Die Frage nach den 'Bedingungen der Möglichkeit'

Im Dokument Begriff und Konstruktion (Seite 94-99)

6. Schellings Projekt einer transzendentalen Konstruktion

6.1. Die Frage nach den 'Bedingungen der Möglichkeit'

Die transzendentale Nachfrage, wie das Faktum physikalisch zu beschreibender Erfahrung möglich sei, hatte Kant eine Perspektive eröffnet, in der die so erfolgreiche mathematische Naturwissenschaft seiner Zeit ohne eine Grundlegung nach metaphysischen Prinzipien als unhaltbar gelten mußte. Das war der Versuch, Metaphysik gerade da zu retten, wo sie die Konkurrenz um die prägenden Methodenkonzepte längst verloren zu haben schien. Die Umsetzung dieses Programms verlangte den Metaphysikern weniger ab, als der Aufschrei und die Polemik der Kritiker Kants vermuten lassen. Es ging nicht um die Selbstverleugnung der Zunft. Zwar forderte Kant seine Fachkollegen auf,

"ihre Arbeit vorderhand auszusetzen, alles bisher Geschehene als ungeschehen anzusehen und vor allen Dingen zuerst die Frage aufzuwerfen: 'ob auch so etwas als Metaphysik überall nur möglich sei.' [...] Zu fragen: ob eine Wissenschaft auch wohl möglich sei, setzt voraus, daß man an der Wirklichkeit derselben zweifle."1

Doch stellt diese Frage, bezogen auf Metaphysik, nur wer von der Wirklichkeit eben dieser Wissenschaft überzeugt ist. Kants Zweifel ist kein Selbstzweifel. Hinter dem Zweifel steht

1 P: AA IV 255f. = WW III 113f.

die bare Anerkennung des Faktums, daß wir mit der Physik über einen Typ von Wissenschaft verfügen, der uns eine passable Orientierung in der Welt ermöglicht. Kant ging es ja nicht um den Beweis der Existenz einer Außenwelt, sondern um die Erklärung des bahnbrechenden Erfolgs einer Wissenschaft, die zutreffende, d.h. für jedermann überprüfbare Aussagen über das, was wir Wirklichkeit nennen, zu machen erlaubt.

Für Kant wie Schelling sollte es darauf ankommen, diesem Phänomen eine philosophische Deutung, die der Effizienz der Naturwissenschaft gerecht wurde, zu geben. Wie sehr sich Schelling dabei Kants Sichtweise zu eigen macht, zeigt sich auch daran, wie er in den Ideen zu einer Philosophie der Natur 1797 Kants Ansatz der transzendentalen Fragestellung2 aufnimmt:

"Wer in Erforschung der Natur und im bloßen Genuß ihres Reichthums begriffen ist, der fragt nicht, ob eine Natur und eine Erfahrung möglich sey. Genug, sie ist für ihn da; er hat sie durch die That selbst wirklich gemacht, und die Frage, was möglich ist, macht nur der, der die Wirklichkeit nicht in seiner Hand zu halten glaubt. [...] Wie eine Welt außer uns, wie eine Natur und mit ihr Erfahrung möglich sey, diese Frage verdanken wir der Philosophie, oder vielmehr mit dieser Frage entstand Philosophie."3

Schelling nimmt die Frage danach, ob und was möglich sei, als Ausweis des Zweifels an der Wirklichkeit selbst. Die zweite Frage nach dem, wie es möglich sei, gründet zwar in der Verunsicherung über das, was wirklich ist, konstituiert jedoch zugleich Philosophie und die philosophische Nachfrage nach ihrer Möglichkeit. Geht es Kant im Ausgang des Philosophierens um die Kompetenz der Metaphysik, so stellt Schelling an den Anfang eine Analyse der Kompetenz des Fragenden selbst:

"Man muß also jener Frage selbst, mit der alle Philosophie beginnt, fähig seyn, um philosophiren zu können. Diese Frage ist nicht eine solche, die man ohne eigenes Zuthun anderen nachsprechen kann.

Sie ist ein freihervorgebrachtes, selbst aufgegebenes Problem. Daß ich diese Frage aufzuwerfen fähig bin, ist Beweis genug, daß ich als dieser von äußeren Dingen unabhängig bin; denn wie hätte ich sonst fragen können, wie diese Dinge selbst für mich, in meiner Vorstellung möglich sind."4

Schelling schlägt zwei Wege ein, um diesen Ansatz des Fragens verständlich zu machen.

