In der Familie: Geprägt durch Zufall

Im Dokument Das bedingte Selbst (Seite 165-200)

Außenansichten einer Krise

3 In der Familie: Geprägt durch Zufall

Nachdem die Ausgangssituation der Generationenromane im Hinblick auf die dargestellte Beziehungsdynamik als generationell überformte Familienkrise bestimmt wurde, wird in diesem Kapitel die Auseinandersetzung der Enkelfiguren mit der Familienge-schichte untersucht. Da die relevanten Motive nicht in klarer Ab-grenzung, sondern in unterschiedlichen Verbindungen auftreten, sollen sie im Folgenden nicht einzeln, sondern anhand zweier typischer Kombinationen betrachtet werden.287 Dazu wird zuerst das Motiv der transgenerationellen Übertragung zusammen mit individuellen Familiengeheimnissen betrachtet [Kap. 3.1], bevor im zweiten Teil der transgenerationellen Einflussangst der Enkel-figuren im Bezug auf interne Familiengeheimnisse nachgegangen wird [Kap. 3.2]. Die historischen Bezüge der Romane und die daraus resultierende Spannung gegenüber der Identitätsthematik wird in einem dritten Teil [Kap. 3.3] diskutiert.

3.1 Individuelle Familiengeheimnisse als unbewusste Erbschaft

Die Lage der Familie wird in zeitgenössischen Generationenro-manen als problematisch dargestellt. Angesichts der bereits ange-sprochenen Schwierigkeiten innerhalb der verschiedenen Famili-enkonstellationen, der generationellen Perspektivendifferenz, den offenen und verschlossenen Familienkrisen, sowie dem Gegensatz von Familienbindung und dem Subjektideal der Selbstkreation

287 Die Orientierung an den häufigsten Mustern bietet einen günstigen Ausgangs-punkt, um mögliche Abweichungen von dieser Motivstruktur zu erkennen. Vgl. die methodischen Überlegungen in Kap. 1.3 dieser Arbeit.

erscheint es wenig überraschend, dass die Vertreter der dritten Generation gegenüber anderen Familienmitgliedern eine distan-zierte bis ablehnende Haltung einnehmen. Zu Beginn der Romane glauben sich die Protagonisten der jüngsten Familiengeneration noch vor der Familie sicher: Zwar ist ihnen die Existenz von El-tern und GroßelEl-tern durchaus bewusst; der Umgang mit der nä-heren Verwandtschaft steht jedoch im Zeichen der Abgrenzung.

Dass sich diese Haltung überhaupt ändert, ist einer für die hier untersuchten Romane typischen Amalgamierung dreier Motive zuzuschreiben: Familiengeheimnisse, transgenerationelle Übertra-gung und Einflussangst. Durch Familiengeheimnisse, dem „Mo-tor” der hier untersuchten Texte,288 geraten die Protagonisten in eine Situation, in der sie die familiäre Vergangenheit wieder als relevant bewerten und sich die Grenzen zwischen Selbst und Fa-milie zunehmend verflüssigt. Transgenerationelle Übertragungen erscheinen in dieser Konstellation entweder als unbewusste Erb-schaften, deren Ursachen und Folgen sich nur dem Leser vollstän-dig erschließen, oder sie werden im Motiv der Einflussangst als Sorge der Protagonisten sichtbar, von der Familiengeschichte negativ betroffen zu sein.

Wie schon bei anderen Motiven, die im Generationenroman häufig anzutreffen sind, lässt sich auch die literarische Funktiona-lisierung von Familiengeheimnissen besser verstehen, wenn für die Beschreibung des Motivs eine Terminologie verwendet wird, die aus empirischen Fragestellungen hervorgegangen ist.289 Eine treffende Definition stammt von dem Psychologen Mark Karpel, der das Geheimnis durch den Bezug auf Informationen bestimmt,

288 Mit dieser treffenden Bezeichnung charakterisiert der Historiker Hannes Heer das typische Plotmuster zeitgenössischer Generationenromane. Hannes Heer: »Hitler war’s«, S. 233.

