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Alt-neue Großmacht am Scheideweg:

Im Dokument China in den Medien (Seite 46-61)

Siegt wirtschaftlicher Pragmatismus über ideologischen Starrsinn?

“Erinnern wir uns noch an das geflügelte Wort des Kanzlers Kiesinger (1966-69)?

„Ich sage nur China, China, China.“ Peking, damals nur als „Karte“ im Mächtespiel gegen die Sowjetunion betrachtet, ist nun da, wo das Trio USA-Deutschland-Japan vor hundert Jahren war. Es glänzt mit doppelstelligen Wachstumsraten; es will nun, wie jeder Neureiche, Respekt, Anerkennung, Prestige (...) Deshalb starrt die Welt so gebannt auf Hongkong. An diesen tausend Quadratkilometern wird sich zeigen, ob China eine Großmacht des 19. oder des 21. Jahrhunderts ist. Ob Peking begriffen hat, dass die wilhelminische Politik so praktisch ist wie eine Dampflok. Man kommt mit dem Eisenross zwar von A nach B, aber ein ICE ist besser und weniger gefährlich, weil er keinen explosionsträchtigen Kessel hat. Reichtum hat früher den Imperialismus gezeugt; heute läuft es umgekehrt: Die globale Zusammenarbeit gebiert den Wohlstand. In dieser Welt ist die imperiale Gebärde so nützlich wie eine Schreibmaschine fürs Internet.”104

In der Darstellung der deutschen wie der internationalen Medien signalisiert die Rückkehr der britischen Kronkolonie Hongkong unter chinesische Souveränität im Jahr 1997 nichts weniger als den Anbruch einer neuen Ära der Weltgeschichte. Der Abschied der ehemaligen Weltmacht Großbritannien aus Hongkong markiert dabei zugleich den Moment, in dem die neue-alte Großmacht China erneut die Weltbühne betritt. Mit Hongkongs Heimkehr könnte nun das Reich der Mitte daran machen, den Platz in der Welt, der ihm einst zustand, wieder zurückzuholen. Geboren würde mit dieser Wiedervereinigung ein Goliath der Weltpolitik: “Großchina - nicht nur der menschenreichste, sondern dann auch der devisenreichste Staat der Welt”, bemerkt vor diesem Hintergrund der SPIEGEL.105 Napoleons Spruch “Wenn China erwacht, erzittert die Welt” macht indes in der heimischen Presse wieder die Runde, die Rede vom “chinesischen 21. Jahrhundert” liegt dabei wieder im Trend und im Hinblick auf die kommende Zeitenwende wird vor allem eine Frage gestellt: Wie wird sich ein starker Drache in der Zukunft verhalten?

Die Antwort dazu mag noch ausstehen, doch Eines steht für die meisten                                                                                                                

104  “Wegscheide Hongkong”, SZ, 28.06.1997.  

105  “China erwacht, die Welt erbebt”, SPIEGEL, 24.02.1997.  

zeitgenössischen China-Kommentare der deutschen Presse fest: Die aufstrebende Großmacht China wird zum Problem Nr. 1 der Weltpolitik. Der Newcomer glänze mit seinen zweistelligen Wachstumsraten und halte die Welt mit seinem rekordbrechenden Modernisierungstempo in Atem - wie einst das wilhelminische Deutschland im 19. Jahrhundert hole es seinen industriellen Rückstand im Zeitraffer auf, bemerkt die SZ im oben zitierten Kommentar. Vergrößert um Hongkong, so die SZ weiter, könnte es nun bald wie einst auch das kaiserliche Japan Anspruch auf pazifisches Kaisertum erheben und sogar der Supermacht USA die Stirn bieten. Die Folgen eines derartigen Aufstiegs für den Weltfrieden könnten eines Tages ebenso verheerend wie damals sein, als sich die aufstrebenden Großmächte Deutschland und Japan mit den alteingesessenen Weltmächten gelegt haben - schreibt neben der SZ zur gleichen Zeit auch der SPIEGEL unter dem Titel “China erwacht, die Welt erbebt”.106 Aus der Perspektive dieser historischen Analogie heraus betrachtet könnte das Geschick der Menschheit davon abhängen, ob die neue-alte Großmacht in Fernost ihre wirtschaftliche und militärische Stärke “zum Wohle aller Menschen auf der Erde einsetzt oder um Macht zu projizieren”.107 “Hongkongs Übergabe ist ein weltpolitischer Einschnitt, der letzte Beleg für den Niedergang einer einstigen europäischen Weltmacht, den Aufstieg einer neuen Großmacht im Fernen Osten – ein einmaliges Experiment, das zugleich darüber entscheidet, ob sich Peking friedlich in die Weltgemeinschaft einordnet oder eine Konfrontation mit dem Westen sucht”, fasst der SPIEGEL kurz vor dem Flaggenwechsel in Hongkong zusammen.108

