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Erkenntnisbezogene Argumente

Teil II: Diskursanalyse

7. Argumentationsanalyse

7.3. PRO Taraškevica

7.3.6. Erkenntnisbezogene Argumente

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(7.132) На карысьць культываваньня тарашкевіцы […] можна было б дадаткова высунуць яшчэ прынамсі два аргумэнты. Па-першае, тарашкевіца […] характарызуецца адноснай устойлівасьцю і нават «сілай прымусу». […] А нават больш, тарашкевіца стала інструмэнтам дэканструкцыі стэрэатыпу пра беларускую «памяркоўнасьць-інэрцыйнасьць», схільнасьць упісвацца ў зададзеныя істэблішмэнтам рамкі.

Тарашкевіца – гэта якбы сымбаль беларускай непамяркоўнасьці.343 (25.07.2008)

‘Für eine Kultivierung der Taraškevica könnte man zusätzlich noch zwei Argumente anführen: Erstens, die Taraškevica zeichnet sich durch eine relative Standhaftigkeit und sogar durch eine ‘Kraft des Zwangs’ aus… Mehr sogar: die Taraškevica wurde zu einem Instrument der Dekonstruktion des Stereotyps über die belarussische ‘Bedächtigkeit-Trägheit’, die Neigung dazu, sich dem durch das Establishment vorgegebenen Rahmen anzupassen. Die Taraškevica ist eine Art Symbol der belarussischen Nicht-Toleranz.’

Die Sprache wird hier als eine eigenständige ‘Hypostase’ dargestellt, die bestimmte Charaktereigenschaften (wie ‘Standhaftigkeit’ und ‘Kraft des Zwangs’) aufweist und diese bei ihren Sprechern erzeugt (vgl. Abschnitt 1.8.1). Die Argumentation in (7.132) stellt demnach eine Ausprägung der Idee des Sprachdenkens, die der Periode der Romantik eigen war (s.

Abschnitt 1.2.3 und 1.2.4). Interessant ist in diesem Zusammenhang die negative Konnotation des Begriffs pamajrkoŭnasc’ / памяркоўнасць, der mit ‘Trägheit’ gleichgesetzt wird. Dieser Begriff stellt ein (Auto-)Stereotyp über die Belarussen dar und kann auch positiv konnotiert werden, verstanden als ‘Toleranz’, ‘Bedächtigkeit’, ‘Milde’, ‘Kompromissfähigkeit’ (s. Bsp.

(6.35)) im Unterkapitel 6.2., das von einem Anhänger des ‘Mehrere-Standardvarietäten-Modells’ produziert wird und in dem pamajrkoŭnasc’ die Bedeutung ‘Toleranz’ aufweist).

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Diskursteilnehmer klingt die Taraškevica ‘wahrhaftig’, andere erkennen darin den ‘Geist der Sprache’, manche sehen in ihr die ‘historische Wahrheit’.

(7.135) Мне здаецца, мова паводле Тарашкевіча гучыць неяк сапраўдна... І лядоўня мне бліжэй чым халадзільнік.346 (21.05.2013)

‘Mir scheint, dass die Sprache in der Version von Taraškevič irgendwie wahrhaftig klingt…

Und ljadoŭnja [T: ‘Kühlschrank’] steht mir näher als chaladzil’nik [N: ‘Kühlschrank’].’

(7.136) Па-другое скажу, што калі год таму я зацікавіўся беларускай мовай і крыху дакрануся да клясічнага правапісу, было цяжка й цікава, адчуўся дух мовы.347 (30.08.2007)

‘Zweitens muss ich sagen, dass es, als ich mich vor einem Jahr für die belarussische Sprache zu interessieren begann und ansatzweise an die klassische Rechtschreibung [Taraškevica]

herangegangen bin, schwierig und interessant war; ich konnte den Geist der Sprache spüren.’

(7.137) Я - ЗА тарашкевіцу, таму што: […] бачу ў ёй гістарычную праўду.348 (05.10.2007)

‘Ich bin für die Taraškevica, weil ich darin die historische Wahrheit sehe.’

Man lernt die Taraškevica nicht wie eine (Fremd-)Sprache, sondern ‘erkennt’ oder ‘fasst’ sie wie die Wahrheit:

(7.138) Вывучаў у школе наркамаўку, але, спазналы тарашкевіцу (дзякуй Нашай Ніве), вяртацца да наркамаўкі не хачу.349 (18.06.2013)

‘Ich habe die Narkamaŭka in der Schule gelernt, aber nachdem ich (dank der Naša Niva) die Taraškevica erkannt habe, will ich nicht mehr zur Narkamaŭka zurückkehren.’

(7.139) Я і сам мусіў спасьцігаць нэаклясыку эмпірычна.350 (29.09.2007)

‘Auch ich habe die Neo-Klassik auf dem empirischen Weg erfasst.’