289 Die Verwendung von Begriffen aus der Familienpsychologie soll nicht suggerieren, dass die Texte sozialpsychologische Wirklichkeit abbilden oder dass die Verfasser von Familienromanen therapiebedürftig seien. Karpels Konzept dient in diesem Zusammenhang lediglich der Analyse des Motivs; auch wenn es sicherlich für den Alltagsbezug von Familienromanen spricht, wenn sich die Auswirkungen eines Motiv auf der Handlungsebene mit Begriffen der psychologischen Diagnostik tref-fend beschreiben lassen.

welche entweder zurückgehalten oder in einer Gruppe von Men-schen unterschiedlich geteilt werden.290 Damit werden Familien-geheimnisse durch ihre Relevanz für diejenigen Individuen defi-niert, die nicht eingeweiht sind. So wäre zum Beispiel eine Affäre höchst relevant für den betrogenen Partner, da ein solches Ge-heimnis das gegenseitige Vertrauen betrifft, ebenso wie das ge-heime Wissen einer Frau, dass ihr Mann nicht der Vater ihres Kindes ist. In diesen Fällen handelt sich nach Karpels Terminolo-gie um individuelle Familiengeheimnisse, da eine Person etwas vor anderen Personen in der Familie geheim hält. Interne Familienge-heimnisse liegen vor, wenn mindestens zwei Personen das Ge-heimnis bewahren; beispielsweise das Wissen der Eltern um eine Adoption, im Gegensatz zu dem betroffenen Kind. Bei geteilten Familiengeheimnissen schließlich sind alle Mitglieder einer Familie eingeweiht, fühlen sich aber verpflichtet, die fragliche Information nicht an Personen außerhalb der Familie weiterzugeben.291

Die verschiedenen Arten von Geheimnissen haben die Eigen-schaft, dass sie für das Familiensystem nicht ohne Konsequenzen bleiben. Bei geteilten Familiengeheimnissen können sogar positive Effekte auftreten, da die Familienbeziehungen durch die Abgren-zung der Familie zum Rest der Welt an Bedeutung gewinnen, während sich zugleich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich das verschlossene Familiensystem pathologisch entwickelt. Da in den hier untersuchten Generationenromanen individuelle und interne Familiengeheimnisse handlungsbestimmend sind, soll im folgenden lediglich von diesen beiden Formen von Geheimnissen gehandelt werden.292

290 „Secrets involve information that is either withheld or differentially shared between or among people.” Mark Karpel: Family Evaluation. New York 1983, S. 246.

291 Ebd., S.247.

292 Dass geteilte Familiengeheimnisse im Generationenroman so selten auftreten, geht möglicherweise auf den Umstand zurück, dass es in diesem Fall keinen latenten Konflikt zwischen den Familienmitgliedern gibt, der zu der Spannungserzeugung beitragen könnte. Das vermutlich bekannteste Beispiel eines geteilten Familienheimnisses in der Literatur findet sich in Mario Puzos „Der Pate” (1969). Das ge-meinsame Wissen um die kriminellen Aktivitäten der Familie stärkt in Puzos Ro-man die Kohäsion innerhalb der Kernfamilie. Durch die Beziehung von Michael

Individuelle Familiengeheimnisse im Generationenroman las-sen sich vor allem an geschwächten Familienbeziehungen erken-nen. Die dargestellten Folgen der Geheimnisse gehen in den hier untersuchten Generationenromanen jedoch weit über die Symp-tome einer Familienkrise hinaus, da sie sich auch auf spätere Ge-nerationen auswirken. Obwohl die Vertreter späterer Generatio-nen von den Folgen des Geheimnisses betroffen sind, fehlt ein Anlass für weitere Recherchen, wenn der Geheimnisträger aus der früheren Generation das geheime Wissen für sich behält. Da das für Generationenromane typische Motiv der Erbschaft in dieser Konstellation besonders deutlich wird, lohnt es sich, den Zusam-menhang zwischen transgenerationeller Übertragung und indivi-duellen Familiengeheimnissen ausführlicher zu betrachten.

3.1.1 ‚Naturmagie’: Transgenerationelle Übertragung als biologische Prägung

Wird die Figurenkonstellation durch ein generationell gestuftes Familiensystem organisiert, stellt sich die Frage, wie das Verhält-nis zwischen den Familiengenerationen gestaltet wird und welche Zusammenhänge sich zwischen ihnen herstellen lassen. Theore-tisch ließen sich die in Generationenromanen dargestellten Fami-liensysteme auch als eine Zufallsgemeinschaft betrachten, die we-der Verpflichtungen noch Gemeinsamkeiten impliziert. Der Um-stand, dass die Figuren miteinander verwandt sind und zwischen ihnen eine genealogische Verbindung besteht, lässt jedoch auf weitere Ähnlichkeiten schließen.