Wo sieht also China seinen neuen Platz in der Welt? Welche außenpolitischen Ziele verfolgen die Machthaber in Peking? Würden sie es versuchen, mit aller Macht ihre Hegemonie-Absichten in der Region durchzusetzen und damit die Nachbarländer und den Rest der Welt in Schrecken versetzen? Würde also das kommunistische Regime der Volksrepublik China im klassischen Zeitalter der Ideologien und des geostrategischen Mächtespiels hängen bleiben?109 Oder siegt doch am Ende der wirtschaftliche Pragmatismus über den ideologischen Starrsinn?110 Kommt in China

                                                                                                               

106  Ebd.  

107  Ebd.  

108  “Der Triumph des Drachen”, SPIEGEL, 26.05.1997.  

109  Vgl. “Die andere Revolution”, ZEIT, 02.05.1997.  

110  Vgl. “Ein neues Zeitalter”, WELT 01.07.1997, “Schaubühne Hongkong”, FAZ, 24.09.1997.  

eine neue Generation von Pragmatikern an die Macht, die schließlich die Züge des neuen Mächtespiels im geoökonomischen Zeitalter erkennen und auf “welfare” statt auf “warfare”, also auf ökonomische Leistung statt auf Kriegskunst setzen?111

Diese Fragestellung durchzieht wie ein roter Faden den deutschen Pressediskurs um die außenpolitische Entwicklung Chinas vom Machtwechsel in Hongkong im Jahr 1997 bis zur Jahrtausendwende.112 Vor allem in Hinsicht auf die Beziehungen Chinas zum demokratischen Taiwan wie auch zu dessen Schutzmacht USA schaukelt sich in der deutschen Presse auch nach dem Machtwechsel in Hongkong immer wieder die Diskussion über das Bedrohungspotential des neuen Aufsteigers und die Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Konfrontation in Fernost auf. Ob bei den Hochspannungen in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen nach der versehentlichen Bombardierung der chinesischen Botschaft durch die NATO-Angriffe in Belgrad im Jahr 1999 sowie nach der Kollision eines US-Spionageflugzeugs mit einem chinesischen Kampfjet über dem Südchinesischen Meer im Jahr 2001; oder bei Pekings Drohgebärden gegen Taiwan im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in Taipeh in den Jahren 1998/99 - stets rückt in den Vordergrund der Pressedebatte in Deutschland um die Entwicklung der chinesischen Außenpolitik der Schlüsselbegriff

“Unberechenbarkeit”.

Am relevantesten erscheint schließlich auch hier - so wie in der Diskussion über Chinas innenpolitische Entwicklung - die Systemfrage. Ob sich China in die Weltgemeinschaft friedlich einordnet oder zum Auslöser einer kriegerischen Auseinandersetzung wird, wird vor allem von der Weiterentwicklung seines politischen Systems abhängig gemacht. Denn solange im Reich der Mitte das Bestimmungsrecht eines anachronistisch gewordenen politischen Systems herrscht, solange würden auch die Folgen seines Strebens nach Weltgeltung unberechenbar bleiben - darin stimmen fast alle China-Kommentare aus jener Zeit überein.

                                                                                                               

111  Vgl. “Business statt Bismarck”, SZ, 26.04.1997.  

112  Daran schließt sich etwa ein Viertel der in die vorliegende Arbeit einbezogenen Beiträge aus diesem Zeitraum. Das sind 57 von insgesamt 232 Titeln.  

