatik von Taraškevič (1920, 22) wird in diesem Zusammenhang erwähnt, dass die Formen auf -ём/-ам im Instrumental nur ‘ab und zu’ anzutreffen seien.

Im Instr. Sg. der Feminina wird in der Taraškevica die Endung -аю/-ою bevorzugt; in der Narkamaŭka dagegen vorwiegend die Endung -ай/-ой (vgl. Bieder 2000, 661).74

(3.23) T: ўсьмешкаю vs. N: ўсмешкай ‘Lächeln’

In Taraškevič (1920, 20) tritt die Endung -ой neben der Endung -аю/-ою als zweite Variante auf.

Im Dat. Pl. bei Maskulina und Neutra tritt in der Taraškevica die Endung -ом/-ём und in der Narkamaŭka die Endung -aм/-ям auf (vgl. Klimaŭ 2004b, 15).

(3.24) T: палём vs. N: палям ‘Felder’, T: садом vs. N: садам ‘Gärten’

Die Taraškevica-Regelung von heute findet ihre Entsprechung in den substantivischen Paradigmen in Taraškevič (1920, 14 f.).

Im Lok. Pl. bei Maskulina und Neutra tritt in der Taraškevica die Endung -ох/-ёх und in der Narkamaŭka die Endung -ах/-ях auf (vgl. Bieder 2000, 660):

(3.25) T: па бакох vs. N: па баках ‘an den Seiten’, T: у гарадох vs. N: у гарадах ‘in den Städten’, T: у палёх vs. N: у палях ‘auf den Feldern’, T: у садох vs. N: у садах ‘in den Gärten’

In Taraškevič (1920, 14 ff.) findet man die beiden Endungen abwechselnd. Bei Neutra wird die Endung -ах/-ях präferiert; in Bezug auf die Endung -ox wird lediglich erwähnt, dass sie auch möglich sei (Taraškevič 1920, 18).

In der modernen Taraškevica erfolgt eine Expansion der Endung -аў/-яў im Genitiv Plural aller Genera (vgl. Bieder 2000, 661; Klimaŭ 2004b, 15); in der Narkamaŭka tritt bei Feminina auf -a/-я die Nullendung und bei Feminina auf -ь die Endung -ей auf:

(3.26) T: моваў vs. N: моў ‘Sprachen’, T: праблемаў vs. праблем ‘Probleme’, T: друкарняў vs.

N: друкарань ‘Druckereien’, T: нормаў vs. N: норм ‘Normen’

(3.27) T: радасцяў vs. N: радасцей ‘Freuden’, T: сувязяў vs. N: сувязей ‘Verbindungen’, T:

магчымасьцяў vs. N: магчымасцей ‘Möglichkeiten’

In Taraškevič (1920, 21) wird erwähnt, dass die beiden Formen (die Endung -аў und die Nullendung) zwar verbreitet seien; die Nullendung sei aber häufiger. Die Endung -ей trete selten auf (ebd.).

Bei Neutra besteht in der Narkamaŭka eine Konkurrenz zwischen der Nullendung und der Endung -аў/-яў (die in der Taraškevica verwendet wird; vgl. Bieder 2000, 660 f.):

(3.28) T: войскаў vs. N: войск, войскаў ‘Truppen’, T: крэслаў vs. N: крэсел, крэслаў ‘Sessel’, T:

правілаў vs. N: правіл, правілаў ‘Regeln’, T: азёраў vs. N: азёр, азёраў ‘Seen’

74 Im Russischen sind die beiden Endungen -ой (mit Varianten -ёй/-ей) und -ою (mit Varianten -ёю/-ею) möglich;

letztere wird vor allem in der Buchsprache und der Poesie verwendet (vgl. Švedova 1980, 487).

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In der Grammatik von Taraškevič (1920, 19) findet sich ein Hinweis, dass im Gen. Pl. die beiden Endungen möglich seien: sowohl die Endung -аў als auch die Nullendung.

Einige Substantive unterscheiden sich im Genus (was auch oft zu Unterschieden in den Endungen führt) (vgl. Klimaŭ 2004b, 15):

(3.29) T: кляса vs. N: клас ‘Klasse’, T: адрэса (auch адрас) vs. N: адрас ‘Adresse’, T: блюза vs.

N: блюз ‘Blues’, T: філія vs. N: філіял ‘Filiale’, T: тэза vs. N: тэзіс ‘These’

Im pronominalen Bereich zeichnet sich die Taraškevica durch die Verwendung dialektaler Pronominaladjektive aus; in der Narkamaŭka werden solche Formen als umgangssprachlich-dialektal eingestuft (vgl. Klimaŭ 2004b, 16):

(3.30) T: ягоны vs. N: яго ‘sein’, T: ейны vs. N: яе ‘ihr’, T: іхні vs. N: іх ‘ihr’, T: наскі vs. наш

‘unser’, T: свойскі vs. свой ‘sein’ (refl.)