Dieser Aspekt des Generationenkonzepts ist von Sigrid Weigel in mehreren begriffsgeschichtlichen Studien untersucht worden.

Wie Weigel feststellt, ist das Konzept der Generation mit genealo-gischen Vorstellungen von Erbschaft und Fortzeugung verknüpft.

Diese Verbindung von Generationalität und Erbschaft zeigt sich

Corleone mit seiner späteren Ehefrau Kay Adams entsteht ein erhebliches Wissens-gefälle zwischen Kays Herkunftsfamilie und der Familie Corleone. Mit dem erwei-terten Familienverband Adams / Corleone geht die Spannungserzeugung auch in diesem Roman auf ein internes Familiengeheimnis zurück.

bereits in der antiken Philosophie wie auch in den Erzählungen der Bibel:293

Festzuhalten bleibt, dass die Generation als genealogischer Begriff ein Modell von Überlieferung und Erbschaft garan-tiert und reguliert, in dem es um das leibliche, materielle und kulturelle Kontinuum der Gattung geht. In dieser Bedeutung, die Generation als Agentur von genos, Gattung oder Ge-schlecht, hat sich der Begriff über Jahrhunderte erhalten.294 Wie Weigel überzeugend nachweist, wurde dieser genealogische Aspekt des Generationenbegriffs in das Freud’sche Modell des Familiengedächtnisses integriert, das im 20. Jahrhundert weit über den medizinischen Diskurs hinaus bekannt wurde.295 Die Vorstel-lung, dass sich bestimmte Verhaltensmuster zwischen den Gene-rationen übertragen und dass Eltern und Großeltern für Verhal-tensweisen ihrer Kinder verantwortlich sein können, ist ein zent-raler Bestandteil populärpsychologischer Diskurse.296 Die Figur des Transgenerationellen macht schlechthin jedes Phänomen als Ergebnis einer vorangegangenen Kette von Ursachen lesbar.

In einer transgenerationellen Perspektive wird dem Bereich der Familie im Vergleich zu dem Einfluss von Freunden, Lehrern oder anderen Bekannten eine besondere Prägekraft zugeschrieben. Die vermutete Übertragung ist dagegen auf zahlreichen Wegen vor-stellbar. ‚Verwandtschaft’ ist ein äußerst unscharfes Konzept, das auf unterschiedliche Weise begründet und thematisiert werden kann; die biologischen, sozialen und kulturellen Dimensionen von relatedness297 sind auf komplexe Weise miteinander verschränkt.

293 Vgl. Sigrid Weigel: Generation, Genealogie, Geschlecht. Zur Geschichte des Gene-rationenkonzepts und seiner wissenschaftlichen Konzeptualisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. In: Lutz Musner u. Gotthard Wunberg (Hg.): Kulturwissen-schaften. Forschung - Praxis - Positionen. Wien 2002. S. 161-190; S.173

294 Ebd., S.175.

295Vgl. ebd., S. 187ff.

296 Vgl. Kap. 4.2 dieser Arbeit.

297 Vgl. Janet Carsten: „Knowing Where You’ve Come From”. Ruptures and Continui-ties of Time and Kinship in Narratives of Adoption Reunions. In: Journal of the Royal Anthropological Institute N.S Bd. 6, 2000, S. 687-703.

Die biologisch-genetische Ähnlichkeit ist dabei keineswegs der dominierende Faktor:

Fortpflanzung, langfristiges Zusammenleben, der Austausch von Substanzen, Fürsorge, Gefühle, Versorgung, gemeinsame Gene, gemeinsame Geschichte – vieles kann in die Bildung von Verwandtschaft einfließen und Verwandtschaft selbst er-scheint als ein Modus der Herstellung von Soziabilität im Fluss.298

Durch den Zusammenhang von Verwandtschaft und Erbschaft im Konzept der Generation erscheinen die Familiengenerationen in den hier untersuchten Romanen bereits dann schon miteinander verbunden, wenn die Form dieser angenommenen Übertragung noch nicht näher bestimmt ist. Die zahlreichen Möglichkeiten, die Ähnlichkeiten zwischen den im Generationenroman dargestellten Figuren zu erklären, verweisen auf die Frage, was den Charakter und „das Wesen” des Menschen vorwiegend prägt: Die angebore-ne, genetische Prädisposition oder die Erfahrungen in einer be-stimmten Kultur.