1.2.1 Brisante Mischung “Hybris und Unsicherheit”

Chinas zunehmende Unberechenbarkeit im Zuge seines wirtschaftlichen und außenpolitischen Aufstiegs am Ende des 20. Jahrhunderts lässt sich nach der damaligen Darstellung der deutschen Presse vor allem von seiner labilen innenpolitischen Lage ableiten. Die eigentliche Gefahr, die vom Streben des Giganten nach Weltgeltung ausgeht, scheint demnach nicht so sehr seine wiedergewonnene Stärke nach Außen zu sein, sondern vielmehr eine fundamentale Schwäche in seinem Innern. Denn auch wenn China nicht mehr als der kranke Mann Asiens gilt - ja auch wenn es von einer ungeheuerlichen Wirtschaftskraft getrieben in die neue Zeit der globalen Ökonomie aufgebrochen zu sein scheint -, habe es noch unter den Folgen einer sozialpolitischen Fehlentwicklung zu leiden, die nicht zuletzt durch das Weiterbestehen seines politischen Systems vorangetrieben werden.

Schließlich würden die Defekte dieses Systems durch den wirtschaftlichen und technologischen Boom, der China zum “Triebmotor der Hochwachstumsregion Asien”113 allmählich verwandelt, nur vergrößert. Der Grundwiderspruch zwischen modernem Kapitalismus und veralteter Diktatur trete mit fortschreitender Modernisierung immer schärfer zu Tage - bemerken immer öfter die deutschen Pressekommentatoren. In diesem Hinblick könnte sich der Aufstieg des Grossen Drachen schnell zu mehr Schein als Sein entpuppen - so die allgemeine Annahme dazu.

Vor allem das ideologische Vakuum, das der Bankrott des Kommunismus hinterlassen hat, drohe dem anachronistischen Regime Chinas zum Verhängnis zu werden. Der Verfall des Glaubens an die Partei in Zeiten des kapitalistischen Wandels, dessen wachsende Widersprüche ohnehin den inneren Frieden des Reiches zunehmend in Frage stellen, berge immensen politischen Sprengstoff - warnt stets die heimische Presse über den gesamten Zeitraum von 1997 bis 2001.

Auf die Gefahr ernsthafter Unruhe und Unordnung würden wiederum die Machthaber in Peking mit Intensivierung der Erziehung zum “Patriotismus und Nationalismus”

reagieren. Das Schüren von Nationalgefühl sollte ihnen als Ersatzreligion und damit als letzte Legitimation dienen - bekommt man insbesondere in den damaligen                                                                                                                

113  “Tiger und Drachen rücken näher”, SZ, 26.09.1997.  

Länderberichten des SPIEGEL aus der Volksrepublik China zu lesen. Wie zu Maos Zeiten stünde im Zentrum der Propaganda der Aufbruch zu einem neuen “Grossen Sprung” - “mit einem patriotisch gefärbten Selbstbewusstsein und einem von der KP kontrollierten Fortschrittsglauben: Aufbruch zur nationalistischen Großmacht China”.114 “Weil sie wissen, dass sie bei ihrer Gratwanderung mit Marxismus-Leninismus keinen mehr überzeugen können, arbeiten die Funktionäre an einer anderen Vision: dem Traum von nationaler Größe. Das Beschwören der Stärke Chinas soll von den sozialen Verwerfungen ablenken, die Liebe zum Vaterland als neues Bindemittel zwischen Partei und Volk wirken. Nur die KP, beteuern die Kader, könne China wieder einen angemessenen Platz in der Welt verschaffen – den Status einer Großmacht”, schreibt der SPIEGEL zum 50. Jahrestag der Volksrepublik China im Jahr 1999.115