Der eine ist die mythologische Version der Vertreibung aus dem Paradies, der die Genese der existentiellen Situation des Fragenden nacherzählt. Der andere deutet die spekulative, später reflexionslogisch genannte Haltung als Weise ihrer philosophischen Bewältigung.

Vor dem Sündenfall, der mit der transzendentalen Nachfrage bezeichnet ist, war der Mensch "im (philosophischen) Naturstande", in dem er, "glücklich in sich selbst" und

"unwissend über sich selbst, die Kindheit seiner Vernunft verlebte." Was ihn "verführte"

und aus dem "Gleichgewicht der Kräfte und des Bewußtseyns" brachte, war ein Akt der Selbstbefreiung.5 Diese Freiheit wurde mit den Mitteln der Reflexion6 erkauft, die zur

"Trennung", "Entzweiung", "Entfremdung" von Mensch und Natur führte.7 "Mit jener Trennung zuerst beginnt die Reflexion; von nun an trennt er was die Natur auf immer

2 Vgl. Kap. 1.

3 Ideen: SW II 12.

4 Ideen: SW II 18.

5 Ideen: SW II 12f.

6 Zu Schellings Motiven, den Begriff der "Spekulation" in der 2. Aufl. der Ideen (1803) durch "Reflexion"

zu ersetzen, s. Düsing (1969).

7 Vgl. Wieland (1975) 254-261.

vereinigt hatte, trennt den Gegenstand von der Anschauung, den Begriff vom Bilde, endlich (indem er sein eigenes Objekt wird) sich selbst von sich selbst."8

Wo der Mensch in der bloßen Reflexion verharrt und "jene Trennung zwischen dem Menschen und der Welt permanent [macht]"9, schneidet er sich die Rückkehr in den ursprünglichen Zustand ab, die Emanzipation wird zur Pathogenese, zu einer

"Geisteskrankheit des Menschen".10 Schelling stellt eine fatale Beziehung zwischen Tätigkeit und Reflexion des Menschen her: "Je weniger er aber über sich selbst reflektirt, desto thätiger ist er. Seine edelste Thätigkeit ist die, die sich selbst nicht kennt. Sobald er sich selbst zum Objekt macht, handelt nicht mehr der ganze Mensch, er hat einen Theil seiner Thätigkeit aufgehoben, um über den anderen reflektiren zu können."11

Was sich hier als der "Irrationalismus Schellings" (Lukács) ankündigt, hat man wohlwollender auch als eine Form von "Esoterik" ausgelegt, die Philosophie als Aktualität einer Tätigkeit, nicht als Resultat im Sinne etwa eines Systems theoretischer Sätze begreift.12 Doch hat der durch die transzendentale Fragestellung eröffnete Blick auf die reflexive Struktur des Denkens in den Augen Schellings etwas Zwiespältiges: Reflexion offenbart sich nicht nur als ein Moment der Abspaltung von Tätigem und Denkendem, es dient auch als ein Mittel der Selbstaufklärung. Im Aufwerfen der Frage manifestiert sich die Freiheit des Fragenden: "ich werde durch diese Frage selbst zu einem Wesen, das in Ansehung alles Vorstellens sich ursprünglich frei fühlt [...]. Durch diese Frage selbst werde ich ein Wesen, das, unabhängig von äußeren Dingen, ein Seyn in sich selbst hat."13

Das Fragen ist theoretisches Mittel für einen Standpunktwechsel von der gemeinen zur philosophischen Weltansicht, mit dem sich der Fragende von den natürlichen Vorurteilen seiner Orientierung in der Welt befreit. "Wer zuerst darauf achtete, daß er sich selbst von äußeren Dingen, daß er somit seine Vorstellungen von den Gegenständen [...]

unterscheiden konnte, war der erste Philosoph." Dagegen gründe "für den gemeinen Verstand die Ueberzeugung von der Realität äußerer Dinge" in der "Unfähigkeit", bei der Vorstellung eines Gegenstandes Akt und Inhalt des Vorstellens zu unterscheiden.