Eine solche Unterscheidung zwischen einer ‚natürlichen’ und einer ‚kulturellen’ Form der Übertragung lässt sich bei der Lektüre von Generationenromanen kaum aufrechterhalten: Zwar erschei-nen die Familiengeneratioerschei-nen in den hier untersuchten Texten immer auch über den biologischen Aspekt der Verwandtschaft verbunden, aber selbst die „Geschichte eines Gens”299 (Middlesex) lässt sich nicht unabhängig von der Ebene der Interaktion

be-298 Michi Knecht: Die Politik der Verwandtschaft neu denken. Perspektiven der Kul-tur- und Sozialanthropologie. In: Bulletin-Texte Nr. 26: Warum noch Familie?

(2003) Hg. v. Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. S. 52-70; S.55.

299 Nach Friedemann Weber lassen sich Ähnlichkeiten zwischen Familienmitgliedern nicht allein genetisch erklären, da sie in einem Zusammenspiel von Natur und Kul-tur entstehen: „Die meisten Anlagen für Verhaltensweisen [sind] polygen, das heißt durch Zusammenspiel vieler Gene bedingt. […] Die Variationsbreite ist demnach durch die Gene festgelegt, Erbgut und Umwelt tragen jedoch kooperativ zur Aus-prägung bei.” Friedemann Weber: Was die Familie uns genetisch mitgibt. In: Ein Herz und eine Seele? Familie heute. Hrsg. von Wolfgang E.J. Weber und Markwart Herzog. Stuttgart 2003, S. 33-44; S. 43.

schreiben. Im Bereich der sozialen Praxis lassen sich die Familien-bande dagegen sehr viel flexibler darstellen: Die Zugehörigkeit zum Familiensystem wird nicht nur interaktionell300 hergestellt und bestätigt, sondern auch durch das Wissen um die gemeinsam verbrachte Zeit und die Familiengeschichte begründet. Ob man die Ähnlichkeiten zwischen den Figuren nun eher durch die bio-logische Prägung oder durch Erziehung und Erfahrung erklärt, bleibt daher in vielen Fällen dem Leser überlassen.

Trotz des unvermeidlichen Bezuges auf die interaktionelle Ebe-ne der Verwandtschaft lässt sich in zahlreichen Texten feststellen, dass der biologische Faktor besonders hervorgehoben wird und dadurch thematisch besonders manifest erscheint. Ähnlich wie in Thomas Manns „Buddenbrooks”301 finden sich auch in zeitgenös-sischen Generationenromanen zahlreiche Hinweise auf genetisch bedingte Ähnlichkeiten zwischen den Figuren. So betont die Pro-tagonistin Freia in Tanja Dückers’ Roman „Himmelskörper”, dass sie von ihrem Vater Peter nicht nur „die dunklen Augen und die dichten Wimpern” geerbt habe, sondern auch die Neigung dazu,

„im Mittelpunkt” zu stehen [HK 11]. Der Ich-Erzähler in Stefan Wackwitz biographischem Generationenroman „Ein unsichtbares Land” setzt die Übertragung von Erinnerungen mit der Weiterga-be von Genen gleich:

Das Überleben meines Großvaters, die Überlieferung seiner Gene und Erinnerungen durch meinen Vater und mich an meinen Sohn, ist die Geschichte einer Solidarität. [UL 91]

Dass der Bezug auf eine genetische Übertragung mit der Annahme von weiteren Ähnlichkeiten verbunden wird, findet sich nicht nur in literarischen Texten. Während Literaturwissenschaftler wie

300 Vgl. Kapitel 3 dieser Arbeit.

301 Das Motiv der Vererbung in Thomas Manns Roman ist nach Katrin Max wesent-lich von der Degenerationstheorie Bénédict Auguste Morels beeinflusst. Vgl. Katrin Max: Erbangelegenheiten. Medizinische und philosophische Aspekte der Generati-onenfolge in Thomas Manns Roman »Buddenbrooks«. In: Generation als Erzäh-lung. Neue Perspektiven auf ein kulturelles Deutungsmuster. Hrsg. von Björn Boh-nenkamp; Till Manning; Eva-Maria Silies. Göttingen 2009, S. 129-147.