Die Hinwendung der offiziellen Propaganda zu nationaler Größe und ein hochexplosives Gemisch an Spannungen im Inneren des Reiches ergeben im Zusammenspiel eine “labile Mischung aus Unsicherheit und Arroganz”, die so etwa an das zweite deutsche Reich erinnert - bemerkt ihrerseits die SZ noch im Jahr 1997.116 Zwar gäbe es “kein Naturgesetz, wonach jeder Newcomer vom Gewicht Chinas in die Falle des Krieges tappen muss”, schreibt hierzu das gleiche Blatt - doch jene brisante Mischung sollte für die Länder in der Region wie für den Rest der Welt Warnung genug sein. “Chauvinismus ist in Zeiten mangelnden sozialen Zusammenhalts stets eine probate Methode gewesen, das Volk zu einen, nicht nur in China. Die Kombination aus Wirtschaftsboom, Hybris und Unsicherheit erinnert an das Deutschland des späten 19. Jahrhunderts – einen Staat, zu groß und zu ambitioniert, um ein „natürliches“ Machtgleichgewicht mit seinen Nachbarn zu erreichen und deshalb voller Aggression gegenüber jedermann”, warnt zur gleichen Zeit auch der SPIEGEL.117 Das gleiche Warnungsmotiv findet sich noch einmal in der SZ einige Jahre später in einem Beitrag unter dem Titel “Der Papierdrache speit Feuer” anlässlich der Turbulenzen in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen nach der Kollision eines US-Spionageflugzeugs mit einem chinesischen Kampfjet über dem Südchinesischen Meer: “In der jüngsten Krise hat die ideologisch                                                                                                                

114  “China erwacht, die Welt erbebt”, SPIEGEL, 24.02.1997

115  “Traum von der Supermacht”, SPIEGEL, 27.09.1999.  

116  “Wegscheide Hongkong”, SZ, 28.06.1997.  

117  “Wohin geht China”, SPIEGEL, 24.02.1997.  

abgewirtschaftete kommunistische Führung in Peking vor allem ihre Schwäche offenbart. Sie klammert sich an den Strohhalm nationalistischer Propaganda, um ihre immer unruhiger werdende Bevölkerung abzulenken. Langfristig gesehen ist diese Mischung aus Schwäche und Nationalismus in der Tat brisant.”118

Dieses Argumentationsmuster durchzieht auch die Kommentare der heimischen Presse über die Reaktionen in China nach den NATO-Bomben auf die chinesische Botschaft in Neu-Belgrad im Jahr 1999 - die zwei Tote und zahlreiche Verletzte zur Folge hatten. Die darauf gefolgten Massenproteste gegen westliche Einrichtungen in diversen chinesischen Städten werden dabei als Ausfluss der offiziellen chinesischen Propaganda betrachtet, die vor allem aus innenpolitischen Gründen Feindbilder gegen den Westen schüren sollte. “Die chinesische Regierung, die sonst nichts mehr fürchtet als demonstrierende Bürger, die ihren Unmut äußern, ermutigt sie nun dazu.

Der schreckliche Fehler der Nato, für den sich alle Verantwortlichen entschuldigt haben, wird von chinesischer Seite so dargestellt, als hätte die westliche Allianz dem Land den Krieg erklärt. Aus den Todesopfern und Verletzten sind nationale Märtyrer geworden; die unbeabsichtigte Bombardierung der Botschaft wird als ein absichtlich feindlicher Akt dargestellt, aus dem Peking mit Hilfe der Demonstranten möglichst viel Kapital schlagen will”, kommentiert die FAZ in Übereinstimmung mit der SZ kurz nach dem tragischen Vorfall.119 Durch eine konzertierte “Wut-Aktion, die an das aggressive Verhalten der Kulturrevolution erinnert”, versuchen die Machthaber in Peking viel Gesicht zu gewinnen - bemerkt hierzu die SZ.120 Demonstriert würde dabei - darin zeigen sich die China-Kommentatoren der FAZ und der SZ sowie auch der WELT einig - die Schwäche einer bröckelnden Staatsmacht, die ihre Propagandamaschinerie zur Ablenkung von den zunehmenden Spannungen im Lande einsetzt.

Das Entfachen des antiwestlichen Sturms zeige aber zugleich - so die allgemeine Ansicht der Kommentatoren - das kaum aufzulösende Dilemma einer Staatsführung, die stets zwischen einer pragmatischen Öffnungspolitik und einer irrationalen Tendenz zur Isolation aus Angst vor dem eigenem Machtverlust oszilliert. “Für die

                                                                                                               

118  “Der Papierdrache speit Feuer”, SZ, 14.04.2001.  