Diese Idee steckt auch in der Passage (5.33) von Pacjupa: Man könne die Taraškevica nicht wie eine Fremdsprache erlernen, aber ‘an sie heranwachsen’ bzw. man müsse nach ihr wie nach Wasser in der Wüste graben (s. Abschnitt 5.6). Die Aufgabe, die Taraškevica unter der Bevölkerung zu verbreiten, vergleicht man mit Missionierung, die Erkenntnis der Taraškevica mit Gotteserkenntnis (s. Bsp. (5.33) und (7.130)).

Ende der 80er Jahre, als der Zerfall der Sowjetunion begann, erfuhren die ersten Anhänger der entstehenden Nationalbewegung zum ersten Mal von der Existenz der Taraškevica. Das bedeutete für sie, die Wahrheit zu erfahren. Die Frage ‘Für oder gegen die Taraškevica?’ war für sie gegenstandslos, denn sie bedeutete: ‘Für oder gegen die Wahrheit?’ Die Sprache, die vor der Taraškevica war, war eine Lüge gewesen:

(7.140) Адраджэнцы канца 80-х ніякага выбару не рабілі. Пэрсанальна перада мной ніколі не паўставала пытаньне пераходу на “тарашкевіцу”. Проста аднойчы я даведаўся, што яна ёсьць, і адразу ж пачаў яе ўжываць. Гэта прыкладна тое самае, што з гісторыяй.

Вывучаў у школе савецкую і савецкі варыянт беларускай, а потым, калі зразумеў, што

346 exp https://m.nn.by/articles/109911/comments/page/3/ (13.02.2019).

347 Andruś https://m.nn.by/articles/11136/comments/page/2/ (13.02.2019).

348 Palina007

http://dzietki.org/forum/viewtopic.php?t=236&postdays=0&postorder=asc&&start=60&sid=8f5c69fd9e534e217 c9b780f2fd7a670 (13.02.2019).

349 Ulad https://m.nn.by/articles/111306/comments/page/2/ (13.02.2019).

350 A. Klaskoŭski https://nn.by/?c=ar&i=11821 (14.02.2019).

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ўсё гэта хлусьня, пачаў шукаць адпаведную літаратуру й вывучаць тое, што лічыў праўдзівым і сапраўдным.351 (S. Sokalaŭ-Vojuš, Arche 3/26, 2003)

‘Die Anhänger der Wiedergeburt des Endes der 80er Jahre haben keine Wahl getroffen. Ich persönlich wurde nie mit der Frage des Übergangs zur Taraškevica konfrontiert. Ich habe einfach eines Tages erfahren, dass sie [die Taraškevica] existiert und habe sofort begonnen, sie zu verwenden. Das ist ungefähr so wie mit der Geschichte. In der Schule habe ich die Geschichte der Sowjetunion und die sowjetische Variante der Geschichte von Belarus gelernt. Nachdem ich verstanden habe, dass das alles eine Lüge war, habe ich begonnen, die entsprechende Literatur zu suchen und das zu lernen, was ich für wahrhaftig und wahr hielt.’

Ein weiteres Argument für die Taraškevica besteht in ihrer ‘Wunderhaftigkeit’, die man durch sie und in ihr immer wieder entdeckt. Dabei fungiert die Taraškevica als Quelle der Entdeckungs- oder Erkenntnisfreude. So würde die Naša Niva laut dem folgenden Kommentar mit dem Verzicht auf die Taraškevica dieses ‘Licht der Erkenntnis’ einbüßen:

(7.141) І нарэшце, мо адкрыю вам сакрэт: школьнікі выходзяць з школы зь веданьнем мовы, блізкім да нулявога і мінусавым жаланьнем калі-небудзь з гэтай казённай муміфікаванай беларушчынай сутыкацца. Менавіта моўныя гейзеры, праявы жыцьця й адмысловасьці беларускай мовы, праявы яе незацуглянасьці й нясьцятыя далягляды ўцягваюць іх у беларушчыну, і калі яны бачаць, напрыклад, НН, напісаную "кляснай!"

мовай, у іх пачынаюць сьвяціцца вочы. І гэтая прага адкрыцьця, прага "вынаходніцтва цуду побач, цуду сваёй мовы" й вядзе іх у акіян беларушчыны. Калі Наша Ніва страціць тарашкевіцу, яна страціць найперш гэтае сьвятло.352 (30.08.2007)

‘Und ich lüfte euch vielleicht ein Geheimnis: Schüler verlassen die Schule mit der Kenntnis der Sprache, die gleich Null ist; sie haben keine Lust, irgendwann mit diesem mumifizierten Behördenbelarussisch [=Narkamaŭka] konfrontiert zu werden. Und genau diese sprachlichen Geysire [der Taraškevica], diese Zeichen des Lebens und der Anstelligkeit der belarussischen Sprache, Zeichen ihrer Ungezähmtheit und ihr offener Horizont ziehen sie [=

die ehemaligen Schüler] in das Belarussischtum hinein. Wenn sie zum Beispiel die Naša Niva sehen, die in der „klasse!“ [klassischen] Sprache geschrieben ist, leuchten ihre Augen.