Bernhard Jahn302 oder Ulrike Vedder303 eine unerwartete Kon-junktur transgenerationeller Konzepte in der Literatur feststellen, beobachtet Steven Pinker 2007 einen befremdlichen „Genealogy Craze” in der Populärkultur und warnt, dass das neue Interesse an den familiären Wurzeln die Gegenwart zu ersticken droht.304 Wenn Oprah Winfrey durch die Analyse ihrer DNA eine Ver-wandtschaft mit dem Volk der Kpelle aus dem liberianischen Re-genwald feststellt und sich dadurch „empowered” fühlt,305 handelt es sich laut Pinker allerdings um eine Täuschung, da psychologi-sche Eigenschaften sich zum einen nicht einfach über Generatio-nen vererbten und sich die angenommene genetische Verbindung auf eine exponentiell steigende Anzahl von Verwandten verteile.

Wie Pinker hervorhebt, hätten diese nicht nur über ethnische Grenzen hinweg, sondern auch Cousins und Cousinen geheiratet, so dass sich die in Stammbäumen angedeutete Linearität jeder Grundlage entbehrt:

a single mating between people from two ethnic groups re-sults in all their descendants being related to both groups in perpetuity. [...]

The genealogical ties connecting American presidents and European royalty are not a sign of some vast transatlantic ru-ling caste. Every noteworthy person is related to other

note-302 Vgl. Bernhard Jahn: Familienkonstruktionen 2005, S. 583ff.

303 Wie Ulrike Vedder feststellt, wird in zeitgenössischen Generationenromanen das

„Nachleben der Toten [...] als familiales bzw. genealogisches ‚Erbe’ begriffen oder als transgenerationelle ‚Traumatisierung’ konzipiert.” Ulrike Vedder: Erblasten und Totengespräche. Zum Nachleben der Toten in Texten von Marlene Streeruwitz, Arno Geiger und Sibylle Lewitscharoff. In: Literatur im Krebsgang. Totenbeschwö-rung und memoria in der deutschsprachigen Literatur nach 1989. Hrsg. v. Arne de Winde / Anke Gilleir. Amsterdam 2008, S. 227-241; S. 228.

304 Vgl. Stephen Pinker: Strangled by Roots: The Genealogy Craze in America. In: The New Republic, Online-Ausgabe vom06.08.2007.

URL=http://pinker.wjh.harvard.edu/articles/media/2007.06.08_thenewrepublic.pdf [22.09.2012].

305 Ebd, S.1. Thematische Bezüge auf den Empowerment-Diskurs findet sich ebenfalls in zeitgenössischen Generationenromanen. Vgl. Kap. 4.3.2 dieser Arbeit.

worthy people (together, of course, with countless not-so-noteworthy people). [...]

And before you brag about the talent or courage you share with some illustrious kinsman, remember that the exponenti-al mathematics of relatedness successively hexponenti-alves the number of genes shared by relatives with every link separating them.306

Obwohl Pinkers Beschreibung die Grenzen einer genealogischen Perspektive ernüchternd vor Augen führt, ist das Missverständnis in der gegenwärtigen Populärkultur noch immer verbreitet. Ein aktuelles Beispiel ist die Computerspielserie „Assassins Creed”, deren Plot um Konzepte der Übertragung und eine „Animus”-Maschine kreist, mittels derer die Figur des Spielers in die Erinne-rungen der eigenen Vorfahren eintauchen kann. Auch die Menü-führung des Spiels ist nach biologistischen Vorstellungen gestaltet.

So erinnert die eingebundene Hilfefunktion den Spieler daran, einen sogenannten „DNA-Ordner” aufzurufen, um auf vorherige Abschnitte und ‚Erinnerungen’ der Figur zuzugreifen.307 Auch erweist sich der ‚Protagonist’ als von der familiären Vergangenheit geprägt, kann er nach erfolgreicher Reimagination der Vergan-genheit doch ebenfalls auf die Fähigkeiten seines Vorfahren zu-rückgreifen. Wie der Historiker Valentin Groebner beobachtet, suggeriere das Spiel, die ferne Epoche befinde sich buchstäblich

„in einem selbst, im eigenen Fleisch und Blut”:308

Die Geschichte des Mittelalters wird in «Assassin’s Creed»

präsentiert als etwas, das im eigenen Körper steckt und durch futuristische Biologie wieder zugänglich wird – ein Art

post-306 Stephen Pinker: Strangled by Roots, S.4.

307 Für die erzählerische Funktion des „Animus” in „Assassin’s Creed” vgl. Benjamin Beil: First Person Perspectives. Point of View und figurenzentrierte Erzählformen im Film und im Computerspiel. Münster 2010, S. 171ff.