119  “Zorniges China”, FAZ, 11.05.1999.  

120  “Der Volkszorn als Waffe”, SZ, 11.05.1999. Dazu vgl. “Pekings Glut, Washingtons Streichholz”, WELT, 11.05.1999.  

Regierung in Peking ist diese Öffnung ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind die Handelsbeziehungen zum Ausland notwendig, damit Chinas Wirtschaft weiter wachsen kann. Auf der anderen Seite fürchtet die Kommunistische Partei (KP) aber die Ideen aus dem Westen. Und so versucht sie weiter, dem ausländischen Einfluss einen Riegel vorzuschieben. Patriotismus und Fremdenhass werden instrumentalisiert; so nach den Nato-Bomben auf die chinesische Botschaft in Belgrad im vergangenen Mai. Weiterhin wird die alte Propaganda geschürt, das Ausland wolle China unterwandern, demütigen und in die Knie zwingen. Der neue, von oben angeheizte Patriotismus soll die brüchiger werdende kommunistische Ideologie ersetzen”, bemerkt die WELT im Februar 2000.121 Das gleiche Kritikmuster lässt sich in den Kommentaren der heimischen Presse auch ein Jahr später anlässlich der Spannungen zwischen China und den USA nach dem bereits erwähnten Luftzwischenfall über dem Südchinesischen Meer erkennen. Dazu kommentiert wieder die WELT: “Während der letzte nationale Volkskongress im vergangenen Monat tagte, haben 2000 entlassene Minenarbeiter eine Straße im Nordwesten des Landes blockiert. In Shanghai umzingelten aufgebrachte Arbeiter eine Gummifabrik. Ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsamer Feind kommt in dieser Situation den Kommunisten sehr gelegen. Der Trick ist uralt: Die Menschen werden von ihren eigenen eigentlichen Problemen abgelenkt, die allgemeine Aufmerksamkeit wird auf ein äußeres Ziel gerichtet. Ein Konflikt mit einem anderen Staat, vor allem ein Konflikt mit der Hegemonialmacht USA, kommt da wie gerufen. Schnell wird der alte Minderwertigkeitskomplex der Chinesen geschürt, und alles andere ist vergessen.”122

Das Schüren von Nationalismus in der eigenen Bevölkerung - bemerken in beiden o.g. Fällen viele Pressekommentatoren - bedeutet aber für Chinas Führung nichts weniger, als mit dem Feuer zu spielen. Die Geister, die sie dabei ruft, könnten ihr schnell zur Plage werden, ja sie könnten einen Boomerang-Effekt auslösen, denn die eigentliche Gefahr für die KP-Macht - schreibt etwa die WELT anlässlich des Belgrad-Zwischenfalls - wäre die Verschmelzung der Proteste von Millionen nationalistisch verblendeter Demonstranten “mit der Erregung vieler Bauern über feudalistisch auftretende Lokalfunktionäre oder dem Zorn entlassener Mitarbeiter

                                                                                                               

121  “Der Westen rückt China näher”, WELT, 29.02.2000.  

122  “Ein Glücksfall für Chinas Greise”, WELT, 09.04.2001.  

