Der innere Zustand des frühen Luthers

In document Luther-Rezeption bei Gottfried Arnold (Page 127-131)

V. Lutherbild im Leben der Gläubigen

3. Die Lutherdarstellung im Leben der Gläubigen

3.1 Der innere Zustand des frühen Luthers

Im Titel der Einleitung äußert Arnold schon deutlich seine Perspektive für die Darstellung von Luthers Leben: „Das Leben D. Martini Lutheri, in beständiger Absicht auf den innern Grund vorgestellet“847. Das Leben Luthers ist „nach dem innern sehr verdeckt und verborgen“848 gewesen. Bis jetzt machte man Luthers Leben aus der

846 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 461.

847 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404. Der Titel der Lutherdarstellung lautet: „Das Leben D. Martini Lutheri, in beständiger Absicht auf den innern Grund vorgestellt“.

848GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404.

‚äußerlichen‘ Sicht bekannt. Von daher wurde Luther von den einen gehasst und sein Name ist „fast zum Greuel und Abscheu“849 geworden. Die anderen haben „blinde und allzu hohe Lob=Sprüche“850 über Luther gemacht. Diejenigen, die aus äußerlicher Sicht das Leben Luthers sahen, waren zwar „seiner Lehre zugethan“851, aber sie sind in

„ihrem Wandel von Lutheri Fußstapffen gäntzlich abgewichen“852. Bei ihnen wurde Luther „nach der Krafft am wenigsten bekand“853. Diese ‚äußerliche‘ Sicht von Luthers Wirken sieht Arnold als Parteilichkeit an.

In Gegensatz dazu stellt Arnold ein innerliches, mystisches Prinzip der Beschreibung von Luthers Leben: „Wird es demnach für nicht undienlich angesehen Lutheri Leben also zu entwerffen / daß man auch die Kenn=Zeichen seines innern Grundes aus glaubwürdigen Nachrichten und Zeugnissen in unpartheyischer Aufrichtigkeit vor Augen lege“854.

3.1.1 Die verborgene Einwirkung Gottes auf Luther

Arnold beschreibt hier Luthers Leben unter dem Gesichtspunkt der Innerlichkeit. Er findet, dass Gottes Kraft von Anfang an in Luthers Seele gewirkt hat. Vor allem in der Studienzeit in Erfurt stand Luther unter der verborgenen Einwirkung Gottes. Zu dieser Zeit hat „der getreue GOtt etwas in seine Seele geleget / welches ihn in seinen jungen Jahren zurück gehalten von aller Frechheit und Uppigkeit“855. Damals erfuhr Luther den

„Unterschied zwischen Natur und Gnade“856. Luther erkannte, dass sich Gottes Wirken gegen den Eigenwillen des Menschen richtete857. Durch die von Gott bewirkte Demütigung erfolgte die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit858. Dadurch wurde Luther im seinen Gewissen innerlich beunruhigt.

Das Gewitter bei Stotternheim war der äußere Anlass für eine tiefgreifende innerliche Unruhe des Gewissens: Luther ist „in grosse Furcht vor dem Zorn und Gerichte GOttes gefallen“859. Dieses Ereignis weckte in Luther die Sehnsucht nach der Ruhe in Gott und

849GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404.

850GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404.

851GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404.

852GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 404-405.

853GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 405.

854GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 405.

855 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 408.

856 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 408.

857 Vgl. TRAUGOTTSTÄHLIN, Gottfried Arnolds geistliche Dichtung, Göttingen 1966, S. 93.

858 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 408.

859 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 408.

führte zu seinem Entschluss, Mönch zu werden860. In Arnolds Anthropologie bedeutet

‚die Sehnsucht Luthers nach der Ruhe in Gott‘ eine der untersten Stufen des Prozesses der Wiedergeburt861.

Arnolds Gedanke von der ‚Ruhe in Gott‘ steht auch im engen Zusammenhang mit der quietistischen Mystik des 17. Jahrhunderts, der die ‚Seelenruhe‘ als höchstes Ziel gilt862. Die quietistische Mystik strebt nach einer schon im irdischen Leben realisierbaren Vollkommenheit, die durch „passive Kontemplation“863 und den „Verzicht auf alles Eigenwirken im Denken und Handeln“864 erreicht werden sollte. Diesen Wunsch nach der Ruhe in Gott fand Arnold hier auch bei Luther. Sein Weg ins Kloster war die Ablehnung der Welt. In diesem Sinn fand Arnold bei Luther diese Vorstellung der quietistischen Mystik wieder.

3.1.2 Luther und die mystische Offenbarung des göttlichen Samen

Nach Arnolds Meinung ist die Erkenntnis Gottes nur möglich, wenn Gott auf den Menschen einwirkt. Da Gott zuerst das menschliche Herz für die Annahme seines Wortes bereit machen muss, gestaltet sich bei dem Menschen die Erleuchtung als ein passiver Vorgang. Nach Arnolds Meinung ereignete sich diese göttliche Erleuchtung bei Luther im Klosterleben.

Luthers Erleuchtung geschah im Kloster, indem „der Saame Göttliches Worts in einem gerührten Gewissen für tieffe Wurtzeln“865 fasste. Luther ist in der Klosterzeit eine mystische Offenbarung zuteilgeworden. Dadurch wurde Luther motiviert, sich auf den Weg zu seinem göttlichen Ursprung zu machen. Nach Annahme des göttlichen Wortes als Evangelium begann im Herzen Luthers der mystische Prozess als Rechtfertigung866.

