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Gegenüberstellung der beiden Ansätze in Bezug auf das Forschungsdesign

2.4 Theoretische Ansätze aus der Geographie zur Begründung einer regionalen Ebene

2.4.2 Gegenüberstellung der beiden Ansätze in Bezug auf das Forschungsdesign

Die relationale Wirtschaftsgeographie zeichnet sich nicht durch den Forschungsgegenstand, sondern durch die Forschungsperspektive aus. Im Fokus steht demnach nicht die räumliche Wirtschaft, sondern die räumliche Perspektive auf ökonomische Strukturen und Prozesse. Die Abgrenzung zur Raumwirtschaftslehre und die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen können nach BATHELT &GLÜCKLER (2018) anhand von fünf Ebenen veranschaulicht werden (vgl.

Abb. 2):

Das Raumkonzept unterscheidet sich in der relationalen Wirtschaftsgeographie insofern, als dass nicht die Region die Entwicklung der Unternehmen bestimmt, sondern Unternehmen die Region selbst nach ihren Bedürfnissen gestalten. Der Forschung liegt eine räumliche Perspektive zugrunde (anstatt einer Raumtheorie) die berücksichtigt, dass ökonomisches Handeln stets in einem regionalen Bezugssystem stattfindet, wodurch es zu Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren desselben Ortes kommt.

Hinsichtlich des Forschungsgegenstandes sind in der Raumwirtschaftslehre räumliche Konzepte Gegenstand der Forschung, während in der relationalen Wirtschaftsgeographie das ökonomische Handeln im Mittelpunkt steht. Das Augenmerkt liegt nicht mehr auf der Erklärung von räumlichen Strukturen wie beispielsweise Wirtschaftsräumen, sondern auf der Erklärung von wirtschaftlichen Prozessen aus räumlicher Perspektive.

Die relationale Wirtschaftsgeographie unterliegt nicht mehr dem neoklassischen Handlungskonzept, in dem der Einzelne nach dem Prinzip des Homo Oeconomicus

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unbeeinflusst von seinem Umfeld agiert. Stattdessen wird ökonomisches Handeln als soziales Handeln gesehen, welches sich in konkreten Strukturen vollzieht (relationales Handeln). Somit wird das Handeln nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext von Strukturen und Beziehungen (vgl. BATHELT &GLÜCKLER 2018: 44).

Hinsichtlich der wissenschaftstheoretischen Grundperspektive wird nicht das Ziel einer deterministischen Theoriebildung verfolgt, denn wenn Handeln als kontextspezifisch gesehen wird, ist es nicht auf Basis gesetzesartiger Erklärungen vorhersagbar. Das Kausalitätsverständnis der Raumwirtschaftslehre folgt dem Prinzip des kausalen Wirkungszusammenhangs. Das bedeutet, dass das Ereignis als Ursache gilt, dessen Eintreten immer mit dem Eintreten eines anderen Ereignisses zusammenhängt. Demgegenüber beruft sich der relationale Ansatz auf eine kontextuelle Kausalerklärung, bei der zwei Arten von Beziehungen zur wissenschaftlichen Erklärung herangezogen werden: notwendige und kontingente Beziehungen. Notwendige Beziehungen beschreiben Ereignisse, die unabhängig von bestimmten Bedingungen immer miteinander in Verbindung stehen, während das Prinzip der Kontingenz besagt, dass Ereignisse nur unter spezifischen Bedingungen auftreten und deshalb als kontingent zu bezeichnen sind. Das Eintreten eines Ereignisses ist folglich nicht zwangsläufig an das Eintreten eines anderen Ereignisses geknüpft, sodass gleiche Bedingungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können und Entwicklungen nicht zwingend bekannten Mustern folgen müssen.

Als Forschungsziel verfolgt die relationale Wirtschaftsgeographie nicht die Formulierung konkreter Raumgesetze, sondern die Erklärung von sozioökonomischem Handeln in räumlicher Perspektive. Der Raum wird als räumliche Perspektive umgesetzt und Handeln als relationales Handeln in konkreten kontextspezifischen Strukturen gesehen (vgl. BATHELT &

GLÜCKLER 2018: 45).