zusammengebrochener Staatsbetriebe auf die Pekinger Reformer und ihrer Wut auf die kapitalistische Schmiergeld-Modernisierung”.123 Schließlich könnte die Kampagne gegen den Westen zu einer Radikalisierung der Hardliner in den eigenen Reihen führen, um sich dann gegen die eigene Politik zu richten - schreibt dasselbe Blatt zur gleichen Zeit an anderer Stelle unf fügt hinzu: “Wenn es ein Überlebenselixier für Chinas KP gab, dann war es ihre Politik der Reformen und der Öffnung. Dies wird in Frage gestellt, wenn das Verhältnis zum Westen vergiftet wird (...) Die Reformgegner im Apparat, im Militär und unter Millionen Arbeitslosen, die sich als Opfer der Marktöffnung und Modernisierung sehen, finden im Nationalismus und Antiamerikanismus ein Ventil.”124 Ähnlich kommentiert auch die FAZ zwei Jahre später vor dem Hintergrund der chinesisch-amerikanischen Spannungen nach dem Luftzwischenfall über dem Südchinesischen Meer: “Ihre relative Schwäche versucht die chinesische Regierung durch das Schüren nationalistischer Gefühle in der Bevölkerung wettzumachen. Die "Begründung" für den ausgeprägten chinesischen Nationalismus klingt plausibel. Das Volk ist in der Tat von ausländischen Mächten in der Vergangenheit oft bedrängt worden. Aber wenn man es darauf anlegt, lässt sich jede Historie aktualisieren (...) Es mag sein, dass sich die Regierung in Peking einen Zuwachs an Legitimität im Volk durch den Rückgriff auf eine patriotische oder nationalistische Grundstimmung erhofft. Diese Methode kann aber auch schnell zu ihrem Nachteil ausschlagen, wenn sie sich - aus womöglich guten Gründen - gegenüber dem Ausland einmal als "schwach" oder "nachgiebig" zeigt.” 125

Dieses Bild eines zunehmend aggressiv auftretenden China, das vorwiegend von inneren Widersprüchen und Problemen getrieben letztendlich aus der Defensive handelt, lässt sich auch aus den damaligen Kommentaren der deutschen Presse - allen voran der FAZ, der WELT und des SPIEGEL, aber auch der ZEIT - zur Taiwan-Frage ablesen. Die Lage vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Peking und Taipeh im Vorfeld der taiwanesischen Präsidentschaftswahlen 1999 wird von allen Seiten gleich erläutert: Auf die “Taiwan-Identität”, die sich im Zuge der Entwicklung des Inselstaates zu einer rechtsstaatlichen Mehrparteiendemokratie westlichen Musters gebildet hat und nun Unabhängigkeit fordert, reagieren die kommunistischen Machthaber in Peking mit erpresserischen Drohungen und

                                                                                                               

123  “Pekings Glut, Washingtons Streichholz”, WELT, 11.05.1999.  

124  “Peking in heikler Lage”, WELT, 10.05.1999.  

125  “Nicht von Feinden umgeben”, FAZ, 25.04.2001.  

Einschüchterungsversuchen. Sie drohen mit der Volksbefreiungsarmee, machen dunkle Andeutungen über eine mögliche Invasion in die “abtrünnige Provinz” und weisen auf den Besitz der Neutronenbombe hin - all das zeigt, dass Peking immer noch “zum großen Schlaghammer aus Mao Tse-tungs Zeiten” greift, berichtet etwa die ZEIT - die ansonsten immer wieder auf den “neuen Pragmatismus” in der chinesischen Außenpolitik hinweist - und ergänzt dazu: “Niemand wird behaupten, in China seien Traumtänzer an der Macht. Die roten Mandarine in Peking sind ausgemachte Realisten. Doch wenn es um die Souveränitätsfrage geht, sind irrationale Reaktionen programmiert.” Für sie sei schließlich die Taiwan-Frage eine

“Existenzfrage wie der Glaube an Marx und Mao”, weil ein wichtiger Teil der Legitimität ihrer Macht an ihrer Rolle als Garanten der chinesischen Einheit hängt - bemerkt hierzu der SPIEGEL.126 Ähnlich kommentiert dazu auch die FAZ: “Die Volksrepublik baut auf einen Nationalismus, dessen wichtigstes Ziel die Wiederherstellung der Einheit Chinas ist.”127 Einen Krieg würde die Volksrepublik kaum riskieren, zu wichtig sei ein stabiles Umfeld für den weiteren wirtschaftlichen Aufbau in der “sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung” - räumen dabei die meisten Kommentatoren ein. Zugleich bleibt es aber beim gemeinsamen Hinweis:

Bei ihrer Gratwanderung zwischen wirtschaftlichem Pragmatismus und eigenem Machterhalt könnten sich doch die Machthaber in Peking eines Tages wirklich dazu