3.1.3 Luther und die Erfahrung des Durchbruchs zur Freiheit

Nach Arnolds Anthropologie bringt der Heilige Geist die menschliche Seele zur höchsten Stufe im Prozess der Wiedergeburt. Für Arnold bedeutet die Wiedergeburt die unmittelbare Nähe der Seele zu Gott867, die der Mensch durch den Durchbruch zur

860 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 409.

861 Vgl. TRAUGOTTSTÄHLIN, Gottfried Arnolds geistliche Dichtung, Göttingen 1966, S. 95.

862 HANSSCHNEIDER, [Art.] „Quietismus“, in: RGG4 6 (2003), Sp. 1865.

863 HANSSCHNEIDER, [Art.] „Quietismus“, in: RGG4 6 (2003), Sp. 1866.

864 HANSSCHNEIDER, [Art.] „Quietismus“, in: RGG4 6 (2003), Sp. 1866.

865 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 410.

866 Vgl. HANSSCHNEIDER, Der radikale Pietismus in der neueren Forschung, in: PuN 8 (1982), S. 23.

867 TRAUGOTTSTÄHLIN, Gottfried Arnolds geistliche Dichtung, Göttingen 1966, S. 109.

Freiheit erlangen kann. ‚Der Durchbruch zur Freiheit‘ bedeutet die Befreiung der Seele vom sündigen Leib868.

Nach Arnolds Meinung machte Luther die Erfahrung des ‚Durchbruchs zur Freiheit‘ in der Beschäftigung mit der Bibel in Wittenberg869. Gott ließ den Weg zum „schnellern Durchbruch des Evangelii“870 bahnen. Im Bibelstudium erfuhr Luther „von der Krafft der Schrifft…, auch von der Ohnmacht der vernünfftigen und Heydnischen Lehr=Sätze / und folglich von der Ungültigkeit der aus menschlichen Kräfften“ 871 hervorgegangenen Lehrern. Insbesondere hat Gott Luther die Gnade geschenkt, den Römerbrief tief zu verstehen872. Dadurch hat Luther die Gerechtigkeit Gottes, d.h.

„nicht justitia activa, sondern passiva“873 erkannt. Dies war Arnold zufolge die Wahrheit, wodurch man „ein neu Leben erlange[n]“874 kann. Deswegen hat Luther die wahre Heiligung und die wahre Buße verlangt. Daraus ergibt sich das Bild von Luther als Bußkämpfer.

3.1.4 Luther als Bußkämpfer

Nach Arnolds Auffassung war Luther überzeugt, „das rechte wahre Buße wäre / welche an der Liebe der Gerechtigkeit GOttes anfinge“875. Dabei gehe es „nicht allein [um]

Veränderung des Gemüthes und Hertzens / sondern auch [um] die Weise der Veränderung / welche geschehe durch die Gnade Gottes“876. Das ist die „Hertzens Aenderung / die durch GOTTes Gnade geschicht“877. Der päpstliche Ablass ist nur das äußerliche Papier ohne die wirkliche Vergebung der Schuld gewesen. Die wahre Buße ist die sittliche, wirkliche Änderung des Herzens und die innerliche Lebensbesserung, die auf die Vollkommenheit zielt.

Nach Arnolds Meinung vollzieht sich der innerliche Weg der Lebensbesserung zur Vollkommenheit durch die Kreuzesnachfolge Christi, d.h. durch „Führung zum und durchs Kreuz“878. Nachdem Christus durch die mystische Vereinigung mit dem

868 Der Begriff von ‚Durchbruch‘ wird das pietistische Kernerlebnis in der Wiedergeburt angedeutet. Vgl.

AUGUSTLANGEN, Der Wortschatz des deutschen Pietismus, Tübingen 1968, S. 238f.

869 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben der Gläubigen, S. 418.

870 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 418.

871 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 419.

872 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 419.

873 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 419.

874 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 419.

875 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 423.

876 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 423.

877 GOTTFRIEDARNOLD, Das Leben D. Martini Lutheri, in: Das Leben der Gläubigen, S. 423.

878 TRAUGOTTSTÄHLIN, Gottfried Arnolds geistliche Dichtung. Glaube und Mystik, Göttingen 1966, S.

Menschen in ihm wohnt, wird Christus zum Lehrer des Menschen. Derjenige, der sich mit Christus mystisch vereinigt, verleugnet die Welt und legt die Eigenliebe ab und beginnt so, den Kreuzestod Christi als Vorbild innerlich nachzuvollziehen. Das Merkmal solcher Kreuzesnachfolge Christi fand Arnold in Luthers Haltung im Ablassstreit879.

In diesem Sinn war nach Arnolds Meinung Luthers Kampf im Ablassstreit ein stufenweise fortschreitender Prozess zur Vollkommenheit als Wachstum unter der göttlichen Führung. Das Wachsen vollzog sich im Leiden, in den verschiedenen Prüfungen, in denen Gott ihn unter dem Kreuz läuterte und prüfte. Luther ist innerlich dadurch gewachsen. In dieser gefährlichen Bedrohung hat er vielmehr „seinen Willen gantz in GOttes Willen gestellet“880. Da Christus im Herzen Luthers innerlich wohnte, war Luther sogar noch demütig und bescheiden im Verhör vor Kaiser und Reich in Worms. Luther hat innerlich „in grosser Demuth und Bescheidenheit“881 gestanden.

In document Luther-Rezeption bei Gottfried Arnold (Page 127-131)