In dem entsprechenden Kapitel der Grammatik von Taraškevič (1920, 29) werden die oben angeführten Possessivadjektive mit Ausnahme der Form iхны ‘ihr’ nicht erwähnt.

3.3.2. Adjektiv

Im adjektivischen Bereich kann man bei femininen Formen verschiedene Kasusendungen beobachten. So verwendet man im Instr. Sg. bei Feminina in der Taraškevica die Endung -аю/-ою und in der Narkamaŭka die Endung -ай/-ой (vgl. Bieder 2000, 661):

(3.31) T: ціхаю ўсьмешкаю vs. N: ціхай ўсмешкай ‘leises Lächeln’

Man muss allerding einräumen, dass beide Endungen sowohl in der Taraškevica als auch in der Narkamaŭka möglich sind; dabei wird die eine Variante in der Taraškevica und die andere in der Narkamaŭka bevorzugt. In der Grammatik von Taraškevič (1920, 24) tritt die Endung -ай/-ой als zweite Variante in Klammern auf.

Im Gen. Sg. wird in der Taraškevica bei Feminina die Endung -ое/-ае und in der Narkamaŭka die Endung -ой/-ай verwendet (vgl. Bieder 2000, 661; Klimaŭ 2004b, 15)).

(3.32) T: новае газеты vs. N: новай газеты ‘neue Zeitung’, T: беларускае мовы vs. T:

беларускай мовы ‘belarussische Sprache’

In Taraškevič (1920, 24) werden die beiden Endungen angeführt, die Endung -ой/-ай dabei als zweite Variante in Klammern.

Possessivadjektive, die in der Taraškevica weit verbreitet sind, werden zusammen mit dem in der Narkamaŭka verbreiteten possessiven Genitiv unter syntaktischen Phänomenen angeführt (s. Unterkapitel 3.5).

3.3.3. Verb und Partizip

Im verbalen Bereich sind vor allem die Imperativformen sowie die Endungen der 1. Pers. Pl.

zu nennen. Bei der e-Konjugation tritt in der 1. Pers. Pl. in der Taraškevica die Endung -эм/-ем auf, während in der Narkamaŭka die Endung -ом/-ём verwendet wird (vgl. Bieder 2000, 662):

(3.33) T: бярэм vs. N: бяром ‘(wir) nehmen’, T: нясем vs. N: нясём ‘(wir) tragen’

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In den entsprechenden Paradigmen in der Grammatik von Taraškevič (1920, 34) tritt bei solchen Beispielen die ‘Narkamaŭka-Endung’ -ом/-ём auf: пячом ‘(wir) backen’, нясём ‘(wir) tragen’.

In der Taraškevica verwendet man im Imperativ der 2. Pers. Pl. die Endung -еце/-эце und in der Narkamaŭka die Endung -іце (vgl. Bieder 2000, 662; Klimaŭ 2004b, 16).

(3.34) T: ганеце vs. N: ганіце ‘treibt’, T: бярэ́це vs. N: бяры́це ‘nehmt’, T: ідзе́це vs. N: ідзі́це

‘geht’, T: кладзе́це vs. N: кладзі́це ‘legt’

Die Taraškevica-Tendenz stimmt mit der Regelung in der Grammatik von Taraškevič (1920, 36) überein.

Weiterhin ist in der modernen Taraškevica der inklusive Imperativ (1. Pers. Pl.) auf -ма verbreitet (vgl. Klimaŭ 2004b, 16):

(3.35) T: будзьма vs. N: будзем ‘lass uns sein’, T: чытайма vs. N: чытаем ‘lass uns lesen’, T:

устаньма vs. N: устанем ‘lass uns aufstehen’

Diese Formen treten auch in der Grammatik von Taraškevič (1920, 36) auf; dabei wird erwähnt, dass die in der Narkamaŭka üblichen Formen auf -ем ebenfalls möglich seien.

Im Unterschied zur Taraškevica, in der vorwiegend die -н-/-т-Partizipien (oder Adjektive) verwendet werden, weist die Narkamaŭka ein differenzierteres Partizipialsystem auf (vgl.

Klimaŭ 2004, 16). So werden darin anstelle der -н-/-т-Partizipien Part. Prät. Akt. auf -(ў)ш-, Part. Präs. Pass. auf -ем-/-ім- und Part. Präs. Akt. auf -юч- verwendet (s. auch Bieder 2000, 662).

(3.36) T: наеты vs. N: наеўшыйся ‘satt’, T: памёрлы vs. N: памёршы ‘gestorben’

(3.37) T: вітаны vs. N: вітаемы ‘der, der begrüßt wird/wurde’, T: гнаны vs. N: ганімы ‘der, der getrieben wird/wurde’, T: шуканы vs. N: шукаемы ‘der, der gesucht wird/wurde’

(3.38) T: нармоўны vs. N: нарміруючы ‘normierend’

Part. Prät. Akt. und Part. Präs. Akt. sind auch in der Grammatik von Taraškevič (1920, 37 f.) vertreten; dabei wird allerdings erwähnt, dass diese Formen in der Alltagssprache nicht verbreitet sind.