“gezwungen” sehen, gegen Taiwan militärisch vorzugehen. Zudem, so mancher Kommentator, trage die Kriegspropaganda auch zur Stärkung der Hardliner-Positionen in den eigenen Reihen bei. Die Pekinger Drohgebärden sowie chinesische politische Texte überhaupt mögen zwar Feuerwerken gleichen - “laut, bedrohlich aber ohne Kugel im Rohr” -, doch dabei drohe eine Stärkung der “Hardliner”, die einen möglichen “Krieg gegen Taiwan als Integrationsmittel” gegen die inneren sozialen und politischen Spannungen betrachten - warnt etwa die WELT vor.128

Angesichts der geopolitischen Folgen, die eine militärische Auseinandersetzung um Taiwan nach sich ziehen könnte, erhält die innere Unsicherheit des aufstrebenden China enorme Brisanz. Besonders in den Beiträgen des SPIEGEL und der WELT, die sich zur damaligen Zeit mit den regionalen und globalen Auswirkungen des                                                                                                                

126  “Nach deutschem Vorbild”, SPIEGEL, 19.07.1999.  

127  “Peking droht”, FAZ, 20.07.1999.  

128  “Τaiwan tritt aus der Grauzone”, WELT, 20.03.2000.  

chinesischen Aufstiegs befassen, herrscht eine fast schon alarmistische Stimmung.

Hinsichtlich der immer wieder aufflammenden Spannungen zwischen China und den USA wird dabei sogar vor einer Rückkehr des Ost-West-Konfliktes gewarnt. “Fast zehn Jahre nach dem Zusammenbruch von Amerikas kommunistischen Antipoden in Moskau schien es letzte Woche fast so, als ob der chinesische Drache nun mehr die Rolle des russischen Bären übernehmen könnte. Droht nun, so fragten sich Politiker in Südostasien, zwischen Washington und Peking ein Kalter Krieg in neuer Besetzung?”, kommentiert der SPIEGEL nach dem Luftzwischenfall eines US-Spionageflugzeugs mit einem chinesischen Kampfjet über dem Südchinesischen Meer im Frühjahr 2001.129 “Die Symptome stimmen: die Konkurrenz in Wirtschaft, Technologie und Rüstung nimmt zu. Zwar ist in Zeiten von Globalisierung und weltweitem Handelsaustausch eine Konfrontation nicht mehr so leicht möglich wie in den Jahren vor 1989. Aber die ideologischen Gegensätze sind noch nicht so weit verschwunden, als dass politische Polarisierung ausgeschlossen werden könnte.

Chinas Ambitionen auf eine führende Rolle in der Region und in der Welt jedenfalls sollte man nicht unterschätzen”, kommentiert zur gleichen Zeit ihrerseits die WELT.130

Es geht um die Frage “Wem gehört der Pazifik?”131, wiederholt immer wieder bereits seit dem Jahr 1999 das gleiche Blatt - und sieht die Gefahr eines neuen Kalten Krieges dadurch erhöht, dass sich Chinas “Anspruch auf Weltmacht-Status und pazifisches Kaisertum mit Erinnerungen an Niedergang und Demütigung”

verbindet:“Wer sich als Reich der Mitte versteht, dazu keine Kränkung der 200 Jahre je vergessen hat, findet es schwer, in Begriffen des Gleichgewichts zu denken.”132 Unter dem Zeichen des roten Drachen finde Machtpolitik vielmehr im “Rohzustand”

statt - und von einer “ausgefeilten Konfliktarchitektur unter diplomatischer Kontrolle”133 wie in der einstigen bipolaren Welt, so die WELT weiter, seien die neuen Spannungen zwischen dem ambitionierten Aufsteiger und der einzigen Supermacht USA weit entfernt.

Nach Ansicht der WELT sollte damit “das große Welttheater des 21. Jahrhunderts” in                                                                                                                

129  “Stunde der Patrioten”, SPIEGEL, 19.04.2001.  

130 “Ein neuer Kalter Krieg?”, WELT, 03.04.2001.

131  Vgl. “Rivalen im Pazifik”, WELT, 15.05.1999, “Drohgebärden aus Peking”, WELT, 26.02.2000.

132  “Streit um die Macht im Pazifik”, WELT, 19.07.1999.

133  “Amerikas Eindämmungspolitik”, WELT, 05.04.2001.

Im Dokument China in den Medien (Seite 46-61)