308 Valentin Groebner: Willkommen in der Zeitmaschine. In: Cicero online vom 10.Juni 2009.

URL=http://www.cicero.de//salon/willkommen-der-zeitmaschine/43445 [07.02.2012].

religiöse «Operation Ahnenerbe», verlegt ins Land des digita-len Als-ob.

Von wegen Zeitmaschine also: Alle Inszenierungen der Ver-gangenheit kleben fest an ihrer jeweils eigenen Gegenwart.309 Im Gegensatz zu dieser positiven Darstellung der transgeneratio-nellen Übertragung im „Land des digitalen Als-ob” wird die Fami-liengeschichte in den hier untersuchten Generationenromanen nicht mit dem Motiv der Zeitreise verbunden. Die Vergangenheit erscheint ebenso unveränderlich wie unzugänglich; in Ermange-lung einer „Animus-Maschine” können die jüngsten Protagonis-ten durch ihre persönlichen Erinnerungen keinen wesentlichen Erkenntnisfortschritt erzielen. Aufgrund der Angewiesenheit auf mündliche Quellen und dem Wissen um die Konstruktivität des Gedächtnisses wirkt der Ertrag der Erinnerungsbemühungen vergleichsweise bescheiden:

Dass man sich – in verlassenen Zimmern, beim Wandern durch unendliche Parks – schon in diesem Leben erlösen kann von der Person, in die man eingesperrt ist: Das habe ich (auf welchen verschlungenen psychologischen Umwegen, weiß ich nicht) von meinem Vater und von meinem Großva-ter gelernt oder vielleicht eher: geerbt. Und ich habe das Ge-fühl, dass dieses Bild verknüpft ist nicht nur mit der Erinne-rung an jenen Spaziergang [...], sondern auch mit Erinnerun-gen, die ich selbst vielleicht gar nicht gehabt habe, sondern von denen mir mein Vater erzählt hat oder die auf einem an-deren Weg aus den Erinnerungen meines Vaters und Groß-vaters in meine gelangt sind, in einer so tiefen Schicht viel-leicht, dass alle Erinnerung und alles Bewusstsein dort drun-ten in Wirklichkeit eins und nicht mehr unterscheidbar sind.

[UL 187]

Im Gegensatz zu der Hoffnung des Ich-Erzählers in Stefan Wack-witz’ Roman „Ein unsichtbares Land”, durch die Auseinanderset-zung mit der Familiengeschichte „einen Sinn” [UL 16] zu

entde-309 Ebd.

cken, wird lediglich die bereits vorhandene Absicht bestärkt, sich von den Prägungen der Vergangenheit zu „erlösen” [UL 187]. Vor dem Hintergrund der in dieser Passage ebenfalls beschriebenen Annahme von transgenerationellen Übertragungen erscheinen die vermuteten Entwicklungsmöglichkeiten jedoch äußerst unsicher, da sich aus dem Hinweis auf die „verschlungenen psychologischen Umwege” ebenfalls ableiten lässt, dass die Perspektiven der Figur durch unbekannte Einflüsse aus der Vergangenheit begrenzt wer-den könnten.310 Statt neuentdeckte Fähigkeiten zur Veränderung ihrer Gegenwart einsetzen zu können, zeigen sich auch die ande-ren Figuande-ren gegen Ende der Romane mehrheitlich desillusioniert von der Familie und freuen sich wie der Ich-Erzähler in Thomas Medicus’ „In den Augen meines Großvaters” bereits an ihrer wie-dergewonnenen psychischen Unversehrtheit oder einfach daran,

„daß ich es geschafft hatte” [AG 248], wenn sie nicht wie der Pro-tagonist aus Moritz Rinkes „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel” mit leeren Taschen und unklaren Zukunftsaussichten gleich-sam „in die Wiesen hinein” [MJ 482] laufen.

Die Ursache für diese ambivalente Sicht auf die Folgen der Verwandtschaft ist in der Vorstellung der transgenerationellen Übertragung auszumachen. Rechnet man mit der Möglichkeit unbewusster generationenübergreifender Übertragungen, liegt die Vermutung nahe, dass sich aus der genealogischen Verbindung nicht nur positive, sondern auch negative Folgen ergeben, welche

Die Ursache für diese ambivalente Sicht auf die Folgen der Verwandtschaft ist in der Vorstellung der transgenerationellen Übertragung auszumachen. Rechnet man mit der Möglichkeit unbewusster generationenübergreifender Übertragungen, liegt die Vermutung nahe, dass sich aus der genealogischen Verbindung nicht nur positive, sondern auch negative Folgen ergeben, welche

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