Und diese Entdeckungsfreude, Freude an der Entdeckung eines Wunders nebenan – des Wunders der eigenen Sprache führt sie in den Ozean des Belarussischtums. Wenn die Naša Niva die Taraškevica verliert, verliert sie vor allem dieses Licht.’

Die ‘Erkenntnis der Taraškevica’ gleicht nicht nur der Wahrheitserkenntnis, sondern auch der Selbsterkenntnis. Wenn ein Mensch (ein Belarusse) sich selbst verstehen und mit sich selbst identisch sein will, wird die Frage, welche Sprachform (Narkamaŭka oder Taraškevica) zu verwenden sei, für ihn entfallen (hier handelt es sich wiederum um die Frage, ob die am Ende der 80er Jahre durch die Anhänger der ‘nationalen Wiedergeburt’ getroffene Entscheidung, die Taraškevica zu verwenden, richtig war):

(7.142) Ці правільна зрабілі адраджэнцы... А ці правільна зрабілі марскія жывёлы, стаўшы земнаводнымі, сухапутнымі? Ці правільна робіць дрэва, калі чапляецца каранямі за скалу, а іншае — за глебу на раўніне? Пытаньне “тарашкевіцы” — гэта пытаньне натуралёвасьці, якая дазваляе выжыць і жыць, пытаньне гармоніі. Па-мойму, сам факт узьнікненьня такіх пытаньняў сьведчыць пра грамадзтва, у якім мы жывём.

Рэфарматары скажуць, што падобнае грамадзтва трэба рэфармаваць, а я думаю, што перад тым трэба чалавеку даць магчымасьць зразумець самога сябе і стаць самім сабою. Тады пытаньня, які правапіс ужываць, папросту ня ўзьнікне.353 (S. Sokalaŭ-Vojuš, Arche 3/26, 2003)

351 S. Sokalaŭ-Vojuš http://archive.is/vZfH (02.03.2020).

352 czyk https://m.nn.by/articles/11136/comments/ (13.02.2019).

353 S. Sokalaŭ-Vojuš http://archive.is/vZfH (02.03.2020).

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‘Ob die Persönlichkeiten der Wiedergeburt es richtig gemacht haben… Und haben Meerestiere es richtig gemacht, als sie sich zu amphibischen Tieren und Landtieren entwickelten? Macht ein Baum es richtig, wenn er sich mit seinen Wurzeln an einen Felsen klammert und ein anderer [Baum] an den Boden des Flachlands [klammert]? Die Taraškevica-Frage ist eine Frage der Natürlichkeit, die das Leben und Überleben ermöglicht, die Frage nach Harmonie. Meiner Meinung nach sagt allein die Tatsache, dass solche Fragen entstehen, etwas über die Gesellschaft, in der wir leben, aus. Die Reformer würden sagen, dass man eine solche Gesellschaft reformieren muss; und ich denke, dass man zuerst dem Menschen die Möglichkeit geben muss, sich selbst zu verstehen und er selbst zu werden.

Dann wird die Frage „Welche Rechtschreibung ist zu verwenden?“ nicht mehr entstehen.’

Die Taraškevica wird also als die einzig mögliche Art und Weise zu leben und zu überleben gesehen, nachdem man den Weg zu sich selbst gefunden hat. Sie wird als Teil des Selbst aufgefasst. Aus diesem Grund klingt die Frage ‘Für oder gegen die Taraškevica?’ für den Verfasser des Beitrags absurd, denn sie würde so viel wie ‘Für oder gegen mich selbst?’

bedeuten. Hier denkt man wiederum an Vološinov (1975, 70) und sein Konzept der Ideologie, wonach ideologische Inhalte dadurch charakterisiert werden, dass sie die Interessen der Menschen bzw. die Grundlagen ihrer Existenz auf irgendeine Weise berühren (vgl. Unterkapitel 1.3). Die Taraškevica wird als Teil des Selbst angesehen, als natürliche Lebensweise, auf der man in Harmonie mit sich selbst existieren kann. Der Verlust der Taraškevica geht mit dem Verlust der eigenen Identität – dem Sterben des Selbst – einher. Diese Auffassung kommt auch im Aufruf ‘Lasst uns das Weichheitszeichen nicht aufgeben, damit wir nicht sterben!’ (vgl. Bsp.

(7.94)) zum Ausdruck.