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Abbildung 2: Forschungsdesign der Raumwirtschaftslehre und der relationalen Wirtschaftsgeographie

Programmatische Dimensionen

Raumwirtschaftslehre Relationale

Wirtschaftsgeographie

Raumkonzepte Raum als Objekt und

Kausalfaktor

Räumliche Perspektive

Forschungsgegenstand Raummanifestierte

Handlungsfolgen (Struktur)

Ökonomische Beziehungen im Kontext (Praxis, Prozess) Handlungskonzept Atomistisch:

methodologischer Individualismus

Relational: Netzwerktheorie, Embeddedness-Perspektive

Wissenschaftstheoretische Grundperspektive

Neopositivismus, kritischer Rationalismus

Kritischer Realismus, evolutionäre Perspektive

Forschungsziel Raumgesetzte

ökonomischen Verhaltens

Prinzipien

sozioökonomischen Austauschs in räumlicher Perspektive

Quelle: leicht verändert nach BATHELT &GLÜCKLER 2018: 43

Für die Gründungsforschung allgemein bietet der raumwirtschaftliche Ansatz eine theoretische Basis für Fragestellungen, welche die räumliche Verteilung von Gründungen untersuchen. Auch die Frage nach geeigneten Standortfaktoren, z.B. zur regionalen Förderung von Gründungen, oder Untersuchungen zur Entwicklungsdynamik spezieller Regionen die sich durch hohe Gründungsraten auszeichnen, findet in der Raumwirtschaftslehre einen Erklärungsansatz. Es muss jedoch bedacht werden, dass in der Raumwirtschaftslehre soziale Strukturen als Erklärungsmuster nicht berücksichtigt werden, obwohl gerade diese für junge Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.

Für die Gründungsforschung allgemein und auch in Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit ist es von Relevanz, dass die meisten Gründer stark in ihr regionales, soziales und berufliches Umfeld eingebunden sind (z.B. DAHL & SORENSON 2009, 2012). Dies ist in vielen Fällen die notwendige Voraussetzung für die Gründungsidee an sich, ihre konkrete Umsetzung und auch

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für das erfolgreiche Wachsen des Unternehmens. In dieser Hinsicht bietet die relationale Wirtschaftsgeographie einen schlüssigeren theoretischen Rahmen für die Gründungsforschung, weil hier wirtschaftliches Handeln in einem regionalen Bezugssystem gesehen wird und Interaktionen zwischen den Akteuren im Sinne der Netzwerktheorie explizit berücksichtigt werden.

In Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit bietet die relationale Wirtschaftsgeographie einen passenden theoretischen Rahmen, als dass das wirtschaftliche Handeln im Vordergrund steht und nicht die Erklärung von Raummustern (Forschungsgegenstand). So sollen in dieser Arbeit keine räumlichen Strukturen (z.B. Regionen mit hohen Gründungsraten) untersucht werden, sondern wirtschaftliche Prozesse (die Einstellung von Mitarbeitern) aus räumlicher Perspektive. Wie auch in der relationalen Wirtschaftsgeographie liegt der Fokus dieser Arbeit auf der Akteursebene (Individuen und Unternehmen), und auch die Argumentation und empirische Umsetzung setzt auf der Mikroebene an.

In Bezug auf die wissenschaftliche Grundperspektive verfolgt diese Arbeit nicht den Anspruch einen deterministischen kausalen Wirkungszusammenhang zu erklären, da dieses Vorgehen für die Fragestellung nicht passend ist. Schließlich kann nicht unterstellt werden, dass unter bestimmten regionalen Bedingungen X immer Mitarbeiter Y eingestellt werden. Vielmehr ist auch hier dem relationalen Ansatz folgend das Prinzip der Kontingenz passender, demnach gleiche Bedingungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.

Lediglich hinsichtlich des Raumkonzepts bieten beide Ansätze Erklärungsmuster, die für die vorliegende Fragestellung schlüssig sind. Nach der Raumwirtschaftslehre bestimmt der Raum die Entwicklung der Unternehmen. Natürlich sollte der Raum nicht als handelnder Akteur betrachtet werden, aber dennoch ist eine Region mit gewissen Faktoren ausgestattet, die Einfluss auf die Entwicklung des Unternehmens haben. Die Grundannahme dieser Arbeit ist schließlich, dass bestimmte regionale Bedingungen das Einstellungsverhalten und damit Wachstum von Unternehmen beeinflussen. Diese regionalen Bedingungen werden als gegeben interpretiert und nicht als von den Unternehmen selbst gestaltet. Aus der relationalen Perspektive betrachtet spielen aber bei der vorliegenden Fragestellung

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Interaktionen zwischen Akteuren in derselben Region ebenfalls eine wichtige Rolle und es wird berücksichtigt, dass ökonomisches Handeln stets in einem regionalen Bezugssystem stattfindet.

Die beiden Ansätze der Raumwirtschaftslehre und relationale Wirtschaftsgeographie liefern eine Begründung für die Relevanz einer regionalen Ebene in der Gründungsforschung, und auch regionale Standortfaktoren können daraus abgeleitet werden, sie bieten aber keine umfassende theoretische Begründung zu regionalen Wachstumsfaktoren. Vor diesem Hintergrund werden im folgenden Kapitel Theorien zum Unternehmenswachstum herangezogen.