Gegenstand und Vorstellung sind für ihn "eins und dasselbe".14

"Diese Identität des Gegenstandes und der Vorstellung hebt nun der Philosoph auf, indem er fragt:

Wie entstehen Vorstellungen äußerer Dinge in uns? Durch diese Frage versetzen wir die Dinge außer uns, setzen sie voraus als unabhängig von unsern Vorstellungen. Gleichwohl soll zwischen ihnen und unsern Vorstellungen Zusammenhang seyn. Nun kennen wir aber keinen realen Zusammenhang verschiedener Dinge, als den von Ursache und Wirkung. Also ist auch der erste Versuch der Philosophie der: Gegenstand und Vorstellung ins Verhältnis von Ursache und Wirkung zu setzen."15

8 Ideen: SW II 13.

9 Ideen: SW II 14.

10 Ideen: SW II 13.

11 Ideen: SW II 13.

12 Wieland (1975) 257: "Dies ist keine Esoterik, die sich auf die Kenntnis bestimmter für wahr gehaltener Aussagen gründet, Aussagen, die nur einem bestimmten Kreis mitgeteilt werden. [...] Schellings Esoterik orientiert sich denn auch an der Fähigkeit, einen Akt der Freiheit auszuführen, und gerade nicht an Sätzen, auch nicht an solchen, die sich ihrerseits auf diese Ausführung beziehen."

13 Ideen: SW II 16.

14 Ideen: SW II 15.

15 Ideen: SW II 15.

Philosophie bricht die "Grundvorurtheile"16 der gemeinen Weltansicht auf. Was da als Identisches erscheint, wird durch philosophische Analytik als Kausalprinzipiiertes interpretiert. Diesem "ersten Versuch der Philosophie" müsse ein zweiter der "gesunden"

Philosophie folgen, das Entzweite wieder auf eine ursprüngliche Identität zurückzuführen.

Die Aporien der Kantischen Philosophie, in die die Fragehaltung der Vernunft führt, dienen dann eigentlich dazu, wie Schelling wohl ganz im Sinne Kants bemerkt, "uns über uns selbst aufzuklären."17

Schelling hätte eine verblüffende Bestätigung seiner Thesen zum transzendentalen Ansatz bei Kant selbst finden können, wäre ihm Kants Brief an Markus Herz vom 21.2.1772 zugänglich gewesen. Darin berichtet Kant, daß er bei seinen "langen metaphysischen Untersuchungen" auf ein Defizit gestoßen sei, dessen Behebung "in der That den Schlüßel zu dem gantzen Geheimnisse, der bis dahin sich selbst noch verborgenen Metaphys:, ausmacht. Ich frug mich [!] nemlich selbst: auf welchem Grunde beruhet die Beziehung desienigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand?"18

Kant legt sich die Frage vor, wie es sich eigentlich verstehen lasse, daß die "intellectualen Vorstellungen" und Begriffe von Gegenständen, die doch "auf unsrer innern Thätigkeit beruhen", tatsächlich mit den vorgestellten Gegenständen übereinstimmten. Diese Korrespondenz - Kant spricht von "Übereinstimmung", "Einstimmung" oder "Konformität"

- von Vorstellung und Gegenstand versucht sich Kant als Hypothese durch das Kausalprinzip begreiflich zu machen; danach sei eben die Beziehung von Gegenstand und

"Vorstellung in uns" als der von Ursache und Wirkung "gemäß" zu deuten.19

Kant wendet ein, daß diese Hypothese allenfalls zu einer Beschreibung, nicht zur Erklärung des Sachverhaltes tauge; denn "unser Verstand" sei "durch seine Vorstellungen weder die Ursache des Gegenstandes, [...] noch der Gegenstand die Ursache der Verstandesvorstellungen (in sensu reali)."20 Anhand der Analyse seiner Ausgangsfrage nach der "begreiflichen Beziehung" von Vorstellung und Gegenstand gelingt es Kant dann, die Prämisse des Unternehmens zu präzisieren, zu dessen Lösung einen Vorschlag vorzulegen er rund ein Jahrzehnt später in der Lage war: "Die reinen Verstandesbegriffe müssen [...] in der Natur der Seele zwar ihre Quellen haben, aber doch weder in so ferne sie vom Object gewirkt werden, noch das object selbst hervorbringen."21

Bemerkenswert ist nun, daß Kant im Brief an Herz das für den Philosophen noch ganz ungeklärte Korrespondenzproblem aus der Sicht des Mathematikers ohne weiteres als gelöst betrachtet. Diese Übereinstimmung von Gegenstand und Vorstellung als real zu behaupten, gehe in der Mathematik an, "weil die objecte vor uns nur dadurch Größen sind und als Größen können vorgestellet werden, daß wir ihre Vorstellung erzeugen können

16 Vgl. System 1800: SW III 343ff. Schelling kann auf eine lange Tradition der Vorurteilslehren der Aufklärung zurückgreifen. Zu G.F. Meiers Theorie der Grundvorurteile vgl. Schneiders (1983) 208-223.

17 Ideen: SW II 22.

18 AA X 124.

19 AA X 124.

20 AA X 125.

21 AA X 125. - Im Ausgang von Kants "Fragestellung von 1772" untersucht Carl (1989) die Entwicklungsgeschichte der Überlegungen Kants zu einer 'Deduktion der Kategorien' vor 1781.

[...]. Daher die Begriffe der Größen selbstthätig seyn und ihre Grundsätze a priori können ausgemacht werden."22 Kant spricht im Brief noch nicht, wie in der KrV, von der Konstruktion der Begriffe als Größen; doch wird hier wie dort die Differenz beider Wissenschaften in epistemologischer Hinsicht formuliert.

Was Kant im Brief noch als problematische Differenz beschreibt und erst später im Kontext der transzendentalen Theorie der Erfahrung auch erklären kann, wird für Schelling im Rückblick zum bestimmenden Motiv der Einführung des Konstruktionsbegriffs als Methodenbegriff der Philosophie:

"Durch die Revolution also, welche die Philosophie in unsern Tagen durch Einführung transscendentaler Prinzipien erfahren hat, ist sie zuerst der Mathematik näher gebracht worden; die Methode, welche in der Mathematik längst mit so großem Glück befolgt worden ist, nämlich sich bloß mit ursprünglichen Constructionen zu beschäftigen".23

Es ist überraschend, daß Schelling gerade den Konstruktionsbegriff als Ausweis der transzendentalen Methode interpretiert. Und so prominent die Konstruktion als Methodenbegriff der Philosophie Schellings geworden ist, so wenig ist es Schelling doch gelungen, Herkommen und Funktion des Konstruktionsbegriffs in verständlicher Weise darzustellen. Das ehrgeizige Projekt einer philosophischen Konstruktion ist weitgehend Programm geblieben. Schelling hat keine eigenständige Abhandlung vorgelegt, die Terminologie und Methodologie des Verfahrens systematisch und eingängig entfaltet. Erst seine Rezension von Höijers Abhandlung über die philosophische Construction veranlaßt ihn zu einer ausführlicheren Auseinandersetzung mit Kants Konstruktionstheorem in der

"Transzendentalen Methodenlehre" der KrV.

So wird Schelling noch 1802 davon sprechen, daß die "Lehre" von der philosophischen Konstruktion "künftig eines der wichtigsten Kapitel in der wissenschaftlichen Philosophie ausmachen" werde. Er räumt ein, daß "die Methode der Construktion" und damit der

"Hauptpunkt, auf den die wissenschaftliche Vollendung der Philosophie ankommt", zwar in den Blick genommen, aber noch nicht erreicht sei.24 Schon bei der Einführung des Konstruktionsbegriffs in der Übersicht ist Schelling so ungeschickt, als Instanz der Entscheidung über den neuen Methodenbegriff an so etwas wie "das philosophische Organ"25 zu appellieren. Jedenfalls behauptet er, "die neue Ansicht der Dinge" sei "evident für jeden, der das Organ dazu hat, (dem das innre ConstructionsVermögen nicht abgeht)".26 Schelling muß die in der Folge prompt auch einsetzende Stigmatisierung des Begriffs nicht anders als bei dem nicht minder schillernden Begriff der intellektuellen Anschauung -von vornherein in Kauf genommen haben. Doch das, was die Explikation des Konstruktionsbegriffs auch aufgeschlosseneren Interpreten suspekt macht, scheint eher auf eine ganz eigene Begriffsnot bei seiner Vermittlung zu verweisen.

22 AA X 125f.

23 Übersicht: SW I 447 = AW IV 173.

24 Konstruktion: SW V 125.

25 Übersicht: SW I 446 = AW IV 172.

26 Übersicht: SW I 447 = AW IV 173.

Im Dokument Begriff und Konstruktion (Seite 94-99)